GoldGolds Parfumkommentare

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29.11.2019 05:35 Uhr
44 Auszeichnungen
Leila Hatami ist eine preisgekrönte Schauspielerin aus dem Iran (2011: Nader und Simin, Biennale), die ständig Drahtseilakte vollbringen muss.
2014 begrüßte sie in Cannes Kollegen mit Küsschen à la française und zog sich prompt den Groll der offiziellen Politiker im Iran zu. Leider glauben diese verknöcherten Sittenwächter, dass nur sie darüber zu entscheiden haben, was sich für eine Frau gehört und was nicht.
Wer die herausragenden Autorenfilme des iranischen Kinos kennt, dem ist Leila Hatami sicherlich schon begegnet.
Gerade weil iranische Schauspielerinnen aufgrund der Kleiderregeln weniger plakativ in Szene gesetzt werden können, ist die Mimik so wichtig. Der Fokus liegt stets auf dem Gesichtsausdruck.
Hier erweist sich Hatami grundsätzlich als Meisterin ihres Faches. Sie kann spielen... Wow!
Aber kann sie auch Düfte?
Um einen Duft zu kreieren, braucht man natürlich eine Firma im Hintergrund, außerdem Parfumeure, keine Schauspieler.
Kurz nach der Unterzeichnung des Atomabkommens mit dem Iran herrschte im Land eine erfreuliche Aufbruchstimmung. In diesem Kontext entstand die Idee zur Zusammenarbeit mit einer französischen Firma und Robertet, die Leila Hatami als Gesicht für zwei neue Düfte mit ins Boot holten.
Es gab noch viele andere Einfälle für solche Kooperationen - doch -

enter Trump... and you all know the result of the story.

Die Téhéran - Düfte sind quasi ein Relikt der Aufbruchsphase.
(Übrigens erschien mir der Herrenduft beim Testen im Oktober in der Parfümerie Safir in Tehran sehr gelungen, toll würzig und aromatisch.)
Den Damenduft habe ich sofort gekauft, da ich ein Mitbringsel wollte, das mich an meine faszinierende Reise in das Land meines Vaters erinnert.
Der Iran besitzt im Gegensatz zu den arabischen Ländern, die politisch mit ihm verfeindet sind, keine nennenswerte Parfumindustrie.
Es existieren nur sehr wenige eigene Produkte, obwohl es eine fantastische Rosenöl - Herstellung gibt und Rosenwasser ein Bestandteil vieler persischer Speisen ist.
Um so schöner wäre ja eine Zusammenarbeit mit Frankreich etc. gewesen... aber...- es hat nicht sollen sein.
Daher habe ich mich gefreut, Leila Hatamis Parfum im Land selbst kaufen zu können.
Ich möchte jetzt nicht weiter auf die politische Situation im Iran eingehen, auch nicht auf die Abschaltung des Internets im gesamten Land (letzte Woche!) die brutale Ermordung von Demonstranten auf der Straße...

ja, es ist hart und gefährlich, in dem Land zu leben.
Die Leute verzweifeln. Es ist dramatisch.

Aber das Regime erlaubt Ablenkung... und nichts scheinen iranische Frauen lieber zu tun als über Schönheit, Mode und auch über Parfums zu sprechen. Nirgendwo auf der Welt wird so viel Geld für Kosmetik ausgegeben wie im Iran.
Der Islam erlaubt es den Frauen ausdrücklich, sich für ihre Ehemänner herzurichten... sich herauszuputzen, sich zu parfümieren.
Sie sollen das sogar tun.
Kein sinnenfeindliches Verbannen eines opulenten französischen Parfums in die hinterste Schublade (wie zum Beispiel in protestantischen norddeutschen Städten im Jahre 1952) ist hier angesagt, sondern eine ganz klare, starke Duftbotschaft.
Leila Hatamis Eau de Parfum ist daher kräftig und erinnerte mich zunächst an die großen Blockbuster der letzten Jahre, zum Beispiel an La Vie est belle und Flowerbomb.
Dies sind jetzt so gar nicht meine Lieblinge... also war ich erstmal enttäuscht.
Wenn der Duft sich aber nach einer Weile gesetzt hat, kommt eine starke Patchouli-Note heraus, die gekonnt mit einem Gourmand-Touch und mit einer Eichenmoos-Basis (mag ich sehr!!!) abgemischt wurde. Die Blüten und Früchte treten in den Hintergrund, der Duft wird klassischer. Man spürt die Handschrift der französischen Entwickler von Robertet.
100 ml konnte ich für umgerechnet 32 Euro erwerben. Doch da die Inflation ständig wächst, dürfte der Preis schon wieder veraltet sein. (Man kann den Duft aber auch online in Frankreich bestellen!)
Eine Lehrerin verdient im Iran übrigens circa 250 Euro im Monat.
Leila Hatamis Duft wird gerne gekauft, ich habe mich erkundigt.
Die Schauspielerin verkörpert die Sehnsucht nach einem normalen Leben in Freiheit. Sie ist eine emanzipierte Frau, die trotz der Widerstände, die sich immer wieder von Seiten des Regimes ergeben, durchsetzt und sich nicht dafür entschuldigt hat, in Cannes vor laufender Kamera einfach das zu tun, was ihr normal erschien, nämlich einem Kollegen ein Küsschen auf die Wange zu drücken.
Wer Leilas Téhéran trägt, sprüht vielleicht ein bisschen Hoffnung in die Welt...


14.11.2019 01:11 Uhr
29 Auszeichnungen
Wild durcheinander schreiben, das war bestimmt nicht Hafez' Ding, auch nicht Goethes Stil.

Rituals wirft jedes Jahr Namen auf den Markt, oder sind es Düfte?
BildungsbürgerInnen zeigen dann, dass sie Bescheid wissen, ich natürlich wieder an vorderster Front mit dabei.

Wie lächerlich, sich dazu berufen zu fühlen, alles zu kommentieren, was mit Persien zu tun hat, so als ob " all things Iranian" automatisch auf meinen Senf warten würden.

Die Verkäuferin hat aber ihre Hausaufgaben gemacht, denke ich, naja, offensichtlich ist sie eine Aushilfe, Studentin, Germanistik im 7.Semester, Öst-Westlicher Diwan stand schon auf dem Programm.
Shiraz kann sie verorten, Rituals hat es ja alles top in der Broschüre erklärt.

