PaloneraPaloneras Parfumkommentare

1 - 10 von 455

22.08.2019 18:19 Uhr
18 Auszeichnungen
Der August schien kein August zu sein, nicht in diesem Jahr.
Nicht in diesen Tagen, diesen Wochen.
Er ließ den Himmel ergrauen, bräunte die Bäume vor der Zeit, verlängerte die Ärmel und krempelte die Hosenbeine bis zu den Knöcheln herab.
Er nannte sich August nach dem Kalender, doch es schien, als habe er geirrt, als habe ich geirrt, als sei ich in der Nacht in ein Wurmloch gefallen, irgendwie, schlafwandelnd vielleicht, im Traum, und im Oktober wieder aufgewacht, fröstelnd, desorientiert, verwirrt.

Es mag der Verwirrung geschuldet sein, der Desorientierung, daß ich an jenem ersten Morgen zu "Lilia Bella" griff, unwissend noch, was sich befand in jenem rosa Röhrchen.
Halbblind war der Griff ins Regal, ins übervolle, in dem sich Nelke neckt mit Weihrauch, Rosen blühen neben kalter Asche, Neroli sich an Ambers starke Schultern lehnt.
Ein stetes Kommen herrscht dort und ein Gehen, selten steht an Ort und Stelle, was ich einst dort plaziert.
Rosa also.
Das konnten Rosen sein und scharfe Dornen, dunkles Holz und Gras und Babypuder auch.
Halbblind der Griff, halbblind auch noch der Sprüh.

Mai.
Grün.
Hell.
Blauhimmeliges Silber, die Sonne warm auf winterblasser Haut.
Glöckchen, weiß und blau und grün.
Lanzettenblätter, bärlauchgleich, toxenreich.
Wilde Wiesen, buntgesprenkelt, feucht.
Bächleinplätschern dicht am Waldesrand, die jungen Bäume schwarzweißlind belaubt.
Zitronencremetörtchen, fluffig, schaumig, leicht.
Die Seele, scheint es, hält Diät, schwebt schwerelos und frei.
Mädchenkleidchen, himmelblau, vanillegelb, grashalmgrün.
Viel Grün, viel Weiß, viel Blaublaublau.
Hoffnungsblau, Freiheitsblau, Aufbruchsblau an Lebensgrün und Unschuldsweiß.
Frühling knüpft ein duftend' Band, nicht mehr nur das blaue.

Jung ist "Lilia Bella", unbeschwert und hoffnungsvoll.
Sehr grün, sehr weiß, sehr blau – und sehr laut bei einem Sprüher nur zuviel.
Dann legt sie sich um meine Stirn und drückt mir auf den Magen.
Doch mit einem Sprüher nur ist sie verträglich, vertraulich, freundlich, feminin.
Sie läßt die Sonne scheinen durch die dickste Wolkenbank, hebt meine Mundwinkel und kräuselt feine Fältchen rings um mein Augenpaar.
Noch einmal und noch einmal, viele Tage wieder.
Bis ich zurückkam aus dem Oktober, zurückkam in den August, den hitzig-goldenen, der seine Strahlen vor meine Füße wirft, der keine Glöckchen kennt.
Bis sich der Finger senkt – einmal noch, einmal nur wird es Mai sein heute im August.


08.08.2019 16:06 Uhr
32 Auszeichnungen
Keine Ahnung, wie lange ich es nun versucht habe – drei Wochen, vier, fünf, sechs.
Immer wieder sind wir uns begegnet, "Boss Orange" und ich, ein Test ergab den anderen und ließ mich ratloser zurück.
Ich legte Pausen ein, den Duft beiseite, vertraute meiner Nase nicht und nicht der Haut.
Bis ich irgendwann erkennen mußte: Es liegt nicht an der Nase, es liegt nicht an der Haut – es liegt ganz einfach daran, daß wir nicht füreinander geschaffen sind, der Duft und ich, daß die Chemie nicht stimmt wie auch bei manchen Menschen nicht.

Ein bißchen lag es sicher auch am ersten Mal.
Am ersten Test, an meinem Ungestüm, das mich zu sorglos splashen ließ – die Probe hatte keinen Sprüher, doch einen langen Stab, der sinnvoll war und ist, der jedoch unbeachtet blieb.
Das rächte sich mit Kehlekratzen, Magendrücken, einem Band um meine Stirn.
Das mahnte mich zur Vorsicht bei jedem fortan nächsten Mal.

