Rebirth2014Rebirth2014s Parfumrezensionen

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Rebirth2014 vor 1 Monat 9
1
Duft
5
Haltbarkeit
1
Sillage
2
Flakon

Der Flohzirkus von New York

„Meine Damen und Herren, schauen Sie, wie unser Flohmeister - Le Labo - an seiner Duftorgel ganz natürliche Duftstoffe mischt! Wie? Sehen Sie nicht? Nun, das muss an Ihren Augen liegen. Ich bitte Sie, wir haben es bis nach New York geschafft! Wie wären wir wohl zu diesem Ruhm gelangt, wenn meine Flöhe nicht das täten, was ich Ihnen hier gerade beschreibe!“

Natürliche Inhaltsstoffe sind im Trend. In kleine Apothekerflaschen, aus Braunglas, (Achtung, jetzt wird es sperrig!) werden - natürlich - natürliche - Parfums ganz - natürlich - eingefüllt; -natürlich - besonders dann, wenn sie aus dem einzigartigen Grasse kommen. - Natürlich! -

Das dachte man sich wohl auch im Flohzirkus - Le Labo - und nutzte von da an besonders hässliche Flakons um das (schon klar was jetzt kommt?) - natürliche - Image der hauseigenen Floh-Lockstoffe auch optisch einfangen zu können.

Nun, auch ich besuchte jüngst diesen Flohzirkus. Dort wurde mir ein einzigartiges Bade- und Massageöl mit einem Duft, der an frisch auf die Erde gefallenen Regen erinnern sollte, präsentiert: Baie 19.

„Nicht schlecht!“, dachte ich: „Da steckt Kreativität dahinter!“ Doch dann begann mir der Floh-Dompteur etwas über die sagenhafte - Natürlichkeit - seiner Produkte zu erzählen. Ein Blick auf die Inhaltsstoffe (schön aufgelistet auf dem Etikett) bestätigte in großen Teilen seine Aussage. Aber warum befand sich dieses Öl ausgerechnet in einer Plastikflasche?

Mit diesem Sachverhalt konfrontiert, lachte der Mann verlegen und erwiderte sofort: „Ach, verzeihen Sie, da hat unser Floh Baie, in der 19. Generation, leider einen winzig kleinen Fehler gemacht!“

Sofort schob er mich zur Seite und gab mir eine Alutube mit einem Aftershave-Balm in die Hand. Er flüsterte verschwörerisch: „Sehen Sie hier, aus der Floh-Grooming-Abteilung. Nachhaltig, aus Aluminium produziert. Ein Balsam mit toller Pflegewirkung. Nur - natürliche - Zutaten. Keine Parabene und so ...“

Mein Blick fiel gleich auf die Angabe der Inhaltsstoffe. Wer hätte es gedacht? Bereits die zweite Zutat, nach Wasser, war das sehr - naturfremde - Silikonöl.

„Da müssen Ihre Flöhe noch einmal an die Rezeptur! Von Natur? Keine Spur!“, bemerkte ich zynisch.

Wieder die nervösen Zuckungen um seinen Mundwinkel und das peinlich gackernde Lachen: „Aber, aber, mein Herr! Wer wird denn gleich so kritisch sein? Die Absicht zählt. Unsere jüngsten Flöhe sind dafür verantwortlich. Die bekommen heute zur Strafe kein Blut von mir, dann machen die morgen schon wieder ihren Job so richtig gut.“

Schweigen. (Er errötete sogar)

„M...? (Räuspern) Mö.. mö.. mögen Sie schwarzen Tee?“, fragte der Dompteur und Schweißperlen tropften nun aus seinem Zylinder.

„Sehr gerne.“, antwortete ich so freundlich, wie es mir noch möglich war.

Gut, das war gelogen, denn eigentlich mache ich mir nichts aus Tee. Doch für den angespannten Zirkusdirektor waren meine Worte eine sichtbare Erlösung. Er stampfte in die Manege, führte sonderbare Handbewegungen (mit einem der Flöhe?) aus und kam mit zwei Flakons zurück.

„Das ist nun etwas ganz Besonderes! Unser äußerst begabter Floh - Thé noir, bereits in 29. Generation - bat mich Ihnen dieses exklusive Parfum zu präsentieren.“, sagte der nun wieder - unnatürlich - fröhlich gestimmte Flohfürst.

