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Top Rezension
Unendlich Frau. Trotz allem.
Sie steht lange vor dem Spiegel. Ihre Finger folgen den Konturen ihres Gesichts, das nicht mehr das Gesicht eines Mädchens ist. Sie sucht in ihren Augen nach dem Feuer, das einmal in ihnen gebrannt hat, und nach der, die sie einst war – mit zwanzig, als ihr Herz noch Flügel hatte. Damals - als das Leben endlos schien, und er ihr jeden Tag ein neues Schloss aus Glas und Gold gebaut hat. Mit seinem Motorrad sind sie nach Frankreich gefahren und liefen atemlos durch sonnenwarme Felder - unter einem Himmel, der endlos und so blau wie seine Augen war. Und er schenkte er ihr ein kleines Fläschchen Amarige von Givenchy.
Amarige - den Namen hat sie damals nicht verstanden. Aber das Fläschchen, das war kostbar und aus ganz zartem, schwerem Glas - und der Duft so blütenwarm und zaubersüß. Unendlich weiblich ist sie sich vorgekommen - und sinnlich und begehrenswert. Ganz fein wie eine Dame, und fast hätte sie sich nicht getraut, ihn aufzutragen - und lieber nur am Deckel des Flakons geschnuppert. Und da war dieses Leuchten in seinen Augen, und er hat sie in die Arme genommen und ihr gesagt, dass er sie lieb hat. Und sie hat ihm geglaubt und sich unendlich schön gefühlt. Das kleine Fläschchen hütet sie immer noch wie einen Schatz.
Viele Jahre sind seitdem vergangen - in der kleinen Wohnung in dem großen Haus. Ihre Herzen haben die Flügel verloren, und ihre Hände sind jetzt rau. Eine feine Dame ist sie nie geworden - und ob er sie noch lieb hat, weiß sie nicht. Doch manchmal - nur ganz selten, wenn es still ist in der Wohnung und im Treppenhaus - geht sie ins Schlafzimmer und holt hinten aus der Schublade das kleine Fläschchen Amarige. Und sie trägt wieder ein gelbes Kleid, seine Arme umfangen sie, und sein warmer Atem streift ihr weiches Haar. Und sie ist jung und schön und voller Lachen - und einen Augenblick lang ist wieder alles, wie es war.
Fazit: ein Duft voller Erinnerung und Sehnsucht. Unendlich Frau. Trotz allem.
Amarige - den Namen hat sie damals nicht verstanden. Aber das Fläschchen, das war kostbar und aus ganz zartem, schwerem Glas - und der Duft so blütenwarm und zaubersüß. Unendlich weiblich ist sie sich vorgekommen - und sinnlich und begehrenswert. Ganz fein wie eine Dame, und fast hätte sie sich nicht getraut, ihn aufzutragen - und lieber nur am Deckel des Flakons geschnuppert. Und da war dieses Leuchten in seinen Augen, und er hat sie in die Arme genommen und ihr gesagt, dass er sie lieb hat. Und sie hat ihm geglaubt und sich unendlich schön gefühlt. Das kleine Fläschchen hütet sie immer noch wie einen Schatz.
Viele Jahre sind seitdem vergangen - in der kleinen Wohnung in dem großen Haus. Ihre Herzen haben die Flügel verloren, und ihre Hände sind jetzt rau. Eine feine Dame ist sie nie geworden - und ob er sie noch lieb hat, weiß sie nicht. Doch manchmal - nur ganz selten, wenn es still ist in der Wohnung und im Treppenhaus - geht sie ins Schlafzimmer und holt hinten aus der Schublade das kleine Fläschchen Amarige. Und sie trägt wieder ein gelbes Kleid, seine Arme umfangen sie, und sein warmer Atem streift ihr weiches Haar. Und sie ist jung und schön und voller Lachen - und einen Augenblick lang ist wieder alles, wie es war.
Fazit: ein Duft voller Erinnerung und Sehnsucht. Unendlich Frau. Trotz allem.
10 Antworten
Paloma58 vor 10 Monaten
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Eine solche Geschichte kann nur gelebtes Leben schreiben. Und du hast mindestens zwei Pokale dafür verdient.
Anika vor 4 Jahren
1
Ach herje, wie schmerzhaft schön...
Poesiefanny vor 4 Jahren
1
Unendlich lebenswahr. Mit allem.
Smellycat vor 4 Jahren
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Ich musste echt ein paar Tränen vergießen. ❤️
Runa vor 5 Jahren
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Puh, da muss man erstmal richtig tief durchatmen!
Lel5 vor 7 Jahren
1
Das Bild hatte ich noch lange vor den Augen, und ich musste weinen, da es alles mir zu bekannt war. Danke Dir für diese Geschichte. Trotzdem, ich gebe 0815abc Recht, die Flügel wachsen immer nach, und jedes mal, wenn Du einen tröstest, Unterstützung gibst, einfach was Gutes tust, sie wachsen. Solange Du lebst, Du kannst fliegen.
Precious vor 9 Jahren
1
Dein Kommentar ist eine kleine, gefühlvolle Kurzgeschichte, die ich gern gelesen habe.
0815abc vor 10 Jahren
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Sehr berührend.Die Flügel zu verlieren ist ein bisschen wie sterben.Ich hab aber gelernt,dass sie nachwachsen.Wenn man genau nachfühlt. Wehmutspokal.
Sabi vor 10 Jahren
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...und jetzt steht mir das Wasser in den Augen. Pokal!
Serafina vor 10 Jahren
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Ein wehmütiger, aber sehr schöner Kommentar!

