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Pour Monsieur (Eau de Toilette) / A Gentleman's Cologne / For Men von Chanel

Pour Monsieur
A Gentleman's Cologne / For Men
1955 Eau de Toilette

Siebenkäs
11.03.2017 - 10:37 Uhr
26
Top Rezension
9.5Duft 7Haltbarkeit 6Sillage 9Flakon

Die geheimen Out-Takes (hier zum ersten Mal offen gelegt)

Der unsichtbare Dritte
Roger Thornhill (Cary Crant) hat es gerade geschafft, mit der Hilfe von Eve Kendall (Eva Marie Saint) im Zug zu fliehen. In Chicago verlässt er verkleidet als Gepäckträger den Bahnsteig und rasiert sich danach in der Bahnhofstoilette. Unmittelbar nachdem er sich abgetrocknet hat, sehen wir auf dem Waschbeckenrand einen Flakon mit Pour Monsieur von Chanel – er greift danach und sprüht sich zweimal kurz etwas auf den Hals. Die Szene dauert keine fünf Sekunden.
Kurz nach Fertigstellung des Films wurde diese Szene von Chefcutter Stan Eliasson auf Anweisung der Produktionsleitung herausgeschnitten. Die ungeschnittene Fassung mit dieser Szene lief versehentlich wenige Male in Somerville, Massachusetts, wo sich der Pour Monsieur-Umsatz in Mrs. Deborah Carmichaels Drugstore kurzfristig verdreifachte. (Vergl. Annie Carmichael „Frühe Jahre in Somerville“)
Das Apartement
Als C.C. Baxter (Jack Lemmon) nach vielen, teils dramatischen Turbulenzen Miss Fran Kubelik (Shirley MacLaine) zu Besuch hat, kocht er für Sie hingebungsvoll Spaghetti, dabei nutzt er einen Tennisschläger als Nudelsieb. Er gibt etwas Parmesan über die heißen Spaghetti – „…das gehört dazu – Lebensstil-mäßig“ – und serviert sie Miss Kubelik. Dann verschwindet er ganz kurz in das kleine Bad, um noch einmal unauffällig zu prüfen, ob keine Rasierklingen mehr herumliegen. Er schaut kurz ins Zimmer zurück, ob sie ihn auch nicht sieht – dann hält er plötzlich eine kleine Flasche Pour Monsieur in der Hand und sprüht sich einmal kurz damit an, bevor er zu ihr an dem Tisch zurückkehrt.
Der Take wurde gar nicht erst in die endgültige Fassung mit aufgenommen, weil die Szene Herrn Wilder wohl zu lang erschien. Ein Hilfsbeleuchter soll den Chanel-Flakon nach den Aufnahmen entwendet haben und damit in Harrys Cafe im Village sehr positiv aufgefallen sein.
Die Reifeprüfung
Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) kommt zu spät in die Kirche, in der Elaine Robinson (Katherine Ross) zwangsverheiratet wird. Dennoch gelingt es ihm, sie zu befreien – die beiden fliehen vor der aufgebrachten Spießbürger-Meute aus der Kirche und verriegeln im letzten Augenblick den Ausgang mit einem Holzkreuz. Bevor sie jetzt endgültig fliehen, zieht Benjamin ganz unerwartet einen Flakon aus der Tasche – es ist Pour Monsieur von Chanel. Überlegen lächelnd sprüht er erst Elaine , dann sich selbst ein paar Sprühstöße auf – dann springen sie in den roten Alfa Romeo Spider und rasen davon.
Die Szene fiel der Schere zum Opfer, weil sie der Ehefrau des Fahrers von Dustin Hoffman nicht gefiel. („zieht doch die Dynamik aus der ganzen Chose raus“) Später stellte sich heraus, dass sie verhindern wollte, dass jemand den Namen des Parfums ihres Geliebten erfährt.
Der Stadtneurotiker
Annie Hall (Diane Keaton) hat ein Käfer-Cabrio. Nachdem sie eben Alvy Singer/Woody Allen) kennengelernt hat, der mit ihr in einer vergleichbaren intellektuellen Liga spielt („…ich möchte nie im Leben Mitglied in einem Verein werden, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt…“), düst mit ihm auf dem Beifahrersitz unbeholfen-rasant durch Manhattan. Er schaut krampfhaft in den Verkehr: „Ich glaube Sie fahren eine Terz zu geschwind.“ Annie öffnet das Handschuhfach und gibt ihm einen Flakon mit Pour Monsieur. „Das beruhigt…“
Alvy sprüht sofort einige Stöße auf sie und schnuppert dann am Zerstäuber.
Die Szene hat nie den Weg in die Publikumsfassung gefunden, sie wurde durch weitere rasante Autofahr-Sequenzen ersetzt. Französische Cineasten sprechen von einem Komplott gegen die Szene, für das sich Ralph Lauren und die Brooks Brothers zusammen getan haben sollen, weil sie selbst Herrenparfums anbieten.
Die Ferien des Monsieur Hulot
Als Monsieur Hulot (Jacques Tati) in dem kleinen bretonischen Badeort mit seinem unvergleichlichem Aufschlag jeden beim Tennis besiegt, obwohl er eigentlich nicht spielen kann, wird dies in der normalen Fassung nicht weiter aufgeklärt. In der Urfassung sehen wir ihn in einem kurzen Close-up, wie er sich die Hände vor Spielbeginn mit Pour Monsieur einsprüht.
Jacques Tati, der geniale Regisseur, hat sich leider von der Schwester seiner Cutterin, Aline Debuffier, überreden lassen, auf die Szene zu verzichten. Ihr kleinliches Argument – Pour Monsieur werde ja erst im jahr 1955 erscheinen, man schreibe aber erst das Jahr 1953. Tati war gutherzig genug, um auf ihren Wunsch einzugehen.

