PaloneraPaloneras Parfumkommentare

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15.10.2019 19:05 Uhr
43 Auszeichnungen
"Feige!" sagt meine Nase und hebt irritiert die benachbarten Brauen. "Hattest du nicht etwas von Sandelholz gesagt?"
"Eigentlich schon", überlege ich und beäuge kritisch den Sprüher.
"Santal 33" steht darauf.
Er kommt von Le Labo wie all die anderen Sprüher auch, mit denen wir uns schon beschäftigt haben, Nase, Haut und ich.
Meist ist drin, was drauf steht, zumindest ungefähr.
Diesmal jedoch: "Feige – immer noch. Das Holz, das Blatt, die Milch. Aber kein Fruchtfleisch, kein süßer Saft. Und Meeresluft – kann das sein? So wie damals auf der Île de Bréhat, weißt du noch?"

Ja, ich weiß es noch – rauhe, salzige Meeresluft, zerklüftetes Geklipp, der Wind, der mir die Haare ins Gesicht weht, an meinen Kleidern zerrt, wüst und wild.
Dabei wirkt sie so friedlich, die Insel, unten im Süden, mit ihren abertausend Bienchen und Blümchen rund um Saint Michel, die alte Kapelle, mit den fast schon kitschig grünen Wiesen, wo direkt vor unseren Augen eine Kuh ihr Kalb gebar.
Und den Feigenbäumen, den ungezählten Feigenbäumen mit ihrem holzig herben Grün, das bitter ist in seinem Duft und doch den Saft im Mund zusammenzieht.

"Hör auf zu träumen!" reißt mich Nase aus den Erinnerungen. "Hast du wieder die alte Lederjacke an? Die braune wildlederne, deren Ärmel mal beim Inder in die Soße kam?"
Nein, habe ich nicht – aber ich weiß ganz genau, was meine Nase meint.
Leder ist da, samtig-wildes Leder, ein bißchen angekleckert offenbar von würzig-dunklem Saft, wer weiß woher.
Und Rauch, etwas holzig, etwas harzig, heilig nicht so sehr – ein bißchen aber doch, ganz weit hinten, eingebildet vielleicht nur.
"Hast du Holz gesagt?" fragt Nase, plötzlich helläugig geworden.
Ja, Holz ist da, ganz sicher – dunkles, weiches, anpoliertes Holz.
"Sandelholz?!"
"Würde ich nicht sagen – so weich ist es nun auch nicht, balsamisch gleich gar nicht, viel zu dunkel noch dazu. Zeder…? Ja, doch – ein bißchen Bleistift käme hin, nur ohne Mine", überlege ich, die Nase dicht am Handgelenk, langsam atmend und behutsam, "und Puder – mauvefarben-glatter Puder, ganz wenig nur, ganz fein. Was sagst du, Nase? Hab' ich recht?"
"Hast du", läßt mich Nase nicken, "und Salzlakritz ist da, lugt manchmal um die Ecke, spielt Versteck. Und irgendwas aus deiner Küche, das du in die Orientgerichte tust, irgendwas mit K."
"Kubebenpfeffer?"
"Weiß nicht – kann sein. Vielleicht auch Kardamom oder Koriander. Frag mal die Zunge, die weiß sowas besser."
Doch die Zunge hält sich heraus und schweigt.

"Warst du in der Sauna?" fragt mich Nase ein paar Stunden später. "Du riechst nach Wellness, nach ätherischen Ölen, nach Kampher, Eukalyptus - irgendwie gesund!"
Recht hat sie, denke ich und atme tiefer.
Kühl und warm zugleich ist das, was nun von meiner Haut aufsteigt, mich umgibt wie eine Aura, hell und dunkel, blättrig holzig, rauchig und zugleich doch ätherfrisch, geriebenes Gewürzkorn neben grünem Felsenmeer.
Jeden Tag ein wenig anders, mal eher grün, mal eher braun, stets kraftvoll untermalt von einem stumpfen, satten Grau.
Ein wenig bitter, herb und spröde – nicht wirklich greifbar und von tiefer Faszination.
Wie L’île des fleurs et des rochers roses.