Es freut mich, dass ich im Werbetext eine so romantische Beschreibung eines persischen Gartens lese. Einen Spaziergang durch einen duftenden Hain ... wer möchte den nicht unternehmen?

Ich sprühe mal schnell und bin nicht dort.

Ich war auch noch nie dort. Die Stadt Shiraz ist im Süden, acht Stunden entfernt von Teheran.
Man kann ja nicht alles schaffen, sage ich mir. Nächstes Mal vielleicht.

Kashan habe ich besucht, das ist das Zentrum der iranischen Rosenproduktion...

ein französischer Duft, der eher der Nische zuzuschlagen ist als dem Mainstream heißt "Kashan Rose" und hat mich auch noch nie berührt.

Mr. Partoo, der Parfumspezialist aus Esfahan, erzählte mir, dass Rosensoliflores gar nicht beliebt seien im Iran.
Wer nach Rosen duften will, greift zu den überall erhältlichen Ölen oder Rosen-Wasser.
"Von einem Parfum erwarte ich mehr als die Abbildung einer Rose", sagte mir auch meine Cousine, deren Lieblingsduft seit Jahren "Obsession" von Calvin Klein ist.

Warum ich zufällig in Teheran einen Mann kennengelernt habe, der mich fragte, ob mir die französische Stadt Grasse ein Begriff sei, weiß ich nicht...
aber wahrscheinlich war es mal wieder eine glückliche Fügung.
Passiert.
Maziar war 2016 als Dolmetscher mit einer iranischen Delegation in Grasse, um einen Vertrag über ein franco-iranisches Parfumgeschäft abzuschließen.
Doch es kam nie zur Ausführung.
Trump kam.

Die Holländer zumindest besetzen Shiraz positiv. Sie verkaufen ein freundliches Rosendüftchen als Ritual. Im Ritual-Geschäft.
Nein, es riecht nicht nach Gewürzen, es ist nicht "Isphahan" von Yves Rocher oder "Opium" von Yves Saint Laurent.
Es handelt sich auch nicht um einen "Attar" , also ein schweres Duftöl aus Arabien.

Denn aufgepasst, arabische Parfums sind eine völlig andere Baustelle. Sie haben nichts mit diesem leichten Rosenduft zu tun und auch politisch...
nein, das lasse ich jetzt.
Wer sich mit dem Thema beschäftigen will, liest bei Michael Lüders weiter.

Der Rhabarber ist aber doch ziemlich unpassend... ok, ich kann diese Note nicht ausstehen. Würde den Duft ohne diese grünlich- saure Komponente wahrscheinlich besser finden.
Hat Goethe mal etwas über Rhabarber geschrieben?
Auf jeden Fall wollte er Persisch lernen, um Hafez im Original zu lesen.

Hafez' Gedichte werden regelmäßig an dessen Grab in Shiraz rezitiert.
Die Trendscouts von Rituals waren vielleicht mal dabei.
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Ich finde die Idee gut, eine persische Stadt auszuwählen, um einen angenehmen Allerwelts-Rosenduft zu verkaufen.
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Der Bush war es doch, der den Iran einen Schurkenstaat nannte...
streicht diesen Satz.

Ich lasse ihn doch stehen, denn ich werde diesen Text nicht redigieren.

Das sind doch auch nur meine persönlichen Gedanken zu dem Produkt.
Klischees und Rituale.

Hier gut aufgehoben.

Habe mir in Nordtheran in der Parfümerie einen Duft gekauft, der nicht gelistet ist (vielleicht hat ja jemand Bock, ihn einzureichen, er heißt "Téhéran" und ist von Leila Hatami.)
Leila Hatami kennt man aus vielen guten iranischen Spielfilmen, z. B. aus "Nader und Simin, eine Trennung."
"Téhéran Eau de Parfum" wird in Frankreich hergestellt und exklusiv im Iran verkauft. Es ist ein feiner, eleganter, zurückhaltender Duft. Think Chanel, nicht Al Haramain.

Es gibt offenbar keine eigene, nennenswerte Parfumindustrie im Land.
Schade.

Dafür aber hat fast jedes teure Label ein Ladendepot in Teheran, selten sah ich so viele noble Marken auf einem Haufen.

Spaltung der Gesellschaft, hüben wie drüben.
Ach kommt,
Rituals sind doch ziemlich sympathisch.
Der Tee ist aus biologischem Anbau, die Basis des Shiraz - Parfums riecht nicht nach Cashmeran.

Man muss nicht wissen, wer Hafez war und dass die Rose Mohammeds Lieblingsblume war, daher auch den Beinamen "gol Mohamadi" trägt.

Aber natürlich schadet es auch nicht.

Ich bin für dieses Jahr mit meinem persönlichen Iran - Projekt durch.
Shiraz zu besuchen, steht noch auf meiner Bucket - List, aber da stehen auch noch Vancouver und Reykjavik, Lima und Augsburg.

Der Ritualsduft ist nun doch schnell abgehakt.

Falls noch irgend'ne Firma Vorschläge für einen orientalisch klingenden Parfumnamen benötigt, bitte bei mir melden.
Ich kaufe außerdem jeden Mist, wenn nur irgendwie etwas halbwegs persisch Anmutendes draufsteht auf der Pulle. Schließlich sammele ich...

und habe diese Sehnsucht in mir.

Mein Vorname heißt übrigens "Morgentau", wenn man ihn ins Deutsche übersetzt.


30.09.2019 00:18 Uhr
16 Auszeichnungen
Leconte de Lisles romantisches Gedicht "Les roses d'Ispahan" könnte als Inspiration für diesen üppigen, süßen Rosenduft gedient haben.
Anders als der Vorgänger "Ispahan", der 1977 heraus kam und den ich immer in einer Linie mit "Opium" gesehen habe, handelt es sich bei "Rose Ispahan" (1997) nicht um einen würzigen Orientalen, sondern um einen leicht fruchtigen, von dezenten Gourmand-Tönen untermalten Rosenstrauß, der eine konfektartige Süße aufweist, welche normalerweise nicht meinem Parfumgeschmack entspricht, die aber hier so clever eingebaut wurde, dass sie nicht zu kitschig wirkt.
Kitschig wäre es allerdings jetzt, wenn ich verraten würde, warum ich den Duft vor kurzem bei Ebay ersteigert habe und was ich mit ihm vorhabe.
Ich entschuldige mich für diesen relativ kurzen Kommentar und verspreche, Euch in einigen Wochen ein ausdrucksstarkes Foto von diesem schönen Parfum zu zeigen. Manchmal sagt ein Bild doch mehr als 1000 Worte.
In diesem Sinne,
au revoir et à bientôt !


