Vom Verbotenen und vom Rot
Das Sinnbild der Farbe Rot galt in Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts lange zeit als zwiespältig. Auf der einen Seite zeichnete es sich in den Worten Lebenskraft, Liebe, Wärme ab; auf der anderen Seite galt es als das Stigma des Verruchten. Kardinäle trugen sie als Zeichen göttlicher Autorität, Prostituierte als Signal profaner Verfügbarkeit. Roter Samt in den Salons war gleichermaßen Versprechung wie Drohung - wer den Vorhang beiseite schob, betrat eine Welt, die nicht jedem zugänglich war.
Diese Ambivalenz zwischen "Anziehung und Gefahr" erstreckt sich kulturgeschichtlich von der kirchlichen Symbolik über die politischen Fahnen bis hin zum literarischen Motiv der "femme fatale". Rot war immer mehr als eine Farbe und gilt bis heute als Schnittstelle zwischen einem Versprechen und einer Warnung.
Forbidden Rouge klingt zunächst nach Schminke, nach einer frivolen Geste vor dem Spiegel. Aber es geht hier um weitaus mehr, als nur um den harmlosen Puder. Ein unerlaubter Akt. Und da stehen wir nun mit dem Parfum: Einem Mittel, mit dem man sich seit jeher gesellschaftlich Sanktionierten entzieht. Ein Duft kann, anders als ein Kleidungsstück, kein Uniformzwang bändigen; er überschreitet unbemerkt Grenzen, schleicht sich in die Nase, weckt sowohl Assoziation als auch Erinnerung, welche man als Träger nicht mehr zurückrufen kann.
Die für mich lautstarke Verführerin öffnet sich mir warm, fast balsamisch, steigt auf, mit einer Aura eines geheimen Salons, in dem noch Zigarrenrauch hängt und schwere Stoffe die Wände zieren und den Klang der Außenwelt gänzlich verschlucken. Ich hatte wenig mit süßfruchtigen Explosionen gerechnet. Mich überkam der Bonbonrote Nebel, fast wie schummriges weich-rotes Licht eines alten Theaterhauses.
Mit der Zeit kam immer mehr eine subtile Bitterkeit hinzu, ein Trockenheitsmoment, der verhindert, dass die Komposition in plüschige Behaglichkeit verfällt. Man fühlt sich an einen Likör erinnert, dessen Süße stets durch eine herbe, fast hölzerne Basis konterkariert wird. Sirupartig und krautig a la Amaro oder die Süße im Widerstand in einem komplexen grünen Chartreuse.
Das macht diesen Duft zu einem jener, die mehr andeuten als preisgeben. Kein offener Reißverschluss, eher ein halbgeknöpftes Hemd.
Forbidden ist hier nur dem Reiz des Schrillen nicht mit einem zwinkern begegnen zu wollen.
Im Hinterzimmer der Lust
Es gibt Düfte, die treten durch die Vordertür - frisch rasiert, adrett gekleidet, Smalltalk-bereit. Und es gibt ihn hier. Tritt die Hintertür ein, wirft die Jacke in die Ecke und macht es sich ohne zu fragen auf meinem Sofa bequem.
Filthy Musk zwängt mir seine direkte Körperlichkeit auf. Es riecht nach... Mensch. Aber nicht nach Duschgel-Mensch. Eher nach "Ich war den ganzen Tag unterwegs und setzte mich jetzt neben dich, deal with it!"
Doch bevor ich endgültig das Weite suchen möchte, passiert etwas wundersames: Unter der Schroffheit des ersten Eindrucks vom wilden Tier scheint etwas erstaunlich Zärtliches zu liegen. Cremige Moschuslagen, ein weiches Baumwollshirt. Ein hauch Leder, ein Anklang an ungemachte Betten und vielleicht ein Schatten von Puder, der die ganze Sache charmant umrundet.