PS: Ergoproxy - danke!


04.10.2019 17:15 Uhr
28 Auszeichnungen
"Kann ich den haben?" hatte er gefragt, der Mann an meiner Seite.
"Kann ich den haben, wenn Du mit Testen fertig bist?"
Hoffnungsvoll klang das, nach Habenwill klang das – ich mußte nachfragen, um sicher zu gehen, ihn richtig verstanden zu haben.
"Doch, doch, der ist toll!" sagte der Mann, der sich selten begeistert für die Düfte, die ich teste, die ich trage – "Ferragamo pour Homme" hatte es ihm angetan vor vielen Jahren, irgendwann gefolgt von "Tuscan Leather", "Fields of Rubus" - sehr viel mehr gibt meine Erinnerung nicht her.
Und nun das.
"Kokorico", den Hahn, den wollte er haben.
Ausgerechnet den.

Dabei ist es nicht so, daß ich ihn nicht verstünde.
Keineswegs.
Der Duft mit dem albernen Namen ist schön.
Wirklich schön.
Dann, wenn man Düfte dieser Machart mag.
"Kokorico" ist ein warmer, weicher, dunkler, samtiger, dabei durch und durch maskuliner Duft, den frau trotzdem und ohne Bedenken tragen kann.
Wenn sie ein wenig achtgibt bei der Dosis – weniger ist hier entschieden mehr.
Das mußte ich erkennen am allerersten Tag, als der Schwall aus dem Apo-Tropfer doch zu groß war.
Da wurde er laut, der Hahn, sehr laut – zuviel Ambroxan, zuviel Testosteron stiegen auf von der sonnenwarmen Septemberhaut, vernebelten meine Sinne und drückten etwas heftig auf den Bauch.
Das war mir eine Lehre, die folgenden Tage ging es behutsamer ans Werk.

Was immer uns die Pyramide auch erzählen mag: Vollständig ist sie nicht.
Ambroxan wird unterschlagen, da bin ich ziemlich sicher, und vermutlich auch laborielles Oud.
Anders kann ich mir die warme Würze, das dunkeldichte Tief, das zarte Kratzen nicht erklären, das "Kokorico" auf meiner Frauenhaut verströmt nach einem kaum zwei Wimpernschläge langen Auftakt aus wässrig-hellem Grün, latenter Frucht.
Das kann Feigenblatt sein, keine Frage, aber auch das Blatt an beinah' jedem Baum, der Früchte trägt im Süden wie im Westen.
Sie ist so schnell dahin, die Frische, daß ihre Funktion, ihr Sinn und Zweck sich nicht erschließt – vielleicht ist es der junge Morgen, der anbricht vor dem ersten Hahnenschrei, mag sein.

Nach diesem kurzen Hauch von Frische wird es auch schon (wieder) dunkel – Harze und geweihter Rauch verbinden sich mit Bleistiftzeder und einem feinen Süß, das eher schokoladigem als gruftigem Patchouli zu entstammen scheint.
Kakao als solchen kann ich nicht erkennen, nicht den bitter-öligen, den meine Nase kennt.
Dafür – ich schrieb es schon - viel Ambroxan, viel Holz, viel Oud.
Ein bißchen Salbei vielleicht auch.
Nicht mehr.
Und ganz gewiß nicht weniger.

"Kokorico" erscheint mir als Vorreiter von Düften wie Sentifiques "Testostérone", Diors "Sauvage" und all den Kraftpaketen, deren Virilität oft ganze Busse, Bahnen, Supermärkte überspült.
Hier jedoch hat man sich zurückgenommen, geht noch nicht nach dem Motto "viel hilft viel", sofern der Sprühkopf mit Bedacht getätigt wird.
Ein Tropfen aus dem Apo reichte aus, mich einzuhüllen in eine transparente Aura, gut wahrnehmbar auch noch am nächsten Morgen, doch nicht erschlagend, nicht zu dicht.
Und ihn zu wecken, den Haben-will-Reflex beim Mann von nebenan, der groß ist, dunkel, maskulin.
Und ganz gewiß kein halber Hahn.