Update:
Habe meine Fotos an Originalschauplätzen in Esfahan gemacht und das Parfum in der Stadt gelassen.
Es befindet sich jetzt bei meiner Cousine, die es noch niemals vorher gesehen, geschweige denn gerochen hatte. Ihre Parfums kauft sie seit ihrer Jugend bei Herrn Partoo in dessen kleiner, aber extrem gut sortierter Parfümerie in Esfahan. Yves Rocher hat ja stets eigene Vertriebsweg gehabt und nicht in normalen Parfümerien verkauft, daher führt Herr Partoo YR nicht.
Wahrscheinlich wäre der starke, süße Rosenduft auch kein Bestseller im Iran geworden, denn die Rose ist dort als Parfumkomponente zwar bekannt, als Soliflore aber nicht beliebt.
"Wenn ich nach Rose duften will, kann ich auch persisches Rosenöl kaufen oder mich mit Rosenwasser abreiben", sagen mir alle meine Freundinnen und Verwandten. Für sie ist ein Rosenparfum gar nicht faszinierend und außerdem stets mit religiösen Praktiken verbunden.
Wer Rose trägt, schmückt sich nämlich mit Mohammeds Lieblingsblume.

Dennoch ist Rose Ispahan jetzt bei meiner Cousine Madookht ("Tochter des Monds") sehr gut aufgehoben.
Ein kleines Zeichen der Verbundenheit Europas mit den fortschrittlichen Kräften eines sehr nach Freiheit lechzenden Landes.


23.09.2019 14:38 Uhr
24 Auszeichnungen
Die Parfümeurin Fanny Bal war mir bis dato noch kein Begriff, IFF allerdings schon.
Die Abkürzung steht für "International Flavors&Fragrances", einen der führenden Parfumproduzenten der Welt mit Sitz in New York.
Weltweit hat die Firma circa. 6000 Mitarbeiter, Symrise (ehemals Haarmann&Reimer in Holzminden) sind aber wohl noch größer. Mich wundert, daß die Kölner bei IFF angeklopft haben, um dieses neue EdC "Intense" zu kreieren, aber war nicht auch die große Sophia Grosjman (Yvresse, Paris, Spellbound,Trésor....) jahrelang für IFF tätig, oder Nathalie Lorson (Wish, Folie Douce...) oder Jean-Claude Deville (Cabotine, Wings...) ?
Man möchte eben hoch hinaus und viel verkaufen. Das ist absolut legitim.

Mich würde allerdings sehr interessieren, welches "Briefing" IFF aus Köln erhalten hat.
Wahrscheinlich wurde der Parfumeurin gesagt, sie solle den ultimativ frischen Duft kreieren, der an die Klarheit der Luft des Himalayas erinnert. Reinheit, Weite, Eis. Keine schlechten Assoziationen.

Wenn man bedenkt, daß Jacques Cavallier bei der Erschaffung des ersten Issey Miyake-Dufts die Anweisung bekam, ein nach frischem Wasser riechendes Produkt zu entwickeln, dann kann man sich vorstellen, wie schwierig es mitunter ist, Kundenwünsche umzusetzen.
Nicht umsonst erwähne ich hier den berühmten "L'Eau d'Issey"-Duft, da er zum Prototypen geworden ist. Auch "Pure Breeze" kommt nicht an ihm vorbei, denn "Pure Breeze of Himalaya" bewegt sich zwischen den Polen eines Acquaten und den zitrisch-holzigen Aspekten eines typischen Eau de Colognes. Die Haftfestigkeit des Dufts ist übrigens sehr gut, auch nach Stunden kann man ihn noch wahrnehmen. "Intense" trifft hier zu.

Wahrscheinlich stand der Name eher fest als der Duft selbst (Stichwort "Briefing"). Was lag da näher, als eine chemische Duftverbindung zu wählen, die mittlerweile in der modernen Aromaküche der Parfumhersteller als "Luftakkord" bezeichnet wird?
Nun bin ich leider keine Chemikerin und beileibe keine geschulte Parfümeurin. Der sogenannte "Luft-Akkord" begegnete mir jedoch in letzter Zeit schon öfter. Parfumo listet 266 Düfte mit einem "Luftakkord", z.B. "Glacier" oder "Bleu von Lacoste" oder "Swiss Army Mountain Water."

Duftstoffe sind natürlich Massenprodukte und werden auch zuhauf in Haushaltsartikeln verwendet, vom Geschirrspülmittel bis zum Toilettenreiniger. Aus denselben Stoffen werden oft auch Aromen für Lebensmittel hergestellt, allerdings kann ich mir keinen Joghurt vorstellen ,der nach "Luftakkord" schmeckt, Duschgels oder Bodenreiniger gibt es aber bereits, die sehr aquatisch-frisch riechen. Daher erinnert der neue "Pure Breeze of Himalaya" einige User hier auch sofort an ein Putzmittel.
Mir fiel an dem EdC vor allem seine Duschgel-Frische auf, die mich am Freitag im Laden sofort ansprach.
Dies war wohl der besonderen Tatsache geschuldet, daß wir letzte Woche ein neues Badezimmer bekommen haben und ich nicht täglich duschen konnte. Meine letzte Dusche war also schon 48 h her, als ich "Pure Breeze of Himalaya" testete und ich sehnte mich nach Sauberkeit!
Hier wurde sie mir ganz unkompliziert in der Form eines EdCS angeboten, außerdem gab es in meiner Stammparfümerie in unserer kleinen Stadt gerade mal wieder "20% auf alles" - so schlug ich zu.