Im weiteren Verlauf wird er weniger "filthy" und mehr "musk". Der Schmutz bleibt, ja, aber er wandelt sich - von Straßendreck zu Patina, von Chaos zu Charakter. Man riecht hier ein gewisses Maß an Leben, nicht nur Duft.
Und während ich das ganze wahrnehme, grinse ich leise vor mich hin. Andere hoffen, dass ich nach frischer Baumwolle in der Sonne rieche. Jedoch serviert ihnen Filthy Musk, von mir getragen eine ehrliche, rohe und direkte Meinung. Selten mal froh darüber zu sein, nicht nach anderen Meinungen fragen zu müssen, sondern sich an Blicken zu ergötzen.
Die Moral??! Das hier ist kein Duft für die Schwiegermutter, und das ist sein größter Charme. Wer ihn trägt, braucht keine Absolution, sondern nur die Gelassenheit, im Duft das Unordentliche auszuhalten - und darin vielleicht sogar das wirklich Menschliche zu entdecken.
Wenn der Enkel den Smoking des Großvaters trägt
Hier erscheint eine alte Schwarzweißaufnahme: Man spaziert hinein und stellt fest, dass jemand heimlich ein wenig Farbe hineingetupft hat. Das muss die unnachahmliche Signatur sein, die wie ein frisch gestärkter Hemdkragen wirkt: knackig, streng, mit einer Zitrusfrische, die mehr an Rasierwasser als an Parfum erinnert, aber eben gerade deshalb so revolutionär ist. Man kann ihn förmlich hören, wie er im Sommer knistert und mit dieser Nonchalance über Boulevards weht, die sich nie ganz abnutzt.
2017 trat nun die modernisierte Variante an - und hier liegt der feine Unterschied: Während der "Großvater" sich noch mit herberen Zitrusnoten, Lavendel und einer trockenen Eichenmoos-Strenge durch die Welt bewegte, so zieht der Enkel mit glänzenden Manschettenknöpfen und einem modernen Smoking voran. Frische ist noch da, aber weicher und weniger fougere, mehr samtige Limone mit einem ordentlichen Schuss Hedione, der die Moleküle auf die Tanzfläche der Gegenwart zerrt.
Vergleichsweise: Das Original erscheint mir wie ein Martini - trocken, klar, ein Hauch Zitrone, wobei sich die 2017er-Version eher als ein Gin Tonic mit Gurkenscheibe zeigt: immer noch erfrischend, aber charmant aufgepolstert, einladender für eine Generation, die Rasierklingen nur noch vom hippen Barber um die Ecke kennt.
Trotz aller Glättung und des zeitgemäßen Anzugs - man erkennt die markante Signatur sofort. Der typische Sauvage-Faden, die klassische Struktur, das "Cologne, aber bitte mit Ernst" bleibt erhalten. Nur wirkt es heutzutage so, als sei die Wildheit gezähmt, die Kanten geglättet und das Ganze auf die Playlist von Spotify gestellt, statt auf Vinyl.
Fazit: Dior Eau Sauvage 2017 trägt die Aura seines Vorgängers wie ein Erbstück, das neu aufpoliert wurde - weniger streng, weniger herb, aber mit der gleichen charakteristischen und charmanten Grundhaltung.
Sternenpost AL-BA 25: Das Bittersalz der stillen Kante
Was da strömt, erhebt sich im ersten Molekül, sagt mir nicht es kommt von weit her. Die Reise beginnt im Zwischenzustand. Im ätherischen Fluss zwischen Pflanzenkörper und Lichtgestalt.
Aus dem Fluss entreißt sich eine Bio Signatur verlorener Erde, konserviert im funkelnden Elfenweiß. Geboren in irdischen Gartenphantasien. Tritt auf, wie eine maskierte Präsenz - verschleiert wie eine kybernetische Priesterin im floral codierten Ornat. Für einen Moment scheint sie zu singen. Hell, klar, synthetischer Widerhall. Ein weißer Blütenkelch verankert im sich neigenden Hohlraum des schwebenden Tempels aus Metall, einsam zwischen den Sternen.
