Stanze Vielleicht auch nur ein oder zwei Artikel

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Vor 11 Monaten
44 Auszeichnungen

Pierre Guillaume möchte Geschichten erzählen. Und das gelingt ihm auch. Aber warum sollte man sich mit Geschichten parfümieren wollen? Es gibt außerdem auch unschöne oder langweilige Geschichten. Soll heißen: das wird diesmal kein lustiger Kommentar und handelt nur wenig von Cuir Venenum an sich, deshalb schreibe ich es auch in den Blog.

03 Cuir Venenum versetzt mich in die frühen 80er zurück. Ich war gerade von zuhause fortgelaufen beziehungsweise mit dem Fahrrad gefahren und lebte von 150DM Halbwaisenrente im Monat. Ich wohnte in einer WG und hatte dort ein großes Zimmer mit Kohleofen für 50DM im Monat gemietet. Ich hatte keine Möbel und keine Kohle. Nicht im wörtlichen und nicht im übertragenen Sinn. Es war Winter im Mittelgebirge. Täglich fuhr ich mit dem Fahrrad im Schnee zum Gymnasium - wohin ich von der Realschule her gewechselt hatte - in die nächste Stadt.

In den Pausen beneidete ich meine Mitschüler, denn sie gingen zum Bäcker gegenüber und ich konnte mir das natürlich nicht leisten. Davon abgesehen war ich aber ein netter, unauffälliger und ziemlich durchschnittlicher Teenager.

Am Gymnasium traf ich dann jedenfalls eine nette Truppe von Jungs und Mädels, die in der Stadt wohnten. Wir hingen in den Pausen und Freistunden zusammen herum. Sie hatten alle wohlhabendere Eltern, was keine Kunst war. Meine Eltern konnte man in finanzieller Hinsicht leicht toppen (auch in kultureller, vernunftsmäßiger und sozialer Hinsicht). Einer der Jungs wohnte in einem kleinen alten Fachwerkhaus im Hinterhof eines größeren Fachwerkhauses in der wunderschönen historischen Altstadt. Dieser Junge versorgte mich mit Kohlen zum Heizen. Ich holte die Kohlen nach der Schule bei ihm ab und transportierte sie in Jutetaschen am Fahrrad nach hause. Ein sehr barmherziger Samariter war das.

Ein oder zwei Mal ging ich mit den Jungs in eine Kneipe in der Altstadt. Sie brachten mir lokale Trinksitten bei. Es gab Altbierbowle. Das waren für mich die schönsten und normalsten Abende jener Zeit.

Ich zog dann fort. Mich hielt nicht soviel.

Cuir Venenum (cuir: frz. Leder, venenum: lat. Gift, Zaubertrank) riecht nach Altbierbowle. So möchte ich - bei aller Parfumliebe - nicht riechen. Man kann es nur abends benutzen, sonst halten einen alle für einen Alkoholiker. Einziger Sport, bei dem ich es mir vorstellen kann, wäre Kampftrinken. Kampftrinken mit Altbierbowle hat bestimmt schreckliche Folgen. Cuir Venenum ist blumige und opulente Altbierbowle, vielleicht gerade noch so eben unisex oder eher weiblich. Im Sommer haut es einen bestimmt sofort um. Ich glaube, diese Parfumprobe kommt in den "zu Verschenken"-Ordner.

20 Antworten
Vor 16 Monaten
35 Auszeichnungen

Ja, ich weiß, das ist viel zu persönlich und auch nicht lehrreich. Aber siehe unten, ich zeige immerhin, zu welchen Gelegenheiten Opera passt.

Am Sonntag schrieb ich: "Nunc est cantandum" (jetzt wird gesungen), denn mein Auftritt auf dem Parkfest in S. stand unmittelbar bevor. Wir fingen mit einer Viertelstunde Verspätung an, weil eine Musiklehrerin vorher wohl zu lange gequatscht hat. Nach 2 Minuten technischer Störung.13 Minuten lang: "Wir haben eine technische Störung"?

Ich bin manchmal eine sehr alberne Person und sagte "Hallo Schwetzingen" zur Begrüßung. Es hat nichtmal einer gelächelt. Ja, tolles Publikum. Warteten wahrscheinlich bloß darauf, dass ihr Kind endlich dran ist. Ich trug mein "Böse Königin"-Kleid und sah phantastisch aus. Unendlich overdressed. Keiner hat ein Foto von mir gemacht. Es ist zum Heulen. Und ich trug das passende Parfum dazu: Opera von Sospiro. Sprich, wenn es drinnen gewesen wäre, wären alle erstickt. Ich roch noch am nächsten Morgen danach und musste es dann abkärchern.