18.09.2019 19:10 Uhr
35 Auszeichnungen
So vieles fand ich in "Amber pour Homme"– vieles, vieles.
Mandarinen, wässrig frisch vom Baum.
Den Stich Neroli, ganz sanft nur, bald vorbei.
Die Dusche von soeben, ein Hauch vom Gel hängt noch im Raum.
Seidig glatte Haut, gepudert und gecremt.
Den alten "Zino" gar an manchem heißen Tag.
Lavendelveilchenblau, vielleicht ja nur geträumt.
"Infusion d'Homme", die Prada-DNA.
Den Barbershop, das Hammam auch.
Viel Licht, viel Luft, viel Komm-zur-Ruh.
Watteweiche Wärme, nicht dicht, ganz zart und leicht.
Dann wieder Spitzen, Kanten, sonnenbleiches Holz.
Fand Mann, fand Frau, fand viel dazwischen.
Jedoch den Amber – den Amber fand ich nie.
Nicht in der Sonne und nicht bei Wind und Regen, nicht im Frühling, im Sommer oder Herbst.
Vielleicht spart er sich auf für dunkle Winter, für klirrend kaltes Eis – wer weiß?!


06.09.2019 17:04 Uhr
30 Auszeichnungen
Wahrscheinlich bin ich eine Banausin.
Eine, die keine Ahnung hat.
Nicht von Katzen und vom Mond gleich sowieso nicht.
Mea culpa – einverstanden.
Und doch: Ich bringe sie nicht zusammen, den Mond, die Katzen und "Lune Féline".
Katzen lieben Baldrian, das zumindest weiß ich, das wissen auch die Katzen, die ich kenne.
Doch "Lune Féline" enthält keinen Baldrian und auch sonst nichts, was auf Nachbars Katze wirkt, die ich als Testobjekt erkor.
Sie ging mir aus dem Weg, die Katze, die ganzen 14 Tage lang, beäugte mich von ferne, mißtrauisch, wie mir schien.
Irgendwann gab ich es auf, sie mit "Lune Féline" beeindrucken zu wollen, ließ meine Leckerchen zurück – und fand an ihrer Stelle eine tote Maus.
Ich nehme an, sie wollte mir damit etwas sagen, die Katze.
Wenn ich Glück habe, etwas Gutes.
Wissen kann ich es nicht.

Wissen kann ich auch jetzt nicht, was es nun auf sich hat mit den Katzen und dem Mond.
Und mit "Lune Féline" im vorgeblichen Dreigestirn.
Dennoch: Wir hatten eine gute Zeit, "Lune Féline" und ich, die ganzen beiden Wochen lang.
Dann war die Probe leer, mehr gab es nicht zu teilen.
Doch was sie mit mir geteilt, mir mitgeteilt hat, war mehr als nur genug.
Es war, ein Wort nur, schön.

Dunkle, tropische, zutiefst erwachsene Vanille eröffnet auf meiner Haut, warm und dicht und wunderbar, sich nicht die Bohne scherend um all jene, denen sie den Vortritt lassen müßte, wie es die Pyramide will.
Sie will es nicht, sie tut es nicht, an keinem dieser Tage.
Schon bald, so scheint mir, vermählt sie sich mit Lapsang Souchong, jenem überaus rauchigen Tee, der Erinnerungen an Schwarzwälder Schinken beschwört, und – ja! – Weihrauch, warmem, unsakralem Weihrauch, den ich wieder und wieder finde, wiewohl er nicht gelistet ist.
Doch das kümmert "Lune Féline" nicht, nicht auf meiner Haut.
Er tut, was er will, der Duft, und ist den Katzen darin ähnlich, vielleicht auch in der Schmiegsamkeit, die nicht hinwegtäuscht über feine Schärfen, scharfe Kanten wie die des Lapsang-Tee.

