Die Entdeckerlust ist wahrlich eine sehr natürliche wenn auch infernalische Erscheinung, droht sie in Gier umzuschlagen. Aus Neuentdeckungen werden in kurzer Zeit Kristallisationspunkte des Wiedererkennens, der Bedarf scheint aufs Neue gedeckt zu sein, zumindest für eine gewisse Zeit, so scheint es. Denn durch die Fülle an Veröffentlichungen und neu platzierten Marken wird man stetig herausgefordert. Die Faszination des Außergewöhnlichen bleibt trügerisch: Was lohnt, und was sollte man mit Bedacht ausklammern?
Sich in diesem Irrgarten zurechtzufinden ist mitunter eine Höllenqual, da ein Großteil der Marken nur noch über den digitalen Flurfunk kommuniziert. Etablierte Artisan-Marken wie Ensar zum Vorbild genommen: wird nach Treu und Glauben gemischt und zunehmend Herkunft und Qualität der ausgewählten Rohstoffe betont. Das alles soll einen zusätzlichen Qualitätsstandard ausweisen. So viel zur Theorie.
Jinx feiert im kommenden Frühjahr sein dreijähriges Bestehen. Ursprünglich als Kickstarter-Projekt Ende 2021 gestartet, dürfte sie spätestens mit der Veröffentlichung der Collection II in diesem Jahr als fest etablierte Indie-Marke bezeichnet werden. Das verrät zunächst wenig über die eigentliche Qualität des Outputs, als vielmehr über den langen Atem, den es braucht, um in diesem hartumkämpften Markt zu bestehen. Der Inhaber ist wie viele seiner Artisan-Kollegen in erster Linie Duftliebhaber, kein Lebensmittelchemiker oder Kosmetiklaborant. Dessen Werke sind nicht frei von synthetischen Zusätzen, aber weitestgehend natürlich gehalten, wenn nichts anderes auf dem Produktblatt vermerkt ist. Ob die aufgerufenen Preise die Qualität des Handwerks widerspiegeln, muss jeder für sich beantworten.
Die treue Kundschaft gibt ihm offenkundig recht. Die Loyalität lässt sich nicht zuletzt anhand diverser Patreon-Mitgliedschaften abbilden. Des einen Freud ist des andern Leid: Dem gewöhnlichen Duftinteressenten fehlt häufig der Zugang zu dessen limitierten Duftkonzeptionen, die ausnahmslos den vorgenannten Mitgliedern vorbehalten sind. Und auch so haben diese oft das Nachsehen und gehen selbst bei regulären Veröffentlichungen im hauseigenen Webshop leer aus, zu begehrt sind die vereinzelten (mitunter stark limitierten) Veröffentlichungen. So auch die Vorliegende, die in Rekordzeit ausverkauft war. Da wirkt der hübsche Slogan: "Perfume is for everyone" bestenfalls etwas zu kurz gegriffen.
Duftprofil Der Auftakt ist derb trocken bis spröde, von durchweg kräftigen Aromen geprägt. Manch einer würde sagen: muffig-holzig. Im Hintergrund diffundieren Schwaden von pulverisiertem Kakao und zerschrotetem Kaffee, die im Verlauf amplitudenförmig ausschlagen. Das namensgebende Oud ist durchaus kräftig, warm bis leicht pfeffrig (Muskatnuss) und verströmt zudem einen leicht öligen Geruch (Terpen), sorgt aber zugleich für eine gewisse Aufhellung des Duftprofils, welches vor allem die ersten beiden zwei Stunden fast schon klaustrophobisch (düster) anmutet, als würde man selbst Platz in einer verschlossenen Holztruhe finden. Alles weitreichend gestützt durch eine scharfwürzige Kopaivabalsam-Infusion, die rauchig-streng aushärtet wie eine Beize. Die Iris wirkt zunächst etwas überzeichnet, zeigt sich in den ersten Minuten von ihrer erdigen, leicht pudrigen Seite und erinnert in Verbindung mit dem ausgewählten Adlerholz an den erstklassigen Indian Papyrus. Zusehends drängt sich die Gewürznelke in den Vordergrund, die sowohl würzige als auch frische Akzente setzt und das Duftprofil entsprechend einfärbt. Die Textur des Holzes bricht zusehends auf, ein Geruch von entsagten Koniferen (minimal) und Sägespan entweicht, was im Zusammenspiel mit Nelke und dem gourmandigen Verbund aus Vanille und Kakao geschickt verblendet wirkt. Gewisse Reminiszenzen an The History of Indonesian Oud drängen sich hier unweigerlich auf, jedoch bleibt der Jinx weitaus komplexer - nicht nur in der Zusammensetzung - als das "only-Oud Release" von Russian Adam.
