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11.06.2017 11:52 Uhr
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Der kanadische Zoo - ein Interview mit Victor Wong

Tiere in ihrem natürlichen Habitat - ihre Gewohnheiten, ihre Duftstoffe, ihr Sein in Düfte zu verwandeln; mit diesem Konzept rief Victor Wong seine Marke Zoologist ins Leben, welche sich mittlerweile großer Beliebtheit bei Duftfans weltweit erfreut. Verschiedene Independent Parfümeure gestalten für ihn einen Duft, der von einem bestimmten Tier inspiriert ist oder diesem zugeordnet werden kann. Für mich als Biologen und Tierliebhaber ein wundervolles Thema, welches ich von Anfang an mit Freude verfolge.



Was ist dein Lieblingstier (außer deiner Katze)?

Das ist in der Tat eine sehr schwierige Frage. Ich habe viele Lieblingstiere. Ich mag speziell kleine, süße und flauschige Tiere. Mein Schwachpunkt sind Kaninchen.

Ich neige dazu meine Parfümeure davon überzeugen zu wollen Düfte für mich zu kreieren, die von süßen Tieren inspiriert sind, aber meistens nehmen wir am Ende doch Tiere, die nicht zwingend süß aussehen. Kürzlich sagte ein Parfümeur zu mir, dass „er keine süße Person sei“. Nun gut, dann schätze ich werde ich mir den Duft Quokka (Kurzschwanzkänguru) für jemand anderen aufheben.

Was sind deine Gedanken zu Zoologists bisheriger Reise?

Es ist wirklich so als ob einige Träume wahr geworden sind, obwohl ich manche davon eigentlich gar nicht hatte. Ich hätte niemals gedacht einen Art and Olfaction Award zu gewinnen, doch ich habe einen gewonnen. Als ich anfing, war mein Ziel die Düfte nur über den Onlineshop meiner Seite zu verkaufen. Ich hätte nicht gedacht, dass Geschäfte meine Düfte führen würden, doch mittlerweile gibt es sie in einigen lokalen und internationalen Boutiquen.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich den Job mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene aufgeben würde, um mich mehr um Zoologist kümmern zu können. Das war der zweitmutigste Schritt, den ich seit der Gründung meiner eigenen Marke vor vier Jahren, getätigt habe. Das bedeutet nicht, dass ich jetzt das große Geld verdiene, ich konnte einfach nicht mehr beide Jobs parallel ausführen. Es gab Tage an denen ich versucht habe zwei Händlerbestellungen gleichzeitig zu erfüllen und bis spät in die Nacht gearbeitet habe. Ich mache alles selbst - Verdünnen, Filtern, Abfüllen, Einschweißen, Versenden, Social Media etc. - teilweise bin ich mit Alpträumen aufgewacht, dass sich Kunden über kaputte oder verlorene Ware beschweren und eine Stunde später musste ich wieder zu meinem regulären Job. Das ging so nicht weiter.

Ein weiterer Meilenstein für mich ist, dass Luckyscent nun meine Düfte führt. Ich denke sie haben für Zoologist nun endgültig den Stein ins Rollen gebracht, weil sie der erfolgreichste Online-Handel in den USA sind und einem breiten internationalen Kundenstamm haben.

Ich wusste wirklich nicht wie bekannt meine Marke bereits ist, bis ich kürzlich die Esxence in Italien besuchte. Ich habe dort nicht ausgestellt, doch während ich mir die Ausstellung angeschaut habe, kamen einige Leute auf mich zu, die mich erkannten und mir mitteilten, dass sie sehr gespannt seien meine Düfte zu testen. Ich bekam auch einige Anrufe von mir unbekannten Händlern, die auch dort waren und mich treffen wollten um mehr über meine Düfte zu erfahren. Ich habe auch Parfümeure getroffen, die großes Interesse daran zeigten, Düfte für mich zu designen. Dafür bin ich natürlich sehr dankbar, doch es ist ein großer Kontrast zu der Zeit als ich anfing und eigentlich überhaupt niemanden in der Branche kannte. Damals musste ich so oft die Daumen drücken, dass Deals überhaupt zustande kamen.