Es mag am warmen Sommer liegen, daß "Lune Féline" als ausgewiesener Winterduft so gar nichts Helles, gar nichts Grünes auf meiner Haut erahnen läßt, daß die Basis bereits im Kopf erscheint und in Konkurrenz zur Außenwärme tritt.
Ist es zudem noch schwül und feucht, weicht selbst Vanille einen Schritt zurück und gibt die Bühne frei für tiefdunkles, würziges, höchst viriles Ambroxan – und ich bin froh über jenen einen Sprühstoß nur, der doch potent genug ist für den ganzen langen Tag.
Mehr wäre hier nicht mehr, mehr wäre schlicht zuviel für meine Nase und für mich.
Im Winter vielleicht nicht, sehr wohl hingegen im August.
Und vielleicht dachte genau das auch Nachbars Katze.
Was mach' ich jetzt nur mit der Maus?


22.08.2019 18:19 Uhr
35 Auszeichnungen
Der August schien kein August zu sein, nicht in diesem Jahr.
Nicht in diesen Tagen, diesen Wochen.
Er ließ den Himmel ergrauen, bräunte die Bäume vor der Zeit, verlängerte die Ärmel und krempelte die Hosenbeine bis zu den Knöcheln herab.
Er nannte sich August nach dem Kalender, doch es schien, als habe er geirrt, als habe ich geirrt, als sei ich in der Nacht in ein Wurmloch gefallen, irgendwie, schlafwandelnd vielleicht, im Traum, und im Oktober wieder aufgewacht, fröstelnd, desorientiert, verwirrt.

Es mag der Verwirrung geschuldet sein, der Desorientierung, daß ich an jenem ersten Morgen zu "Lilia Bella" griff, unwissend noch, was sich befand in jenem rosa Röhrchen.
Halbblind war der Griff ins Regal, ins übervolle, in dem sich Nelke neckt mit Weihrauch, Rosen blühen neben kalter Asche, Neroli sich an Ambers starke Schultern lehnt.
Ein stetes Kommen herrscht dort und ein Gehen, selten steht an Ort und Stelle, was ich einst dort plaziert.
Rosa also.
Das konnten Rosen sein und scharfe Dornen, dunkles Holz und Gras und Babypuder auch.
Halbblind der Griff, halbblind auch noch der Sprüh.

Mai.
Grün.
Hell.
Blauhimmeliges Silber, die Sonne warm auf winterblasser Haut.
Glöckchen, weiß und blau und grün.
Lanzettenblätter, bärlauchgleich, toxenreich.
Wilde Wiesen, buntgesprenkelt, feucht.
Bächleinplätschern dicht am Waldesrand, die jungen Bäume schwarzweißlind belaubt.
Zitronencremetörtchen, fluffig, schaumig, leicht.
Die Seele, scheint es, hält Diät, schwebt schwerelos und frei.
Mädchenkleidchen, himmelblau, vanillegelb, grashalmgrün.
Viel Grün, viel Weiß, viel Blaublaublau.
Hoffnungsblau, Freiheitsblau, Aufbruchsblau an Lebensgrün und Unschuldsweiß.
Frühling knüpft ein duftend' Band, nicht mehr nur das blaue.

Jung ist "Lilia Bella", unbeschwert und hoffnungsvoll.
Sehr grün, sehr weiß, sehr blau – und sehr laut bei einem Sprüher nur zuviel.
Dann legt sie sich um meine Stirn und drückt mir auf den Magen.
Doch mit einem Sprüher nur ist sie verträglich, vertraulich, freundlich, feminin.
Sie läßt die Sonne scheinen durch die dickste Wolkenbank, hebt meine Mundwinkel und kräuselt feine Fältchen rings um mein Augenpaar.
Noch einmal und noch einmal, viele Tage wieder.
Bis ich zurückkam aus dem Oktober, zurückkam in den August, den hitzig-goldenen, der seine Strahlen vor meine Füße wirft, der keine Glöckchen kennt.
Bis sich der Finger senkt – einmal noch, einmal nur wird es Mai sein heute im August.