Was nicht weniger zur Sprache kommen sollte, ist der scharfe Blick auf die Schwächen: So vermag der gourmandige Konnex (Kakao, Vanille) zwar das schroffe Ansinnen sinnvoll zu glätten, ist mir aber im Endeffekt dann doch ein wenig zu pointiert herausgearbeitet. Hierdurch gerät die eigentliche Idee etwas ins Wanken, ohne vollends zu entgleiten. Weitaus diskutabler ist da schon eine - zugegebenermaßen nur recht - sublim ausgeprägte, synthetisch-anmutende Duftnote im Hintergrund (Profil: klebstoffartig, frisch-hell), wie ich sie in hochdosierter Dosis bereits im Roxo wahrnahm, gegebenenfalls hervorgerufen durch den animalischen Beifang (weiße Ambra, Bibergeil) und/ oder durch das Zusammenwirken einzelner weiterer Noten (Palo Santo, Sandelholz). Da der Inhaber der Marke seine synthetischen Zusätze für gewöhnlich direkt ausweist (siehe oben), würde mich ein solcher Umstand überraschen. Das mag im Ergebnis weniger problematisch sein, da ich die Note hier nicht als störend empfinde, dennoch sollte dieser Umstand nicht unerwähnt bleiben.
Fazit Fernab seiner gewöhnlichen "Mixed Media“-Veröffentlichungen, die mir bislang weniger gefallen haben, ist dem Inhaber der Marke hier ein beachtlicher Wurf geglückt. Der Duft erzeugt eine vereinnahmende antike Holzmobiliar-Atmosphäre, besticht durch seine vornehme Urwüchsigkeit und Wärme - ein Spiel der Gegensätze - wo zeitliche und räumliche Horizonte verschwimmen, alles zusehends entwirklicht. So wird einem hier die Gelegenheit geboten, obwohl man selbst nicht Zeitzeuge dieser Epoche ist, auf sie gleichsam von außen zu blicken. Ein ästhetischer Genuss, der weniger nur getragen als vielmehr direkt erspürt werden will, wo Schein und Wirklichkeit schließlich ununterscheidbar werden, sich als olfaktorische Überhänge und Fragmente der Vergangenheit präsentieren. Der Grundtenor ist kernig gehalten, das bildhafte Anliegen formgerecht umgesetzt: eine Niederlassung der Ostindien-Kompanie - Fracht von den Gewürzinseln in Empfang genommen und auf dem Dachboden verstaut; antike Truhe mit kräftigen Beschlägen und nachgedunkeltem Holz, die einst Flammenzungen sah und doch überlebte, im rustikalen Stil gehalten, eingetaucht in düsterer Farbgebung.
Tigerwood Antique ist für mich ein olfaktorisches Postskriptum zur sinnverbürgenden Ästhetik großer und vor allem mutiger Parfümerzählungen: erstaunlich reichhaltig und ausdauernd (Haltbarkeit: +14 Std.; Duftkonzentration: 41%), dabei weniger grobschlächtig - in der Umsetzung - vielmehr fein ziseliert und gut gefertigt, schlicht von gehobener handwerklicher Qualität. Neben das Können tritt hier auch das Sein. Als Konzept - trotz oder vielleicht auch wegen seiner komplexen Konkretheit - überraschend tragbar, als bloßes Parfüm hingegen wohl für das Gros der Leute hier zu sperrig und zu dicht. Ein Duft für Liebhaber!
Ein sehr schön ausgebauter und fairer Kommentar! Die schier endlosen Neuveröffentlichungen einiger Artisan-Marken, gleichzeitig aber auch die Limitierungen (sicher auch durch die teils seltenen Rohstoffe), nehmen mir hier und da zwar etwas den Reiz, spannend liest sich dieser wohl etwas diffizile, insgesamt aber sehr gelungene Duft in jedem Fall!
Danke dir. Es fällt langsam wirklich schwer, den Überblick zu behalten, so sehr scheint der Markt mit teils neuem überschwemmt zu sein. Gelungen ist er allemal - in meinen Augen.
Eine Welt in der ich mich gern zurecht finden will. Grandiose Auseinandersetzung, gefühlt mit jedem noch so winzigen Duftmolekül. Macht Lust zu Testen....
Schön, dass du dabei warst. Und vielen Dank für die anerkennenden Worte. Manchmal steht alles - inkl. der Zeit - still. Manche Düfte rufen tolle Bilder hervor.
mal wieder eiskalt serviert von dir 😅
Gefühle scheint er bei dir ja nicht zu
erwecken, klingt aber testenswert
schön das du noch einen ergattern konntest
Ein Vulkanier-Gericht. Meine Gefühle leben in der kühlen Distanz zum Objekt (auf). Bin nicht so leicht zu begeistern, der hier trifft mein Koordinatensystem aber schon.