Gibt es Konzepte für Tiere, die wohl niemals das Licht der Welt erblicken werden, weil sie einfach nicht funktionierten oder die Zusammenarbeit mit dem Parfümeur nicht zufriedenstellend verlief?

Ja, ich habe ein paar Projekte eingestampft, weil sie zu nichts führten. „Civet“ wurde ursprünglich nicht von Shelley Waddington designt. Es war ein sehr herausfordernder Duft, obwohl klar war, dass Zibet enthalten sein wird. Die Frage war nur: Wie viel Zibet? Nur ein bisschen? Nur mit was fülle ich dann den Rest von dem Duft? Der ursprüngliche Parfümeur wollte eine Zibet-Bombe daraus machen, nur mir war klar, dass diese keiner tragen wollen würde. Das ist in etwa so wie die YouTube “Cinnamon Challenge” – wer möchte ernsthaft einen Haufen Zimt auf einmal essen, nur um damit angeben zu können es getan zu haben und ein paar Lacher zu erzeugen?

Dann gab es ein Projekt, das ich canceln musste, weil die Düfte, die dieser Parfümeur macht einfach zu leicht duften und sehr flüchtig sind. Die Düfte von Zoologist sind schließlich berühmt (oder besser berüchtigt) für ihre Wirkungsstärke. Von dem Duft an sich war es ein Volltreffer. Es hat meine Vorstellungen genau erfüllt, roch für mich aber wie ein 5%-iges Eau de Toilette, obwohl es ebenfalls 22% Parfum-Konzentration hatte. Das tat mir sehr leid und ich hoffe der Parfümeur vergibt mir.

Und dann gibt es noch jemanden, der darauf bestand ein Parfum mit dem Namen „Toad“ (Kröte) zu machen. Selbst ich als offener Mensch hatte nicht das Gefühl, dass ernsthaft jemand einen Duft mit diesem Namen tragen möchte. Glücklicherweise fand ich für diesen Parfümeur ein interessanteres, herausforderndes Projekt und er ist gewillt es zu designen. Puh!

Was genau hat die Überarbeitung von Beaver und Panda bewirkt? Und wieso nur diese zwei?

Das ist ein kompliziertes Thema.

Ich bat Chris Bartlett Beaver zu überarbeiten mit der Begründung er hätte schlechte Verkaufszahlen. Aber um ehrlich zu sein - wie die meisten Leute - fand ich Beaver zu gewagt und ich wollte das ändern. Man muss sagen, dass Beaver technisch gesehen absolut in Ordnung war und in meinen Augen gut gemacht. Ich habe niemals Beschwerden darüber erhalten, das es unausgeglichen oder beißend riecht. Es war nur nicht das, was die meisten Leute - inklusive mir - tragen wollten. Nach der Reformulierung ist es wesentlich gefälliger und ich fühle mich sexy, wenn ich es trage. Um bei der Wahrheit zu bleiben, der Absatz ist nicht besser geworden, vermutlich wegen dem Namen und dem Dufttyp, aber das stört mich nicht. Denn mir ist wichtig, dass mir meine Düfte gefallen und das tut Beaver jetzt. Also kann ich den Leuten auch selbstbewusst sagen, dass es vielleicht einfach nicht ihr Fall sein wird.

Panda hingegen ist eine andere Geschichte. Ich habe sehr viel negatives Feedback erhalten und es hat eine Weile gedauert darüber hinwegzukommen und die Sache mit einem objektiven Auge zu betrachten um zu sehen, was damit nicht stimmen könnte. Ich stimme mit den meisten Leuten überein, dass Panda sehr streng ist, zu aquatisch, zu grün. Manche finden ihn sogar metallisch. Als Panda auf den Markt kam, war ich unerfahren und auch ungeduldig. Ich konnte nicht erkennen, was damit nicht stimmt. Ich dachte, das ist bei dem Duft eben so, das ist sein Stil, aber letztlich ein nettes Parfum. An einem Punkt versuchte ich sogar die Konzentration von 20% auf 15% herabzusetzen um es weniger streng und sumpfig zu machen, aber es half nichts. Ich habe dann Paul Kiler gefragt, ob er Panda überarbeiten kann, indem er es in seine Bestandteile zerlegt und die Akkorde, die den Leuten nicht zusagen, rausfiltern kann. Nachdem das geschehen war ist jedoch die gesamte Formel zusammengebrochen und übrig blieb ein charakterloses Parfum. Daher habe ich diese Idee verworfen und nach jemanden gesucht, der Panda komplett neu interpretieren kann.