Das besser wurde, sicher doch – doch keine große Liebe.
Auch keine kleine und keine Liebelei.
Dabei ist sie schon schön, die "Boss Orange", sehr (!) moderat dosiert.
Warm ist sie, süß ist sie, ein bißchen kratzig leider auch, doch das läßt sich verschmerzen.
Und Orange – ja, doch, das kommt schon hin, so von der Farbe her.
Ansonsten Apfel ohne Sine, nicht frisch vom Baum, auch nicht aus der Natur.
Im Labor hat man ihn nachgebaut, auf Apfelbrei getrimmt, gezuckert, ohne Zimt.
Ein bißchen Holz im Hintergrund und drumherum, hier und dort auch ein paar Blümchen, sonnengewärmte Haut, ein Hauch von Haarspray obendrein – das ist gar nicht unangenehm, das drängt sich auch nicht auf.
Später Sommer, früher Herbst, die Sonne steht schon tief.
Terracotta, Bernstein, ein Glas mit Honiggold.

Wir haben es versucht, der Duft und ich – immer wieder, noch und noch.
Doch Liebe läßt sich nicht erzwingen, nicht zum Menschen, nicht zum Duft.
Auch wenn er kratzt und im Zuviel die Keule schwingt, so bringt er nichts zum Schwingen, löst kaum Gefühl und kein Begehren aus.
Seltsam flach wirkt "Boss Orange" auf meiner Haut, beinahe körperlos – keine Ecken, keine Kanten, die Kontur verleihen, ihn erkennbar machen, unverwechselbar.
Würde ich ihm andernorts begegnen, nächste Woche, nächstes Jahr, ich würde ihn nicht mehr erinnern – aus der Nase, aus dem Sinn.
Und das ist doch eigentlich sehr schade.


19.07.2019 20:42 Uhr
30 Auszeichnungen
1974.
Das Jahr, in dem Deutschland Fußball-Weltmeister wurde, das Richard Nixon dank Watergate den Kopf kostete und das erste IKEA nach Deutschland brachte.
In dem Alanis Morisette, Kate Moss und Robbie Williams zur Welt kamen und sich kein Mensch hätte vorstellen können, welch ein Rummel eines Tages um diese drei Winzlinge ausbrechen würde.
Im Geburtsjahr des Punk trug man Miniröcke und Overalls, Schockfarben an lätzchenähnlichen Krawatten, ondulierte Dauerwellen und Koteletten, die schon fast das Vermummungsverbot berührten.
Das Täubchen war noch kein Täubchen und trat mit Schultüte und Ranzen den Weg in den Ernst des Lebens an.
Und Roger & Gallet lancierten "Vetyver", ein Cologne, das wie ein Zeitreisender im falschen Jahr gelandet zu sein scheint.

Man kann nur vermuten, was das französische Traditionshaus, das im vergangenen Jahr seinen 150. Geburtstag feiern konnte, bewogen hat, einen ebenso feinen wie bodenständigen Duft wie "Vetyver" ausgerechnet in einem Jahr herauszubringen, dessen Geschmack doch als ein wenig lautstark bezeichnet werden darf.
Mag sein, daß es dem Zufall zu verdanken ist – "Vetyver" war nun einmal fertig und sollte nicht für die Schublade creiert worden sein.
Mag auch sein, daß man ein Zeichen setzen, gegen den Strom schwimmen wollte oder schlicht eine Klientel im Auge hatte, die abseits des Massengeschmacks einen Stil goutierte, den bereits 1864 Queen Victoria zu schätzen wußte und Roger & Gallet zu Hoflieferanten ernannte - eine Ehre, die nicht vielen nichtbritischen Unternehmen zuteil wurde.
Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, daß in meinem persönlichen Umfeld des Jahres 1974 irgendjemand "Vetyver" trug – doch in der sauerländischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, waren "Tosca" und "Tabac" ohnehin die unangefochtenen Spitzenreiter...