08.08.2019 16:06 Uhr
34 Auszeichnungen
Keine Ahnung, wie lange ich es nun versucht habe – drei Wochen, vier, fünf, sechs.
Immer wieder sind wir uns begegnet, "Boss Orange" und ich, ein Test ergab den anderen und ließ mich ratloser zurück.
Ich legte Pausen ein, den Duft beiseite, vertraute meiner Nase nicht und nicht der Haut.
Bis ich irgendwann erkennen mußte: Es liegt nicht an der Nase, es liegt nicht an der Haut – es liegt ganz einfach daran, daß wir nicht füreinander geschaffen sind, der Duft und ich, daß die Chemie nicht stimmt wie auch bei manchen Menschen nicht.

Ein bißchen lag es sicher auch am ersten Mal.
Am ersten Test, an meinem Ungestüm, das mich zu sorglos splashen ließ – die Probe hatte keinen Sprüher, doch einen langen Stab, der sinnvoll war und ist, der jedoch unbeachtet blieb.
Das rächte sich mit Kehlekratzen, Magendrücken, einem Band um meine Stirn.
Das mahnte mich zur Vorsicht bei jedem fortan nächsten Mal.

Das besser wurde, sicher doch – doch keine große Liebe.
Auch keine kleine und keine Liebelei.
Dabei ist sie schon schön, die "Boss Orange", sehr (!) moderat dosiert.
Warm ist sie, süß ist sie, ein bißchen kratzig leider auch, doch das läßt sich verschmerzen.
Und Orange – ja, doch, das kommt schon hin, so von der Farbe her.
Ansonsten Apfel ohne Sine, nicht frisch vom Baum, auch nicht aus der Natur.
Im Labor hat man ihn nachgebaut, auf Apfelbrei getrimmt, gezuckert, ohne Zimt.
Ein bißchen Holz im Hintergrund und drumherum, hier und dort auch ein paar Blümchen, sonnengewärmte Haut, ein Hauch von Haarspray obendrein – das ist gar nicht unangenehm, das drängt sich auch nicht auf.
Später Sommer, früher Herbst, die Sonne steht schon tief.
Terracotta, Bernstein, ein Glas mit Honiggold.

Wir haben es versucht, der Duft und ich – immer wieder, noch und noch.
Doch Liebe läßt sich nicht erzwingen, nicht zum Menschen, nicht zum Duft.
Auch wenn er kratzt und im Zuviel die Keule schwingt, so bringt er nichts zum Schwingen, löst kaum Gefühl und kein Begehren aus.
Seltsam flach wirkt "Boss Orange" auf meiner Haut, beinahe körperlos – keine Ecken, keine Kanten, die Kontur verleihen, ihn erkennbar machen, unverwechselbar.
Würde ich ihm andernorts begegnen, nächste Woche, nächstes Jahr, ich würde ihn nicht mehr erinnern – aus der Nase, aus dem Sinn.
Und das ist doch eigentlich sehr schade.


19.07.2019 20:42 Uhr
31 Auszeichnungen
1974.
Das Jahr, in dem Deutschland Fußball-Weltmeister wurde, das Richard Nixon dank Watergate den Kopf kostete und das erste IKEA nach Deutschland brachte.
In dem Alanis Morisette, Kate Moss und Robbie Williams zur Welt kamen und sich kein Mensch hätte vorstellen können, welch ein Rummel eines Tages um diese drei Winzlinge ausbrechen würde.
Im Geburtsjahr des Punk trug man Miniröcke und Overalls, Schockfarben an lätzchenähnlichen Krawatten, ondulierte Dauerwellen und Koteletten, die schon fast das Vermummungsverbot berührten.
Das Täubchen war noch kein Täubchen und trat mit Schultüte und Ranzen den Weg in den Ernst des Lebens an.
Und Roger & Gallet lancierten "Vetyver", ein Cologne, das wie ein Zeitreisender im falschen Jahr gelandet zu sein scheint.