Die Sängerin vor mir hat sehr leise gesungen. Ich jedoch sehr laut. Ey, es ist immerhin Oper. Die singen sonst ohne Mikrofon saalfüllend. Herr K., der Musiklehrer für Popularmusik ist, stellte dann immerhin das Keyboard lauter. Ich bin mit meiner Performance ganz zufrieden und kann nicht meckern. Vor dem zweiten Stück meckerte allerdings Herr K. herum, wir müssten uns beeilen, wegen der Viertelstunde Verspätung, die wir wegen dieser Schwätzerin hatten. Verdammt. Und ich hatte so schöne Hintergrundnotizen zu den Stücken recherchiert. Es wollte ja eh keiner wissen. Als ich das Wort Promiskuität im Zusammenhang mit "Se tu m'ami" benutzte, sah ich mir das Publikum genau an. Sie wussten ganz klar nicht, was das Wort bedeutet oder hatten mir nicht zugehört. Die Sache mit den Kastraten klemmte ich mir daher. Ich glaube, nächstes Jahr mache ich das nicht nochmal. Das Publikum in S. ist, außer meiner Familie, eher nicht so sagenhaft. Wegen meinem opulenten Aufzug wurde ich aber immerhin doch angestarrt. Man kann also von seinem Vortrag durch exotische Kleidung ablenken.

Heute hab ich das Kleid aus der Kiste geholt, zum Lüften und hab es dann für ein Foto im hiesigen Garten nochmal angezogen. Das muss man also anziehen, wenn man Opera trägt.


17 Antworten
Vor 16 Monaten
21 Auszeichnungen

Heute war es dann soweit. Um zehn nach zehn Uhr morgens ging es los. Ich fuhr mit dem Bus ins ferne Mannheim, zum Bahnhof. Kaum war ich da, fing es an wie aus Eimern zu schütten. Es regnete in Strömen (nicht örtlich, sondern Plural von Strom; wenn man "Strömen" in Google Maps eingibt, landet man eh in Bammental, ich hab es ausprobiert) . Mannheim weiß genau, dass ich es nicht mag und begrüßte mich entsprechend. Zwei Stationen fuhr ich bis zum Handelshafen. Dort stieg ich verwirrt aus. Überall ist es Unbefugten verboten, herumzulaufen. Ich war unbefugt. Wie komme ich auf die andere Seite der Kurt-Schumacher-Brücke?

Die Gegend am Handelshafen ist genauso anziehend wie der Dortmunder Hafen in den 90ern. Dort pflegten einzeln verteilte, berufstätige Damen mit Tennisschlägern herumzustehen, was mich damals verwirrt hat, bis es mir jemand erklärte. Ich war daher heute froh, keinen Tennisschläger dabei zu haben. Ich hatte meinen wasserdichten Rucksack dabei und eine vernünftige Regenjacke an. Hätte daher höchstens beim Wet-Raincoat-, Wet-Jeans- und Wet-Socks-Wettbewerb mitmachen können. Das Wasser drang in meine eigentlich sonst immer wasserdichten Arbeitsschuhe ein. Mein Handy mit dem Navigationsprogramm hielt ich unter meinen rechten Unterarm. Ein kläglicher Versuch, es halbwegs trocken zu halten. So mäanderte ich in vielen kleinen Kreisen durch den Hafen- wo ich tolle Fotos von Containergebirgen hätte machen können, wenn es nicht so geregnet hätte- und überquerte schließlich allein eine schier unendlich lange Fußgängerbrücke über den Mühlauhafen, die zur richtigen Straße führte. Hausnr. 15 statt 1. Nicht fluchen!

Triefend nass erreichte ich das Zollgebäude. (Das Selfish (Foto) oben machte ich mit dem Handy, als ich wieder aus dem Zollamt herauskam. Ich war schon leicht angetrocknet.) Ich klopfte an die Tür der Postausgabe und gab meinen Haufen Papiere ab. Dann trocknete ich in einem Wartezimmer vor mich hin. Man rief mich rein, ich öffnete das Päckchen. Es war intakt. Ich schwor, das (den Erwerb von Waren im nicht-EU-Ausland) nie wieder zu tun. Das Päckchen durfte ich einstecken und bezahlen. Ich fragte die Frau an der Kasse, ob es nicht einen besseren Weg zum Hauptbahnhof gäbe. Es gab ihn. Es war zwar ein langer Fußmarsch aber durch eine wesentlich normalere Gegend. An der Uni vorbei. Ja gut, so ganz normal sind Universitäten auch nicht.