Er sprühte mir etwas auf das Handgelenk. Zwar war diese Komposition nicht mehr ganz so einzigartig und kreativ, wie das Gebräu vom kleinen Baie aus der 19. Generation, jedoch immer noch ein solides Parfum, das tatsächlich schön das Schwarztee-Aroma mit Feigen und trockenem Holz vereinen konnte.

„Ahhh, es gefällt Ihnen. Dachte ich es mir doch.“, atmete New Yorks berühmtester Flohmanager auf: „Ich sehe es Ihrem Gesicht an!“

Die Grimasse des Herrn, die vermeintlichen Floh-Parfumeure und die ganze erdrückende Stimmung im Zirkuszelt schienen mich zu verwirren. War dies nun großes Kino, was ich roch, oder doch nur ein beliebiger Duft?

„Nun, das ist nicht schlecht. Aber ...“, versuchte ich behutsam zu analysieren, doch schon fiel mir der Herr Direktor ins Wort: „Mein Herr, bitte, kein Problem. Ich kenne Sie jetzt!“

Der zweite Flakon, mit einer Pipette, wanderte schnell in meine Hand. „Sie wollen unser - natürliches -Image in Frage stellen? Ganz klar. Das ist Ihr gutes Recht. Doch mit diesem einzigartigen Parfumöl entlasse ich Sie nun aus unserem famosen kleinen Flohzirkus. Gehen Sie und genießen Sie zu Hause diesen Nektar von Mutter Natur, der mit feinstem Distelöl erschaffen wurde. Spenden Sie zum Abschied unserem kleinen Star, Thé noir 29, noch einen Applaus (und 130 Euro). Dann, husch, husch, RAUS!“

Bevor ich wusste, wie mir geschah, stand ich im heimischen Badezimmer und schraubte den Verschluss des Medizin-Fläschchen auf. Schon beim Öffnen tropfte das Öl ungewollt aus der Pipette und hinterließ hässliche Flecken auf meinem Hemd. Doch es roch kaum. Was war das? Ganz leicht vernahm ich das Aroma von - Thé noir -, jedoch ohne jene Magie der Flöhe. Der Eigengeruch des Distelöls überlagerte sogar fast die Aura des Parfums.

Nun träufelte ich mir 7 Tropfen auf das Handgelenk, bis ich merkte, dass dieses Öl nur auf der Haut stehen blieb. Gewissenhaft versuchte ich es einzumassieren, was mir jedoch nicht gelingen wollte. Letztendlich nahm der Stoff meines Hemdes die schmierige Substanz auf.

Immer noch nahm ich olfaktorisch kaum etwas wahr. Mit der Zeit entwickelte sich zwar eine leichte Ahnung des Duftes, die jedoch sehr hautnah und dezent blieb.

Ich machte es mir auf dem Sofa bequem und versuchte meine Eindrücke und die aufkeimende Frustration zu verarbeiten, als es an der Stelle, auf dem ich das Öl aufgetragen hatte, zu stechen begann. Ständig erfolgten kleine Nadelstiche, doch ich war dermaßen müde, dass ich umgehend einschlief.

Erst am nächsten Morgen wurde ich wach. Hypnotisch führte ich meinen Arm zur Nase und wunderte mich, dass der Duft immer noch wahrnehmbar war. Haltbarkeit besaß er; nur keine Sillage.

Als ich jedoch auf den Arm blickte, sah ich unzählige kleine Flohstiche, die Buchstaben formten. Im ganzen Zusammenhang stand dort in roten Pusteln: „Ein Hauch von Nichts. - Natürlich! - von Le Labo."











5 Antworten

Rebirth2014 vor 2 Monaten 4
7
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon

Der Untergang des Hauses Dunhill
Einst stand die Marke „Dunhill“ einzig für hochwertige Tabakwaren. Die Tabakpfeifen aus dem Hause „Dunhill“ bilden noch heute in ihrer handwerklichen Kunst den Nimbus der britischen Rauchkultur. Wohlgemerkt eröffnete Alfred Dunhill 1907 sein erfolgreiches Tabakgeschäft, in einer Zeit, in der über die gesundheitliche Risiken des Rauchens nicht gesprochen wurde.

