GoldGolds Parfumkommentare

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Gold vor 6 Tagen 36
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Flakon

Als die Zeit still stand
Nikolaj Jerjomin, der Inhaber und kreative Kopf von Nimère, produziert in St. Petersburg seit einigen Jahren Nischendüfte, die diese Bezeichnung wahrhaftig verdienen. Aufmerksam wurde ich auf ihn durch LadyLuxifer, die einen guten persönlichen Kontakt zu Nikolaj pflegt und mir seine Düfte näher gebracht hat, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Über 40 verschiedene Parfums hat Nikolaj bisher schon kreiert und alle, die ich bisher testen durfte, waren von hervorragender Qualität.
Bei Nimère wird an nichts gespart, die Düfte sind keine minimalistischen, hingehauchten, transparenten Wässerchen, sondern starke, ausdrucksvolle Parfums mit sehr langer Haltbarkeit. Auf diesem Hintergrund kann man auch die relativ hohen Preise nachvollziehen, die Nimère für seine Parfums ansetzt. Es handelt sich eben nicht um Eaux de Toilettes, sondern um konzentrierte Extraits.
Daher genügt sogar ein Mini-Flakon von 5 ml, um lange etwas von einem der wunderbaren Nimère - Parfums zu haben. Im Falle von "Time stood still" reicht ein einziger Spritzer, um wohlriechend durch den Tag oder die Nacht zu kommen.
Jerjomin hat übrigens im September einem Mitarbeiter von Fragrantica. ru ein interessantes Interview gegeben, in dem er - wie immer viel zu bescheiden - erklärt, dass er sich selbst nicht als echten Parfumeur bezeichnen möchte und dass er neben der Kreation von Düften noch viele andere Interessen im Leben verfolge. Momentan habe es ihm die Astrologie angetan. Er wolle zudem nicht zwanghaft bzw. aus kommerziellen Gründen oder getrieben von Ansprüchen des Marktes ständig neue Parfums schaffen, sondern ist der Meinung, dass er mit seiner Kollektion von über 40 Düften bereits über ein sehr umfangreiches Werk verfüge, das es zu genießen gelte, was natürlich nicht bedeutet, dass Nikolaj sich aus dem Business zurückziehen will. Vielmehr verfolgt er einen einen sehr sympathischen und klugen Ansatz ("nicht mehr als einen oder zwei Düfte pro Jahr").
Schließlich steckt hinter jedem Parfum von Nimère ein bestimmtes künstlerisches Konzept, das zu entwickeln viel Kraft und Energie kostet. Das Resultat sind individuelle, eindrucksvolle Düfte, die jenseits des Mainstreams neue Dufterfahrungen ermöglichen.
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"Time stood still"

'Als du geboren wurdest,
haben alle gelacht, obwohl Du geweint hast.
Lebe so, dass wenn Du Deinen Abschied nimmst,
alle weinen,
obwohl Du lächelst.'

Diese Worte schrieb mir mein Vater in mein Poesiealbum, als ich acht Jahre alt war. Es handelt sich um ein Gedicht von Omar Khayyam, das mein Vater in dem hier wiedergegebenen Wortlaut sinngemäß für mich übersetzt hat.

Als mein Vater starb, stand die Zeit für mich einige Sekunden still.

"The fire in your eyes keeps me alive... and the fire in your eyes... keeps me alive, keeps me alive..." -
immer wieder höre ich den Song "She sells sanctuary" von The Cult.
Als ich das erste Mal vom Feuer in den tiefbraunen Augen meines geliebten Mannes angesteckt wurde, stand die Zeit für mich einige Sekunden still.

"Wenn der Wind von der Newa herüber weht, schaut Jekaterina aus dem Fenster... da laufen sie, die jungen Löwen"...
immer wieder muss ich an mein Treffen mit Boris Grebenshikov denken, einem der größten russischen Singer-Songwriter, den ich 1992 kennengelernte und bei dessen Konzert im kleinen Kreis im Haus eines guten Freundes die Zeit für mich einige Sekunden still stand.

