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Knize Ten (Toilet Water) von Knize

Knize Ten 1925 Toilet Water

Siebenkäs
14.07.2017 - 08:40 Uhr
21
Top Rezension
10Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 10Flakon

Kunststoff

Recht schnell heißt's hier: "Lederduft!"
Gar noch "einer der wenigen" - so will es Manufaktum
(die im übrigen löblich viel dafür tun, dass dieser Duft
nicht vergessen wird.)
Na ja, für meine Nase ist das so eine Sache mit den Lederdüften.
Bestenfalls erinnert mich mal ein Parfum ganz entfernt
an etwas Leder-Ähnliches. Das Ur-Antaeus etwa, mit einem
Leder-Rosen-artigem Akkord. Cuir de Russie mit einer Art
Blumenleder. Obwohl - wenn ich in einem Lederwarengeschäft
an Jacken oder Taschen schnuppere, raulederseitig oder an
der behandelten Oberseite - dann riecht's doch ganz anders.
Nun ist das aber eine Frage der Vorstellung, wir riechen ja
mehr mit dem Kopf als mit der Nase.
Und genau dafür ist Knize 10 das Beispiel überhaupt.
Jedenfalls für mich. Denn kein anderer Duft lässt bei mir
ein derartiges Panorama einer ganzen Epoche entstehen.

Zunächst einmal passiert hier ziemlich viel gleichzeitig.
Eine sehr spezielle, begrenzt süß-fruchtige Note, die
mich entfernt an Aprikosenlikör erinnert (manche nehmen
Erdbeeriges wahr), der aber mit Bergamotte und Zitrone
verfeinert wurde. Darüber oder darunter - das changiert
hin und her - schwebt ein feiner, damenhafter, blumiger
Nebel. Nelke und Rose aus einer goldverzierten Dose...
All das gehalten von einem fast harzigen, rundem,
ambrierten Gerüst, das schon früh wahrnehmbar ist.
"Basis" passt daher nicht so ganz.
Auch dieses Gerüst hat einen changierenden Charakter,
wie Stoff, der ja nach Lichteinfall die Farbe ändert.
Mal weich-cremig-lieblich, dann wieder herber,
leicht bitter-krautig, meinetwegen leicht ledrig.
Genau diese Note hat's mir besonders angetan.
Denn ich nehme sie als etwas Außergewöhnliches,
ganz Neues wahr - Kunststoff.
Kunststoff im Sinne von einem innovativen "Plastik",
vielleicht auch Plastilin, ein Stoff, aus dem wunderbares
Spielzeug gemacht wird, der zur Verwirklichung kühner
Erfindungen dient, ein Kunststoff, der Dinge ermöglicht,
die zuvor undenkbar waren.
Die Verbindung von Kunst und Stoff.

Gleichzeitigkeit ist bei Knize 10 ein Schlüsselwort.
Alles zugleich: das schmeichlerisch-weiche, das Herren-
Cologne-artige in dandyhafter Ausführung und das Kunst-
stoffartige, noch ungebrochen fortschrittsgläubige, pionierhafte -
das macht Knize 10 aus.
Diese Gleichzeitigkeit ist für mich zugleich eine Vorwegnahme
der Moderne.

Knize 10 ist ein Kind der 20er Jahre, geboren an einem Ort,
an dem wie in einem Brennglas Zeitgeist und kreative
Energie zusammenflossen.
In Wien, im Graben, im von Adolf Loos gestalteten Geschäft
des Herrenausstatters Knize (ein Besuch lohnt sich, allein
wegen der geschwungenen Treppe im überraschend
kleinen, perfekt durch-designten Geschäft mit sehr
freundlichen Verkaufsdamen).
Man sagt Adolf Loos habe auch den Flakon (das "Flascherl")
gestaltet. Beweisen kann ich's nicht. Aber es passt.
Adolf Loos, Architekt, Gestalter und Künstler. Ohne Über-
treibung Wegbereiter der modernen Architektur.
Jugendstil war vorbei, Art Deko befand sich eigentlich
schon im Übergang und Leute wie Loos bereiteten
durch die Heiligsprechung der Funktionalität (ich meine
das wertfrei) den Boden für das Bauhaus.
Das wiederum die Basis legte für jedes moderne Design,
für kitschfreie Ästhetik, für eine Art Demokratisierung
von "Schönheit", weil gutes Design für jedermann
bezahlbar wurde.
Aber auch für gesichtslose, kalte Massen-Wohnsiedlungen,
für Plattenbau und liebloses Fließbanddesign.
Denn man hatte die Macht der Profitgier nicht mit
einberechnet.
Bauhaus führte aber auch zu Dieter Rams, den Braun-
Designer und Schneewittchensarg-Gestalter. Und damit
auch zum Apple Design. (Apple Designer beziehen sich
offen auf ihn)
Knize 10 reicht also spielend bis ins digitale Zeitalter.
Nicht nur wegen des geistig-künstlerischen Umfelds
seiner Entstehungszeit, sondern auch wegen des Dufts
selbst. Denn diese unvergleichliche Kunststoff-Note
ist - für mich - das Entscheidende. ein Symbol für das
Neue, für den Glauben an ungeahnte Möglichkeiten.
Und gleichzeitig für das tragische Scheitern an der
menschlichen Natur.

Und noch etwas fast Mystisches:
Diese Wucht in Flaschen, dieser Jahrhundert-Duft
(von Francois Coty und Vincent Robert in ähnlich
genialer, wohl letztlich unbewusst zeitgeistiger
Inspiration geschaffen - wie sagte Gerhard Richter
so schön "Der Zufall ist besser als ich" - dieser Sonder-
Extra- Über- und Kolossal-Duft kostet nicht etwa ein
kleines Vermögen (was hier ausnahmsweise gaaanz
vielleicht verständlich wäre...) - sondern ist für
jedermann und jedefrau (denn er passt zu beiden)
für wenig Geld zu haben.
Noch ein kleines Wunder.
Aktualisiert am 14.07.2017 - 09:57 Uhr
7 Antworten
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 7 Jahren
Wow, was für eine tolle Beschreibung. Das war einer der wenigen Kommis, den ich von dir noch nicht gelesen hatte. Pokal für dich
YataganYatagan vor 8 Jahren
Auch einer meiner 10.0er!
AzaharAzahar vor 8 Jahren
Wie wunderbar beschrieben. Hab mich gerade an einen winzigen Spritzer getraut und auch ganze Epoche-Kopfkino.
JumiJumi vor 8 Jahren
Ein Kommi mit Klasse und Stil geschrieben! Um meine Knize-Miniatur schleiche ich schon lange herum, fühle mich ihm nicht gewachsen :)
StulleStulle vor 8 Jahren
Wien, Loos, Bauhaus - da werde ich doch fürchterlich neugierig... Danke für den tollen Kommentar!
TtfortwoTtfortwo vor 8 Jahren
Außergewöhnlicher Kommentar. Danke und einen duftenden Architekturgeschichte-Pokal für Dich.
HarleyHarley vor 8 Jahren
Genial. Der Duft und der Kommentar. Pokal von mir.