Man kann nur vermuten, was das französische Traditionshaus, das im vergangenen Jahr seinen 150. Geburtstag feiern konnte, bewogen hat, einen ebenso feinen wie bodenständigen Duft wie "Vetyver" ausgerechnet in einem Jahr herauszubringen, dessen Geschmack doch als ein wenig lautstark bezeichnet werden darf.
Mag sein, daß es dem Zufall zu verdanken ist – "Vetyver" war nun einmal fertig und sollte nicht für die Schublade creiert worden sein.
Mag auch sein, daß man ein Zeichen setzen, gegen den Strom schwimmen wollte oder schlicht eine Klientel im Auge hatte, die abseits des Massengeschmacks einen Stil goutierte, den bereits 1864 Queen Victoria zu schätzen wußte und Roger & Gallet zu Hoflieferanten ernannte - eine Ehre, die nicht vielen nichtbritischen Unternehmen zuteil wurde.
Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, daß in meinem persönlichen Umfeld des Jahres 1974 irgendjemand "Vetyver" trug – doch in der sauerländischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, waren "Tosca" und "Tabac" ohnehin die unangefochtenen Spitzenreiter...

Auch ich mußte zunächst meinen 40. Geburtstag hinter mich bringen, um den Charme von "Vetyver" zu entdecken.
Was bergamottig-nerolig-zitrisch wie zahllose andere Colognes beginnt, ohne freilich auch nur einen Augenblick lang zu sticheln oder zu brizzeln, verläßt schon nach wenigen Minuten die hesperidisch-hellen Gefilde und verwandelt sich in einen holzig-würzig duftenden Sommergarten, in dem Gartennelken neben Rosmarin und weiteren Kräutern eine mediterrane, sehr entspannte Nachmittagsatmosphäre erschaffen.
Ein wenig Kardamom, einen Hauch Muskat und eine Prise Zimt meine ich zu erahnen, kraftvoll und doch dezent sich nicht sehr weit von meiner Haut entfernend.
Raumgreifende Duftauren sind Roger & Gallets Sache nicht, man weiß fein zwischen Understatement und falscher Bescheidenheit zu differenzieren.
Während ich mit geschlossenen Augen in meinem Garten liege und die Sonne mit meinen nackten Zehen spielt, erhebt sich ein leichter Wind und trägt den Duft trockener Gräser zu mir, ein wenig Erde und frisch geschlagenes Holz.
All dies verbindet sich mit den noch immer sehr präsenten Gewürznoten zu einem fast schon orientalisch anmutenden Dufteindruck, der jedoch zu keinem Zeitpunkt überladen wirkt – dafür sind alle Komponenten zu fein miteinander verwoben, ist die Komposition zu gut ausbalanciert.
Der einzige Wermutstropfen ist nach meinem Empfinden die für ein Eau de Cologne naturgemäß begrenzte Haltbarkeit: Nach spätestens vier Stunden ist "Vetyver" restlos verduftet.


PS: Dieser Kommentar wurde erstmals am 7. März 2013 unter dem Eau de Toilette eingestellt, das Eau de Cologne war zum damaligen Zeitpunkt hier noch nicht gelistet.
Dem aufmerksamen Hinweis von Couchlock ist es zu verdanken, daß der Kommentar heute an die richtige Stelle umziehen darf und an seinem ursprünglichen Standort gelöscht wird.


03.07.2019 17:02 Uhr
35 Auszeichnungen
Um es vorweg zu nehmen: Barbarisch ist an dieser Rose gar nichts.
Nicht an mir, nicht auf meiner Haut.
Und nicht auf dem Papier, dem zum Vergleich besprühten.
Conan der Barbar hätte sich kaum mit "Rose Barbare" benetzt, Arnold Schwarzenegger höchstwahrscheinlich auch nicht.
Dann schon eher mit "Eau de Protection", Rossy de Palmas Dornenrose aus dem Hause ELdO, der kratzigen, bissigen, stechenden mit ihrem Panzer aus Metall.
Der ein sanftes Herz verbirgt, nebenbei bemerkt, geschützt von Schild und Speeren.