"Time stood still" trägst du nicht für andere, du trägst es für dich selbst.
Es beginnt recht frisch mit einem Hauch von Lavendel, wird jedoch sehr schnell wohltuend balsamisch. Würzige, warme Noten von Muskat, Ambra und Korkuma verbinden sich mit Weihrauch und goldbraunem Honig. Hier ist alles so fein miteinander verwoben, dass es unmöglich erscheint, eine Note von der anderen zu trennen.
Eine gewisse tröstende Süße gepaart mit zarter Rauchigkeit laden ein zur Meditation, zum Sich - Fallenlassen.
Ein Parfum, das unvergessliche Momente, in denen für dich die Zeit stehen blieb, zurückholen kann.
Ein echtes Geschenk.
Спасибо тебе, Николай.
34 Antworten

Gold vor 9 Tagen 26
5.5
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Reingefallen!
Werbung wirkt. Um dies zu begreifen, muß man nicht erst "Emily in Paris" gucken, eine oberflächliche Netflix-Serie, in der eine junge Marketing-Spezialistin aus Chicago eine alteingesessene Werbeagentur in Paris aufmischt (für Parfum-Fans trotz aller berechtigter Kritik dennoch interessant, geht es doch in der Serie hauptsächlich um die Vermarktung von Parfum und Mode in Zeiten von Influencern und "mass market culture".)
Reklame findet immer wieder ihre Opfer, zum Beispiel verrückte Flakon-Sammlerinnen wie mich.
Im Falle der Art Collection 2020 war ich die perfekte Kundin. Vor zwei Wochen drückte man mir in der Parfumerie meines Vertrauens eine neue Ausgabe der "Beauty Talk" in die Hand. Dort las ich einen kleinen Artikel, der überschrieben ist mit
"Kunstsache".
Zitat: "Wer gern mit allen Sinnen genießt, wird seine Freude an den Flakons von RUH ZADEH und Martine Micallef haben - jeder der 1 bis 2000 nummerierten Flakons ist ein handbemaltes Unikat."
Reicht schon. Also, für mich.
Zum einen, weil Martine Micallef berühmt ist für ihre fantastischen, edlen Flakons (hätte ich an der Stelle meinen Verstand eingeschaltet, hätte ich bereits zugeben müssen, daß Micallef jedoch nicht unbedingt aufgrund ihrer Düfte "an sich" bekannt ist....), zum anderen, weil einer der Bestandteile des Namens der hier genannten , sagen wir mal, Protagonisten, in einem sehr persönlichen Kontext zu mir steht.
Um es anders auszudrücken: Wer hätte nicht gerne eine künstlerisch gestaltete Parfumflasche, auf deren Verpackung quasi der eigene Name steht oder der der Schwester ... whatever...( mehr will ich dazu jetzt nicht sagen - Datenschutz, hihi).
Der junge Künstler Ruh (schöner Vorname, bedeutet "Seele") Zadeh kommt jedenfalls aus Azerbaidjan, einem Land, dem ich (na, warum wohl, natürlich aus familiären Gründen) sehr verbunden bin.
Auf seinem Instagram-Account kann man seine durchaus beeindruckende Kunst bewundern. Irgendwo findet sich da auch ein Foto von Ruh und Martine Micallef, die den Maler auf einer ihrer Reisen entdeckt hat. Tja, dann war sie wohl in Baku. Näheres dazu konnte ich allerdings nicht finden.
Wer die Geschichte des Hauses Micallef nicht kennt, dem würde ich am liebsten zitieren, was mir heute morgen eine liebe Freundin hier auf Parfumo dazu in einer PM schrieb (Fleuri, ich umschreibe es mal kurz): "Ein Millionär aus den USA und eine Flakonproduzentin aus Grasse mit einer Vorliebe für Bling-Bling taten sich 1996 zusammen, um Luxusdüfte in aufwendigen Flaschen an reiche Konsument*innen in arabischen Ländern zu verkaufen."
Auf "Basenotes" findet sich die umfangreichste Auflistung aller Micallef-Düfte, die bisher erschienen sind, 153 an der Zahl. Nicht alle dieser Kreationen wurden bisher überhaupt mit einer Kritik bzw. einem Kommentar bedacht. Das allgemeine Echo bzw. die Bewertungen sind jedoch nicht negativ, sondern im oberen Mittelfeld angesiedelt, denn die Parfums werden immerhin in Frankreich hergestellt und zwar von einer Nase, nämlich von Jean-Claude Astier, dem "in-house-perfumer". Für einige Nobel-Parfümerien (so z.B. für Bruckner in München oder Osswald) wurden spezielle Parfums angefertigt und in "limited distribution" vertrieben. Es existieren verschiedene umfangreiche Serien, z.B. Secrets of Love mit "Delice, Glamour, Gormet" etc. eine Baby-Kollektion ("Petite Fleur, Tendre Douceur"), die Mon Parfum Collection , die Jahreszeiten-Kollektion, die Vanille-Kollektion, die Jewel-Collection und wahrscheinlich für den russischen Markt die Sashka-Kollektion... (und noch viele weitere!).
Keiner der Düfte riecht wirklich schlecht, die meisten sind voluminöse, üppige Kreationen, qualitativ hochwertige Zutaten wie echte Blütenabsolus oder Extrakte aus Grasse scheinen durchaus des öfteren zum Einsatz zu kommen.
Die "Art Collection" begann 2011, wurde nur bis 2014 fortgesetzt und jetzt 2020 wieder aufgegriffen.
Was sagte jetzt "Beauty Talk" über den Duft in der künstlerisch gestalteten Flasche?
Ich will es Euch nicht vorenthalten:
"...eine zauberhafte Kreation aus frischen Aromen von Bergamotte und Mandarine, die auf Cashmeran, Muskatnuss und Leder treffen. Ein Kontrast, der Harmonie versprüht und beim Tragen ein Gefühl von Modernität und Vitalität erzeugt."
Klingt vielversprechen, oder?
Im Eifer des Gefechts oder auch der Vorfreude, als der Bestellfinger schon schlimm juckte, weil ich (Ihr wisst das schon) ein Flakonfreak und eine Namensfetischistin bin, überlas ich - ja, übersah ich DAS kleine Molekül, das mich normalerweise immer triggert (und zwar negativ!) in der Auflistung.
CASH-MER-AN.
Cashmeran. Wie konnte mir das passieren?

