Regen riecht nach drei verschiedenen Welten. Und du kennst nur eine davon.
Du kennst den Geruch. Die Luft hält kurz inne, der Himmel zieht sich zusammen, und plötzlich riecht es, als würde die Welt gleich einen Neustart hinlegen. Für die meisten ist das "einfach Regenduft". Für uns Parfümeure ist es ein komplexes, dreistufiges olfaktorisches Drehbuch.
Willkommen in der kurzen, intensiven Biografie des Regens: Ozon, Petrichor, Geosmin, grüne Blattnoten. Und ich zeige dir, welche Szene in einem Duft die Hauptrolle spielen sollte.
1. Vor dem ersten Tropfen: Der Ozon-Moment
Du bekommst zunächst kein Wasser, du bekommst Spannung. Denn kurz bevor der Regen einsetzt, verändert sich die Luft chemisch: Ozon (O₃) entsteht, wenn elektrische Entladungen Sauerstoffmoleküle spalten und zu einem instabilen Trio zusammenfügen. Dieses Gas wird durch Luftbewegung aus höheren Schichten Richtung Boden getragen und landet direkt in deiner Nase.
Für deine Wahrnehmung bedeutet das:
Geruch: stechend, metallisch, "sauber", leicht chlorähnlich
Gefühl: geladen, elektrisch, wie der Geruch eines heißen Kopierers in einem zu kleinen Büro
Bild: die Sekunde vor dem Donnerschlag
Aber: Parfümeure können mit echtem Ozon nichts anfangen. Giftig, instabil, null alltagstauglich. Also arbeiten wir mit Ozon- und Marine-Anmutungen: Moleküle wie Floralozone oder maritime Strukturen, die genau diesen Eindruck von kühler Elektrizität, nasser Luft und metallischer Frische erzeugen.
Für einen Regen-Akkord heißt das: Die Kopfnote trägt die Spannung, nicht die Nässe. Wir bauen eine Atmosphäre, kein Gewittertourismus.
2. Der Aufprall: Petrichor und Geosmin übernehmen
Sobald die ersten Tropfen auf trockenen Boden treffen, wechselt der Duft das Genre. Weg von Elektrizität, hin zu Erde. Der berühmte Begriff Petrichor beschreibt den erdigen, warm-feuchten Geruch, der entsteht, wenn Regen auf trockene Oberflächen trifft. Geprägt wurde er 1964 von zwei australischen Forschenden, Isabel Joy Bear und Richard G. Thomas, die das Phänomen erstmals systematisch beschrieben haben. Für uns wichtig: Petrichor ist kein einzelnes Molekül, sondern ein Effekt aus mehreren Komponenten
Die zwei Hauptakteure des Petrichor-Geruchs:
Pflanzenöle: Trockene Pflanzen geben in Dürre- oder Trockenphasen bestimmte Öle an den Boden ab. Ton, Gestein und Erdpartikel speichern diese wie ein unscheinbares Archiv. Wenn die Tropfen aufschlagen, reißen sie diese Stoffe als feine Aerosole in die Luft. Ergebnis: ein subtil grün-erdiger, leicht würziger Schleier.
Geosmin: Der eigentliche Star. Ein bicyclischer Alkohol, produziert von Bodenbakterien wie Streptomyces. Er riecht erdig, humusartig, "nach Keller, aber geil". Die menschliche Nase ist absurd empfindlich dafür: winzige Mengen reichen, um einen ganzen Raum wahrnehmbar zu machen. Ein Tropfen in einem olympischen Becken – du riechst ihn trotzdem.
Für Parfümeure heißt das, wir können den "Regenduft" nicht mit einer simplen Aquanote abhaken. Ein glaubwürdiger Regen-Akkord braucht Tiefe. Geosmin-artige Noten, Patchouli-Fraktionen, feuchte Erde, Moosakkorde, dazu eine trockene, leicht mineralische Struktur, die den Boden glaubhaft macht.
3. Nach dem Regen: Silver Linings und grüne Resonanz
Wenn die Wolken aufreißen und der Himmel seine Silver Linings zeigt, passiert olfaktorisch etwas Spannendes: Die Bühne gehört nicht mehr Ozon, sondern der Kombination aus Boden, Blatt und Licht. In dieser Phase sorgen mehrere Effekte für den Duft, den du nach dem Regen wahrnimmst:
Ozon ist Geschichte: Das scharfe, metallische Ozon ist flüchtig. Wenn der Regen vorbei ist und die Luft sich mischt, verschwindet dieser "elektrische" Geruch schnell. Was bleibt, ist die Illusion von Frische, nicht mehr das Gas selbst.
Geosmin als Basisnote: Der erdige, tiefe Ton von Geosmin bleibt länger in der Luft präsent. Er wirkt nun weicher, weniger scharf, eher wie ein gedämpftes Brummen im Hintergrund. In Duftsprache: eine subtile, feuchte Basisnote, die alles erdet.
Grüne Blattnoten: Durch Feuchtigkeit und beginnende Erwärmung geben Pflanzen "Green Leaf"-Moleküle wie cis‑3‑Hexenol ab. Dieses Molekül riecht intensiv nach frisch geschnittenem Gras, zerdrückten Blättern, saftiger Grünheit. Genau diese Noten legen sich wie ein transparentes, lebendiges Filter über die erdige Tiefe.
Umgebung: Nasser Asphalt, feuchte Steine, Holz, Laub. Jede Umgebung schreibt ihr eigenes Nachspiel. Stadtregen riecht anders als Waldregen, und genau das ist für deine Komposition Gold wert.
Im Drydown arbeiten wir also mit einem Dialog aus Erde und Blatt. Geosminartige Tiefe, Moos, Patchouli, vielleicht Iso-E-Super für Holzstruktur, dazu grüne Noten wie cis‑3‑Hexenol oder komplexere gründe Akkorde. Das Ergebnis: Ein Duft, der erzählt, dass der Regen vorbei ist, aber die Welt noch nicht ganz trocken.
Du siehst: Regen ist nicht einfach nur Wetter. Regen ist eine dreiteilige Komposition, bei der wir gemeinsam mit dem Klienten entscheiden, ob ein Duft nach Duschgel oder nach Gewitterstimmung duftet.


Heinsson

Ich liebe den Geruch auch sehr.