“This is the way the world ends Not with a bang but a whimper.”
Diese letzten Zeilen aus T.S. Eliots “The Hollow Men“ waren was ich assoziierte, als ich vor einigen Tagen zum ersten Mal Lyn Harris‘ White Smoke begegnete. Ich stolperte, sehr früh am Morgen, der Sinnhaftigkeit dieser Assoziation hinterher, die Nase an den Handrücken gedrückt, in der anderen Hand eine Tasse Kaffee balancierend. Zu dramatisch schien sie mir um näherer Inspektion standzuhalten. Mag sein, dass sie einfach Sinnbild ist für die kleine seismische Verschiebung im Inneren, die dieser leise aber mächtige Duft in mir ausgelöst hat. Im Fall von White Smoke mag der letzte Satz vielleicht lauten: „not with a bang but a mighty whisper“. Das Weltende streichen wir.
White Smoke verläuft in fein austarierten Stadien. Besonders im ersten Drittel sind Weihrauch und Kamille deutlich auszumachen, eine Kombination von Noten, die mich schon bei Series 3: Incense - Avignon verzaubert hat. Doch während Avignon die ersten Stunden in angestrengter Ehrfurcht verharren lässt, bevor er dank Kamille so etwas wie stillen Trost spendet, ist White Smoke zugewandter, wärmer und gleichsam wesentlich dynamischer. Ohnehin erzeugen die Düfte, die ich bisher von Perfumer H gerochen habe, in mir ein Bild von Bewegung.
Im Fall von White Smoke entsprechen die ersten Minuten mit ihm dem Bild einer stillen Explosion. Ich sehe - so als fehlte dem Film der Ton - eine geräuschlose Entladung, rieche eine Hauch Schießpulver und dann einen sich in Zeitlupe auf mich zubewegenden Rauch: zarte, fast zärtliche Rauchschlieren, die nicht als Fläche wandern, sondern sich filigran ihren Weg durch den Raum bahnen bis sie umhüllen, vereinnahmen. Am Ende dieser Zeitlupensequenz entsteht ein fast sakraler Raum. Einer, in dem ich unbesehen niederknien würde. Später, sich fast unmerklich dazu schleichend und gleichzeitig den Duftcharakter maßgeblich ändernd kommt die Wärme der Harze, des Ambers dazu, die sehr subtile Pudrigkeit der Iris und - fast versteckt unter allem und doch die perfekte Tonart treffend - das sanfte Schnurren des Ouds, einen Hauch Animalik verleihend.
Ich beginne zu glauben, Lyn Harris könnte ein Ei auf einer Rasierklinge tanzen lassen. So gekonnt schafft sie es Balance zu kreieren, die manchmal (wie im Fall von Dust ) aus größtmöglicher Spannung zwischen gegensätzlichen Polen besteht, manchmal aus der perfekten Choreografie des immer in Bewegung scheinenden Zusammenspiels von Noten. Nichts an White Smoke ist laut, nichts brennt oder qualmt, nichts driftet ab in ambriert-holzig-vanillierten olfaktorischen Wohlfühlsalat. Stattdessen gleicht er einem introspektiven Kunstwerk, dem ich hoffe, noch sehr viel öfter beim Flüstern zuhören zu dürfen.
Phantastische Rezension! Das könnte ein 'Indie'-Rauchduft für mich sein.
Die meisten Nischen-Parfums gehen mir oft zu sehr in die Räucherschinken- oder Hausbrand-Richtung. Comme des Garcons hingegen evoziert bei mir oft einen Erkältungsbalsam in der Sauna...
Bis jetzt gefiel mir nur 'Exultat' von Maria Candida Gentile. Dezenter, leicht kirchlicher Weihrauch mit Veilchen und Holz.
Das ist so wunderbar poetisch verfasst und fein beobachtet. Wie es der Zufall will, habe ich mir genau diesen Duft heute als Probe bestellt. Nun freue ich mich umso mehr darauf. :)
Wunderbar beschrieben (Bilder von Explosionen üben eine ganz besondere Faszination auf mich aus ;D ). Habe schon beim Namen geahnt, dass er auf die Merkliste muss. Und da ist er nun, nach dem Lesen :)
Diese "kleine seismische Verschiebung im Inneren", ja, die kenne ich auch und bin Lyn Harris' Magie zuletzt hilflos bei Incense Water erlegen. White Smoke kommt ganz weit oben auf die Merkliste.
"Zu dramatisch schien sie mir um näherer Inspektion standzuhalten."
Oh, wie ich diesen Zustand kenne! ;)
Umso schöner, dass Du Dich frei geschüttelt und uns diesen Duft so fabelhaft näher gebracht hast!
Genau so etwas hat Incense Water bei mir ausgelöst. Der White Smoke war nicht ganz meiner, aber ich tue mir auch schwer mit Oud-Noten an mir. Ja, Lyn Harris ist eine Künstlerin. Und was für eine!
Die meisten Nischen-Parfums gehen mir oft zu sehr in die Räucherschinken- oder Hausbrand-Richtung. Comme des Garcons hingegen evoziert bei mir oft einen Erkältungsbalsam in der Sauna...
Bis jetzt gefiel mir nur 'Exultat' von Maria Candida Gentile. Dezenter, leicht kirchlicher Weihrauch mit Veilchen und Holz.
Ganz herzlichen Dank, für die Probe!!!
Oh, wie ich diesen Zustand kenne! ;)
Umso schöner, dass Du Dich frei geschüttelt und uns diesen Duft so fabelhaft näher gebracht hast!
Eine sehr subtile Rezension, gefällt mir sehr!
Danke!