So ein London-Kurztrip muss ordentlich geplant sein – insbesondere, wenn ein sorgfältig ausgewähltes typisch englisches duftendes Erinnerungsstück mich nachhause begleiten soll. So begann ich, mich für Grossmith zu interessieren und fing an, wo immer sich Gelegenheit bot, die Kreationen des Hauses zu testen.
Betrothal hat mich besonders gereizt, teilt er sich doch die Hauptnoten mit einem meiner Lieblingsdüfte von Roja: Madison. Und so war ich sehr gespannt, ob es hier wohl wirklich eine Ähnlichkeit geben könnte? Und ja, so erstaunlich es klingt, da gibt es tatsächlich eine Verwandtschaft!
Ungefähr so, wie wenn die vollkommen verarmte, aber bildschöne Cousine einer britischen Familie des Hochadels nach Amerika auswandert, dort einen Ölmillionär heiratet und dann zu Besuch zurück nach London kommt. Eingeladen ist sie zum Tee beim Familienoberhaupt, einer ehrfurchtgebietenden Matriarchin, deren schrullige Ähnlichkeit zu Queen Victoria den Rest der Familie mit einem gewissen Stolz erfüllt. Da sitzt sie nun, die unumstrittene Herrscherin der Familie, eine hauchzarte Tasse Wegdewood in der Hand, an ihrer Seite ihr Liebling, die junge Rose. Rose sitzt, die Beine sittsam am Knöchel gekreuzt, die Haare geflochten in einer jener komplizierten Frisuren, die ihre Großmutter erfreuen.
Ihnen gegenüber die amerikanische Cousine, deren Vermögen – dank Ölbaron – nun das ihre fast kümmerlich aussehen lässt. Nennen wir sie doch einfach Rosemary. Sie sitzt, die Beine übereinandergeschlagen, so dass der Rock aus edlem Wildleder noch ein Stückchen höher rutscht, entspannt zurückgelehnt, und beobachtet ihre Verwandten. Der Duft des Rojas umgibt sie: selbstbewusst, raumgreifend, teuer, exklusiv.
Ihre Cousine Rose dahingegen hat zu Betrothal gegriffen, das very british indeed, körpernah, diskret, aber durchaus verführerisch zu spüren ist.
Roja ist wie ein neues Diamantarmband, strahlend und auffällig, aber von Bling-Bling meilenweit entfernt, Betrothal sind die Familienjuwelen, die bei besonderen Gelegenheiten aus dem Safe genommen werden und durch das lange nicht Tragen etwas von ihrem Glanz verloren, dafür aber an Understatement gewonnen haben.
Betrothal wird nach einer kurzen zitrischen Phase sofort gebändigt, insbesondere durch eine ordentliche Portion Vetiver, das dem Duft jedes Gleißen nimmt. Es ist ein blumiger Duft, helle, zarte, Blumen mit durchscheinenden Blütenblättern, nicht exotisch-sinnlich-üppig, sondern sehr elegant. Ein wenig, wie wenn eine Rose sich als Iris verkleiden würde, darunter aber ihre sinnliche Würze vollständig bewahrt. Die Iris-Assoziation ist vermutlich dadurch bedingt, dass der Duft an mir zart-pudrig ist, aber keineswegs staubig oder trocken.
Allmählich ändert Betrothal dann seine Ausrichtung und die schönste, dezenteste, unvanilligste Vanille, die ich seit langem gerochen habe, kommt zum Vorschein. Darüber schwebt aber immer noch ein Hauch von Frische und der elegante Blumenstrauß ist weiterhin präsent.
Und genau das ist der Moment, in dem ich (wieder einmal:)) mein Herz an einen Duft verliere und ich entscheide: Es wird ein Duft von Grossmith sein, der mich von London nachhause begleiten wird.
Ob es wirklich Betrothal sein wird, oder doch Shem el Nessim, Sylvan Song oder ein anderer Duft aus dem Hause Grossmith, darüber wird dann spontan entschieden werden. Aber ich kann mir kaum ein Mitbringsel vorstellen, das derart gut zu meiner (zugegebenermaßen u.a. von Georgette Heyer geprägten) Vorstellung von einem längst in der Vergangenheit verschwundenen British Empire passt – und das mit Sicherheit die Erinnerung an London lange Zeit wach und lebendig halten wird!
So toll anschaulich geschrieben, Du machst mich neugierig auf die Marke. Leider habe ich die noch nirgends gefunden, obwohl ich in einer Großstadt lebe. Da werde ich mal die jugendlich alte Tante Gockl aus Amerika bemühen. Die weiss alles. Und Du weißt uns bestens zu unterhalten UND einen Duft zu beschreiben.
Im Zweifel und in dem Falle des Nicht-Entscheiden-Könnens passen sicherlich doch auch zwei oder drei Flakons ins Reisetäschchen.
Ein imaginärer Pokal allemal!
Alleine dafür, dass ich grade über Buchtitel wie "Venetia und der Wüstling", "Penelope und der Dandy" in Heiterkeit ausbreche, gebührt dir ein Pokal. Schöner Kommentar und bring dir bloß was Feines mit!
Ein imaginärer Pokal allemal!