Nichts davon ist "Rose Barbare".
Sie ist weder kalt noch hart noch stechen ihre Dornen.
Noch jung erscheint sie mir und dunkelrosa, die Blütenblätter hell beperlt vom Morgentau, feuchtes Gras und saftiges Gehäcksel.
Kein dunkles Rot, kein Blut, kein divengleich' Gehabe.
Traubenzuckrige Süße, fruchtig, saftig, reif, charakteristisch für manche Rosensorte.
Sonnenwarmes Holz und teurer Körperpuder.
Freundlichkeit, Unbeschwertheit, ein Lächeln in den Augen.

Sanft und warm und weich entwickelt sie sich mit der Zeit, die Rose, von jugendlich zu mütterlich beinah, immer rosig, immer weiblich, immer samtig, schmiegsam, fein.
Selbst bei 30 Grad und mehr ist sie keinerzeit zu schwer, zu laut, zu viel – vornehm beinah hält sie sich zurück, bleibt sie nahe meiner Haut, wahrnehmbar nur jenen, die mir nahe sind, nahe kommen, ein wenig näher bleiben noch für einen Augenblick.
"Wie fein Du riechst!" sagt eine Kleine, vergräbt das Näschen tief in meinem Haar.
"Fast wie Dornröschen!"
Und damit, scheint mir, liegt sie gar nicht so verkehrt.


06.06.2019 18:08 Uhr
38 Auszeichnungen
Prinzen, hatte Oma behauptet, seien die Jungs auf den weißen Pferden, blondgelockt, strumpfhosengewandet, die aus weiten Fernen herbeigeeilt kamen, Prinzessinnen zu retten vor bösen Hexen und feurigen Drachen, aus gläsernen Särgen und rosendornenumranktem Schloß.
Prinzen, erfuhr ich später, feierten rauschende Parties in Cannes, in Marbella, auf schicken Hochsee-Yachten und unter'm Zuckerhut.
Prinzen spielten Polo und danach mit hübschen Mädchen, fuhren schnelle Autos und nahmen alles nicht so ernst.
Prinzen – zumindest deren einer – hatten kluge Augen und schüttere Haare, setzten sich ein für Gerechtigkeit, für "alle anders, alle gleich".
Und Prinzen, so lernte ich, liebten nicht nur, sondern schufen mitunter Parfums – "Le Prince Jardinier" ist einer davon, "Prince Matchabelli" ein zweiter.

"Prince Matchabelli", wußte Wikipedia, war ein georgischer Prinz gewesen, Georges Vasili Matchabelli, dessen Leidenschaft den Retorten gehörte und der im Zuge der russischen Revolution seine Heimat verließ und nach New York emigrierte.
Dort führte er mit seiner Ehefrau Princess Norina, einer ehemaligen Schauspielerin, ein Antiquitätengeschäft, bevor sie im Jahr 1926 die "Prince Matchabelli Perfume Company" gründeten, die zunächst maßgeschneiderte Parfums für eine handverlesene Kundschaft bot.
Zehn Jahre später, nach Scheidung und dem Tod des Prinzen, verkaufte die Witwe die Firma, die in den folgenden Jahrzehnten noch mehrfach den Besitzer wechselte und heute zu "Parfums de Coeur" gehört.

Wer immer "Cachet" ersonnen hat: Der Prinz war es sicher nicht.
Dafür ist der Duft zu jung, zwei Jahre jünger nur als ich.
Wer immer "Cachet" mir geschickt hat: Ich werde ewig dankbar sein.