Zunehmend änderte sich seit Firmengründung das gesellschaftliche Gesundheitsbewusstsein und bereits 1968 verkaufte die Firma „Dunhill“ ihre Tabaklizenzen an „British American Tobacco“. Nur die hochwertigen Tabakpfeifen und entsprechendes Zubehör werden weiterhin original von „Dunhill“ gefertigt und angeboten.

In der folgenden Entwicklung kaufte man sich bei Lifestyle-Produkten (z.B. Montblanc) ein und versuchte auch im Modesektor Fuß zu fassen. Das über das Rauchen aufgebaute Image des „Gentleman“ blieb dabei stets stilbildend erhalten.

Um ehrlich zu sein, wird „Dunhill“ überwiegend bei ehemaligen oder immer noch praktizierenden männlichen Rauchern der Inbegriff für hohe Qualität sein. Doch gerade diese Zielgruppe verprellte man sich in den letzten Jahren, indem „Dunhill“ (nun unter der Leitung des Schweizer Luxuskonzern Richemont) 2008 beschloss, sich komplett aus der Herstellung und dem Vertrieb von Tabakwaren zurückzuziehen.

Doch wohin soll die Reise gehen? Beobachtet man die Marke - die sich trotz der Orientierung am Zeitgeist immer noch einzig auf die Zielgruppe Mann ausrichtet - dann fällt auf, dass gerade das Sortiment im Sektor „Herren-Parfums“ stetig zunimmt.

Obgleich auf einen breit gefächerten Absatzmarkt ausgerichtet (Mainstream), gelingt es der Marke nicht wirklich in Deutschland flächendeckend ihre Duftwässerchen anzubieten. Nischenparfümerien ist das Marketing und die Preisgestaltung offenbar zu sehr im Mainstream-Sektor verankert (z.B. die „Icon“ Serie), um im Sortiment aufgenommen zu werden. Viele Parfümerieketten und Drogeriemärkte scheinen hingegen bisher in ihrer Zielgruppe keine potenziellen Käufer/innen für die „Dunhill“ Produkte zu sehen, um diese in ihre Regale dauerhaft einzuordnen. So wird es in Deutschland mitunter schwierig, vor Ort die Düfte testen zu können, da diese oft nur in Onlineshops angeboten werden.

Mit der „Signature Collection“ weitet sich „Dunhill“ - nicht zuletzt wegen der Preisgestaltung - seit 2019 auf dem Nischenmarkt aus. Durch die geringe Verfügbarkeit gibt es entsprechend auf „Parfumo“ bisher nur sehr wenige Wertungen (Stand März 2021 gerade fünf Bewertungen zu „Arabian Desert“). Diese vermitteln das Bild, dass es sich um ein herausragendes EDP handeln muss (ganze 8.3 Wertungspunkte).

Leider kann ich diesem Eindruck nicht zustimmen. Der Flakon ist tatsächlich herausragend und außergewöhnlich massiv gestaltet. Fast einem Pokal gleich, halte ich den wuchtigen Flakon (mit gerade 100 ml Inhalt) in meinen Händen. Die enthaltene Flüssigkeit gleicht optisch jedoch einer verwässerten Cola; ein schlechtes Omen.

Der Duft startet frisch holzig. In der weiteren Duftentwicklung arbeitet sich dann tatsächlich etwas Adlerholz heraus, das jedoch nur sehr sanft durchschimmert. Auf keinen Fall ist dies maskulin, sondern ganz klar - nicht zuletzt wegen der angedeuteten Rose in der Herznote - absolut unisex. In den Grundakkord ordnen sich nach meinem Empfinden Moschus und Kardamom mit ein. Bis auf die anfängliche Frische bleibt der Duftverlauf sehr linear.

Hier wird nichts Neues gewagt, sondern auf alt bewährte Duftmuster gesetzt. Aigner N°1 Oud oder auch Armani Eau de Nuit Oud könnten als Vorlage gedient haben. Das ist nicht schlecht umgesetzt und wird Oud-Einsteiger/innen, wie auch all jenen gefallen, die Oud als zarte Andeutung in einem holzig/blumigen Parfum mögen.

Entsprechend der sanften Duftgestaltug hält sich auch die Sillage bei einer guten Haltbarkeit zurück. Da gibt es jedoch gerade in der Nische einige Marken, die im ähnlichen Preissegment qualitativ deutlich bessere sanfte Oud-Düfte zu bieten haben (z.B. MK „Oud Satin Mood“).