Doch mein zunächst positiver klingendes Statement (verfaßt am Abend des Kaufs) habe ich heute wieder modifiziert. Nach einem Besuch im Schwimmbad mit der Möglichkeit zur umfassenden Ganzkörper-Erfrischung habe ich "Pure Breeze of Himalaya" am Wochenende weiterhin geteste, um den Duft heute morgen auf unserem Gäste-WC abzustellen. Denn da gehört er hin, perfekt dazu geeignet, müde Zeitgenossen zu erfrischen und "totally unisex".

Einen individuellen, speziellen "Kölner Stil" vermag ich nicht zu erkennen. Auch keine persönliche Handschrift von Fanny Bal.
So ist der neue Duft "from Cologne" auch nur das Produkt einer riesigen Firma mit weltweiten Niederlassungen. Nicht zufällig wurde der englische Name gewählt. "Frische Brise aus dem Himalaya" würde ja auch ziemlich stark an einen bekannten "Air-Freshener" erinnern. Oder soll dat sogar?


13.09.2019 03:39 Uhr
27 Auszeichnungen
War es wirklich eine gute Idee, sich diesen Jubiläumsduft von Patricia de Nicolaï (im weiteren Verlauf PdN genannt) blind zu bestellen?
Mit "Baïkal Leather Intense" feiert die große Parfümeurin diesen Monat ihr 30. Firmenjubiläum. Da ich seit Beginn des Jahrtausends zu ihren Bewunderern zähle und außerdem Lederdüfte liebe, darüber hinaus sogar schon mal am Baikalsee gewesen bin (kleine persönliche Sentimentalität am Rande) dachte ich mir, dass ich kein Risiko eingehen würde und bestellte mir 30 ml für 59 Euro ( plus 16 Euro Versand aus Paris - warum eigentlich so teuer?) nach Hause.

Seit Stunden begleitet mich nun der neue PdN-Duft, morgens aufgesprüht, mittags aufgefrischt, abends nochmal gesprüht, jetzt zu nachtschlafender Zeit weiterhin auf meiner Haut.
Meine Tochter und mein Partner sind natürlich auf "olfaktorischem Gebiet" (zu anderen Lebensbereichen schweige ich jetzt besser) sehr viel von mir gewohnt und äußern sich gerne zu meinen Parfums.
In diesem speziellen Fall konnte meine Tochter (17! Ja, ich bin schon stolz auf sie...) sogar Vergleiche zu einem PdN-Duft ziehen, den sie mal getragen, dann aber an mich zurück gegeben hat, weil er ihr zu stark war (PdNs "Patchouli Intense" ).
Ihre Reaktion auf den Neuen: "Intense stelle ich mir anders vor. Riecht nicht so nach PdN." "Ja, ganz okay, aber wo ist das Leder?"

Der Mann an meiner Seite nahm den neuen PdN wesentlich positiver zur Kenntnis. Gleich zur Begrüßung meinte er: "Hmm, du riechst aber heute besonders gut."

Immerhin! (Er könnte mir den Duft also abnehmen).

Denn ich selbst bin ziemlich enttäuscht.
Ach, was sage ich, ich bin geschockt.
Dieser Duft entspricht meinen Erwartungen überhaupt nicht.
Die Cracks hier unter Euch kennen natürlich die ganze Palette an Lederdüften... ich muss Euch nicht langweilen mit Vergleichen, angefangen mit Cuir de Russie über Bandit bis zu Juri Gutsatz oder Tom Ford bis zu Produkten von Rossmann.
Aber vielleicht hat sogar der Rammstein - Duft mehr Lederanklänge als dieses Produkt einer unabhängigen französischen Nischenmarke.
Und was ist eigentlich mit den Guerlain - Genen in PdNs Nase passiert? Davon will ich erst gar nicht sprechen.

Also, was hat sich Madame de Nicolaï dabei gedacht, einen so zahmen, angepassten Duft zu ihrem Jubiläum herauszubringen und diesen dann auch noch "Baïkal Leather Intense" zu nennen? Ja, es gibt eine PdN -Facebook - Seite in russischer Sprache, aber setzt die Firma wirklich so stark auf Kunden aus der Russischen Föderation? Oder auf alte Fans wie mich, die in der Hoffnung auf einen spannenden Lederduft zugreifen?

Zu Beginn hoffte ich ja wirklich noch, war sehr positiv gestimmt, denn die Kopfnote ist frisch, explodiert förmlich, macht Spaß.
Safran kann ich übrigens absolut nicht wahrnehmen, soll angeblich in der Kopfnote enthalten sein. Dafür viel Grünes, eine angenehme Frische.

Dann kommt... kein Leder.
Es folgen sanfte Töne, so als ob einer Sängerin nach einem Lauf vom hohen C herunter die Stimme versagt hätte.
Sie ist kein strahlender Sopran mehr, sondern haucht sich in der Mittellage irgendwie heiser und verhuscht einen ab. Man möchte ihr ein Mikro zuwerfen, aber nun merkt man, dass die Musik sich bereits auf einem angenehm daherplätschelnden "Muzac-Level" eingependelt hat, diesem musikalischen Grundrauschen eines durchschnittlichen Shoppingcenters.
Welche Blumen dafür jetzt verantwortlich gemacht werden müssen - mir ist das ziemlich egal, Euch hoffentlich auch. Angeblich Rose, Veilchen und Iris. Die üblichen Verdächtigen eben.

Nach einer Stunde folgt der komplette Absturz des Duftes in die Beliebigkeit eines generischen Männerdufts neuerer Machart. PdN benutzt offenbar kein Ambroxan, aber viel Moschus und Tonkabohne. Das ist ganz nett, aber wenn ich einen süßlichen Herrenduft in der Art suche, kann ich im Mainstream weit Besseres finden.
Am Baikalsee garantiert auch, ich erinnere mich an einen kleinen Ort, Listwjanka, dort gab es einen Laden, der einige typische Düfte führte, z. B. "Russian Forest". Für drei Euro zu bekommen. Oder man greift zu einer Kopie aus China, zum Beispiel zu "12 Million" oder "La Nuit d'Yves".
Vom Ufer des Baikalsee aus kann man übrigens bei gutem Wetter die Mongolei sehen...
Der Baïkal steht weltweit exemplarisch für eine Vielzahl an endemischen Tieren und Pflanzen, deren Existenz bedroht ist.
PdN stand mal für eine innovative und geschmackvolle französische Parfumkunst... deren Existenz offensichtlich ebenfalls bedroht ist.
Da hat Madame de Nicolaï wahrhaftig selbst eine tolle Analogie geliefert mit ihrer Namensgebung.

