Hatte sich irgendwie gut angefühlt - erst bei Harrods das Parfum kaufen
und dann zu Fuß damit nach Hause, ins besetzte Haus in der Warren Street.
Das dauerte ungefähr eine Stunde - genug Zeit, um immer wieder Mal
am Arm zu schnuppern. Er war eben ein Squatter, der Düfte liebt.
One Man Show hatte ihn ziemlich schnell erobert.
Der Duft war neu, wie gerade irgendwie alles.
(Eben hatte er z.B. sein Literatur-Studium geschmissen und ein neues Leben
als Kunststudent am St. Martins College begonnen.)
Eine gewisse nur leicht zitrische Blumigkeit räumte gleich mal mit maskulinen
Duftklischees auf, behielt aber doch eine abenteuerliche, kecke Herbheit.
Das "Man" hatte nicht viel zu sagen, es hätte genauso One Woman Show
heißen können. In der Gegend vom Oxford Circus war ihm das Nächste aufgefallen -
ein seidenartiges Changieren zwischen metallisch-grün und würzig.
Ein wunderbares Gleichgewicht aus leichter Süße und Säure entwickelte sich.
Aus irgendeinem Grund fiel ihm dazu sofort das Wort Romantik ein.
Und sein neuer Lieblingsclub in Covent Garden
mit dem elektrisierenden Namen BLITZ.
Wie viele, die in den Squats in der Warren Street wohnten, war er jeden
Dienstagabend da. Mit diesem Club hatten Rusty Egan und Steve Strange
etwas aufregend Neues ins Leben gerufen. Einen einzigartigen Ort,
wo man sicher war - und so ausgefallen, extravagant und phantasievoll
rumlaufen konnte, wie man Lust hatte.
Die Zeiten waren hart, aber hier war jeder der, der er sein wollte.
Egal ob Musiker, Modedesigner, Kunststudent oder einfach Lebenskünstler,
schwul oder hetero, retro oder Science Fiction, schwarz-weiß oder bunt-schillernd.
Natürlich war das alles auch Bowie-inspiriert, aber es wurde schnell viel mehr
und ganz eigen. Jeden Abend eine neue theatralische Inszenierung,
jeder sein eigener Star, in seiner eigenen One Man oder One Woman Show.
Einige Alter Egos hatte er so schon erschaffen - er war Bertie Wooster gewesen,
der Pirat Francis Drake oder ein geheimnisvoller Prinz aus 1001 Nacht.
Pure Extravaganza.
Dieses Parfum war für ihn die perfekte Ergänzung dazu geworden.
Und schnell verband sich dieser Duft eng mit dieser besonderen Zeit.
Der Duft-Track zu unvergesslichen Nächten.
Transparent, aber trotzdem wirkungsvoll wie farbige Folien vor starken Scheinwerfern
kam er ihm vor. Freundliche, fast cremige Holznoten gaben eine gewisse Erdung,
wie eine Base-Drum im perfekten Zusammenspiel mit dem Bass.
Groove für die Nase. Eine saubere, angenehm körperliche Sinnlichkeit,
die ihn an geschmeidige Tänzer erinnerte, die hingebungsvoll tanzen,
sich dabei aber nicht zu sehr verausgaben, sei's aus Coolness
oder wegen ihres Aussehens.
So extrem individuell und verschieden sie als Blitzkids auch waren,
bildeten sie doch eine verschworene, in ihrem schillerndem Glanz
schon wieder homogene Gemeinschaft.
Für ihn hatte das etwas Mystisches.
Und auch dieser gegensätzliche Pole verbindende Aspekt fand sich im Duft wieder.
Weihrauch, Patchouli, auch etwas Sandelholz erzeugten einen Hauch
von moderner Mystik, moosig-grün unterfüttert.
Vielleicht wie ein Rest Hippie-Spirit, der sich selbst via Sex Pistols und Kraftwerk
in innovative Zeiten gebeamt hatte.
Zeiten des Sich-selbst-neu-Erfindens schienen heraufgedämmert,
nachdem Punk viel Schutt und Asche weggeblasen hatte,
aber dabei selbst schal und uniform geworden war.
Wie in einem Kaleidoskop rief der Duft in ihm immer wieder
Blitz-Erinnerungen hervor...
...Boy George als Garderobier - der diskussions- und klatschfreudigste in ganz London.
Und sicher auch der schönste.
Der Abend, als Steve jemanden an der Tür wegen unpassender Kleidung abwies -
es war Mick Jagger. (was natürlich ein Riesenecho nach sich zog.)
Oder als Rusty nach Düsseldorf flog, um Kraftwerk ins Blitz einzuladen,
denn ihre Musik liebten alle.
(Er traf Ralph und Florian auch - leider kamen sie nie.)
Und natürlich als Bowie ins Blitz kam und Darsteller
für das Ashes to Ashes-Video aussuchte...
(dass Bowie auch ihn erwählt hatte, konnte doch nur an seiner geheimnisvoll
grün-irisierenden One Man Show-Duftwolke gelegen haben...
Aber dann passierte auf einmal sehr viel.
Die Hausband, Spandau Ballet, bekam direkt im Club einen Plattenvertrag
und trat bald darauf in Top of the Pops auf.
Und Steves Band Visage landete einen Riesenhit mit Fade to Grey.
Das änderte alles. Auf einmal gab es vereinfachte Blitz-Outfits im Top Shop,
erst nur am Oxford Circus und dann fast überall.
New Romantic und Blitz waren mit einem Mal ganz groß.
Rusty und Steve verließen den Club in Covent Garden und eröffneten
den Club for Heroes.
Und was so einmalig war, so "zum ersten Mal", so ausgefallen und kostbar
in dieser intimen Form - es verschwand und schmolz wie Schnee dahin.
Was für ihn blieb, war der Duft.
Damit war die Erinnerung immer nur ein paar Sprühstöße entfernt.
Und jedes Mal kam's ihm so vor, als wäre es dem Parfumeur gelungen,
zwei ganz neue und besondere Duftstoffe einzuarbeiten, die sanft und wunderbar
in der Basis wirkten - Phantasie und Toleranz.
Einer meiner Lieblingsdüfte!
Und dazu noch die spannendste Zeit der neueren Musik aus London!
Wahnsinn, als wäre ich gerade erst dort gewesen.
Cheers mate!
Das ist das Tolle an Düften: Dass sie Erinnerungen „einfrieren“ können. Ich habe gerade übrigens überrascht fest gestellt, dass ich den Duft noch nicht kenne. Hätte ich nicht gedacht 😁 Aber jetzt werde ich ihn mal bei nächster Gelegenheit testen. Wieder eine wunderbare Erzählung rund um einen Duft, mit einem ganz starken Statement zum Schluss ❤️ Toll, dass du wieder schreibst!
Das fand ich gerade so schön. Stelle mir sehr oft genau solche Szenen vor, in denen aus Menschen wie wir alle sind plötzlich große Stars werden, die wir feiern und lieben. Ich glaube, jetzt will ich den Duft kennenlernen.
One Man Show darf auch an anderen Wochentagen "on stage" stattfinden.Richtig?
Und dazu noch die spannendste Zeit der neueren Musik aus London!
Wahnsinn, als wäre ich gerade erst dort gewesen.
Cheers mate!
Mein Duft war damals Macassar ......