"Cachet" ist frisch, grün, herb.
Ist pudrig, sanft und sauber.
Ist ledrig, schmutzig, derb.
Ist Sonne im Flacon, ein dichter, dunkler Wald, ist seifenreine Haut mit schwarzem Leder drumherum.
Ein Chypre bester Schule, erwachsen, elegant.
Bodenständig elegant in Tweed und Reiterstiefeln, in Samt und Seide nicht, erst recht nicht in Brokat.
Ist klare, frische Frühlingsluft an einem Märzenmorgen, der Boden hart noch, ungewärmt und roh.
Ein Nachmittag im Mai, der Garten steht in Blüte, die Sonne prickelt auf der Haut, entlockt ihr saubersanfte Düfte.
Ein Sommertag am Mittelmeer, Neroli, weiße Blüten.
Festes Schuhwerk, dichte Wälder, den Berg hinauf, Stock stößt auf Stein.
Tiefgrünchypre, Weißgoldchypre, Lederchypre dann und wann, wenn der Regen fällt, der kühle Wind die Wangen streift.
Nicht zu laut, nie zu leis', stets an meiner Seite.
Dabistduja, wowarstdubloß, ein Immerimmerwieder.
Für mich, für Dich, ob Mann, ob Frau.
Und auch für Königskinder.


23.05.2019 17:14 Uhr
34 Auszeichnungen
Es war ein naßkalter, trüber Novembertag, an dem ich ihm zum ersten Mal begegnete.
Ich hatte Schutz gesucht vor dem peitschenden Regen, dem schneidenden Wind, der mein Haar wie das Herbstlaub umherwirbelte und sich im Windfang der Haltestelle fing.
Der Bus hatte Verspätung, wieder einmal – mir war kalt und der Laden hinter mir ein Zufluchtsort in Hell und Warm und Duft.
Dort stand er, der Torso, ganz oben im Regal.
Ein feuchter Traum aus satiniertem Glas mit Wespentaille, die Büste in DD.
Ich trug Jeans und einen Parka, mit 25 Jahren gerade mal Cup B.
Zehn Minuten später kam mein Bus, ich stürzte aus dem Laden mit dem Torso im Gepäck, gehüllt in sanftes Weich und Warm, Spätsommerlicht auf Aprikosenhaut.

Ab diesem Zeitpunkt traf ich ihn immer wieder.
Er fuhr Bus und Bahn und manchmal auch Motorrad, er ging mit jeder, die er trug, durch dick und dünn.
Er flutete die Disco, die Kneipe gegenüber, den Supermarkt und selbst das Krankenhaus.
Er war allgegenwärtig und mir irgendwann zuviel - die Süße eines Hubba Bubba wollte ich schon nicht mehr schmecken, erst recht nicht (danach) riechen, so reichte ich die Scheidung ein und ging ihm aus dem Weg.
So gut es ging.

Sechsundzwanzig Jahre später trafen wir uns erneut.
Ich trug noch immer Jeans, noch immer Parka, zumindest wenn es kalt war, dann und wann.
Der Torso trug ein X anstelle des Korsetts, die Büste schien mir nicht mehr ganz so groß.
"Wie ist es Dir ergangen? Komm, erzähl."

Ruhiger war er geworden, leichter, feiner.
Ein bißchen grüner zur Begrüßung, die Helligkeit gedimmt.
Noch immer der Charakter seiner Jugend, noch immer süß, noch immer Kaugummi – doch mehr Orangen als ihre Blüte heute, ein bißchen Säure, ein Brizzeln hier und da.
Entspannte Freundlichkeit, charmantes Augenzwinkern, kein Push Up mehr, kein aufgetürmtes Haar.
Erkennbar "Classique", ein wenig auch "Ma Dame", nicht mehr ganz jung, doch zu erwachsen nicht.
Ein später Frühling, ein früher Sommermorgen, an dem die Sonne schon bald den Garten wärmt.
Dicht meiner Haut flutet er keine Räume, nicht mal das Auto, niemand ergreift die Flucht.
Ein Duft für graue wie sonnenleichte Tage, für nackte Arme wie für bepelzten Muff.
Nicht für den Rest des Lebens – meines Lebens -, doch von der Bettkante schubs' ich ihn sicher nicht...


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