HannahHannahs Parfumrezensionen

1 - 5 von 14
Hannah vor 1 Jahr 22
8
Duft
6
Haltbarkeit
5
Sillage
10
Flakon

Die trau'n sich was!
Gerade mal zwei Zutaten - zitrische Noten und Kumquat -  für 263,- Euro ist eine Ansage. Es ist nicht mal ein 100 ml Flakon, mit dem wir den vermeintlich leichtfüssigen Sommerfrischling grosszügig versprühen könnten, sondern der feine Flakon im Stil der L’heure-Düfte fasst nur 75 ml. Mit dem gewickelten hellgelben Bändchen und den fein ins Glas geätzten Zitrusfrüchten unterstreicht er die sommerlichen Anmutung und den noblen Stil des Hauses Cartier. 

Les épures de Parfum bedeutet "Die Skizzen von Parfum" und wird diesem Anspruch im Flakondesign, mit der minimalistischen Zahl der Zutaten und in der Auswahl rein zitrischer Noten, die für Klarheit, Reinheit und Frische stehen, hervorragend gerecht. Ich mag Purismus und damit ist mir schon das Konzept sympathisch, ohne dass ich überhaupt mal am Flakon geschnuppert hätte. Auf geht's ...

Stell Dir vor, Du sitzt bei strahlendem Sonnenschein in einem Zitronenhain und schneidest prallfrische Zitronen, Limetten, Yuzu und Kumquats auf, der Saft läuft Dir über die Hände, in der Luft liegt der Duft des Sommers, gleich neben Dir zieht jemand mit dem Zestenreißer ganz feine Streifen der Schalen ab. Ganz vorsichtig, damit er nicht die bitterstoffhaltige weiße Unterschicht berührt. Ich habe es Zitronenhain genannt, um ein Bild hervorzurufen, und weil ich nicht weiß, ob es Limetten-, Yuzu- oder Kumquathaine gibt, aber eigentlich sind es gerade diese drei, die den Duft ausmachen. Pur Kinkan duftet hocharomatiasch, intensiv, strahlend, frisch und herb, aber keinesfalls sauer oder gar stechend nach vielerlei Zitrusfrüchten und vielleicht sind auch noch zwei, drei Orangenblütenblätter (mehr wirklich nicht) auf den Tisch heruntergeschwebt.

Das hat so gar nichts mit klassischen Frischedüften zu tun, bei denen gern Neroli eingesetzt ist. Hier keine Spur davon - für mich erfreulicherweise. Auch keine Spülizitrone, keine WC-Frische und kein Zitronencremebällchen. Es gibt kein für meine Nase wahrnehmbares Beiwerk in Form von Moschus, Zeder, Kräutern, Moosen oder was immer man von anderen frischen Düften kennt. Pur Kinkan duftet, als würdest Du Dir den Saft und die Schalen der frischen Früchte direkt auf die Haut reiben. Vollkommen natürlich, überhaupt nicht synthetisch, total unparfümig, voller Lebensfreude, sympathisch, sonnig, modern, rein, einmalig. Bei heißen Temperaturen ist das eine pure Wohltat, für andere Wetterlagen ist Pur Kinkan meines Erachtens nicht geeignet. Leider hält diese Lebensfreude bei mir nur eine halbe Stunde und flacht dann schnell ab.

Pur Kinkan duftet nach nichts Anderem als den allerschönsten Zitrusfrüchten, aber das auf höchstem Niveau. Der Name und die Ingredienzen spiegeln den Duft exakt wider. Ob das 263,- Euro kosten muss, will ich nicht beurteilen und es ist sicher auch nichts jedermanns Sache, wie mit Limetten, Yuzu und Kumquats eingerieben zu duften - ich finde es an heißen Sommertagen herrlich.
8 Antworten

Hannah vor 4 Jahren 33
9
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
9
Flakon

Abendstille
Frühsommer. Eine feine Abendgesellschaft in der Orangerie. Angeregte Gespräche, Lachen und klingende Gläser. Gern dabei sein und doch für einen Moment die Ruhe des angrenzenden Parks suchen. Allein, mit einem Glas in der Hand. Laternenlicht. Lieblicher Blütenduft von Jasmin und Rosen liegt in der Luft. Die Szenerie ist friedlich, freundlich, verinnerlicht. Nicht einsam, sondern für sich sein, sich wohlfühlen und den zaubrischen Augenblick genießen - und dann zurückschlendern ins beschwingte Leben auf der Terrasse.