Ich überspringe jetzt langweilige "Un-Boxing-"Nummern und komme gleich zum Punkt:
Der Duft ist LAHM. Meinetwegen auch "lame".
Er startet in der Tat toll, frisch und sehr vielversprechend. Aber dann... aber dann.
Cashmeran übernimmt.
Irgend'nen Parfum-Influencer, der in einem sehr schicken Ambiente den Duft "unboxt" und dazu ziemlich unqualifizierte Kommentare aus seinem edlen Apartment in die Welt geblasen hat, erzählt auf YouTube, daß "Art Collection 2020" eine tolle Alternative für alle sei, die mal etwas anderes wollten als "Aventus". Also 'ne Creed_Variante. So iregdnwie. Für ihn ist der "Art Collection" alles: "It's woody, it's fresh, it's aromatic, it's sexy"... balahahabalaha - und vor allem es ist schön teuer!

Yatagan, dem ich eine Abfüllung schickte, um nicht ganz so allein mit meiner Nicht-Begeisterung dazustehen, sieht in dem Duft nur eine repetitive 90er-Nummer. Er hat auf jeden Fall Recht mit seiner Einschätzung. Mich stört (wie schon erwähnt) das Cashmeran massiv - und das macht den Duft dann doch "very 2020". Wenig Grasse/France und viel Drogeriemarkt/Holzminden.

Außerdem ärgert mich, daß das Produkt als "unisex" vermarktet wird, obwohl es einfach nur riecht wie ein durchschnittlicher Herrenduft. Leder und Muskatnuss habe ich überhaupt nicht wahrgenommen.
Lediglich die Kopfnote spricht mich an.
Gestern checkte ich für diesen Kommentar das allseits bekannte Werk von Turin/Sanchez, Perfumes: The Guide. Micallef kommt nicht vor. Weder im ersten Band von 2008 noch im zweiten von 2018.
Dafür möchte ich aber mit einem Zitat von Tania Sanchez schließen (Perfumes: The Guide, 2008, p. 26/27):
"Fragrances for men are mostly identical crap... Largely, they just fail the Guy Robert base criterion: a fragrance must smell good. They are also, for the most part, uniform copies of accepted forms, like varieties of suits, an array of different types of banal."