Was verbirgst du vor mir?
Funkensprühender, roter Nebel trifft auf das Labor des stillen Wächters. Elementare Würze. Dringt ein! Durchflutet! Umhüllt! Umarmt!
Ruhe.
Soll ich genauer hinhören? Nie auf dieser Welt gewachsen. Jetzt bitter, grünlich, warm. Ein Aroma erinnert an das, was zurückbleibt, wenn man versucht, Feuer zu destillieren.
Aschfahle Fragmente des roten Nebels vertuschen den Klang meiner Königin in ehemals seidenen Gewand. Doch bröckelt es. JA, MEINE KÖN .... Flimmerst du jetzt frisch inmitten dieser glutheißen Architektur? Bist organisch, fast menschlich?
Ich strecke mein Hand aus und beobachte. Hab ich mich selbst verloren? Oder die mineralische Durchsicht meiner staubigen Königin? Ich muss aufhören verstehen zu wollen. Wir beide haben uns verändert.
Ich glaube kaum, dass Fabrice Pellegrin mir diese Raumstation gebaut hat, um eine interstellare Odyssee zu unternehmen, oder sich selbst als Ingenieur und Kartograph der Haut zu beweisen. Stattdessen baute er mir eine Parfummaschine - ein aromatisches Instrument, das lehrt und einlädt zum Nachsinnen.
Du bist mir eine seltene Verbindung. Aus Glut und Blüte. Aus Idee und Körper. Aus Feuer und Flor.
Notizen aus dem Ascheflakon: 1970er Jahre, West-Berlin
Blühendes Leben in der geteilten Stadt. Dort rauchts und riechts. Im Herzen von Charlottenburg steht ein Geschäft, das man heute wohl als "Duftmanufaktur" bezeichnen würde, damals aber einfach: Harry Lehmann. Zwischen Glasflakons, die so gar nicht ins Jahrzehnt der Pop-Art passen wollen, entsteht ein Parfum, das sich bewusst jeder Mode verweigert.
Russisch Juchten.
Der Name trägt die Geschichte. Man denkt an Pelze und Säbel, Kosaken auf gefrorenem Boden, an Zaren, Leder, Kälte und Orthodoxie. Aber auch an überheizte, stickige Waggons der Transsibirischen, durch die der Dampf von Tee und Maschienenöl kriecht.
Und genau das tut die dieser Duft.
Er beginnt nicht, sondern bricht auf: trocken-rauchig, fast schon eine schroffe Note, irgendwo zwischen verbranntem Holz, staubigem Leder und Bitterkeit oszilliert. Keine Frische, keine Süße - kein Entgegenkommen. Stattdessen: altes Zaumzeug, trockenes Laub, die Patina vergessener Militärkeller.
Das sogenannte "Juchtenleder" kam ursprünglich tatsächlich als in Birkenteer konserviertes Leder daher - und eben jener Teer scheint hier, ob real oder imaginiert, dominant mitzuspielen. Ein Anklang von aufgehübschten frisch, doch schwarzem Tee samt treibenden Zigarettenstummel und kalter Asche. Wie ein abgelegter Mantel, der die Geschichten seiner Träger nicht loslassen will.
Florale, aldehydische oder fruchtige Fluchten? Fehlanzeige. Russisch Juchten! Der, der am Boden bleibt. Erdig, herb, moosig, aber nie ganz tot. Irgendwo in der Tiefe glimmt ein leiser Hauch Vanille oder warmer Haut, kaum wahrnehmbar, wie ein letzter Lichtschein in der Dämmerung auf die Klinkersteine zwischen zwei Häusern. Da, in den Spuren vergangener Schritte, wo der Regen Geschichten flüstert und trüb schwere Erinnerungen in der Luft hängen.
Ist das schön? Kaum. Ist es interessant? Unbedingt!
Ein Duft wie eine vergessene Uniform in einer Truhe auf dem Dachboden eines dieser Häuser, das man nie betreten hat - aber meint zu kennen.