Es geht auch prosaischer: Ein absolut fein komponierter Blütenduft mit Noten, die sich beflügeln, zuweilen beruhigen, manchmal harmonisieren. Die Iris nimmt der Weinnote die in Düften für mich häufig unangenehme säuerliche Spitze, macht sie leicht likörig. Der Wein wiederum beflügelt die oft so spröde Iris und lässt sie hier fein-pudrig und zugewandt erscheinen. Jasmin legt eine feine Süße über alles und zeigt sich von seiner besten Seite. Zart, absolut sauber, ohne jeden Anspruch auf Dominanz. Rosenblüten fügen sich schmeichelnd ein. Sandelholz mit seiner milchigen Cremigkeit bestärkt die Weichheit und Unaufgeregtheit dieses Duftes. Alles ist zartgliedrig, seidig und vermittelt doch Tiefe. Die restlichen angegebenen Noten nehme ich nicht wahr. Befürchtete Gewürznoten ebenfalls nicht.

Daß ich den Duft mit einer abendlichen Stimmung assoziiere, obwohl er in keiner Weise schwer, dunkel oder dramatisch ist, führe ich auf die Ruhe und Gelassenheit zurück, die Niral austrahlt.

Es ist lange her, daß ich einen so bezaubernden, so sensiblen Duft gerochen habe, in den ich mich auf Anhieb verlieben kann und von dem ich das Gefühl habe, daß er zu mir passt. Niral ist dezent pudrig-blumig mit feiner Süße, leicht zu tragen, eindeutig feminin, hat eine sehr gute Haltbarkeit von vielen Stunden und eine mittlere Sillage. 
17 Antworten

Hannah vor 5 Jahren 42
9
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

elegante Strahlkraft
Mal angenommenn, ich hätte die Chance und das Können, einen einzigen Duft zu erschaffen. Was wäre mir wichtig, wonach würde ich entscheiden, was soll er können?

... das Zeug zum modernen Klassiker haben.
... auf lässig-entspannte Art elegant wirken.
... feminin und schön sein, aber doch einen besonderen Twist haben.
... nicht meinen kurzfristigen Vorlieben nachgeben (Kaffee-Milch, Rose-Patch etc.)
... sich nicht an Moden anbiedern (schwarze Johannisbeere, Oud, salzig, Neroli, Hedione etc).
... lange halten, ohne penetrant zu wirken.
... den Raum füllen, aber nicht die Luft nehmen.
... positiv und sympathisch wirken.

La Douceur de Siam! Alles, was ich mir vorgestellt und gewünscht habe, ist hier schon realisiert und seit langem hat mich kein Duft in seiner Schönheit so begeistert und eingenommen.

Bei der Eröffnung liegt eine spritzige Frische über dem Bouquet von samtigen Blüten mit leicht tropischem Flair. Mairose, Frangipani und Champaka scheinen viel Spaß miteinander zu haben, bevor ein paar Minuten später die etwas ernstere Gewürznelke, Veilchenblatt und Ylang-Ylang mitreden möchten. In dieser Phase meine ich auch eine Wildledernote wahrnehmen zu können, die aber nicht gelistet ist. Dieser Einpassungsprozess lässt den Duft ein klein wenig taumeln, doch die weichen Untertöne sorgen für schnellen Ausgleich, so daß beide Blumenteams zu einer cremigen, runden, delikaten Einheit zusammenwachsen unter der die Wildledernote wieder verschwindet. Alle aufgeführten Noten lassen sich nachvollziehen, sind aber perfekt verblendet und von zauberischer Harmonie.

Der Duft ist in seiner Art gar nicht so außergewöhnlich, denn hier wird von Pissara Umavijani nur ein klassisches Thema neu interpretiert. Aber die Umsetzung! Sinnenfreude und Lebenslust von der frischen Kopfnote über das blumige Herz bis zur sanft einhüllenden Basis. La Douceur de Siam zieht Aufmerksamkeit auf sich, ist anlockend, strahlend und trotzdem nicht laut, sondern wirkt elegant, gepfegt und sauber. Die Sillage ist mäßig bis stark, aber durchaus angenehm. Die Haltbarkeit liegt bei mir bei ca. 10 Stunden. Durch seine Schönheit fordert der Duft meines Erachtens von seiner Trägerin (an einem Mann kann ich ihn mir schwer vorstellen) , daß sie ihn bewusst trägt und ihm entspricht - weniger durch Kleidung als durch Haltung. Von der Machart her erinnert er mich an Puredistance White.