Well, those were the days...
Ich rufe PdN ein wehmütiges "Adieu" zu und krame meine alte Pulle "Sacrebleu" heraus.


28.08.2019 01:08 Uhr
45 Auszeichnungen
"My Empire, my rules", das sagt Number 45 in abgewandelter Form auch gerne. Weltreich-Träume und Prinzessinnen - Fantasien werden hier von der Marke Paco Rabanne aus dem Hause Puig hervorragend bedient. Der rosafarbene Flakon besitzt einen so hohen Trash-Faktor, dass Barbie und Ken ihn sich garantiert gerne in ihrem Plastikpalast ins Gäste - WC stellen würden. Zu Heidi und ihrem Schlagzeuger würde das Styling auch gut passen.

Das kann man doch mittlerweile alles gar nicht mehr ernsthaft "kulturkritisch" betrachten, oder?
Wenn ein verkopfter Inti-Duft für Vernissage - Dauergäste und wahre Nischenexperten (zu denen ich wahrlich nicht zähle) 200 Euro kostet und in einer puristischen Flasche aus recyceltem Glas aus dem Kosovo präsentiert wird, dann stößt sich niemand daran. Im Gegenteil. Rare distribution etc. Wenn dann der Inhalt auch noch weitgehend "natürlich" ist, mit ökologisch angebauten Rosen vom Hindukusch und Jasmin aus Idlib, garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt, ja, dann hat das "Eau des larmes d'un enfant abandonné à l'extrême" (nennen wir es der Einfachheit halber so) durchaus gute Chancen, sehr, sehr hochgehypt zu werden.
Lady Million Empire braucht solche Verrenkungen nicht zu vollziehen. Der Name Lady Million ist etabliert und spricht die Masse an, besonders junge Frauen, die ständig ihre neusten Errungenschaften aus dem Bereich der Mode und Kosmetik posten und zu gerne "Influencer" wären, auch wenn es im real life nur ihre Clique ist, die sie mit ihren täglichen, mehrfachen Posts erreichen.

Der Parfummarkt ist heiß umkämpft, unzählige Neulancierungen warten monatlich, ja nahezu täglich auf Kunden und Kundinnen, die sich mit dem Kauf eines von der Allgemeinheit anerkannten Parfums ein Gefühl von sozialer Zugehörigkeit verschaffen möchten.
Der Erwerb eines Duftes wie Lady Million Empire erhöht den Status innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe.
Außerdem sind die Leute von Puig wirklich, wirklich clever. Sie haben durch ihre beständige und teure Marktforschung stets ihre Nasen am Puls der Zeit, checken ab, was angesagt ist und was eher nicht so läuft.
Denn Lady Million Empire riecht überhaupt nicht schlecht.
Im Gegenteil. Es ist ein supermoderner, nach allen Regeln des Marktes zusammengestelltes Parfum mit einem durchaus spannenden Duftverlauf. Die Kopfnote ist ausgeklügelte Duftchemie der Spitzenklasse. Frisch, ungestüm, neugierig machend. Gar nicht so quietschend oder blumig-fruchtig wie bei anderen Blockbustern üblich, sondern erfreulich und die Laune hebend wie ein Cocktail aus Cognac und rosa Champagner. Hört sich sehr seltsam an, funktioniert aber hier. Eine gewisse dessertartige Vanille - Gourmetnote bestimmt dann im Verlauf den Duft. Offenbar spielt hier auch ein künstliches Patchouli die Hauptrolle mit warmen, aber nicht zu dunklen Facetten. Der eingearbeitete Osmanthus wirkt edel (1000 von Patou enthält viel Osmanthus!) und überhaupt nicht trashig.
Ich muss zugeben, dass ich selbst Lady Empire nicht tragen würde, da ich ja ein langweiliger Klassikfan bin, der sich lieber mit Mitsouko einnebelt als mit dem neusten Paco Rabanne. Obwohl ich ja jetzt hier erwähnen möchte, dass ich damals, also in den berühmten 80's, wo ja angeblich alle Parfums besser und jedes zweite ein Meisterwerk darstellte, meinen absoluten Favoriten für's Leben gefunden habe, nämlich einen Duft von Paco Rabanne. Er heißt "La Nuit" und verursacht bei mir immer wieder Herzklopfen. Es war bzw. ist ein dunkler Rosenchypre mit einem angeblich "animalischen Touch". 1985 kam er heraus und war kein besonderer Verkaufsschlager...

Lady Million und das männliche Pendant sind seit Jahren die Cashcows von Paco Rabanne. Offenbar hat die Firma hier einen absoluten Nerv getroffen und bedient mit clever komponierten Parfums ihre meist jüngere Kundschaft.
Das neue Lady Million Empire könnte Puig dabei helfen, ihre Marktmacht weiter auszubauen. Angesichts der Tatsache, dass es sich um eine europäische Firma handelt, bin ich gar nicht so traurig darüber.
Wir leben in diesem kapitalistischen System und bewirken viel mit unseren Kaufentscheidungen. So wird plötzlich ein simpler Parfumkauf zu einem weiteichenderen Akt, der viel über meine Persönlichkeit und meine Lebenseinstellung aussagt.
Wir kaufen mit Düften komplexe Industrieprodukte, über deren Bezüge zu unserem Leben wir ruhig öfter auf verschiedenen Ebenen nachdenken sollten, nicht nur auf der rein olfaktorischen.
So. Genug geschwafelt... ich will nun die Gelegenheit nutzen, es am Ende doch noch rauszuhauen:
Leute, das Zeug riecht ziemlich geil.


18.07.2019 12:49 Uhr
17 Auszeichnungen
1985 lancierte Estee Lauder ihr blumig-strahlendes, damals als "Hochzeitsduft" vermarktetes Parfum "Beautiful".
Ein Meisterwerk, das genau jene Bedingung erfüllte, die der bedeutende Parfumeur Guy Robert für grundlegend hält : "Un parfum doit sentir bon".