„Arabian Desert“ wirkt optisch edel, aber ohne jeglichen Wiedererkennungswert in der gewählten Duftstruktur. Diese Orientierungslosigkeit findet sich bereits in den Marken „Bentley“ und „Aigner“ wieder. Sich allein auf einen traditionellen Namen verlassen zu wollen, führt eben nicht automatisch in die Oberliga der Duftwelt. Damit wird „Dunhill“ sich kein neues Segment erobern können und muss sogar - nach meiner persönlichen Einschätzung - bangen, in absehbarer Zeit in Onlineshops verramscht zu werden.

Fast bin ich geneigt, um der momentan völlig überzogenen hohen Wertung auf Parfumo entgegenzuwirken, nur eine 5.0 auszusprechen. Doch auch diese Wertung wäre nicht gerecht. Es handelt sich tatsächlich um einen grundsoliden Duft, der nach meiner Einschätzung (unter Berücksichtigung des viel zu hohen Preises von fast 140,- Euro im „Dunhill-Shop“ und der uninspirierten Duftgestaltung) eine realistische Wertung zwischen 6.5 und 7 verdient.

Abschließend möchte ich zu meinem gewählten Titel mit einem Augenzwinkern Edgar Allan Poe zitieren und damit meine persönliche Enttäuschung über die Firmenpolitik der Marke Dunhill zum Ausdruck bringen: "... mein Geist wankte, als ich jetzt die gewaltigen Mauern auseinanderbersten sah; es folgte ein langes tosendes Krachen wie das Getöse von tausend Wasserfällen, und der tiefe und schwarze Teich zu meinen Füßen schloss sich finster und schweigend über den Trümmern des Hauses ..." - Dunhill.

p.s.: Vielleicht irre ich mich auch und Dunhill mutiert mit seinen zukünftigen Düften am Ende doch noch zum Phönix aus der (Tabak-)Asche.
;-)


2 Antworten

Rebirth2014 vor 7 Monaten 49
10
Duft
10
Haltbarkeit
10
Sillage
10
Flakon

Grauenhaft genial!
Ja, ich habe Fantomas die volle Punktzahl gegeben, obwohl ich ihn nie tragen werde. Er riecht für mich aggressiv, unharmonisch und in Teilen sogar ekelhaft. Aber er ist gleichsam ein kompromissloses Meisterwerk im Bereich Pop Art und könnte durchaus im Filmmuseum Frankfurt ausgestellt werden (als olfaktorischer „Soundtrack“ 4-D).

Als Kind der 70er Jahre nahm ich den Filmcharakter Fantomas als Schreckgespenst und Oberschurken wahr. Nach jeder TV-Ausstrahlung wurden wilde Spekulationen über den blauen Teufel zum Dauerthema unter uns Grundschülern:

„Hast Du gestern Fantomas gesehen?“

„Nö, haben meine Eltern verboten! Zu brutal! Aber ich bin noch einmal heimlich aufs Klo gegangen und habe ganz kurz auf den Fernseher geschaut. Da war Fantomas! Furchtbar blau und er hat total böse gelacht!“

„Echt jetzt? Boah, soooo gruselig! Schnell, erzähl weiter ...“

Mehr gab es allerdings nicht zu erzählen und der Mythos des schrecklichen Bösewichts mutierte weiter in unserer Phantasie. Wie konnten wir damals ahnen, dass es sich um eine harmlose Komödie mit dem herausragenden Louis de Funes handelte? Es war eine Zeit, in der schon allein die Verbrechensthematik eine FSK 16 rechtfertigte.

Mit unseren Actionfiguren - rund um die Abenteuerwelt von „Big Jim“ - spielten wir unsere kindlichen Vorstellungen über Fantomas nach. Um Gerüche/Düfte machte ich mir damals noch keine Gedanken, obgleich ich all die olfaktorischen Eindrücke dieser Zeit in meinem Gedächtnis abspeichern konnte.

Nun haben wir das Jahr 2020 und einer der provokantesten Parfümeure der Gegenwart nimmt sich der Thematik Fantomas erneut an.