Auch ich mußte zunächst meinen 40. Geburtstag hinter mich bringen, um den Charme von "Vetyver" zu entdecken.
Was bergamottig-nerolig-zitrisch wie zahllose andere Colognes beginnt, ohne freilich auch nur einen Augenblick lang zu sticheln oder zu brizzeln, verläßt schon nach wenigen Minuten die hesperidisch-hellen Gefilde und verwandelt sich in einen holzig-würzig duftenden Sommergarten, in dem Gartennelken neben Rosmarin und weiteren Kräutern eine mediterrane, sehr entspannte Nachmittagsatmosphäre erschaffen.
Ein wenig Kardamom, einen Hauch Muskat und eine Prise Zimt meine ich zu erahnen, kraftvoll und doch dezent sich nicht sehr weit von meiner Haut entfernend.
Raumgreifende Duftauren sind Roger & Gallets Sache nicht, man weiß fein zwischen Understatement und falscher Bescheidenheit zu differenzieren.
Während ich mit geschlossenen Augen in meinem Garten liege und die Sonne mit meinen nackten Zehen spielt, erhebt sich ein leichter Wind und trägt den Duft trockener Gräser zu mir, ein wenig Erde und frisch geschlagenes Holz.
All dies verbindet sich mit den noch immer sehr präsenten Gewürznoten zu einem fast schon orientalisch anmutenden Dufteindruck, der jedoch zu keinem Zeitpunkt überladen wirkt – dafür sind alle Komponenten zu fein miteinander verwoben, ist die Komposition zu gut ausbalanciert.
Der einzige Wermutstropfen ist nach meinem Empfinden die für ein Eau de Cologne naturgemäß begrenzte Haltbarkeit: Nach spätestens vier Stunden ist "Vetyver" restlos verduftet.


PS: Dieser Kommentar wurde erstmals am 7. März 2013 unter dem Eau de Toilette eingestellt, das Eau de Cologne war zum damaligen Zeitpunkt hier noch nicht gelistet.
Dem aufmerksamen Hinweis von Couchlock ist es zu verdanken, daß der Kommentar heute an die richtige Stelle umziehen darf und an seinem ursprünglichen Standort gelöscht wird.


03.07.2019 17:02 Uhr
33 Auszeichnungen
Um es vorweg zu nehmen: Barbarisch ist an dieser Rose gar nichts.
Nicht an mir, nicht auf meiner Haut.
Und nicht auf dem Papier, dem zum Vergleich besprühten.
Conan der Barbar hätte sich kaum mit "Rose Barbare" benetzt, Arnold Schwarzenegger höchstwahrscheinlich auch nicht.
Dann schon eher mit "Eau de Protection", Rossy de Palmas Dornenrose aus dem Hause ELdO, der kratzigen, bissigen, stechenden mit ihrem Panzer aus Metall.
Der ein sanftes Herz verbirgt, nebenbei bemerkt, geschützt von Schild und Speeren.

Nichts davon ist "Rose Barbare".
Sie ist weder kalt noch hart noch stechen ihre Dornen.
Noch jung erscheint sie mir und dunkelrosa, die Blütenblätter hell beperlt vom Morgentau, feuchtes Gras und saftiges Gehäcksel.
Kein dunkles Rot, kein Blut, kein divengleich' Gehabe.
Traubenzuckrige Süße, fruchtig, saftig, reif, charakteristisch für manche Rosensorte.
Sonnenwarmes Holz und teurer Körperpuder.
Freundlichkeit, Unbeschwertheit, ein Lächeln in den Augen.

Sanft und warm und weich entwickelt sie sich mit der Zeit, die Rose, von jugendlich zu mütterlich beinah, immer rosig, immer weiblich, immer samtig, schmiegsam, fein.
Selbst bei 30 Grad und mehr ist sie keinerzeit zu schwer, zu laut, zu viel – vornehm beinah hält sie sich zurück, bleibt sie nahe meiner Haut, wahrnehmbar nur jenen, die mir nahe sind, nahe kommen, ein wenig näher bleiben noch für einen Augenblick.
"Wie fein Du riechst!" sagt eine Kleine, vergräbt das Näschen tief in meinem Haar.
"Fast wie Dornröschen!"
Und damit, scheint mir, liegt sie gar nicht so verkehrt.