2016 bei den Art and Olfaction Awards traf ich den Parfümeur Christian Carbonnel. Er war ebenfalls ein Finalist in meiner Kategorie und saß neben mir. Er sagt mir, dass er gerne einen neuen Duft für mich kreieren möchte. Er arbeitete sehr schnell - er macht Düfte, indem er die einzelnen Inhaltsstoffe bereits in den nötigen Verhältnissen aufschreibt und sie dann an seine Mitarbeiter zur Erstellung weitergibt - und innerhalb weniger Monate gab es einen neuen Duft. Ich fragte ihn, ob er eventuell dem Redesign von Panda eine Chance gibt. Ich bat ihn einen Duft zu machen, der zu dem Bild des Pandas im Smoking passt. Das Resultat ist ein Duft, der absolut nicht wie die ursprüngliche Version von Panda riecht, obwohl es die meisten Duftnoten mit dem ursprünglichen Panda gemein hat.

Ist die Idee verschiedener Merchandise-Produkte interessant für die Marke?

Die Illustrationen auf den Labeln der Düfte sind sehr attraktiv und wichtig für meine Marke. Ich denke der meistgewünschte Merchandise-Artikel sind Poster/Drucke. Ich habe darüber nachgedacht, aber die Bilder in hoher Auflösung zu drucken bringt ein Problem mit sich: Piraterie. Wusstest Du, dass es nachgemachte Zoologist-Düfte gibt? Sie werden wohl im Nahen Osten verkauft, ich glaube man findet sie an iranischen Flughäfen. Ich habe keinen dieser Düfte gerochen, aber Zoologist Fans aus dem Nahen Osten haben mir Bilder gesendet und man hat definitiv unseren Look und unser Packungsdesign geklaut. Ich glaube es gibt Deer, Bear und Panda. Man hat nicht nur Bilder von Zoologist gestohlen, sondern auch von einigen Etsy-Anbietern. Absolut dreist.

Für die Lancierung von Civet habe ich etwas Neues ausprobiert. Es gab 30 Exemplare eines Seidenschals mit der Illustration von Civet als Testlauf. Sie waren recht teuer zu produzieren, aber ich habe es für die Fans gemacht. Ich habe daran nichts verdient. Merchandise-Artikel sind schwer einzuschätzen. Fans sagen zwar, dass sie welche wollen, aber wenn es nicht das richtige Produkt ist, kaufen sie es doch nicht und man bleibt auf einem Haufen Ware sitzen, der nur in der Ecke rumsteht. Daher habe ich kürzlich darüber gedacht für die Fans kleine Untersetzer zum Sammeln zu produzieren, wenn man eine große Flasche bei mir kauft.

Gibt es bekannte Personen, deren Fan Du eventuell selbst bist, von denen Du weisst, dass sie Zoologist kennen und ein Fan der Marke wurden?

Gut, ich weiss nicht, ob er ein Fan ist, aber ich bin glücklich, dass er Zoologist kennt und mir persönlich schon guten Zuspruch und Feedback zu Zoologist auf der Esxence 2016 und den Art & Olfaction Awards 2017 gegeben hat. Ich spreche von Parfumkritiker Luca Turin. Er hat eine sehr positive Rezension über Bat geschrieben. Auf der Esxence sagte er zu mir, dass es in der Musik (ich vermute er meint klassische Musik) selten sei, wenn man lustige und humorvolle Stücke hört. Und Zoologist sei für ihn das Äquivalent in der Parfümwelt. Bei den Art & Olfaction Awards sagte er zu mir, dass es für einen Künstler nicht einfach sei, ein guter Creative Director zu sein, aber ich einen guten Job mache. Er sagte auch, dass Nightingale ein sehr interessantes Kunstwerk sei. Nun, ich möchte die Gelegenheit nutzen anzumerken, dass es ohne Luca Turins Buch “Perfumes, the A-Z guide” Zoologist gar nicht geben würde. Sein Buch war einer der Katalysatoren zur Kreation meines Projekts. Ich fühlte mich etwas komisch, als ich ihm direkt ins Gesicht sagte er wäre mein Idol. Ich glaube er fühlte sich auch seltsam, als er das hörte.