Um den Kritikern etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ja, er kann nur schön. Ist nicht kantig, will nicht avantgardistisch, möchte nicht unbequem, wendet sich monetär an Besserverdienende, spricht für ein materialistisch geprägtes Verhalten (50 ml = 195,- Euro) und den Wunsch nach Realitätsflucht, ist genderlogisch inkorrekt und kein regionales Produkt. Aber trotzdem zu 100 % mein Duft.
16 Antworten

Hannah vor 5 Jahren 30
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
7
Flakon

Woodwork
Hinoki ist die japanische Scheinzypresse, deren Holz in Japan eine meditative Kraft zugeschrieben wird. Es wird beim Bau von Palästen und Tempeln ebenso eingesetzt wie bei der Herstellung von traditionellen Holzbadewannen, die in der japanischen Badekultur eine wichtige Rolle spielen. Das helle Edelholz ist sanft und weich und verströmt einen Hauch von Zitrone. Eben das und nur das bildet der Duft ab: feinaromatisch-zitrische Zypressenholzigkeit. Frisch, klar, ruhig, entspannt. Gewollt eindimensional und nach dem minimalistischen Prinzip "Wo (zu)viel ist, verliert das Wertvolle seinen Wert". Trotz dieser artifiziellen Reduzierung duftet Hinoki natürlich und macht Weite und Frische riechbar wie an einem ersten Frühlingstag, an dem man alle Fenster und Türen öffnet, um tief einzuatmen - um aufzuatmen. Die weichen Begleiter Amber, Tonka und Moschus runden nur ab und nehmen dem zitrischen Auftakt die herb-säuerlichen Spitzen. 

Mir fällt kein Duft ein, in dem fernöstliche Ästhetik und Schlichtheit so gut zum Ausdruck kommen. Glamour, Erotik, Üppigkeit und Blumen spielen hier überhaupt keine Rolle und trotzdem hat das feine Holzaroma für mich eine besondere Ausstrahlung und ich würde Menschen, die Hinoki tragen, sehr interessant finden. Sie haben Stil, können sich zurücknehmen und sie unterstreichen mit dem Duft ihre Persönlichkeit (im Gegensatz zu jenen, die hoffen, sich durch ein Parfum eine erträumte Persönlichkeit zulegen zu können). 

Hinoki ist ein Unisexduft. Obwohl ich es eigentlich gern sehr feminin mag, ist er immer dann mein Favorit und Retter, wenn meine Parfumliebe in Überdrüssigkeit zu kippen droht und die Nase um eine Auszeit bettelt. Oder an Tagen, an denen ich Gourmands, Zuckerwerkdüfte und Orientalen am liebsten stante pede in den Souk stellen möchte. Oder wenn ich anderen Menschen auf engem Raum nicht auf die Nase fallen, aber gleichzeitig interessant duften will. Das ist nicht allzu häufig der Fall, aber dann habe ich mit ihm eine sichere Bank. Hinoki hat eine mittelmässige Sillage und eine für diesen Dufttyp gute Haltbarkeit über den gesamten Tag. Der Flakon ist passend zum Duft von geradliniger Schlichtheit. Der Preis liegt bei 175,- Euro für 50 ml.
9 Antworten

Hannah vor 6 Jahren 38
9
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
7
Flakon

Where the wild roses grow
Niemandsland: Das Land zwischen den Frontlinien eines Krieges. Im allgemeinen Sprachgebrauch steht es für unwirtliches Gebiet. Herrenlos, kulturlos, von niemandem besiedelt, gepflegt oder bewirtschaftet. Öde und karg in jeder Beziehung stelle ich es mir vor. Kaum Vegetation bis auf ein paar wenige Dornengewächse, die der harten Natur ihre Nahrung abringen. Hier also soll sie wachsen, Byredos Rose. Als dornige Wildrose auf steinigem Grund, gedrungen im Wuchs, strauchig, mit grüngrauem Laub und kleinen, hellrosa Blüten. Allen Widerständen stellt sie sich entgegen. Sie trotzt dem Wind, der an ihr zaust und das Rosa der Blütenblätter mit einem grauen, staubigen Schleier belegt; sie trotzt dem Fels und dem harten Boden, der ihr die Nahrung nur spärlich gewährt und ihr eine mineralischen Note einhaucht. Sie ist standhaft als Symbol der Hoffnung in schweren Zeiten.