Mit einem heftigen Melonengeruch, vielleicht etwas von Blaubeere untermalt, startet Fantomas. Ganz klar Calone, ein Duftstoff, der seinen Höhepunkt in den 80ern erreichte (New West ). Doch entdeckt wurde er bereits 1966, also genau im Zeitfenster der Fantomas-Filmreihe. Ob das bei Gualtieri reiner Zufall ist? Wollte er einfach Wassermelone - ohne weiteren Bezug - als Kopfnote einfügen? Damit die Komödie eröffnen? Oder wollte er hier auch einen Zeitrahmen setzen? - „Hey, habt ihr bemerkt, dass beides Mitte der 60er seinen Ursprung nahm und bis heute nachwirkt?“

Während man die Kopfnote noch als lustige Provokation abtun könnte, zündet bereits Stufe 2. Unter Glycerindampf (den sich heute mancher in die Lunge zieht, der jedoch in den späten 60ern als „Disconebel“ seinen Einsatz fand) zeichnet sich langsam eine Vinyl-PVC-Latex-Struktur ab. So rochen die Wohnungen und Kinderzimmer - besonders das Spielzeug (Puppen und Big Jim) - in den 70er Jahren. Das kann nun kein Zufall mehr sein!

Alles wirkt total „overtuned“, absolut schrill, und formt sich so schnell, wie Fantomas dem tollpatschigen de Funes im Film oft erscheint.

Über Stunden hinweg bleibt dieses gewollt synthetische Duftbild erhalten und Roy Lichtenstein zeichnet ein lautes „Peng!“ in einer Sprechblase dazu.

Bis hierhin wirkt das Konzept schon ziemlich genial: Fantomas teleportiert sich olfaktorisch ins Hier und Jetzt, doch die gewählten Duftstoffe teleportieren mich direkt in die späten 60er bzw. frühen 70er Jahre.

Langsam zieht sich in der folgenden Duftentwicklung die Kopfnote zurück (auf dem zur Probe mitgelieferten Tuch dauert das allerdings 2 ganze Tage). Die Blaubeermelone schwingt nur noch leise im Hintergrund, der Weichmacher aus Fantomas Plastikmaske verdunstet und ein beißender Rauch führt nun in die Tiefe/Basis des Duftes. Darunter versteckt sich der typische Gualtieri-Akkord, der schwitzig mit dem bekannten Fäkal-Oud sowohl die menschliche Ebene des Phantoms vermittelt, als auch die Signatur des Meisters offenbart.

Ganz ehrlich: Dieses Duftmonster möchte ich nicht auf der Haut tragen, so sehr es mich auch fasziniert. Das Thema ist jedoch dermaßen authentisch umgesetzt, mit einer Power, Kreativität, Tiefgang und Interpretationsspielraum - kurz gesagt: Alessandro Gualtieri hat damit den Zenit seiner künstlerischen Ausdruckskraft erreicht.

Gefällige, wohlriechende und schmeichelnde Duftwässerchen gibt es wie Sand am Meer. Auf die Ebene der Kunst - was Parfum durchaus sein kann und auch soll - hebt Gualtieri seinen Fantomas mit all seinem Können. Davor habe ich Respekt und belohne dies mit der bestmöglichen Wertung.

22 Antworten

Rebirth2014 vor 8 Monaten 8
9.5
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Träume in der Schlossbibliothek
Durch den verwilderten Schlossgarten hatte ich mir meinen Weg gebahnt und nun stand ich vor dem Haupteingang des Schlosses, welches bizarr in der Abendsonne funkelte. Im Empirestil erbaut spiegelte dieser ländliche Palast all den widerlichen Kitsch dieser Epoche. Selbst eine stilisierte Totenmaske Napoleons hatte das Interieur zu bieten. Mit dieser – oder besser gesagt mit Napoleon – identifizierte sich offenbar der stolze Besitzer, der sich gerne selbst als Kaiser seines kleinen Imperiums bezeichnete.

An meinen letzten Besuch erinnerte ich mich noch all zu gut. Der Schlossherr führte mich durch die Räume des Schlosses, welche an Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffen waren. Näher darauf einzugehen würde mir jedoch extremes Unbehagen bereiten, weshalb ich darauf verzichte.

Als Industrie-Mogul der Lederbranche kam Herr Knut – so der Name des eitlen Gockels - dem unangenehmen Drang gerne nach, seinen Reichtum unmissverständlich zur Schau zu stellen.

Doch mich interessierte weder dieser Herr Knut, noch sein hässliches Gebäude, in dem er sich aufgetakelt präsentierte. Zu meinem Glück war er ein paar Tage nach Paris gereist und hatte mir erlaubt weitere Nachforschungen in seiner Bibliothek anzustellen. Damit musste ich nur noch den protzigen Bau, nicht aber den eitlen Pfau in Menschengestalt ertragen.