Wie glaubst Du würde eines der Tiere auf seine Interpretation von Zoologist reagieren?

Der natürliche Geruch von Moschus und anderen stinkenden Sekreten und Gerüchen ist sehr komplex und ich denke ein echter Biber oder eine echte Zibetkatze würden wohl kaum positiv auf die synthetischen Duftstoffe reagieren und sie anziehend finden.

Ich arbeite gerade an zwei Düften mit Tomoo Inaba („Nightingale“) und einer dieser Düfte ist ein “Gourmand”. Menschen werden ihn wahrscheinlich nicht wirklich lecker finden, aber ich kann mir vorstellen, dass er dem kleinen Tier auf dem er basiert gefallen könnte. Ich fand es amüsant, dass Tomoo es erfolgreich geschafft hat einen Akkord zu erschaffen, der sehr nah an der Leibspeise dieses Tieres ist.

Wie ist dein aktueller Plan für die Erweiterung der Marke? Gibt es bspw. einen festen Zyklus für neue Veröffentlichungen? Oder sagst Du: „Nach X Düften fühlt sich meine Kollektion für den Moment komplett an“ und deswegen schaust Du dir dann erstmal an, ob sich der Erfolg in den kommen Jahren halten kann?

Die Leute werden mir zustimmen, dass es das Beste für ein Parfümhaus wäre ein bis zwei neue Düfte pro Jahr zu veröffentlichen. Dies schafft das Bewusstsein, dass die Marke noch am Leben ist und ermöglicht den Kunden mit gebührendem Abstand die neuen Kreationen zu verfolgen und zu verarbeiten. Für einen Parfum-Snob gibt es sowieso schon zu viele neue Düfte auf dem Markt. Wenn ein Dufthaus zu häufig, zu viele Düfte auf einmal veröffentlicht, fühlt man sich überwältigt und finanziell gestresst, weil man nicht weiss was man noch kaufen soll und gibt womöglich auf Düfte dieser Marke zu sammeln (bei mir bspw. Penhaligon’s). Natürlich sind wenige Neuveröffentlichungen auch für kleine Händler gut, weil sie ihr Geld dann nicht an dich binden, weil sie kontinuierlich deine Neuveröffentlichungen aufstocken müssen.

Im Moment habe ich ein paar Bedenken, dass ich zu viele offene Projekte auf einmal habe und dadurch in die Gefahr komme zu viele Düfte pro Jahr zu veröffentlichen. Schließlich arbeite ich hauptsächlich mit Independent Parfümeuren zusammen und die meisten von ihnen haben auch einen Hauptjob.

Man kann sich dabei auch stark vertun. Vermutlich aus der Angst heraus keine neuen Düfte veröffentlichen zu können, bin ich wohl an zu viele Parfümeure gleichzeitig herangetreten; vermischt mit der Unsicherheit, dass man nie weiss wie viele Überarbeitungen ein Duft braucht bis er als „fertig“ angesehen werden kann. Der Stress beginnt dann, wenn ein Duft plötzlich unerwartet fertig ist und man aber noch andere Düfte in der Warteschlange hat, die auch noch nicht lanciert wurden. Man möchte den Parfümeur dann auch nicht enttäuschen, indem man ihm sagt, man kann seinen Duft erst in zwei Jahren veröffentlichen, aber es sieht so aus als hätte ich manchmal keine andere Wahl.

Abgesehen davon ist es mein Ziel 20 Düfte in meiner Kollektion zu haben. Wenn ich dies erreicht habe, werde ich das Ganze evaluieren. Möglicherweise werde ich einige von ihnen auch wieder einstellen. Aber ganz im Sinne der Biodiversität würde sich Zoologist im Moment einfach nicht komplett anfühlen, wenn es keine Reptilien, Meerestiere und Insekten gäbe. Bezüglich Duftgenres habe ich noch keinen Fougère-Duft und keinen aquatischen Duft im Repertoire und es gibt noch einige wichtige Moschusverbindungen und andere Duftingredienzen für die ich noch nicht das richtige Tier gefunden habe, um sie zu repräsentieren.

Das Interview führte Franfan20 - Vielen Dank!


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