Die Karawane bahnt sich ihren Weg durch die Wüste. Flirrend flimmernd zeichnet sich in weiter Ferne der Umriss des Reiseziels ab. Eine Stadt, umgeben von hohen Mauern, leicht erhöht gebaut an einem Hügel. Einige Türme des Palastes ragen ehrfurchtgebietend mit goldenen Dächern über das schützende Gemäuer. Die Stadt befindet sich in der hart geführten Hand des Sultans, einem Herrscher, der keinen Regelbruch duldet. Die aufgestellten X-förmig gebundenen und in den Boden gehauenen Pfähle mit daran aufgespannten teils leblosen, teils halbwegs noch mit dem Leben verbundenen Körpern von denen, die seine Gesetze mit Füssen getreten haben, sprechen Bände. Im Innern des Herrscherhauses sind die Vorbereitungen der Neuankömmlinge seit Tagen in vollem Gange. Nichts wird dem Zufall überlassen. Von dem regen Treiben in den kühlen Mauern ahnt die Karawane einige Meilen draussen im Wüstensand nicht viel. Der Tross besteht aus dichten Zweierkolonnen. In Schwarz gehüllte Reiter auf prachtvollen, mit bimmelndem, goldenem Schmuckzaumzeug geschmückten Schimmeln führen ihn an. Unterbrochen werden die Reihen einige Ränge gegen ihre Mitte hin durch eine Kamelsänfte, die zu beiden Seiten jeweils von einem weiteren Reiter und zum ebensolangen Ende hin von einer besonderen Garde begleitet wird. Unmittelbar hinter der Sänfte reitet Arman, der Mann, der für den Herrscher im Palast auf dem Sklavenmarkt drei Tagesritte von hier, das Juwel im Innern ersteigert hat. Die Ankunft des Piratenschiffs mit der noblen Dame aus dem Westen hatte sich schnell verbreitet. In der für Menschenhandel bekannten Stadt am Meer hat manches umliegende Haus von Rang und Namen seine Käufer aufgeboten, die sie ersteigern sollten. Wie erwartet liess sich der Sultan die menschliche Ware einiges kosten und dank seiner am Verkaufstag mehrzählig aufgetretenen Bieter, erhielt denn auch einer davon erwartungsgemäss den Zuschlag.
In gleichmässigem Schritt bewegt sich die Karawane immer weiter auf die Stadt in der Ferne zu. Die Dame im Innern der Kamelsänfte erwartet der Eintritt in den Harem des Herrschers. Dort wird sie bis zu seiner Ungnade oder ihrem natürlichen Tod auch bleiben.
Aman der erfolgreiche Bieter, lässt die Sänfte vor ihm mit dem kostbaren Gut keine Sekunde aus den Augen, blüht ihm bei dessen Abhandenkommen etwa durch Raub dasselbe Schicksal, wie das der aufgeknüpften Männer vor den Stadttoren. Während die restlichen Wachen die Umgebung im Auge behalten, sichert er die menschliche Fracht. Immer wieder weht ihm ein Duft aus dem Innern der Sänfte ins Gesicht. Hinter roten und orangen gestuft angebrachten und luftigen, durchscheinenden Schleiern mit Perlschnüren beschwert und goldenen Bordüren, kann er den Umriss der Dame erkennen. Hin und wieder blinkt ein Funkeln ihres üppigen Schmucks im Rhythmus des sich fortbewegenden Kamels hinter den Vorhängen auf. Doch augenblicklich wird Aman wieder von dem Duft, der ihn umweht von dem Funkeln abgelenkt. Als erfahrener Berater des Herrschers in Sachen Kulinarik und Olfaktorik weiss er um die Magie von Düften allerlei Ursprungs und hat sehr zur Bereicherung der Küche und der Beduftung des Harems und der Herrschergemächer beigetragen. Es fällt ihm daher leicht, die Bestandteile des Duftes aus der Sänfte einzuordnen. Er nimmt eine vollmundige Damaszener Rose wahr. Sie hat rustikale und dicht in sattem Rosa ausgekleidete und fast zum Bersten gefüllte Blütenköpfe, die einen schweren, süsslich-würzigen Duft verströmen. Getragen wird die Rose durch wenig Zitrone und einer, den Duft der Rose unterstreichenden reiferen Himbeere. Der süssliche Aspekt wird etwas prickelnd durch eine Pfeffernote gelockert, entsteigt aber nie seiner eingeschlagenen Spur. Immer wieder weht Aman die verführerische Kombination von Blüten und Früchten ins Gesicht und obwohl die Sonne brennt, scheint dies der Entwicklung des Duftes keinen Abbruch zu tun. Dicht wabernd entschwindet das köstliche Elixier dem Innern der Sänfte, um immer wieder sein Antlitz zu streicheln. Unter anderen Umständen würde er seine Aufgabe beinahe vergessen, aber er muss sich konzentrieren. Den Blick auf die Sänfte und das Gehör auf die Umgebung gerichtet. Während ihn die Rose und ihre duftigen Begleiter weiter umwehen, nimmt er auch Jasmin wahr. Er lässt die anderen Duftspuren noch edler glänzen und verleiht noch mehr Tiefe. Was sich während des Ritts verändert hat ist, dass der Duft noch an Wärme gewonnen hat durch Amber und holzige Noten, aber auch ein sanfter Vanilleeinschlag unterstützt dies gekonnt. Die Rose aber hat die ganze Reise hindurch das Duftgeschehen dominiert. Aman hinterfragt, ob die Dame in der Sänfte diesen Duft womöglich auch selbst auserwählt hätte, wäre ihr die Wahl nicht abgenommen worden.
Für ihn jedenfalls wäre eine Dame aus fernen westlichen Gefilden, hier als Exotin erscheinend, mit solch einem erlesenen Duft, der ihrer Schönheit gerecht zu werden bestrebt ist, wahrlich eine Bereicherung...
Wer nie jagte und nie liebte,
nie den Duft der Blumen suchte
und nie beim Klang der Musik erbebte,
ist kein Mensch, sondern ein Esel.
(Arab.Sprichwort)
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