Der betagte und schweigsame Verwalter öffnete mir das Tor und nickte abwertend in die Richtung der Bibliothek, die sich im einzigen Turm des Schlosses befand. Mit Büchern konnte dieser einfältige Kerl bestimmt nichts anfangen. Aus seinen Augenhöhlen drang spürbar die einsilbige Dummheit eines Neandertalers hervor.

Ich beachtete ihn nicht weiter und wandelte direkt, durch die verborgenen Gänge der Dienerschaft, zur Turmtreppe hinauf. Nun öffnete ich die schwere Tür und ein mysteriöser Duft drang in meine Nüster. Süßlich vergilbtes Papier, herbe Ledereinbände und das schwere Edelholz der Regale bildeten den olfaktorischen Rahmen, in dem meine Leidenschaft sofort aufzulodern begann.

Diesem oberflächlichen Industriellen war entgangen, welche Schätze sich in seiner wahllos zusammengewürfelten Bibliothek verbargen. Während er offensichtlich davon ausging, ich würde für ihn die Geschichte der Grundmauern seines renovierten Schlosses recherchieren, verhoffte ich mir tatsächlich eine seltene Ausgabe des Necronomicon unter den Nagel reißen zu können, von dessen Existenz dieser neureiche Narr noch nicht einmal etwas ahnte. Besonders lustig erschien mir hierbei, dass Herr Knut sogar ein berufliches Interesse an dem Buch haben müsste, da der Einband einst aus Menschenhaut gegerbt wurde. Durch Zufall war ich bei meiner ersten Begehung der Bibliothek direkt auf das Necronomicon gestoßen und wollte nun die Gunst der Stunde nutzen, um es zu bergen.

Das Innere der Bibliothek war ungewöhnlich asymmetrisch geformt. Der Blick zur Decke konnte verwirren, da weder ein Vordergrund noch ein Hintergrund eindeutig ausgemacht werden konnte. Zusätzlich betäubend wirkte dieser stickige Geruch des Staubes, der wie eine unsüße Zuckerkruste auf den Büchern lag. Es raschelte darin und manche der alten Bücher zeigten sogar Rattenfraß.

In diesem Moment huschte eines dieser grässlichen Nagetiere an meinen Füßen vorbei, blieb an einer Stelle des Regals stehen, als wollte es mir etwas zeigen. Schwerer und stickiger wurde die Luft um mich herum, als ich mich auf das Nagetier zubewegte. Vom Schwindel erfasst sank ich zu Boden und stellte fest, dass die Ratte ein menschliches Gesicht besaß. Die Kreatur sah aus, als hätte sie das Gesicht des Herrn Knut; nur verzerrt durch die wuchtigen Nagezähne, die einen großen Teil der Unterlippe bedeckten.

Mit ebenfalls menschenähnlichen Händen zeigte diese grauenhafte Miniatur auf das Buch, welches nun direkt vor meiner Nase lag. Ein unbeschreibliches Grauen ergriff mich, denn alles Vertraute versank in einem Strudel aus Wahnsinn. Ich war verbunden mit einer uralten Welt, einem auf der einen Seite verzaubernden Geruch, der meinen Neigungen zu Abenteuern und unergründlichen Mysterien verheißungsvolle Versprechen machte - und auf der anderen Seite der reine visuelle Horror.

Umringt von dämonischen Gestalten und einer an meinem Körper nagenden Ratte, die unentwegt sagte: „Denkst Du wirklich ich habe Dich nicht durchschaut! Du bedauerliche Kreatur! Ich bin der Kaiser meines Imperiums!“, versank ich in einen tiefen Schlaf, welcher in süßwürzigen Woken aus Popcorn davongetragen wurde; gefangen in den Erinnerungen eines Eindringlings.

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Rebirth2014 vor 2 Jahren 16
9
Duft
7
Haltbarkeit
6
Sillage
8
Flakon

Nicht perfekt, aber perfekt für mich
In den letzten Monaten musste ich mich auf Parfumo in meinen Aktionen sehr zurückhalten. Dies lag weder an der hervorragenden Community, noch an meiner Liebe zu Parfums. Vielmehr gewann ich die Erkenntnis, dass die Wahrnehmung eines Duftes eine dermaßen subjektive Empfindung ist, die - bei allen Vorlieben - nicht immer zur eigenen Stimmung und ganz besonders nicht zum eigenen Lebensstil passt.