2018 versuchte der neue Duft "Beautiful Belle" von Lauder offenbar, an das große Vorbild aus dem Jahre 85 anzuknüpfen.
"Beautiful Belle" (ich werde den Duft im weiteren Verlauf dieses kleinen Verisses nur noch BB nennen) ist jedoch weder "belle" noch "beautiful".
Hier war keine geniale Sophia Grosjman am Werk, sondern es müssen wohl irgendwelche Duftechniker gewesen sein, die sich an den Vorgaben der Marketingabteilung abgearbeitet haben.

So stelle ich mir ihre Überlegungen/
Brainstorming - Session vor:

"La vie est belle" ist ein Megaseller-
stop - good people, wir können auch Französisch, warum also nicht "Belle" für den Namen benutzen?
It might ring a bell with our costumers...
...
Braut und Blumen, immer wieder gerne genommen - dazu aktivieren wir die positiven Assoziationen, die der Klassiker "Beautiful" bei Kundinnen im Alter von 50 + auslöst!

- wir arbeiten mit dem Schwerpunkt "Moderne Neuinterpretation"!

Was bietet uns der Chemiebaukasten in diesem Kontext?

-Einen Chypre werden wir nicht konstruieren, denn dieses Genre spricht jüngere Konsumenten nicht an...

( und Eichenmoos ist ja ohnehin seit langer Zeit schon "raus".)

- künstliche Fruchtaromen in der Kopfnote ziehen gut... immer!!!

-Litschi! Splash!

-Dann Tuberose, Orangenblüte, mittlerweile Standard.

-Geht auch noch etwas Süße?

(- Zu gourmet - lästig oder lastig soll es nicht werden, denn das passt nicht zu einem "bridal scent".)

Techniker-Chemiker 2 schlägt "Marzipan - Moschus" vor.
( Der riecht zwar eher nach Weichspüler als nach echtem Marzipan, aber die Lieferanten der Aromachemikalien verkaufen dieses Molekül momentan sehr gut.)

Ambroxan!!!!!
Ambroxan big time!
Benötigt man natürlich für die Fixierung...
----ja, fast perfekt, we're getting there...
----
Aerin Lauder, der das neue Werk vorgeführt wird, fehlt jedoch noch etwas.

"Die Braut von 1885 war nicht so cool wie das Model, das 2018 die Werbung bestreiten soll".

Braucht der Duft noch einen kleinen "edgy Touch"?

-Wildleder. Wildleder, der kleine Kontrast zum Blümchenprogramm, okay, gönnen wir uns... ganz schön gewagt, nicht wahr?

"Aber bitte nicht too much. "

----
Herausgekommen ist ein mainstreamiger, komplett unspektakulärer Tagesduft mit einer erschreckenden Überdosis Ambroxan und einem riesigen Enttäuschungsporential.

Estee Lauder!
Das war für mich früher eine Marke, deren Düfte Meilensteine der Parfumgeschichte darstellten.
Youth Dew! Alliage ! White Linen!
You name it...

Aber 2018? BB. Beh, Beh.
Meh, Meh.

(Auf Fragrantica schrieb eine hellsichtige Userin aus den USA :" Wird floppen, landet bestimmt bei Tkmaxx."
Recht hatte sie. Ist dort schon angekommen. Ging schnell. 32€ aktuell in Köln).



27.05.2019 14:14 Uhr
10 Auszeichnungen
Was ist das überhaupt... eine Liebkosung? Ein Streicheln?
Ob in der Parfumwelt oder außerhalb, jede kleine Geste, jede Berührung kann aufgeladen sein mit Gefühlen und Assoziationen.
Ein Streicheln, also die bloße Vorstellung davon, kann eine sehr verführerische Sache für die potentielle Trägerin eines Parfums sein...
die Hand einer Person, die du liebst berührt sanft deine Haut,
der Wind streicht durch dein Haar,
deine Haut, ganz leicht bedeckt von den Küssen deines Liebsten...
Glückliche Kindheitserinnerungen,
dein Lieblingseis schmilzt in deinem Mund und streichelt sanft deinen Gaumen,
Sonne, die deine Haut kitzelt,
der Seidenschal, den du trägst und der deine Brust streichelt...


Ja, der Name eines Parfums kann viele Bilder evozieren, mehr als ein Foto selbst es vermag.

Und diese spezielle italienische Streicheleinheit?
Es ist zunächst mal ein starker, voluminös - charmanter Duft, blumig, romantisch, bezaubernd.
"Caress" respektiert sein italienisches Erbe, öffnet sich aber auch für Innovationen, zu merken an der leichten Ozonnote und den grünen Nuancen in der Kopfnote.

Du wirst dich ziemlich beglückt fühlen, wenn du zudem konstatierst, dass hier einige Parallelen zu "Chance" von Chanel vorliegen...
Daher stehen die Chancen dafür, dass du dich in diesen sehr preiswerten Duft verlieben könntest, gar nicht so schlecht...

Denn obwohl er so günstig ist, besitzt er eine sehr edle Opulenz aus Rose, Jasmin, Vanille, Moschus und Patchouli.

Für meinen Geschmack ist Genny eine hervorragende italienische Firma, die in ihren Parfums Sinnlichkeit und guten Geschmack vereint, italienische Eleganz gepaart mit " la dolce vita."

Die Marke wird leider nicht so hoch bewertet, obwohl sie uns Kostbarkeiten wie "Genny Classic" und diese herrliche Duftstreicheleinheit geschenkt hat. "Caress"ist warm und sexy... was kann man daran nicht mögen?


11.05.2019 21:09 Uhr
20 Auszeichnungen
Ja, ich gebe es zu, ich bin Namensfetischistin. Oder wie nennt man Leute, denen schon der Titel eines Parfums Lust macht, den Duft unbedingt zu testen? Pah, höre ich da manche antworten, "What's in a name?".
Es gibt sogar Parfums, die bewußt "Untitled" heißen oder sich nur mit einer Zahl schmücken... - das berühmteste Beispiel ist natürlich Chanel No. 5. Eine etablierte, weltberühmte Firma wie Chanel könnte sicherlich heute noch ein Parfum lancieren und es "Chanel No. 0.3" oder "Chanel No. 68" nennen und hätte Erfolg damit.