06.06.2019 18:08 Uhr
36 Auszeichnungen
Prinzen, hatte Oma behauptet, seien die Jungs auf den weißen Pferden, blondgelockt, strumpfhosengewandet, die aus weiten Fernen herbeigeeilt kamen, Prinzessinnen zu retten vor bösen Hexen und feurigen Drachen, aus gläsernen Särgen und rosendornenumranktem Schloß.
Prinzen, erfuhr ich später, feierten rauschende Parties in Cannes, in Marbella, auf schicken Hochsee-Yachten und unter'm Zuckerhut.
Prinzen spielten Polo und danach mit hübschen Mädchen, fuhren schnelle Autos und nahmen alles nicht so ernst.
Prinzen – zumindest deren einer – hatten kluge Augen und schüttere Haare, setzten sich ein für Gerechtigkeit, für "alle anders, alle gleich".
Und Prinzen, so lernte ich, liebten nicht nur, sondern schufen mitunter Parfums – "Le Prince Jardinier" ist einer davon, "Prince Matchabelli" ein zweiter.

"Prince Matchabelli", wußte Wikipedia, war ein georgischer Prinz gewesen, Georges Vasili Matchabelli, dessen Leidenschaft den Retorten gehörte und der im Zuge der russischen Revolution seine Heimat verließ und nach New York emigrierte.
Dort führte er mit seiner Ehefrau Princess Norina, einer ehemaligen Schauspielerin, ein Antiquitätengeschäft, bevor sie im Jahr 1926 die "Prince Matchabelli Perfume Company" gründeten, die zunächst maßgeschneiderte Parfums für eine handverlesene Kundschaft bot.
Zehn Jahre später, nach Scheidung und dem Tod des Prinzen, verkaufte die Witwe die Firma, die in den folgenden Jahrzehnten noch mehrfach den Besitzer wechselte und heute zu "Parfums de Coeur" gehört.

Wer immer "Cachet" ersonnen hat: Der Prinz war es sicher nicht.
Dafür ist der Duft zu jung, zwei Jahre jünger nur als ich.
Wer immer "Cachet" mir geschickt hat: Ich werde ewig dankbar sein.

"Cachet" ist frisch, grün, herb.
Ist pudrig, sanft und sauber.
Ist ledrig, schmutzig, derb.
Ist Sonne im Flacon, ein dichter, dunkler Wald, ist seifenreine Haut mit schwarzem Leder drumherum.
Ein Chypre bester Schule, erwachsen, elegant.
Bodenständig elegant in Tweed und Reiterstiefeln, in Samt und Seide nicht, erst recht nicht in Brokat.
Ist klare, frische Frühlingsluft an einem Märzenmorgen, der Boden hart noch, ungewärmt und roh.
Ein Nachmittag im Mai, der Garten steht in Blüte, die Sonne prickelt auf der Haut, entlockt ihr saubersanfte Düfte.
Ein Sommertag am Mittelmeer, Neroli, weiße Blüten.
Festes Schuhwerk, dichte Wälder, den Berg hinauf, Stock stößt auf Stein.
Tiefgrünchypre, Weißgoldchypre, Lederchypre dann und wann, wenn der Regen fällt, der kühle Wind die Wangen streift.
Nicht zu laut, nie zu leis', stets an meiner Seite.
Dabistduja, wowarstdubloß, ein Immerimmerwieder.
Für mich, für Dich, ob Mann, ob Frau.
Und auch für Königskinder.


23.05.2019 17:14 Uhr
34 Auszeichnungen
Es war ein naßkalter, trüber Novembertag, an dem ich ihm zum ersten Mal begegnete.
Ich hatte Schutz gesucht vor dem peitschenden Regen, dem schneidenden Wind, der mein Haar wie das Herbstlaub umherwirbelte und sich im Windfang der Haltestelle fing.
Der Bus hatte Verspätung, wieder einmal – mir war kalt und der Laden hinter mir ein Zufluchtsort in Hell und Warm und Duft.
Dort stand er, der Torso, ganz oben im Regal.
Ein feuchter Traum aus satiniertem Glas mit Wespentaille, die Büste in DD.
Ich trug Jeans und einen Parka, mit 25 Jahren gerade mal Cup B.
Zehn Minuten später kam mein Bus, ich stürzte aus dem Laden mit dem Torso im Gepäck, gehüllt in sanftes Weich und Warm, Spätsommerlicht auf Aprikosenhaut.

Ab diesem Zeitpunkt traf ich ihn immer wieder.
Er fuhr Bus und Bahn und manchmal auch Motorrad, er ging mit jeder, die er trug, durch dick und dünn.
Er flutete die Disco, die Kneipe gegenüber, den Supermarkt und selbst das Krankenhaus.
Er war allgegenwärtig und mir irgendwann zuviel - die Süße eines Hubba Bubba wollte ich schon nicht mehr schmecken, erst recht nicht (danach) riechen, so reichte ich die Scheidung ein und ging ihm aus dem Weg.
So gut es ging.