Diese Kritik trifft leider auf den Art Collection-Duft 2020 zu. Er ist lediglich eine Variante eines traurigen, banalen Trends in der Parfümerie, immer wieder und wieder den alten "Wein" (oder "jus") in einem neuen (hier kunstvoll gestalteten) Behältnis zu präsentieren.
Hoffentlich hat wenigstens der junge Künstler Ruh Zadeh aus Baku etwas davon! Denn ansonsten wären meine 245 Euro wirklich ganz, ganz schlecht investiert gewesen.
Ich elendes Opfer, ey...
24 Antworten

Gold vor 16 Tagen 55
10
Duft
9
Haltbarkeit
7.5
Sillage
10
Flakon

Vom Glanz...
Im Oktober 1946 gründete Christian Dior sein Modehaus und präsentierte bereits am 12. 2. 1947 seine erste Kollektion, die ihn sofort berühmt machte. Den Erfolg kann man heute als historisch bezeichnen ; Dior gilt seitdem als der Erfinder des "New Looks". Weniger bewusst ist vielen, dass Dior unmittelbar bei Gründung seines Modehauses bereits den Willen verspürte, seine "Société des Parfums Christian Dior" eintragen zu lassen. Schon im März 1947 wurde diese registriert.
Der kluge Christian Dior sah Parfum als unverzichtbar für ein Modehaus an und beauftragte den Parfumeur Paul Vacher mit der Entwicklung eines ersten Duftes.
Eine Quelle der Inspiration zu" Miss Dior " lag unter anderem in Grasse, wo Dior enge Verwandte hatte.
Paul Vacher kombinierte Rosen, Jasmin und Gardenien aus Grasse mit Galbanum aus Persien und kontrastierte diese mit einer starken Portion Eichenmoos und Labdanum.
Zur Präsentation der Dior-Kollektion wurde das gesamte Modehaus in der Avenue Montaigne mit Blumen dekoriert und "Miss Dior" besprüht.
In der Nachkriegszeit war der grüne Chypre - Akkord von "Miss Dior" eine echte Besonderheit. Die in der Komposition verwendeten Aldehyde und die grünen Töne auf einer leicht animalischen Basis waren in dieser Kombination neu und so völlig anders als die pudrig-schweren Parfums, die zu dieser Zeit beliebt waren.
Paul Vacher hatte sich ja bereits mit "Le Galion" (gegründet 1936) einen Namen gemacht. Dior und Vacher kannten das stilbildende Parfum "Chypre" von Coty aus dem Jahre 1917 und waren beide von der Komposition begeistert. Deshalb schufen sie einen modernen Chypre, jünger und frischer als sein Vorbild durch Galbanum und Gardenie, ein Parfum für die Frauen, die ihre Freiheit wiedergewonnen hatten.
Der grüne Chypre wurde zur olfaktorischen Widerspiegelung des New Looks: Hahnentritt, schmale Taille, grau und weiß, schwingende, weite Röcke. Sowohl Parfum als auch die Silhouette der Diormode waren unverwechselbar, sofort zu erkennen.
Dior überließ nichts dem Zufall.
Von jeher fasziniert von der Antike, wählte er als Form für "Miss Dior" die Amphore, allerdings war er nicht der erste Modeschöpfer, der sich für diese klassische Form begeisterte (vgl. Lucien Lelong 1936 oder "Femme" von Rochas 1943).
Die Amphore erinnert an Formen des weiblichen Körpers, den der Couturier so schmeichelhaft zu kleiden wusste.
Auch der Name "Miss Dior" symbolisiert Femininität. Er wurde als Hommage Christian Diors an seine Schwester Catherine gewählt, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war und nach dem Krieg einen Blumenhandel in Grasse eröffnete.
In einem Interview sagte Dior im Jahre 1955 über sein erstes Parfum:

"Wie Alchemisten suchten wir nach dem Stein der Weisheit... und dann wurde Miss Dior geboren. Das Parfum entstand inspiriert von Abenden in der Provence, wo Glühwürmchen am Himmel sind und wo der grüne Jasmin den Gegenpart zur Melodie der Nacht und der Erde spielt. Denn wissen Sie, damit ein Parfum bleibt, muss es zunächst eine lange Zeit im Herzen jener gewohnt haben, die es erfanden."( meine Übersetzung aus dem Französischen).