Was aber macht der Inhaber einer Designfirma im französischen Boulogne-Billancourt, ein gewisser Herr Thierry Lemahien, der die Ecole Supérieure de Design in den 80er Jahren abgeschlossen hat und vor vier, fünf Jahren auf der Suche nach einer neuen Business-Idee war? Er gründet ein Parfum-Label.
Leider kenne ich M. Lemahien nicht persönlich, sonst würde ich ihn fragen, warum er seine "Brand" ausgerechnet so genannt hat wie eine uralte persische Sportart, das "Chaugan", einen Vorläufer des Polo-Spiels. Mit dem Begriff "Chaugan" konnte selbst ich als Halbperserin nichts anfangen (nun, ich bin ohnehin nicht sportlich und interessiere mich höchstens für Fußball, hier besonders für Fortuna Düsseldorf... - aber lassen wir das).

Auf YouTube findet man ein Video, das in Mailand auf der Parfum-Messe aufgenommen wurde, in welchem M. Lemahien erklärt, was "Chaugan" bedeutet, welche Inspiration hinter seinen Parfums steckt ( d.h. Persien, die uralte Kultur und natürlich persische Märchenprinzesinnen!).
Merci, der Rahmen ist somit definiert.
Da ich Rosendüfte zwar mag, aber Prinzesinnen und das ganze unfaßbar redundante Klischee-Gebilde dahinter nicht (1000-und-eine-Nacht, Schehrazadeh, Isfahan, Sesam-Öffne-Dich etc.), sprach mich der Duft "Terre de Perse" mehr an als die anderen Parfums von Chaugan.
Doch was evoziert dieser Begriff "Persische Erde"?
Man stelle sich vor, ich käme auf den Gedanken, eine eigene Duftlinie zu entwerfen (Ideen hätte ich übrigens genug, nur mangelt es mir an Fachkenntnissen, bin ja keine Parfümeurin) und hätte ein Eau de Parfum im Portfolio, das "Terre allemande" hieße? Könnte ich nicht machen, ohne politisch in eine ganz üble Ecke eingeordnet zu werden. Aber abgesehen von diesem Gedankenspiel vermute ich, daß "Terre de Perse" ganz bewußt "Perse" heißt und nicht Iran. Der Designer aus Frankreich bezieht sich explizit auf die alte persische Kultur, nicht auf das seit 1979 bestehende Mullah-Regime.

So weckte M. Lehmahien also sofort mein Interesse. Der Namensfetischist in mir möchte unbedingt wissen, wie der Duft riecht. Vielleicht ist er ganz, ganz toll und könnte Eingang in meine Sammlung finden? Schließlich fühle ich eine sehr große emotionale Verbundenheit zum Heimatland meines Vaters. Wäre es nicht wunderbar, eine olfaktorische Umsetzung von "Persien" in einer Flasche zu besitzen?

Gandix, die den Duft schon getestet hatte, war so lieb, mir ihre Abfüllung zu schicken. (Vielen Dank dafür!).
Sie hat mich vor einem blind buy bewahrt, denn ich gebe zu... ja, es juckte mich schon in den Fingern.
Die Noten lasen sich sehr vielversprechend.
Zitrone in der Kopfnote, Pfeffer - ganz mein Ding.
Und wirklich, der Duft legt einen fulminanten Start hin. Nach dem Pfeffer folgen sehr schnell andere Gewürze, die ich auch sehr liebe, z.B. Kardamom, Ingwer, Zimt. Besonders Zimt und Kardamom sind wichtige Bestandteile der persischen Küche.
Ein Akkord aus Gartennelke und Magnolie läßt einen ganz geringen Blumenhauch aufziehen, der jedoch sehr schnell von der weichen,üppigen Basis aus Amber, Tonka und Moschus verdrängt wird.
Überhaupt, die Basis. Sehr anschmiegsam. Viel zu lieb.
Wer Vergleiche zum "Terre" von HERMES ziehen möchte, dem kann ich sagen, daß die beiden überhaupt keine Gemeinsamkeiten aufweisen. Kein Vetiver in "Terre de Perse". Auch kein Galbanum (was ein sehr persischer Inhaltsstoff gewesen wäre). Die "persische Erde" wirkt auf mich wie ein sehr braver, wenig einfallsreicher Versuch, einen leicht "angenischten" Duft unter jene zahlungskräftigen Kunden zu bringen, die immer wieder nach neuen Produkten aus dem Luxusbereich gieren.
Ich konnte übrigens nicht in Erfahrung bringen, welcher Parfumeur hinter den Düften von "Chaugan" steckt.
Vermutlich ist es eine französische Firma, die Auftragsarbeiten aus der Industrie ausführt.
Wenn das Briefing mal steht (in diesem Fall: "Macht mir einen Duft, der würzig ist, aber niemanden verstört und mixt paar Gewürze hinein, die einen Persien-Vibe haben") , ist die Ausführung sicherlich ein Kinderspiel.
Es gibt unzählige solcher vermeintlichen "Niche-Brands" , die lediglich Düfte in "rare distribution" verkaufen, ohne eigene parfümistische Einfälle, ohne künstlerischen Impetus. Diese Produkte bedienen Sehnsüchte und evozieren sogenannte "Duftwelten", in diesem Falle Persien, bzw. das, was man sich in Europa gemeinhin so unter diesem Land vorstellt. Man kann den Rahmen locker austauschen, nehmen wir z.B. Afrika, dann würden sofort andere Assoziationen wach und der Duft würde "Terre d'Afrique" heißen und wahrscheinlich eine neuartige Solarnote aus dem Chemielabor enthalten (ich vermute aber, "Terre d'Afrique" existiert bereits, "Terre de Perse" war noch frei).
Die anderen Düfte der "Chaugan-Reihe" habe ich wie gesagt noch nicht getestet, aber nachdem die erste Begegnung so wenig begeisternd ausgefallen ist, reizen mich die anderen Eaux nicht besonders. Ich kann mir genau vorstellen, wie die Rosenprinzessin aus Isfahan riecht. Ganz nett, nicht allzu synthetisch, aber letzten Endes ohne Alleinstellungsmerkmal. Ohne Wiedererkennungswert. Eben so ähnlich wie "Terre de Perse", einem ganz angenehmen EdP aus einer Design-Schmiede in Boulogne-Billancourt. Dort wurden auch schon Verpackungen für die Haarpflegeprodukte der Firma Dessange entworfen.
Preislich gesehen liegen die Chaugan-Düfte im oberen Mittelfeld. "Aus Liebe zum Duft" führt sie aktuell (Mai 2019) für circa. 98 Euro, aber ich sah auch schon einige Angebote für 79 € und ebenfalls für 69 € (französische Webseiten). Man kann auch 110 € für 50 ml "Terre de Perse" hinblättern.
Fazit: Nur des Namens wegen kaufe ich kein Parfum. Und sei er für mich noch so emotional aufgeladen.
Es steckt meistens sowieso nur eine clevere Design-Firma dahinter.