Sechsundzwanzig Jahre später trafen wir uns erneut.
Ich trug noch immer Jeans, noch immer Parka, zumindest wenn es kalt war, dann und wann.
Der Torso trug ein X anstelle des Korsetts, die Büste schien mir nicht mehr ganz so groß.
"Wie ist es Dir ergangen? Komm, erzähl."

Ruhiger war er geworden, leichter, feiner.
Ein bißchen grüner zur Begrüßung, die Helligkeit gedimmt.
Noch immer der Charakter seiner Jugend, noch immer süß, noch immer Kaugummi – doch mehr Orangen als ihre Blüte heute, ein bißchen Säure, ein Brizzeln hier und da.
Entspannte Freundlichkeit, charmantes Augenzwinkern, kein Push Up mehr, kein aufgetürmtes Haar.
Erkennbar "Classique", ein wenig auch "Ma Dame", nicht mehr ganz jung, doch zu erwachsen nicht.
Ein später Frühling, ein früher Sommermorgen, an dem die Sonne schon bald den Garten wärmt.
Dicht meiner Haut flutet er keine Räume, nicht mal das Auto, niemand ergreift die Flucht.
Ein Duft für graue wie sonnenleichte Tage, für nackte Arme wie für bepelzten Muff.
Nicht für den Rest des Lebens – meines Lebens -, doch von der Bettkante schubs' ich ihn sicher nicht...


29.04.2019 10:51 Uhr
32 Auszeichnungen
Die Zeiten sind rauh geworden.
Ein kalter Wind fegt durch Straßen und Häuserschluchten, dringt durch die Kleidung in das Herz der Gesellschaft und umschließt es mit einem frostigen Panzer.
Müde Augen, leere Gesichter, gleichgültiges Vorübereilen, für ein Lächeln keine Zeit.
Lärm und Hektik, graue Menschen, den Blick gebannt auf ein schwarzes Rechteck, hochgezogene Schultern und die Ellenbogen stets parat.
Eine Zeit, die im Ich ihr Du vergißt, in der ab- statt zugehört wird und die Werte wie Besonnenheit, Achtsamkeit und natürliche Noblesse mit Verachtung straft.
Die die Nase rümpft über das Gestern, ein "Ich mache nicht mit" und über Düfte wie "Seringa".

Zart wirkt "Seringa" und fein, blütengesprenkelt hellgrün und transparent wie ein dahingehauchter Seidenschal, unprätentiös und auf eine anrührende Weise altmodisch.
Ein klassischer Blütenduft, der auf jede Opulenz verzichtet, kühl und sauber und von verhaltener Eleganz, unzweifelhaft feminin und doch frei von jeder Süße.
Sanft und behutsam, leise und doch vernehmbar, ein "Du bist nicht allein" – wie das Lächeln der besten Freundin, wie Deine Hand in meiner, wie der Gesang der Lerche, der frühmorgens ins Zimmer dringt.

Wer "Seringa" trägt, ist weder Vamp noch Girlie, rockt und röhrt nicht, ludert nicht in Boxen herum und fühlt sich im Konzerthaus vermutlich wohler als in der Disco.
Helles Leinen, offene Blicke, die Füße auf dem Boden und entspanntes Understatement.
Leben im Jetzt und Hier, das Gestern im Gepäck und mit Verantwortung für das Morgen, Freundlichkeit als Selbstzweck und ein Lächeln, das immer die Augen erreicht – und das Herz seines Gegenübers.
Damit der Eispanzer schmilzt.


Nachtrag: Dieser Kommentar erschien zuerst am 8. November 2013 unter dem Eau de Parfum - vermutlich war das Eau de Toilette zu jenem Zeitpunkt noch nicht gelistet. Da es sich bei der besprochenen Variante um das EdT handelt, habe ich den Kommentar nun hierher verschoben und an anderer Stelle gelöscht.


13.04.2019 18:55 Uhr
38 Auszeichnungen
Allzu viele Freunde, so scheint es, hat er nicht, der kleine Loewe.
Zu zahm sei er, so wird moniert, zu massentauglich und zu glatt gebügelt, ein wenig schwächlich auf der Brust zumal und ganz gewiß nicht eigenständig, eigenwillig wie der Kopf, der für ihn wirbt.
Enttäuschung klingt aus diesem Urteil, Ernüchterung und die eine oder andere verlorene Illusion.
Und nichts davon ist falsch – eigentlich.
Und auch nicht richtig – eigentlich.
Denn ein bißchen mehr als das, was man ihm zutraut, zuschreibt, kann er schon, tut er schon auf meiner Frauenhaut.