Und " Miss Dior " heute?
Es existiert als Eau de Toilette unter dem Namen " L'Originale" und ich empfinde den Duft (obwohl behutsam reformuliert) immer noch als perfekt und wunderschön!
Erfahrungen von Schönheit sind ein Geschenk. Nur dort, wo ein Parfum schön ist und nicht bloß funktional, kann ich mich wohlfühlen. Mit dem Erleben eines Duftes wie "Miss Dior"
konnten sich Erfahrungen des Schönen in meiner Seele einnisten.
In der Welt der Parfums gibt es immer wieder Schönheit zu entdecken. Wer vom bloßen Konsumieren zum bewussten Riechen und Fühlen findet, kann eine Tiefendimension erfahren, die die Seele nährt, getreu dem Motto von Hilde Domin : "Wir essen das Brot, aber wir leben vom Glanz."
Merci, Christian Dior !

Mehr über Dior und seine Parfums in dem Buch:
Christian Dior : Esprit de Parfums
Musée International de la Parfumerie Grasse
Edition Silvana Éditoriale
46 Antworten

Gold vor 60 Tagen 38
10
Duft
10
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

What's in a name...
Irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen clevere Parfumverkäufer, die man heute "marketing-specialists" nennen würde, auf die Idee, Parfums in zwei Kategorien einzuteilen.
Frau - Mann. Pour femme - pour homme...
Während das großartige "Jicky" von Guerlain zu Beginn noch ohne ein solches Etikett auskam und Diaghilev seine Kulissen für die Ballets Russes mit "Mitsouko" einsprühte, formierte sich wohl langsam im Hintergrund der Club der schlauen Gender-Markierer.
Die Kategorisierung erleichtert nämlich den Verkauf und die zielgruppengerechte Werbung.
Außerdem fällt auch die Namensgebung leichter. Hießen grandiose Kreationen der von mir sehr verehrten Germaine Cellier zu Beginn ihrer Karriere noch "Bandit" und "Vent Vert", also gender-neutral, so erschien 1953 bei Balmain ihr Duft "Jolie Madame", ein von der Namensgebung her eindeutig weiblich konnotiertes Parfum.
Nun, die 50's sind ja berühmt-berüchtigt für ihre Spießigkeit und Enge. Man denke nur an die aus heutiger Sicht fast schon absurd anmutenden Rollenbilder, die damals besonders in der Werbung vermittelt wurden ("Eine moderne Frau hat zwei Probleme: Was koche ich heute und was ziehe ich an?" - Fernsehwerbung im deutschen TV).

Welches Bild evoziert nun der Name "Jolie Madame"? Ist das Parfum gar "hübsch" und womöglich sogar gefällig und harmlos?
Mitnichten.
Selten haben Name und Inhalt schlechter zusammen gepasst als in diesem Fall. Cellier schuf mit "Jolie Madame" ein Parfum, das in seiner Tiefe und Ausstrahlung dem großen "Bandit" in nichts nachsteht.
Es ist eines dieser Kunstwerke, die nicht im Einzelnen aufgeschlüsselt werden können und müssen.

(Ja, Parfum kann Kunst sein. Genau dann, wenn der Parfumeur oder die Parfumeurin mehr vermag als nur solides Kunsthandwerk zu liefern!)

Wer aber jetzt hier eine "Pyramidenherunterbetung" von mir erwartet, kann an dieser Stelle die Lektüre beenden.
(Übrigens bekenne ich freimütig, dass mir diese "Pyramiden" hier grundsätzlich komplett egal sind. Ich teste immer ohne vorheriges Studium der angeblichen Inhaltsstoffe und versuche, zunächst selbst herauszufinden, was ich rieche.)

Cellier verwendete (so schreiben es die Spezialisten à la Luca Turin in ihren Guides) sogenannte "Schiff-Bases", also vorgefertigte, bestimmte Basisnoten, auf die sie dann ihre Parfums aufsetzte.

