Der Morgen ist noch jung, die Sonne liegt in den letzten Zügen ihres Schlafes, die Kühle der Nacht ist noch leicht spürbar als du die Rennstrecke betrittst. Der trockenstaubige Asphaltgeruch steigt dir in die Nase und langsam erwachen auch deine Lebensgeister. Du hebst deinen Arm als du den Mechaniker im Fahrerunterstand siehst, legst auf dem Weg den Helm an und steigst dann in die Maschine, gleitest in den Ledersitz, legst den Gurt an und drehst den Zündschlüssel. Ein satter Sound entsteigt der Maschine, es vibriert leicht und du fühlst deinen Puls wie er sich langsam beschleunigt. Du gibst dem Mechaniker das OK-Zeichen, legst den ersten Gang ein und gleitest fast lautlos Richtung Startlinie. Einmal kurz lässt du den Motor aufheulen, dann gibst du Gas. Unmittelbar wirst du in deinen Sitz gedrückt, der Wagen beschleunigt blitzschnell und du legst den zweiten Gang ein. Der Wagen zieht an, tönt laut und du gibst mehr Gas. Du schmeißt den dritten und vierten Gang rein, der Wagen macht einen Satz nach vorne und in wenigen Sekunden siehst du die Rennstrecke an dir vorbeifliegen. Du liebst dieses Gefühl des röhrenden Motors, des Drucks, der auf deinem Körper lastet und entspannst dich, bist ganz cool. Auf der Gerade beschleunigst du weiter – 5. und 6. Gang. Der Wagen schießt jetzt wie ein Pfeil die Rennstrecke entlang, du nimmst nur noch das Blickfeld unmittelbar vor dir wahr. Alles rast an dir vorbei und du merkst deinen pulsierenden Herzschlag, der mit 180 Schlägen in der Minute den Takt der Geschwindigkeit vorgibt. Wie tausendmal schon gemacht, bremst du kurz vor der Kurve scharf an und schaltest – krach, krach, krach – in Sekundenbruchteilen runter, lenkst ein, lässt dich in die Kurve hineintragen und ziehst dann aus dem Scheitelpunkt der Kurve wieder mit voller Kraft raus - 4., 5., 6. Gang, die Maschine springt nach vorne, frisst den Asphalt und du bist voll konzentriert, fokussiert nur noch auf die unmittelbar vor dir liegende Strecke, das Gaspedal durchgedrückt. Alles läuft automatisch ab. Vor der nächsten Kurve das gleiche Spiel, routiniert schneidest du rein und beschleunigst mit voller Power wieder raus. Dein Puls hat sich jetzt auf 180 Schläge stabilisiert und du spürst die Wärme, die deinen Körper flutet. Alles ist wie es sein soll, du fühlst dich sicher und gleichzeitig sind alle Nerven zum Zerreißen gespannt. Du bist cool, unnahbar und doch so lebendig. Ein geiles Gefühl! Als du den Wagen abstellst ist der Zauber vorbei, die letzten Nachwehen der Anspannung fließen aus deinem Körper und in dieser schönen Erschöpfung machst du dich auf den Weg an den Rand der Rennstrecke. Dort wartet hinter dem Zaun das Wertvollste in deinem Leben und als du sie in deine Arme schließt, nimmst du ihren warmen, reinen, mandelig-cremigen Geruch wahr und lässt den Rest der Anspannung abfallen. Eng umschlungen macht ihr euch, begleitet von den ersten warmen Sonnenstrahlen, auf den Weg...
Donna Karans erster Männerduft (ihr erster Frauenduft war zwei Jahre früher erschienen) sollte eine Hommage an ihren damaligen Ehemann und dessen Hobby – das Fahren schneller Autos – sein. Er sollte die kühle, selbstbewusste Männlichkeit ausstrahlen, die sie bei ihrem Mann empfand, wenn er die Maschinen fuhr. Der Flakon übrigens, den ich immer mit einem Alien oder ähnlich Futuristischem in Verbindung gebracht habe, soll einen Schaltknauf symbolisieren und zwar angeblich aus einem bestimmten Ferrari, den ihr Mann besonders gerne fuhr.
**Duftverlauf:**
Der Duft startet mit einer deutlich trockenledrigen Note, die durch den Wacholder grauherb-staubig unterlegt ist, wobei dieser keinesfalls koniferig oder holzig erscheint, sondern bei mir eher Assoziationen zu Asphalt weckt. Das wirkt sehr männlich cool. Unterschwellig ist eine gedämpft zitrische Nuance auszumachen, die zusammen mit einer immer deutlicher werdenden fruchtigen Note (Ananas) diesem Duft eine faszinierende Anziehungskraft verleiht. Mit den Minuten legt der grauherbe Akzent nochmal zu, und es entwickelt sich im Hintergrund diese den späteren Duft mit beeinflussende süßherb-beerige Weißdornnote, die nicht zu intensiv ist und sich mit der Ananas zu einer einzigartigen, fruchtigen Note verbindet. Begleitet wird diese zunehmend durch einen schmeichlerisch mandelig-cremigen Ton. Diese fruchtig-mandelige Mischung dominiert Herz und Basis, wobei der Lederakzent subtil im Hintergrund verbleibt. Der Duft erschafft so den Eindruck einer sehr erdverbundenen männlichen Coolness mit einer gleichzeitigen verführerischen Präsenz. Die einzelnen Bestandteile sind dabei sehr gut aufeinander abgestimmt und nur an wenigen Stellen schimmert eine leichte Künstlichkeit durch.