Der Zollaufkleber auf dem Päckchen.

Inzwischen regnete es nicht mehr so stark, aber mein Handy brauchte ich sowieso nicht mehr, der Rückweg war viel einfacher, immer die gleiche Straße entlang. Sobald ich am Schloss in die Straßenbahn stieg, regnete es gar nicht mehr. Mannheim wusste, dass ich praktisch schon entkommen war.

Um ein Uhr trudelte ich daheim ein. Als ich mich ein bisschen erholt hatte (Tee gemacht), fragte ich mich, ob ich die Proben nicht hart genug erarbeitet hatte, um sie unter "Habe ich" in die Sammlung zu tun. Wie halten das andere Leute? Ich hatte Abfüllungen bisher unter "Habe ich", räumte sie jetzt zähneknirschend raus. Dann meinte Parfumo, ich hätte das Zeug gar nicht mehr. Ja, was denn nun? Ich habe es! Es sind aber nur Proben bzw Abfüllungen. Ein Monk-Moment von Ordnungswahn hatte mich erfasst. Wahrscheinlich eine Nachwirkung des Zollbesuchs.

Selbstgemachtes Foto von den Proben.

Jedenfalls testete ich sofort Falling Trees. Es ist schon toll, es riecht nach einem echten Wald. Ist aber wirklich zu heftig für mich. Dieser Duft ist extrem dunkel. Viel dunkler als "Encre Noir". Ein ganz dunkler Nadelwald, der meiner Meinung nach mehr für Männer geeignet ist. Und das sage ich, obwohl ich selbst mich immer als 50% Mann bezeichne. Ich meine also Leute, die über 50% Mann sind. Hoffentlich passt irgendeine der anderen Proben besser zu mir.





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Vor 17 Monaten
36 Auszeichnungen

Als nächste Hürde auf dem Weg zum Sommerduft (gibt es ihn überhaupt?) - nach dem Moschuszweifel - entpuppte sich der Zoll. Am einzigen freien normalen Wochentag in den nächsten Wochen bekam ich einen Brief von DHL und dem Zoll. Ich solle DHL 28,50€ in den Rachen werfen, dann würden sie alles für mich regeln, las ich da. Klingt nach Schutzgelderpressung. Beim Zoll das mussten Parfumproben von Régime des Fleurs sein, die ich wieder ganz naiv bestellt hatte, ohne mir über die Zollfreigrenzen Gedanken zu machen. Am liebsten wäre ich sofort zum Zoll gefahren. Mit dem Zug, denn ich habe kein Auto. Ich hatte aber noch einen Termin um 14Uhr, der bis fast 15Uhr dauerte und der Zollschalter liegt 21 Kilometer entfernt in der nächsten Stadt und macht um 16Uhr zu. Man konnte mich deutlich fluchen hören, als ich um 14Uhr55 am Bahnhof stand und kein Kleingeld hatte, um mir eine Fahrkarte zu holen. Die Bankkarte wollte der Apparat nicht haben (ich ließ mich später belehren warum und wieso und hätte den ganzen Kaufvorgang noch einmal von vorne beginnen müssen). Hinter mir eine Schlange von Leuten, die es auch total eilig hatten und neben mir ein Techniker, der den einzigen anderen Fahrscheinautomat wahrscheinlich reparieren sollte, aber lieber die sozialen Vorgänge in der Schlange beobachtete und Technikerdenkmal spielte. Ich gab auf. Gut so, denn ich hatte gar nicht die nötigen Papiere dabei.

Eigenes Foto. Ein Zug wird kommen und der bringt mir nicht nur die eine, sondern sogar mehrere Proben, beziehungsweise eigentlich bringt er ja mich, aber dann kommt er nicht, sondern geht. Seufz. Was solls.

Zuhause rief ich den Zoll an und diesmal ging jemand dran. Ich hatte es vorher schon vergeblich von unterwegs versucht. Eine sehr nette Frau erklärte mir jetzt, was ich tun muss, um an meine Parfumproben von "Rehgieme dess Fleurs" für 35$ zu kommen. Ich brauche Belege über den Verkauf und die Bezahlung, meinen Ausweis brauche ich natürlich auch. Könnte ja jeder kommen und die Zollgebühren für irgendwen anders bezahlen.

DHL hatte mir gedroht, ich habe 7 Tage Zeit, um ihnen 28,50€ zu bezahlen, damit sie alles regeln. Es klang so, als müsse ich 28,50€ zahlen UND innerhalb von 7 Tagen pünktlich beim Zoll erscheinen, sonst geht alles zurück nach Amiland. Stellte sich dann aber heraus, dass die 28,50€ nur die Gebühr sind, die man entrichten muss, damit man keine nervigen Fahrten machen muss.

