
Ropanski2020
31 Rezensionen

Ropanski2020
Top Rezension
19
Spaßbefreite Holzwoge
Die Entdeckerlust ist wahrlich eine sehr natürliche wenn auch infernalische Erscheinung, droht sie in Gier umzuschlagen. Aus Neuentdeckungen werden in kurzer Zeit Kristallisationspunkte des Wiedererkennens, der Bedarf scheint aufs Neue gedeckt zu sein, zumindest für eine gewisse Zeit, so scheint es. Denn durch die Fülle an Veröffentlichungen und neu platzierten Marken wird man stetig herausgefordert. Die Faszination des Außergewöhnlichen bleibt trügerisch: Was lohnt, und was sollte man mit Bedacht ausklammern?
Sich in diesem Irrgarten zurechtzufinden ist mitunter eine Höllenqual, da ein Großteil der Marken nur noch über den digitalen Flurfunk kommuniziert. Etablierte Artisan-Marken wie Ensar zum Vorbild genommen: wird nach Treu und Glauben gemischt und zunehmend Herkunft und Qualität der ausgewählten Rohstoffe betont. Das alles soll einen zusätzlichen Qualitätsstandard ausweisen. So viel zur Theorie.
Jinx feiert im kommenden Frühjahr sein dreijähriges Bestehen. Ursprünglich als Kickstarter-Projekt Ende 2021 gestartet, dürfte sie spätestens mit der Veröffentlichung der Collection II in diesem Jahr als fest etablierte Indie-Marke bezeichnet werden. Das verrät zunächst wenig über die eigentliche Qualität des Outputs, als vielmehr über den langen Atem, den es braucht, um in diesem hartumkämpften Markt zu bestehen. Der Inhaber ist wie viele seiner Artisan-Kollegen in erster Linie Duftliebhaber, kein Lebensmittelchemiker oder Kosmetiklaborant. Dessen Werke sind nicht frei von synthetischen Zusätzen, aber weitestgehend natürlich gehalten, wenn nichts anderes auf dem Produktblatt vermerkt ist. Ob die aufgerufenen Preise die Qualität des Handwerks widerspiegeln, muss jeder für sich beantworten.
Die treue Kundschaft gibt ihm offenkundig recht. Die Loyalität lässt sich nicht zuletzt anhand diverser Patreon-Mitgliedschaften abbilden. Des einen Freud ist des andern Leid: Dem gewöhnlichen Duftinteressenten fehlt häufig der Zugang zu dessen limitierten Duftkonzeptionen, die ausnahmslos den vorgenannten Mitgliedern vorbehalten sind. Und auch so haben diese oft das Nachsehen und gehen selbst bei regulären Veröffentlichungen im hauseigenen Webshop leer aus, zu begehrt sind die vereinzelten (mitunter stark limitierten) Veröffentlichungen. So auch die Vorliegende, die in Rekordzeit ausverkauft war. Da wirkt der hübsche Slogan: "Perfume is for everyone" bestenfalls etwas zu kurz gegriffen.
Duftprofil
Der Auftakt ist derb trocken bis spröde, von durchweg kräftigen Aromen geprägt. Manch einer würde sagen: muffig-holzig. Im Hintergrund diffundieren Schwaden von pulverisiertem Kakao und zerschrotetem Kaffee, die im Verlauf amplitudenförmig ausschlagen. Das namensgebende Oud ist durchaus kräftig, warm bis leicht pfeffrig (Muskatnuss) und verströmt zudem einen leicht öligen Geruch (Terpen), sorgt aber zugleich für eine gewisse Aufhellung des Duftprofils, welches vor allem die ersten beiden zwei Stunden fast schon klaustrophobisch (düster) anmutet, als würde man selbst Platz in einer verschlossenen Holztruhe finden. Alles weitreichend gestützt durch eine scharfwürzige Kopaivabalsam-Infusion, die rauchig-streng aushärtet wie eine Beize. Die Iris wirkt zunächst etwas überzeichnet, zeigt sich in den ersten Minuten von ihrer erdigen, leicht pudrigen Seite und erinnert in Verbindung mit dem ausgewählten Adlerholz an den erstklassigen Indian Papyrus. Zusehends drängt sich die Gewürznelke in den Vordergrund, die sowohl würzige als auch frische Akzente setzt und das Duftprofil entsprechend einfärbt. Die Textur des Holzes bricht zusehends auf, ein Geruch von entsagten Koniferen (minimal) und Sägespan entweicht, was im Zusammenspiel mit Nelke und dem gourmandigen Verbund aus Vanille und Kakao geschickt verblendet wirkt. Gewisse Reminiszenzen an The History of Indonesian Oud drängen sich hier unweigerlich auf, jedoch bleibt der Jinx weitaus komplexer - nicht nur in der Zusammensetzung - als das "only-Oud Release" von Russian Adam.