Anspruchsvoll ist sie nicht: Wasser, etwas Nahrung und ein paar Sonnenstrahlen bringen sie zum Blühen. Außerdem gibt es ganz in der Nähe einen, der zu ihr passt. Ein wilder, dorniger Himbeerstrauch. Seine rosaroten Früchte sind zwar klein geblieben, doch seine leichte Süße und seine weiche fruchtige Wärme gefallen ihr. Die beiden harmonieren. Sie ist die stärkere und ausdauerndere in der Beziehung. Unter besseren Bedingungen wären Sie ein Traumpaar in Sachen Schönheit und aromatischer Lieblichkeit. Hier lassen die Umstände - abgebildet durch Papyrus - das nur gedeckelt zu. Es scheint, als würde er einen zartgrauen Schimmer auf sie legen.

Klingt das das Trauer und Bedrücktheit? Keineswegs! Diese Rose kümmert und jammert nicht. Sie will es so: Ein einfaches, unverzüchtetes, etwas knarziges Dasein. Doch auch wenn ihre Umgebung ungepflegt ist, bewahrt sie Stil und Haltung: Ein bißchen Staub duldet sie, aber Schmutz und Unsauberkeit lässt sie nicht zu. Die mineralische, fast ein wenig bittere Note schadet ihr nicht. Sie spiegelt ihre Existenz, lässt sie stark und tough wirken.

Rose of no man's land ist ein transparenter, kühler Duft, dem Papyrus das allzu Freundliche und Betuliche nimmt, das Rosendüften schnell anhaften kann. Er ist schnörkellos und puristisch. Der Duft wirkt modern, lässig und cool. Die Haltbarkeit ist für einen so straighten Duft gut, denn morgens aufgesprüht, nehme ich ihn noch am Nachmittag wahr. Die Sillage ist mittelmäßig, die Ausrichtung unisex.

Kennt Ihr das Gefühl, wenn man nach fetten Festtagen keinen Braten mehr sehen und riechen kann? Das lässt sich bei mir auch auf Düfte übertragen. In solchen Fällen ist der Griff zu Rose of no man's land eine echte Empfehlung. Hier wurde alles weggelassen, was üppig, süß, vollmundig und gourmandig ist und das meine ich im positiven Sinne. Auch der enthaltene weiße (!) Amber sorgt hier nicht für Kuschelstimmung.

Mit selbst hilft es immer, wenn ein Duft in Beziehung zu anderen Düften gesetzt wird. Für Rose of no man's land gilt:

- Sa Majesté la Rose von Lutens, prätentiös veredelt und mit altenglischem Charme, ist ihr komplett wesensfremd.
- Die Lieblichkeit von Elie Saabs Rose Essence hat sie im no man's land nicht entwickeln können.
- Das Verspielte von Drole de Rose ist ihr im täglichen Überlebenskampf abhanden gekommen.
- Für modische Alliancen mit Oud (Montale, Mancera & Co.) fehlt ihr der Sinn.
- Die üblichen Begleiter in Sachen Üppigkeit und Tiefe wie Patchouli, Tonka, Vanille wie in L'Inspiratrice sind nicht ansatzweise da.
- Terra Nullius und pudrige Noten wie in Lipstick Rose? Passt nicht zusammen.
- Würzige und warme Noten wie in Tudor Rose & Amber? Fehlanzeige.
- Die dunkle Seite der weiblichen Rose wie in Lady Vengeance lässt sich im Niemandsland nicht ausleben.
- Ihre Schwester Rose Noire aus dem eigenen Haus ist gegen sie ein Schmuddelkind.

Und wer mag, kann sich jetzt Nick Cave's "Where the wild roses grow" anhören.
10 Antworten

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