In den beinahe zwei Wochen, in denen er "the one and only" war, in denen er Tisch und Bett, Tag und Nacht, Bahn und Auto mit mir teilte, der kleine Loewe, lernte ich ihn kennen in seinen vielerlei Facetten, die sich zeigten eine nach der anderen - manche noch am gleichen Tag, manche erst am nächsten, am übernächsten oder später noch.
Sie alle führten mich nach Spanien – das Spanien, das mir begegnet ist auf meinen Reisen nach Andalusien und an die Costa Blanca.

Meine erste Begegnung mit dem kleinen Loewen fand statt an einem warmen Tag – die Sonne wärmte meine nackte Haut, zog den Sommer vor auf Ende März.
Blauer Himmel, keine Wolken, der Garten voller Gelb und Grün.
"Solo" eröffnete mit sanftem Weiß, mit lichtem Grün, mit viel Neroli und weicher Bergamotte – ein Cologne wie so viele, die man in Spanien heiß und innig liebt, die in Halbliterflaschen in fast jedem Laden stehen zu einem Preis, dem man nicht glauben mag, was die Nase später dann erzählt.
Nichts sticht, nichts kratzt – kein Domestos, kein Reiniger für's Klo.
Licht, frisch, fein – bei 40 Grad im Schatten vielleicht das Einzige, was hilft.
So blieb er, der kleine Loewe, den ganzen langen Tag – was immer sonst die Pyramide sagte: Nichts war wahr.
Nicht an diesem ersten Tag.

In den folgenden Tagen, die kühler waren, regnerischer, rauher, umwehte mich die gesalzte Meeresluft der Weißen Küste, stieg ich aus Orangen- und Zitronengärten hinauf in die ätherische Kühle der Nadelbäume und des Gesteins hoch oben auf dem Montgó, in der Sierra Nevada, saß in irgendeiner Bar in einer Seitenstraße von Granada Rücken an Rücken mit einem Fremden, der Pareras "Varon Dandy" trug, roch den Duft der Hölzer und Gewürze, die saubere Haut und den Sherry vor ihm auf dem Tisch.
Ich stand in den kühlen Gemäuern der Alhambra, in der Nase die Reste des heiligen Rauchs, vermischt mit dem Wasser der Außenbecken.

Er ist kein lauter Duft, Loewes "Solo", niemals, in keiner seiner aberzig Facetten.
Man nimmt ihn wahr, nimmt mich wahr mit ihm, dreht den Kopf, wenn man mir nahe ist, wortlos meist, mit einem Lächeln.
Einmal nur, ein einziges Mal, wurde ich gefragt: "Wonach riechst Du?"
Von einem Jungen, einem kleinen, neun Jahre alt, den ich kannte seit seiner Geburt, der niemals gefragt hatte in all dieser Zeit.
"Wonach riechst Du?"
"Ein Parfum. Ist es gut?"
Er nickte, lächelte, ein wenig verlegen beinahe: "Es ist gut. Ich mag, wie Du riechst."
Und für den Rest der Zeit saß er ein wenig näher.
Der kleine Loewe hatte einen neuen Freund.


20.03.2019 18:17 Uhr
28 Auszeichnungen
...hatte ich gedacht.
Nicht zum ersten Mal beim Test eines Duftes aus der Retorte von Antoine Lie, nicht zum letzten Mal vermutlich auch.
Der traut sich was.
Der macht Düfte ohne Rücksicht auf Verluste, auf persönliche Befindlichkeiten, macht Düfte für gerümpfte Nasen, hochgezogene Augenbrauen, für Mundwinkel, die nicht mehr auf noch nieder wissen.
Düfte wie "Sécretions Magnifiques", der einen Negativhype erlebt wie kaum ein zweiter.
Düfte wie "Divin' Enfant", den gefallenen Engel, wie "Eau de Protection", die Dornenrose aus Metall.
Düfte, die uns schütteln, uns aufrütteln, die manches mit uns anstellen – doch eines tun sie nicht: Sie lassen uns nicht kalt.