Was nicht weniger zur Sprache kommen sollte, ist der scharfe Blick auf die Schwächen: So vermag der gourmandige Konnex (Kakao, Vanille) zwar das schroffe Ansinnen sinnvoll zu glätten, ist mir aber im Endeffekt dann doch ein wenig zu pointiert herausgearbeitet. Hierdurch gerät die eigentliche Idee etwas ins Wanken, ohne vollends zu entgleiten. Weitaus diskutabler ist da schon eine - zugegebenermaßen nur recht - sublim ausgeprägte, synthetisch-anmutende Duftnote im Hintergrund (Profil: klebstoffartig, frisch-hell), wie ich sie in hochdosierter Dosis bereits im Roxo wahrnahm, gegebenenfalls hervorgerufen durch den animalischen Beifang (weiße Ambra, Bibergeil) und/ oder durch das Zusammenwirken einzelner weiterer Noten (Palo Santo, Sandelholz). Da der Inhaber der Marke seine synthetischen Zusätze für gewöhnlich direkt ausweist (siehe oben), würde mich ein solcher Umstand überraschen. Das mag im Ergebnis weniger problematisch sein, da ich die Note hier nicht als störend empfinde, dennoch sollte dieser Umstand nicht unerwähnt bleiben.
Fazit
Fernab seiner gewöhnlichen "Mixed Media“-Veröffentlichungen, die mir bislang weniger gefallen haben, ist dem Inhaber der Marke hier ein beachtlicher Wurf geglückt. Der Duft erzeugt eine vereinnahmende antike Holzmobiliar-Atmosphäre, besticht durch seine vornehme Urwüchsigkeit und Wärme - ein Spiel der Gegensätze - wo zeitliche und räumliche Horizonte verschwimmen, alles zusehends entwirklicht. So wird einem hier die Gelegenheit geboten, obwohl man selbst nicht Zeitzeuge dieser Epoche ist, auf sie gleichsam von außen zu blicken. Ein ästhetischer Genuss, der weniger nur getragen als vielmehr direkt erspürt werden will, wo Schein und Wirklichkeit schließlich ununterscheidbar werden, sich als olfaktorische Überhänge und Fragmente der Vergangenheit präsentieren. Der Grundtenor ist kernig gehalten, das bildhafte Anliegen formgerecht umgesetzt: eine Niederlassung der Ostindien-Kompanie - Fracht von den Gewürzinseln in Empfang genommen und auf dem Dachboden verstaut; antike Truhe mit kräftigen Beschlägen und nachgedunkeltem Holz, die einst Flammenzungen sah und doch überlebte, im rustikalen Stil gehalten, eingetaucht in düsterer Farbgebung.
Tigerwood Antique ist für mich ein olfaktorisches Postskriptum zur sinnverbürgenden Ästhetik großer und vor allem mutiger Parfümerzählungen: erstaunlich reichhaltig und ausdauernd (Haltbarkeit: +14 Std.; Duftkonzentration: 41%), dabei weniger grobschlächtig - in der Umsetzung - vielmehr fein ziseliert und gut gefertigt, schlicht von gehobener handwerklicher Qualität. Neben das Können tritt hier auch das Sein. Als Konzept - trotz oder vielleicht auch wegen seiner komplexen Konkretheit - überraschend tragbar, als bloßes Parfüm hingegen wohl für das Gros der Leute hier zu sperrig und zu dicht. Ein Duft für Liebhaber!