Aaahh, die Referenzen lesen sich schon verdammt gut, dennoch finde auch ich mich in vielen Deiner wirklich treffenden Reflexionen zum Artisan Indiemarkt wieder.. und zur stetigen Herausforderung, der Faszination daran. Jinx gehört für mich definitiv zu den beachtenswerten "Neuen". Danke für diese fantastische Rezension.
War mir klar, dass der (bei dir) verfängt, lieber @Floyd. Problem ist, man kommt so schwer an den Juice. Und für den schmalen Taler ist da ohnehin nichts zu holen. Ich würde mir wünschen, dass der strenge Limitierungswahn durchbrochen wird.
Ich habe mal einen indischen Möbelhändler besuchen dürfen. Deiner Beschreibung nach dürfte meine damalige Dufterfahrung antiker,schwerer und von Gewürzen imprägnierter Möbel recht nah an das Duftprofil hier kommen.
Riechen ja, tragen eher weniger.
Wieder herrlich differenziert geschrieben.
Versteh ich, lieber Axio. Ich denke, dass diese Art von Düften auch eher für den persönlichen Gebrauch geschaffen sind, um sie ganz für sich zu erschließen. Scheidet als "all day long" Duft aus da zu speziell und auch viel zu teuer.
In einer spaßbefreiten Holzwoge würde ich ja immer Platz nehmen! Bei diesen Marken und den ganzen neuen Veröffentlichungen bin ich zum Glück immun und muss mir über die Preise keine Gedanken machen...
Ich wünschte, ich könnte es ausklammern, mein Lieber. Es gelingt mir leider nicht durchweg. Manche Duftwelt lässt sich leider nur kostspielig erschließen. Dem Geldbeutel tut das leider nie gut.
Als Liebhaber solcher Düfte würde ich mich nicht bezeichnen, aber die von Dir schön beschriebene antike Holzmobiliar-Atmosphäre verführt mich dann doch, denn so etwas mag ich sehr! Dazu Gewürze satt und der Duft hat meine Gunst! Toll geschriebene Rezension!
Hab vielen Dank, weiß deine anerkennenden Wort - wie immer - sehr zu schätzen, lieber @Ponticus. Es ist auch ganz meine Atmosphäre, sie hat etwas melancholisch vertrautes und zugleich behagliches; das mag ich einfach.
Schön mal wieder was von dir zu lesen, und dazu noch zu einer sehr diskussionswürdigen Marke. Dass im ersten Satz bereits das Wort Gier fällt, wundert mich bei Jinx Preisen ehrlich gesagt kaum (28/ml für einen größtenteils Sandelduft). ;D Das nimmt Ensar-ähnliche Züge bei ihm an, was aber auch nicht verwundert, da sie in direkten Kontakt zueinander stehen. Wenn wir schon bei Ensar sind : Der Flakon & Name hier scheinen mir auch recht offensichtlich von ihm inspiriert… Ich persönlich hatte jedenfalls mit der Marke bisher leider keine guten (synthetischen & menschlichen) Erfahrungen, und das künstliche Scalping & FOMO macht es neben der exklusiven Patreon-Zugänglichkeit vieler Düfte, die trotz FOMO-Taktiken kontinuierlich wie am Fließband von ihm produziert werden auch nicht sonderlich besser. Er kauft die meisten seiner Rohstoffe in Wahrheit wie viele andere in großen Mengen zu Wholesale-Preisen ein um auf lange Sicht Kosten zu sparen & Gewinne zu maximieren. Seine hinter einer…
Harter Tobak! Sollte eigentlich zum guten Ton gehören, in dieser Weise nicht über die Konkurrenz zu sprechen. Vor allem wenn man selbst u.a. Aroma Chemicals verwendet! Seltsam. Andererseits sind mir die Hintergründe nicht bekannt, kann mir daher kein vollumfängliches Urteil zu erlauben. Die Szene ist schon sehr eitel, so viel ist sicher, mitunter auch harsch, wenn es um Deutungshoheit und Marktanteile geht. Den Rest übernehmen die übereifrigen Fans auf beiden Seiten, die sich gegenseitig nahezu alles absprechen und dabei verkennen, dass Wahrnehmungen sowohl Privileg als auch Pein sind und stets nur singuläre Erfahrungsräume beschreiben, die keinesfalls Intersubjektivität für sich beanspruchen können. Trotzdem bekämpfen sich die Lager teils mit unlauteren Mitteln. Schade eigentlich…
Zeit und Muße, wie sollte es auch anders bei mir sein. Danke! So ganz warm bin ich mit ihr ehrlicherweise auch noch nicht geworden. Die bislang von mir getesteten Werke waren mir nichts, lag größtenteils an deren Ausrichtung und Zusammensetzung. Das hier ist der erste, wo ich sage: passt - auch qualitativ! Zumal hier eine Richtung eingeschlagen wird, die mir sehr zusagt und - gefühlt - eher seltener aufzufinden ist. Zur FOMO-Krankheit gehören immer zwei. Ist auch kein von mir bevorzugtes Geschäftsmodell - da elitär und selten ausreichend begründet. Aber der Weg scheint immer mehr in diese Richtung zu führen, leider. Die optische Parallele zu Ensar (Glasflakon) kann man in diesem Fall ziehen, auch das man zuweilen eckige, statt runde Verschlusskappen erhält. Gilt aber weniger fürs packaging. Das ist in Relation zum Preis und selbst im Vergleich zu Ensar etwas dürftig. Wichtiger bleibt aber der Juice, und der überzeugt mich.