Dabei begann "[80Hg] Mercury" eher harmlos, wiegte mich in Sicherheit für zwei, drei, vier Sekunden – aquatischer Herren-Mainstream erhob sich von bepfützter Haut, unspektakulär, bekannt, enttäuschend.
Beinahe.
Denn nach diesen paar Sekunden schon begann "[80Hg] Mercury" zu strahlen, zu flirren, verströmte sich metallisch-eisiger Ozon und stieß meine Synapsen in "Sécretions Magnifiques", den Angst-Endgegner Dutzender von Nasen.
Dieselbe grelle Kälte, das scharfe Weiß, dasselbe "Halt die Nase zu!".
Herabgedimmt hier freilich, doch ein Geschwist, ein Onkel oder Neffe.
Das muß man – mögen, sicherlich.
Zuerst einmal jedoch ertragen, denn ein Parfum, ein Wohlgeruch ist das nun eher nicht.

Quecksilber, Idee- wie Namensgeber von "[80Hg] Mercury", gilt als eines der faszinierendsten und zugleich giftigsten Elemente des Periodensystems.
Bekannt als flüssiges Silber, als keckes Silber reizt es mit seiner silberweißen, tropfenbildenden Oberfläche das ästhetische Empfinden gleichermaßen wie den Spieltrieb – ein anziehendes, abstoßendes Spiel mit dem Tod, das Antoine Lie in "[80Hg] Mercury" zwar nicht analog mit meiner Nase spielt, das er jedoch für mich nachvollziehbar macht, indem er den kalten, klirrenden Facetten bonbonhafte Zwischentöne, seidenweichen Puder und dunkle, beinahe angekokelte, rauchgeschwärzte Holznoten gegenüberstellt, die sich nur in einiger Entfernung von der Haut ausmachen lassen, derweil unmittelbar in Hautnähe bis zum Ende hin die Verwandtschaft mit "Sécretions Magnifiques" vorherrschend bleibt.

Zwischen diesen beiden Polen entwickelt sich mit zunehmender Tragezeit eine von beiden grundverschiedene Duftwahrnehmung, die süßliche, florale, unangenehm alkoholische Aspekte beinhaltet, die mich an Josh Meyers "L'Orchidée Terrible" und meine dortigen Kellergeister-Assoziationen erinnern – eine Erinnerung, die ich bisher mit Erfolg verdrängt hatte, die nun jedoch mit Macht mein Empfinden überschwemmt.
Das ist und tut nicht gut – das zwickt mich in den Magen, stellt meinem Wohlgefühl ein Bein.
Soll das eine Warnung sein, ein "Komm mir nicht zu nah!"?

Drei Tage haben wir zu zweit verbracht, "[80Hg] Mercury" und ich.
Drei Tage, in denen sich an meiner Wahrnehmung jeweils nicht viel geändert hat – abgesehen von diesem dritten Tag, der eher zitrisch-frisch begann, bevor sich Wimpernschläge später Metall und Eiseskälte zeigten.
Drei Tage, in denen Menschen mir nicht ganz so nahe kamen, in denen mancher Blick mich streifte, den ich nicht recht zu deuten weiß - in denen ich jedoch sehr froh bin, daß der Mann an meiner Seite gerade nicht am Orte weilt.
Er täte sich – das weiß ich - schwer mit diesem Duft, schwer mit mir, die ich ihn trage.
Und einen vierten Tag, verzeiht es mir, den tu' ich mir nicht an...


16.03.2019 15:32 Uhr
29 Auszeichnungen
die Lippenfarbe paßgenau
lavendelblaue Augen

die Bank aus Holz
die Schultern stolz
der Barbier mochte taugen

ein Augenblick der Zärtlichkeit
der Sehnsucht und der Einsamkeit
der sanften, kühlen Leere

samtgleiche Haut
fremd und vertraut
die Locke fällt der Schere

ein Hauch von Rauch
Orangen auch
die herben, dunklen, grünen

belaubt im Baum
zu ahnen kaum
noch unbegehrt von Bienen

tiefdunkelschwarz
ein Tropfen Harz
an cremigsanfter Süße

ein Weg im Wald
die Luft fast kalt
ätherisch-klare Grüße

ein Mann, britisch distinguiert
in Leder, Tweed - zivilisiert
bei Hof, in der Arena

so reiht sich weiter Bild an Bild
mal herb-markant, mal sinnlich-mild
in "Iris Nazarena"


1 - 10 von 455