Sich in diesem Irrgarten zurechtzufinden ist mitunter eine Höllenqual, da ein Großteil der Marken nur noch über den digitalen Flurfunk kommuniziert. Etablierte Artisan-Marken wie Ensar zum Vorbild genommen: wird nach Treu und Glauben gemischt und zunehmend Herkunft und Qualität der ausgewählten Rohstoffe betont. Das alles soll einen zusätzlichen Qualitätsstandard ausweisen. So viel zur Theorie.
Jinx feiert im kommenden Frühjahr sein dreijähriges Bestehen. Ursprünglich als Kickstarter-Projekt Ende 2021 gestartet, dürfte sie spätestens mit der Veröffentlichung der Collection II in diesem Jahr als fest etablierte Indie-Marke bezeichnet werden. Das verrät zunächst wenig über die eigentliche Qualität des Outputs, als vielmehr über den langen Atem, den es braucht, um in diesem hartumkämpften Markt zu bestehen. Der Inhaber ist wie viele seiner Artisan-Kollegen in erster Linie Duftliebhaber, kein Lebensmittelchemiker oder Kosmetiklaborant. Dessen Werke sind nicht frei von synthetischen Zusätzen, aber weitestgehend natürlich gehalten, wenn nichts anderes auf dem Produktblatt vermerkt ist. Ob die aufgerufenen Preise die Qualität des Handwerks widerspiegeln, muss jeder für sich beantworten.
Die treue Kundschaft gibt ihm offenkundig recht. Die Loyalität lässt sich nicht zuletzt anhand diverser Patreon-Mitgliedschaften abbilden. Des einen Freud ist des andern Leid: Dem gewöhnlichen Duftinteressenten fehlt häufig der Zugang zu dessen limitierten Duftkonzeptionen, die ausnahmslos den vorgenannten Mitgliedern vorbehalten sind. Und auch so haben diese oft das Nachsehen und gehen selbst bei regulären Veröffentlichungen im hauseigenen Webshop leer aus, zu begehrt sind die vereinzelten (mitunter stark limitierten) Veröffentlichungen. So auch die Vorliegende, die in Rekordzeit ausverkauft war. Da wirkt der hübsche Slogan: "Perfume is for everyone" bestenfalls etwas zu kurz gegriffen.
Duftprofil
Der Auftakt ist derb trocken bis spröde, von durchweg kräftigen Aromen geprägt. Manch einer würde sagen: muffig-holzig. Im Hintergrund diffundieren Schwaden von pulverisiertem Kakao und zerschrotetem Kaffee, die im Verlauf amplitudenförmig ausschlagen. Das namensgebende Oud ist durchaus kräftig, warm bis leicht pfeffrig (Muskatnuss) und verströmt zudem einen leicht öligen Geruch (Terpen), sorgt aber zugleich für eine gewisse Aufhellung des Duftprofils, welches vor allem die ersten beiden zwei Stunden fast schon klaustrophobisch (düster) anmutet, als würde man selbst Platz in einer verschlossenen Holztruhe finden. Alles weitreichend gestützt durch eine scharfwürzige Kopaivabalsam-Infusion, die rauchig-streng aushärtet wie eine Beize. Die Iris wirkt zunächst etwas überzeichnet, zeigt sich in den ersten Minuten von ihrer erdigen, leicht pudrigen Seite und erinnert in Verbindung mit dem ausgewählten Adlerholz an den erstklassigen Indian Papyrus. Zusehends drängt sich die Gewürznelke in den Vordergrund, die sowohl würzige als auch frische Akzente setzt und das Duftprofil entsprechend einfärbt. Die Textur des Holzes bricht zusehends auf, ein Geruch von entsagten Koniferen (minimal) und Sägespan entweicht, was im Zusammenspiel mit Nelke und dem gourmandigen Verbund aus Vanille und Kakao geschickt verblendet wirkt. Gewisse Reminiszenzen an The History of Indonesian Oud drängen sich hier unweigerlich auf, jedoch bleibt der Jinx weitaus komplexer - nicht nur in der Zusammensetzung - als das "only-Oud Release" von Russian Adam.