Dann habe ich natürlich nachgeschaut, wo die Zollfreigrenze liegt, sie liegt bei einem Warenwert von 22€ für Länder, die nicht in der EU sind. 35$ sind ungefähr 30€. Bei einem Wert über 22€ muss man Einfuhrumsatzsteuer in Höhe von 19% zahlen. Ja Danke auch. Man sollte also schon deshalb nur innerhalb der EU kaufen.

Bei meinem Dienstplan habe ich überhaupt keine Chance jemals vor 16Uhr am Zollschalter zu erscheinen, aber der Zoll hebt meine Proben 90 Tage lang auf, bevor er sie zurückschickt. Ab Tag 12 kostet jeder Tag beim Zollamt 50 Cents. Damit mietet man sich praktisch den Platz, auf dem das Päckchen steht. Und man muss außerdem Bescheid sagen, wann genau man sein Päckchen abholt. Ich hoffe inständig, das Zeug ist es wert (und enthält kein Tier). In wenigen Wochen habe ich Urlaub und werde ihn zu einem Ausflug zum Zollamt nutzen. Die Fahrkarte kostet mich natürlich auch noch etwas, aber insgesamt werde ich wahrscheinlich kurz unter 28,50€ an Zollausgaben bleiben. Es ist zum Haare raufen, aber stattdessen schreibe ich diesen Blogeintrag (die Haare werden ja auch nicht mehr). Stay tuned.. demnächst in diesem Kino.




15 Antworten
Vor 17 Monaten
19 Auszeichnungen

Naiv bin ich in die Sache hineingestolpert. Naiv kann ja auch charmant sein oder einfach dumm. Das entscheide ich lieber nicht. Ich bin seit über 30 Jahren ovo-lacto Vegetarier. Ich möchte das auch nicht ausdiskutieren (Augen roll) und was andere essen, ist mir total wurscht. Ich finde nicht, dass der Wert eines Menschen durch sein Essen definiert wird. Meine Devise ist halt, was ich nicht umbringen möchte, das esse ich nicht. Und Fische fand ich wegen dem Geruch schon immer eklig.

Also weshalb hatte ich diesmal eine Krise? (Haben Frauen nicht andauernd irgendwelche Krisen?) Ich dachte über Moschus nach. In diversen Parfums meiner Sammlung ist Moschus oder "weißer Moschus". Dann stellte ich mir ein niedliches Moschusöchslein vor, das dafür gestorben ist. Mehrere Öchslein sogar. Muss das denn sein? Ich las also nach, dass Moschus heutzutage meistens künstlich sei. Veganes Moschus also. Dann ist es auch billiger. Da besteht ja noch Hoffnung. Eau de Rochas Fraîche enthält Moschus, ist aber verhältnismäßig preiswert. Da ist entweder ein ganz kleiner Ochse drin, oder ein Künstlicher. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Okay, das ist kein kleine Öchslein

Okay, das Bild nebenan ist ein großes Öchslein, und auch kein Ovibus moschatus. Ein generischer ländlicher Nachbarsochse in der Normandie (eigenes Foto).

Ich durchsuchte jedenfalls daraufhin das Internet. Clarins ist immerhin brav, las ich irgendwo, aber in Eau Ressourçante muss man schon baden, wenn es länger als eine Minute halten soll.

Heute schreibt quasi jeder "vegan" auf seine Produkte, die schon immer vegan waren, Wein, Kaffee, Holzspielzeug, Kinderwagen, warum nicht auf Parfum? Vielleicht ist es in der Branche verpönt, zuzugeben, dass Chemie auch gut riechen kann? Jedenfalls fand ich auf keiner der Webseiten irgendetwas über die Herkunft der Inhaltsstoffe. Vielleicht haben sie auch alle Angst vor Rezeptdiebstahl, aber ob ein echtes Öchslein drin ist oder nicht, könnten sie mir schon verraten. Einem gekauften Ochsen nicht ins Maul zu schauen, äh, ihn nicht zu benutzen, wäre aber auch blöd. Ich hab dann jetzt erstmal ein schlechtes Gewissen.

Dank Turandot noch eine Berichtigung. Es ist ein Hirschlein, kein Öchslein. Siehe unten. Jaja, das sind nur ganz gewöhnliche Rehe (eigenes Foto) aber immerhin schon ähnlicher.

Keine Moschusochsen, sondern rehe

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