"Jolie Madame" riecht für mich unfassbar elegant und komplex nach einem abstrakten Blumenbouquet, das auf jeden Fall in meiner Fantasie lilafarben ist. Zugleich weist der Duft bittere Noten auf, zudem eine gewisse Ledrigkeit. Auch ein leichter Möbelpolitureffekt schwingt mit, gepaart mit einer dunklen, kühlen Erdigkeit.
Es ist eine vollkommen ernste und vielleicht sogar melancholische Anmutung, die von diesem Parfum ausgeht.
Und natürlich ist es für alle Menschen, die sich zu ihm hingezogen fühlen, tragbar und wird ihre Ausstrahlung komplettieren.

Cellier, das Genie, sprengte also die etablierten Kategorien auch in den 50's.
Ihre Kreation hieß "Jolie Madame", würde aber heute selbstverständlich als geschlechtsneutral verkauft werden, wenn sie denn von einem Nischenlabel stammen würde.
Obwohl ich (aus völlig anderen Gründen!) nicht immer euphorisch aufschreie, wenn es um Nischendüfte geht, so muss ich auf jeden Fall festhalten, dass es sehr wohltuend und positiv ist, wenn Firmen generell auf die überkommenen Gender - Festlegungen bei Parfum verzichten.
Linda Pilkington von Ormonde Jayne berichtete unlängst in einem Guardian - Artikel, dass sie vor ungefähr 20 Jahren damit aufgehört hat, ihre Düfte in "for women / for men" einzuteilen.
Ein Kunde hatte sich für ein Parfum begeistert, das "for women" im Namenszug trug und fühlte sich jetzt "kind of embarrassed" mit seiner Wahl.
Im 21. Jahrhundert sollten wir nicht mehr peinlich berührt sein, wenn wir als Männer Rosendüfte lieben oder als Frauen (so wie ich) Leder und dunkle Gewürze.
Calvin Klein hat mit seinem "CK1" im Grunde nur an die Zeit vor der großen Marketing - Gender - Markierung angeknüpft.
"Jicky" war unisex. 4711 sowieso. Und in orientalischen Ländern war und ist es schon immer Usus, dass Männer sehr blumige und starke Parfums benutzen. Niemand würde ihnen deswegen ihre Maskulinität absprechen.
Leider gibt es weiterhin unzählige Hersteller, die auf Farbcodes und Namen setzen. Rosa und Orangetöne für die Damenwelt, dunkle Farben für die Jungs. Sogar die Rasierer sind pink, wenn sie "for women" ausgelegt sind. Und dazu auch noch teurer als Männerprodukte - der klassische Mainstream - Damenduft übrigens auch.
Aber das ist ein anderes Thema.
Wir sind ja selbst Schuld, wenn wir nichts anderes im Kopf haben, als "jolie" zu sein und dafür auch noch bereit sind, mehr zu bezahlen.
Übrigens, "Jolie Madame" war in edles Grau gewandet...- très chic, totalement "unisexe".
31 Antworten

Gold vor 63 Tagen 30
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
6
Flakon

Ein Tröpfchen Urlaub
Vivara ist eine kleine Insel im Mittelmeer, die eine in mir in diesem Corona-Sommer 2020 immer wieder aufkommende Sehnsucht nach Urlaub am Strand unter südlicher Sonne perfekt erfüllen würde... - wenn ich denn hinreisen könnte/dürfte.
Doch zum Glück existiert es noch, das alte Vivara-Parfum von Pucci, dem italienischen Spezialisten für Seidenjersey-Mode in strahlend bunten Farben und charakteristischen Mustern.
Vivara ist so strahlend wie ein Pucci-Stoff, ein grüner Chypre, der sofort eine Mittelmeerlandschaft evoziert. Zitrone, Bergamotte, Zypresse, Rose, Jasmin, Ylang-Ylang, Sandelholz und Labdanum ergeben einen lebhaften und unbeschwerten Duft.

(Kein Calone weit und breit. Auch kein Seetang, Fenchel oder Salz).

Du blickst auf das Mittelmeer, eine kleine Welle bricht sich wie ein leiser Seufzer zu Deinen Füßen.
Sonniges Glück im Wind, Nonchalance. Der Horizont verschwimmt.
Eine kurze Flucht auf eine Urlaubsinsel, eingefangen in einem winzigen Tropfen "Vivara-Parfum".
Ich bin dann 'mal weg...
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