Ein alter Tibetteppich Deine Seele, die die meine liebet Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben. Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit Maschentausendabertausendweit. Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon. Dieses Gedicht von Else Lasker-Schüler passt zu dem Duft. Einen alten Tibetteppich besitze ich nicht. Ich bewundere aber Teppiche, Meisterstücke der Knüpfkunst ob ihrer Farbenpracht. Und da meine ich nicht knallbunte Farben, sondern eher die schon etwas verblassten, benutzten, gelebten Exemplare, die durch ihre Übergänge, Ton-in-Ton-Kunst und ihre Muster erstaunen lassen, wobei mir ornamentale Muster lieber sind als florale. Zacken, Arabesken, Mäander. Verblasst ist "Sacre" nun weiß Gott nicht, wenn ich ihn bei diesem heiligen Gral bemühen will. Und um Blumen komme ich auch nicht herum. Aber das ist hier kein Manko, im Gegenteil. Nun ist es bei Teppichen natürlich anders: Erst hat man den Gesamteindruck, und nach und nach entdeckt man die Einzelheiten, hat aber immer das Gesamtbild vor Augen. Olfaktorische Entdeckungen verlaufen ja nun mal anders, erst im Verlaufe der Entfaltung entdeckt man die Details - ein "Gesamtbild" gibt es eigentlich nicht, sondern immer nur Momentaufnahmen. Wirbelnd kommen die Gewürze daher: Koriander, der die Nelke pusht, dass es nur so kracht. Sakrale Stille ist anders. Eher die Lebendigkeit in amerikanischen Kirchen mit Gospelgesang, dass die Hütte bebt. Vor allem aber ist es ein jasminbetonter Duft, nicht so auf die Spitze getrieben wie mein geliebter "A la nuit", sondern etwas gepuderter, und die Kombination mit Orangenblüte, die sich sehr schön zeigt - ohne die tranige Note zu haben wie in der neuen Version von "Narcisse noir" aus dem gleichen Hause. Zitrisches, das erst später auftritt, schafft einen reizvollen Kontrast, ohne aber die Schwere des Duftes zu lüften. Er ist ein Koloss - aber bei aller Schwere keine unförmige Gestalt. Eine selbstbewusste Präsenz, die viele Stunden bleibt, auch wenn sie durch Hölzer und einen Hauch Vanille etwas milder gestimmt wird. Es ist mir nicht möglich, alles zu identifizieren - wie im Teppich gibt es das Zusammenführen von Fäden unterschiedlicher Farben und Zwischentöne. Maschentausenabertausendweit. Einen Nachahmer hat der Duft in gewisser Weise auch in Boucherons "Initial" gefunden, der geradliniger und dezenter ist, aber auch ein bisschen langweiliger. Aber auch da eine gedämpfte Jasminblüte. Ich las einmal: Die Düfte aus dem Hause Caron passen zu Pelzen. Auch wenn das Tragen heute verpönt ist, stimmt die Aussage insofern, als sie eben das Exklusive herausstreicht. Eigentlich ist der Duft nach herkömmlichen Vorstellungen viel zu elegant für mich. Es ist ein Parfum für große Anlässe und Ballkleider. Ich bin nun aber kein frommes Mädchen und trage ihn trotzdem.
Allerdings spricht sie NICHT mit dem Teppich, sondern zu ihrem Liebsten ;) , der mit ihr auf dem guten Stück thront. Vielleicht ist er deshalb so schwer? - Mein Flakon ist vermutlich 10 Jahr alt, ich muss mal auf den Code sehen.
Ach, bei den sogenannten großen Anlässen trägt man besser nicht noch einen besonders für einen selbst besonders schönen Duft. Bei der Duftkakophonie (besonders gängige Männerdüfte übertönen alles), die dort herrscht, so meine Erfahrung: Also: Tragen wenn einem so ist, dann hat man was davon.