**Haltbarkeit und Sillage:**
Ich konnte ihn über 10+ Stunden gut wahrnehmen. Noch nach 14 Stunden habe ich zudem immer wieder mal einen leichten Schwall wahrgenommen. Die Sillage ist dabei zu Beginn nur hautnah, entwickelt sich aber und hat nach ca. zwei Stunden eine deutliche Abstrahlung (über Armlänge), die so eine ganze Zeit anhält.
**Fazit:**
Ein faszinierender Duft, ebenso wie sein Flakon. Erst kühl asphaltähnlich und männlich trockenledrig, dann aber mit einem immer stärker aufkommenden, lebendigem, attraktiven, unheimlich anziehenden und ungewöhnlich fruchtig-beerigen, mandeligen Herzen. Ein qualitativ sehr guter und präzise aufeinander abgestimmter Duft. Modern und seiner damaligen Zeit sicher voraus. Er würde sich problemlos in die heutige Duftlandschaft einfügen und man würde nicht denken, dass er eigentlich schon fast ein viertel Jahrhundert alt ist.
Tragbar in meinen Augen zu vielen Gelegenheiten, auf der Arbeit, in der Freizeit und zum Ausgehen, da er auf der einen Seite insgesamt zurückgenommen ist, durch den Lederanteil männlich wirkt, aber eben auch diese warme, attraktive Intimität besitzt. Für mich hat sich das lange Warten - ich hatte ihn lange in der Wunschliste - definitiv gelohnt.
**Zusatzinformationen:**
DK Men (Fuel For Men ist der "Untertitel" und auf der Rückseite der Umverpackung abgedruckt) war 1994 der erste Herrenduft von Donna Karan. Der von mir besessene und oben zu sehende Flakon ist der originale dieses Duftes. Er besteht aus schwarzem Glas, welches von einer silbrig-bronzefarbigen Plastikummantelung umhüllt ist. Zudem gibt es zwei Spezialversionen: einen komplett schwarzen Flakon (50ml) und einen von Mario Andretti signierten, der zur Zeit für etwa 400 € für den 50ml Flakon auf ebay gehandelt wird! Der Miniaturflakon ist auf dem 3. Foto oben zu sehen.
1995 erschien eine etwas leichtere und frischere Version des DK Men. Sie hieß DK Men Unloaded. Ihn gab es wohl in einem schwarz-blauen changierenden Flakon und einem komplett silbernen (je 50 ml). Über seinen Duftcharakter kann ich nichts sagen, da ich ihn noch nicht testen konnte (mittlerweile habe ich ihn testen können, s. Kommentar vom 06.01.2018).
1997 wurde die Parfumsparte von Donna Karan an Estee Lauder verkauft, was zur Folge hatte, dass diese beiden Düfte eingestellt wurden.
Im Jahr 2008 wurde dann ein Relaunch der u.a. ersten Donna Karan Düfte durchgeführt, wobei allerdings der Flakon brutal verändert wurde (zu sehen auf dem 2. Foto oben oder dem Foto von Harald K). In diesem Zuge wurde der Duft dann offiziell in „Fuel for Men“ umbenannt, was ja zu der Motivation von Donna Karan, diesen Duft zu kreieren, auf jeden Fall passt. Inwieweit der Duft verändert wurde oder nicht, kann ich leider ebenfalls nicht sagen, da auch diese Version unheimlich selten ist.
Boxenstopp mit Reifenwechsel - ein passioniert & sehr informativ geschriebener Kommentar zu deinem Asphalt-Sieger. Jedes Wort erzählt von deiner Leidenschaft - Gas geben, weiterfahren :)
Das EDP aus den 90ern löste in mir eine Art Duft Orgasmus aus. Noch nie zuvor, und nie mehr danach, habe ich so etwas geniales gerochen. Leider damals viel zu teuer für mich! Jetzt, dank Mondpreisen und enormer Seltenheit, erneut ein Wunschgedanke. Was für ein Schicksal :-((((
wow, ein fantastischer kommentar! und jetzt bin ich noch gespannter auf den duft. bei voller punktzahl musst du ja total begeistert sein.
auf der fuel kommentar rennstrecke bist du der sieger und bekommst einen dicken pokal!
Na, da hat Dich ja die echte Leidenschaft gepackt - und ich vermute, daß der erste Absatz nicht allein Deiner Phantasie entsprungen, sondern auf durchaus reale Erfahrungen zurückzuführen ist, ;-). Weißdorn nehme ich übrigens eher fäkalisch wahr, jedenfalls den in der Natur - nicht ganz unproblematisch, ihn in einem Parfum einzusetzen.
Puh, mit dem konnte ich gar nicht. War offenbar nicht für mich gemacht, aber ich fand Ferraris schon immer abgeschmackt und vielleicht hat das meinen Eindruck von diesem Duft ungerechterweise falsch beeinflusst.
Mehr,...geht nich!
auf der fuel kommentar rennstrecke bist du der sieger und bekommst einen dicken pokal!