Primär verliebte ich mich in den letzten Jahren in Düfte der orientalischen Richtung (besonders Amouage), nur um dann festzustellen, dass es mittlerweile kaum noch Situationen gibt, in denen ich diese (er)tragen kann. Auch Fougeres, die in der Basis satt, waldig und grün stehen, gingen mir bei aller Zuneigung letztendlich auf die Nerven. Woran dies lag?

Vom Couchpotato, mit über 20 kg Übergewicht, fand ich zu einem aktiven Lebensstil zurück. Zunehmend musste meine träge und kuschelige Grundhaltung meinem wiederentdeckten Bewegungsdrang weichen. Anfangs hielten sich Ruhetage und Aktionstage noch die Waage. Rauchige, schwere Düfte oder wuchtige Fougeres begleiteten mich durch die gemäßigten Tage, sowie auf Wanderungen im herbstlichen Wald. Doch Jahr für Jahr erhöhte sich mein Sportpensum und damit auch die im gleichen Maße entstandene körperliche und olfaktorische Belastung.

Nachdem mich einmal die Reste von Amouage Interlude des Vorabends beim harten Intervalltraining fast zum Erbrechen brachten, als ob jemand neben mir räuchern würde, beschloss ich meine Duftschätze nur noch sehr selten und mit Bedacht einzusetzen (Festtage, Ausgehen usw.) und ich experimentierte gefrustet mit frischen Düften aus dem Mainstreamsegment. Kein Duft aus diesem Bereich wollte mir gefallen, da entweder die Kopfnote zu synthetisch frisch (Spülmittel) oder die Basis unglaublich klebrig süß (Tonka) eine innere Abwehr erzeugten. Es wollte einfach nichts mehr passen bzw. erzeugte jeder Duft im Tagesverlauf ein gewisses Ekelgefühl.

Irgendwann erinnerte ich mich an "Acqua di Parma Colonia Club" und ich kaufte mir in meiner Verzweiflung einen kleinen Flakon. Beim Sport getestet, begeisterte mich die unglaublich frisch-perlige Kopfnote sofort. Diese vermittelte mir das unvergleichliche Gefühl, das wahrscheinlich jeder kennt, wenn man seinen Durst mit Bitter Lemon, Orangina oder San Pellegrino löscht: Bitzelnde Kohlensäure, die ätherischen Öle der Zitrusfrüchte, mit den bitteren Anteilen der Schale und die kristalline, zuckrige Süße beleben sofort Körper und Geist.

Als Colonia neigt der Duft auch nicht dazu, sich in einer übersteigerten Sillage oder Haltbarkeit zu verlieren.

In der zweiten Phase entwickelt sich eine grüne Seifigkeit, die ein gepflegtes Gefühl vermittelt. Leichte Fougereankläge schwingen mit. Die Minze bleibt immer noch perlig und löst einen weiteren Frischekick aus.

Eine eigentliche Basis gibt es nicht. Gut so, denn diese würde bei sportlichen Belastungen wieder ein gewisses Ekelgefühl bei mir auslösen. Vetiver, Moschus und Ambra erzeugen (wahrscheinlich durch das Harz in der Herznote) nur einen trockenen und weichen Kontrast zur Frische. Nach zwei Stunden zieht sich der Duft hautnah zurück.

Bewerte ich den Duft als Komposition im klassischen Sinne, so muss ich ihm den Vorwurf machen, dass er eindimensional und ohne Drydown wesentliche Elemente der Parfumkunst verschenkt. Doch in meinem Fall ist dieser „Fehler“ ideal und beschert mir einen Alltagsduft, der zu meinem Leben und meinem Empfinden perfekt passt.

Wer ähnliche Erfahrungen, wie die von mir geschilderten, machen musste, dem sei "Acqua di Parma Colonia Club" zum Testen empfohlen. Alle anderen werden sich vermutlich an der überzeichneten Minze und der fehlenden Basis berechtigt stören.

In die gleiche Richtung (der perlende Effekt) ging übrigens auch der Duschschaum von "Rituals Samurai Yuzu", der leider eingestellt wurde.
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