Wie aber riecht Pour Monsieur heute wirklich?
Nun – zunächst muss man feststellen, dass auch hier Wichtiges herausgeschnitten wurde – in der Schluss-Szene wurde das Eichenmoos stark gekürzt. Nicht ganz ohne Folgen für den gesamten Verlauf.
Alles beginnt mit einer wirklich wunderbaren, klaren und reinen Zitrone, die etwas phantasieanregend-französisches hat. Man steht vor einem alten Marmorwasch-becken, das Fenster ist leicht geöffnet, der Blick fällt durch hellgrünes Frühlingslaub gefiltert auf den Boulevard Raspail. Jetzt melden sich grasig-kräuterige Töne, die Wiese im Jardin Luxembourg, der Brunnen mit kleinen Segelschiffen, Nannys mit dunkelblauen Kinderwagen (vermutlich von Silver Cross) – all das erscheint mit einem Mal von ganz allein. (Keine Garantie – es kann auch die Wiese hinterm Mühlenweiher in Holleschitz sein, der Central Park oder eine Landschaft im Monument Valley.)
Während all das ineinander verwoben da bleibt, kommt allmählich die pudrige, elegant-verhuschte Chanel-Cremigkeit dazu, ganz leicht androgyn, vielleicht auch ein bisschen melancholisch. Sehr weich, diskret, unaufdringlich. Der trocken-moosige, fast etwas bittere, kühle Eichenmoos-Hauch erdet dann alles, macht es aber auch noch prickelnder, unkonventioneller und eleganter. (In der alten Fassung war es etwas mehr als ein Hauch, ich will aber nicht jammern.)
Trotzdem immer noch so nah an Champagner wie es ein Parfum nur sein kann.
Aktualisiert am 09.04.2017 - 09:04 Uhr
11 Antworten
AxiomaticAxiomatic vor 3 Jahren
Mein Lieber, wunderbares cineastisches Wissen weitervermittelt.
Danke Dir!
🏆🏆🏆
FoxearFoxear vor 4 Jahren
Geheimes Behind-the-Scenes Filmwissen ;)) Deine Beschreibung im letzten Abschnitt ist wirklich toll- so ähnlich nehme ich den wahr: "phantasieanregend-französisch". Es ist, als würde die Umgebung sich verändern.. Traumhaft schön!
R3mt9R3mt9 vor 5 Jahren
Das ist so ein geistreicher und witziger Kommentar, und der Duft so treffend beschrieben! :)
MicscentMicscent vor 6 Jahren
Klasse Kommi. Film-Pokal für dich und nach all den Jahren als Klassiker auf meine Wunschliste!!!
SchatzSucherSchatzSucher vor 6 Jahren
Großartig! Alles Filme, die ich gern gesehen habe und immer noch gern sehe. Pour Monsieur ist zu Recht einer der ganz Großen. Momentan mag ich das EdP noch einen Tick lieber.
BadDancerBadDancer vor 7 Jahren
1
Dieses Woody-Allen-Zitat bringe ich schon seit 30 Jahren immer wieder an und würde es mir noch selbst auf meinen eigenen Grabstein meißeln! ;-) Wunderbar! Und gleichzeitig eine tolle Beschreibung eines Dufts, mit dem ich schon viele Jahre liebäugle. Jetzt werde ich endlich testen, ob er hält, was Deine Rezension verspricht! Danke!
FittleworthFittleworth vor 7 Jahren
Hervorragender Kommentar!
ParmaParma vor 8 Jahren
Genialer Kommentar!! Auf die Idee mit den Filmklassikern muss man erstmal kommen :) Herrlich humorvoll geschrieben. Und über den Duft erfahre ich auch alles Wesentliche. Der letzte Satz ist ein Spruch für die Parfum-Ewigkeit. Der Kommentar gehört für mich ins best of (wenn es sowas hier gäbe)!
YataganYatagan vor 8 Jahren
Haha, klasse Idee! 8)
SiebenkäsSiebenkäs vor 8 Jahren
Ja aber freilich, so war es !
DerailroadedDerailroaded vor 8 Jahren
Offensichtlich wurde auch die Szene, in der sich der Kater Mikesch aus Holleschitz ausgiebig die Pfoten parfümiert, bei der Augsburger Puppenkiste rausgeschnitten...