…Paywall versteckten Synthetik-Vorwürfe an die letzte ALD-Kollektion fand ich außerdem auch sehr bedenkenswert, da er ein direkter Konkurrent im Artisanmarkt ist. Nichtsdestotrotz scheint der hier ordentlich bei dir zu punkten, was mich erfreut. Hier wurden wohl derbe Elemente gekonnt vereint & abgerundet. Ohne Glättung gäbe es natürlich mehr Punkte von dir. ;) Gerne gelesen !
mit der antiken Holzmobiliar-Atmosphäre hast Du mich jetzt gleich mal neugierig gemacht und Deine bedachte Analyse zum status-quo ist obendrein sehr erfrischend! Merci!
Sehr schön, das freut mich, lieber @Intersport. Eine Holzmobiliar-Atmosphäre verfängt so wundervoll (leicht), da ein jeder sofort ein sehr konkretes Bild im Kopf hat.
Erstmal: Herzlichen Glückwunsch zu Tigerwood Antique. ☺️
Die edle Holzkiste symbolisiert deinen Jahresabschluss.Ein sperriger Geruch,welcher nicht gefällig sein möchte ist mir sympathisch.Du weißt ja,dass ich deine analytische Art zu schreiben sehr wertschätze.Hier geht's ordentlich ans Eingemachte.Hatte Jinx nach Roxo schon abgeschrieben gehabt. :-)
Lass die Flammenzungen öftermal aus der Kiste,ich weiß : es lohnt.
Deine Nase trügt NIE.
Mermaid, du weißt, wie kaum ein anderer hier, wie es um mich bestellt ist. Halt etwas sperrig und eigen wie sein Träger. Ein tiefgründiger Jahresabschluss. Ich werde mich bemühen, die Tastaturanschläge wieder etwas zu erhöhen, doch was mir häufig fehlt, ist die Zeit und zwanglose Muße. Ja, "Roxo" war nichts. Dazu gesellen sich leider noch ein paar weitere der Marke. Aber der hier reißt es raus!
Ganz herzlichen Dank für diese systematische und gleichzeitig lebensnahe Auseinandersetzung. Und darüber hinaus klingt der Duft für mich ganz grossartig!
Deine Rezensionen gefallen mir auch deshalb so gut, weil es keine distanzlosen Lobeshymnen sind, sonder differenziert hingeschaut wird. Darüber hinaus ist das hier eine enorm detaillierte Dechiffrierung (Dekonstruktion?) dieses offenbar spannenden Duftes (im Inneren einer Holztruhe etc.).
Danke lieber @Yatagan. Immer eine Freude, von dir zu lesen. Ich bemühe mich stetig, eine gewisse Distanz zu wahren, was der Sache, so denke ich, nur dienlich sein kann. Eine interessante Holztruhe.
Gefühle scheint er bei dir ja nicht zu
erwecken, klingt aber testenswert
schön das du noch einen ergattern konntest
Riechen ja, tragen eher weniger.
Wieder herrlich differenziert geschrieben.
Die edle Holzkiste symbolisiert deinen Jahresabschluss.Ein sperriger Geruch,welcher nicht gefällig sein möchte ist mir sympathisch.Du weißt ja,dass ich deine analytische Art zu schreiben sehr wertschätze.Hier geht's ordentlich ans Eingemachte.Hatte Jinx nach Roxo schon abgeschrieben gehabt. :-)
Lass die Flammenzungen öftermal aus der Kiste,ich weiß : es lohnt.
Deine Nase trügt NIE.