Was nicht weniger zur Sprache kommen sollte, ist der scharfe Blick auf die Schwächen: So vermag der gourmandige Konnex (Kakao, Vanille) zwar das schroffe Ansinnen sinnvoll zu glätten, ist mir aber im Endeffekt dann doch ein wenig zu pointiert herausgearbeitet. Hierdurch gerät die eigentliche Idee etwas ins Wanken, ohne vollends zu entgleiten. Weitaus diskutabler ist da schon eine - zugegebenermaßen nur recht - sublim ausgeprägte, synthetisch-anmutende Duftnote im Hintergrund (Profil: klebstoffartig, frisch-hell), wie ich sie in hochdosierter Dosis bereits im Roxo wahrnahm, gegebenenfalls hervorgerufen durch den animalischen Beifang (weiße Ambra, Bibergeil) und/ oder durch das Zusammenwirken einzelner weiterer Noten (Palo Santo, Sandelholz). Da der Inhaber der Marke seine synthetischen Zusätze für gewöhnlich direkt ausweist (siehe oben), würde mich ein solcher Umstand überraschen. Das mag im Ergebnis weniger problematisch sein, da ich die Note hier nicht als störend empfinde, dennoch sollte dieser Umstand nicht unerwähnt bleiben.
Fazit
Fernab seiner gewöhnlichen "Mixed Media“-Veröffentlichungen, die mir bislang weniger gefallen haben, ist dem Inhaber der Marke hier ein beachtlicher Wurf geglückt. Der Duft erzeugt eine vereinnahmende antike Holzmobiliar-Atmosphäre, besticht durch seine vornehme Urwüchsigkeit und Wärme - ein Spiel der Gegensätze - wo zeitliche und räumliche Horizonte verschwimmen, alles zusehends entwirklicht. So wird einem hier die Gelegenheit geboten, obwohl man selbst nicht Zeitzeuge dieser Epoche ist, auf sie gleichsam von außen zu blicken. Ein ästhetischer Genuss, der weniger nur getragen als vielmehr direkt erspürt werden will, wo Schein und Wirklichkeit schließlich ununterscheidbar werden, sich als olfaktorische Überhänge und Fragmente der Vergangenheit präsentieren. Der Grundtenor ist kernig gehalten, das bildhafte Anliegen formgerecht umgesetzt: eine Niederlassung der Ostindien-Kompanie - Fracht von den Gewürzinseln in Empfang genommen und auf dem Dachboden verstaut; antike Truhe mit kräftigen Beschlägen und nachgedunkeltem Holz, die einst Flammenzungen sah und doch überlebte, im rustikalen Stil gehalten, eingetaucht in düsterer Farbgebung.
Tigerwood Antique ist für mich ein olfaktorisches Postskriptum zur sinnverbürgenden Ästhetik großer und vor allem mutiger Parfümerzählungen: erstaunlich reichhaltig und ausdauernd (Haltbarkeit: +14 Std.; Duftkonzentration: 41%), dabei weniger grobschlächtig - in der Umsetzung - vielmehr fein ziseliert und gut gefertigt, schlicht von gehobener handwerklicher Qualität. Neben das Können tritt hier auch das Sein. Als Konzept - trotz oder vielleicht auch wegen seiner komplexen Konkretheit - überraschend tragbar, als bloßes Parfüm hingegen wohl für das Gros der Leute hier zu sperrig und zu dicht. Ein Duft für Liebhaber!
Aktualisiert am 07.12.2024 - 09:12 Uhr
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Kopfnote
Gewürznelke
Nadelhölzer
Palo Santo
Salvia leucophylla
Cajeputbaum
Herznote
Blauer Lotus
Iris
Kakao
Espresso
mexikanische Vanille
amerikanischer Lotus
Patchouli
weißer Lotus
Basisnote
malaysisches Oud
burmesisches Oud
Kopaivabalsam
Mysore-Sandelholz
Kaschmir-Hirschmoschus
schwarzer Amber
weiße Ambra
Bakul Attar
Bibergeil
Floyd
Seejungfrau








