29.04.2019 23:13 Uhr
44 Auszeichnungen
Diesen Text widmet meine Tochter ihrer Großmutter und wird ihn demnächst bei einer großen Familienfeier so ähnlich vortragen. Ich teile ihn hier, weil ich es schön finde, wie die Begeisterung für Parfums in unserer Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird!

Es ist eine persönliche Hommage an meine Mutter - daher bitte ich um Nachsicht. Die "hard facts" kommen hier zu kurz... doch es gibt ja bereits genug nüchternere Beiträge zu BANDIT.
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Für meine Großmutter:

Wenn ich mir unsere Großmutter Margarete so anschaue, so kann ich kaum glauben, daß sie heute ihren 80. Geburtstag feiert, denn sie sieht überhaupt nicht so aus, wie man sich eine 80jährige vorstellt. Die meisten Leute würden Margarete wohl auch nicht auf 80 schätzen. Meine Freunde können kaum glauben, daß meine Oma so modern und kreativ angezogen ist, ihre Kleidung selbst näht und entwirft und in jeder Hinsicht einzigartig fantasievoll und individuell ist.

Als meine Mutter mit mir schwanger war und im vierten Monat schon heraus kam, daß ich ein Mädchen werden würde, sagte meine Oma zu ihr am Telefon. „Ein Glück, daß du ein Mädchen bekommst. Was hätten wir auch mit einem Jungen anfangen sollen?“ Meine Großmutter ist selbst Mutter zweier Töchter. Eine typische "Mädchenmutter" eben... - oder vielleicht doch nur vordergründig? Die Wahl ihres Parfums ließe andere Rückschlüsse zu. Aber dazu später.

Als Kind besuchte ich Margarete besonders gern, weil sie eine extrem einfallsreiche Oma war und natürlich immer noch ist. Sie hat ein kleines Nähzimmer, vollgestopft mit Stoffen und Nähutensilien. Hier sah ich mich immer gern um und wunderte mich, wie schnell meine Oma mir ein Kleid, einen Rock oder ein Stofftier zaubern konnte.. alles Dinge, die meine Mutter überhaupt nicht drauf hat. Margarete besitzt einen fantastischen Sinn für Farben und Formen, bei ihr paßt immer alles perfekt zusammen. Ich kann mit ihr stundenlang über Schmuck und Design reden, sie hat sehr viel Ahnung von Edelsteinen, liebt alle Dinge, die eine Frau schmücken... und natürlich hat sie mir schon die schönsten Schmuckstücke geschenkt...

Auf vielen alten Fotos sieht man Margarete übrigens mit braunen Haaren. Ihr steht einfach alles, egal ob hell oder dunkel. Ich kann mich an sie nur mit hellen Haaren erinnern. Die haben für mich immer etwas Strahlendes gehabt, was perfekt zu ihrem Charakter paßt. Denn obwohl sie vor neun Jahren ihren Mann verlor, hat sie es geschafft, ihren Kummer zu bewältigen, ohne selbst in eine Depression abzugleiten. Der Tod unseres Opas war für uns alle ein tragischer Einschnitt. Doch wie Margarete seitdem ihren Alltag allein meistert, ist absolut bewundernswert. Sie ist für mich ein großes Vorbild, weil sie durch Kreativität und Kunst ihr Leben strukturiert und sich niemals gehen lässt. Täglich macht sie mit ihrem Hund lange Spaziergänge, kocht selbst, kauft ein, malt Bilder, näht, kümmert sich um ihren traumhaft schönen Garten.
Überhaupt... der Garten! Man kann es gar nicht genüg würdigen, mit welcher Hingabe sich meine Oma um ihren Garten kümmert. Sie liebt den Duft von frisch gemähtem Gras und Blumen! Und wenn es um Parfums geht, ist sie völlig in ihrem Element.
Ihr Erkennungsduft, ihre Signatur heißt BANDIT.
Das passt nicht zu einer Oma? Doch, zu meiner Oma schon. Ich finde es fantastisch, daß meine Großmutter ein so eindrucksvolles, ledriges, herbes Parfum trägt, das man auf jeden Fall UNISEX nennen kann, obwohl meine Oma garantiert nichts mit diesem Begriff verbindet. Sie trug niemals süße Parfums, sondern mochte immer das Herbe, leicht "Animalische", für das Bandit so bekannt ist. Der Duft ist zudem 1944 von einer Frau kreiert worden, auch das gefällt mir besonders gut. Was braucht man da einen Duft wie "Feminista" von Geza Schön, wenn Germaine Cellier schon vor über 70 Jahren solche fortschrittlichen Parfums wie Vent Vert und Bandit schuf, die man als "Emanzipation in der Flasche" bezeichnen kann?
Es gab eine Zeit, als Bandit vom Markt verschwunden war. Margarete erzählte mir, daß sie damals auf "Cabochard" zurückgriff, ebenfalls ein herb-ledriges Parfum. Auch "Mystere" von Rochas benutzte sie öfter. Zum Glück ist Bandit seit einigen Jahren wieder erhältlich, wenn natürlich auch reformuliert, aber offensichtlich sehr nah am Ursprung. Margarete hat immer einen Flakon "in petto", um es in ihren Worten zu sagen. Ich drücke ihr die Daumen, daß die Qualität von Bandit nicht nachlassen wird... und ich freue mich darüber, daß es in unserer Familie eine Tradition der "Parfumbegeisterung" gibt, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Mit Bandit ist meine Oma für mich die Coolste der Welt.
80 ist auch nur eine Zahl. Und ein Parfum wie Bandit überwindet die Beschränkungen von Raum und Zeit.
"Wenn ich Bandit rieche, bin ich wieder 25", sagt meine Oma.
Das ist die Magie eines großen Duftes.
Happy birthday, Oma Margarete.


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