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Vetiver (Eau de Toilette) von Guerlain

Vetiver 1959 Eau de Toilette

Siebenkäs
13.05.2017 - 07:26 Uhr
20
Top Rezension
9Duft 6Haltbarkeit 6Sillage 9Flakon

Vetiwow oder Vetiweh?

Nachdem ich zuletzt in den 90ern ein Fläschchen davon besaß,
war Guerlains Vetiver bei mir ein wenig vom Radar verschwunden.
Ich hatte ihn als kräftigen, eher unkomplizierten Naturburschen in
Erinnerung, mit einer netten Brise pariserischer Nonchalance.
Dann las ich hier viele Kommentare, die ein teils zwiespältiges Bild
abgaben. In einem (wunderbaren und lustigen) Kommentar hieß es
z.B. "...Zitronenlimo, eine Tracht Prügel und Kernseife gibt's auch
günstiger..." Und auch sonst - neben Lob + Preis - etliche ruppigere
Wahrnehmungen: "medizinisch", "streng", "aus der Zeit gefallen",
"Alt-Herrenduft", "vergoren", "muffig", gar von getragener Damen-
unterwäsche war die Rede.
Da ich mir das alles kaum vorstellen konnte, musste ich die jetzige
Version natürlich noch mal näher betrachten.
Was zum einen zu noch mehr Verwunderung führte.
Und zum anderen ein kleines Phänomen offenbarte.
Zumindest bild' ich mir das ein. (Ich mag ja Phänomene, sie sind so
schön... phänomenal.)

Zunächst mal mein Eindruck: Schließe ich die Augen mit Vetiver
in der Nase, sehe ich zunächst mal hellgrün, fast gelbgrün.
Ich wähne mich in einer kleinen, weich-sauberen, prickelnd-
strahlenden Wolke, die entsteht aus der Melange von quietsch-
gelb-vergnügten Zitronen und einer frisch-grün-grasigen, unge-
mähten Bilderbuchwiese. Eine fliegende Wiese also. (normale
Sache, das.)
Eine, die sich perfekt zum Ostereier-Verstecken eignet.
Das Grün wird nun langsam etwas dunkler und wandelt sich
gemächlich zu einem milden, schönen Grüngrau (ähnlich dem
der Verpackung).
Das Grau in diesem Grüngrau ist aber keinesfalls trüb, keins, das
an die Grauen Herren Momos erinnert, nein bewahre. Ein frisches,
frohes Grau, eines, das auch Loriot (als Bezugsstoff-Verkäufer)
gefallen hätte... Ein verspieltes, inspirierendes, offenes Design-Grau.
Das dazugehörige Grün ist satter als zu Beginn, es hat's fausdick
hinter den Halmen und steckt voller Vergnügtheit, Schalk und Schwung.
Mit einem Wort - es ist heiter.
Ein paar herb-trockene und würzig-krautige Elemente - wie z.B. heller,
unrauchiger Tabak - kommen jetzt ins Spiel. Aber ohne das Kommando
zu übernehmen. Sie verhindern nur, dass die anderen allzu haltlos werden.
(Ich kann mich noch erinnern, wie mein Vater uns als Kindern, wenn wir
beim Spielen zu wild wurden, zurief; "Seid nicht so haltlos!"
Und wenn man sich benehmen, also nix anstellen sollte, hieß es:
"Schickt euch!" Der Opa hat das gern gesagt.)
Guerlains Vetiver schickt sich immer, es wird auch nie haltlos.
Aber auch nie nie langweilig. Es bleibt stets vergnügt und guter Dinge.
Der weiche, tiefe Ausklang hat etwas leicht sauber-luxusseifiges,
fast süßes. Mild-abgeklärt und irgendwie ein wenig weise, so
verschwindet er in der Ferne und scheint dabei immer größer zu
werden. Ein bisschen wie der Scheinriese.
Nein, er ist kein Opa-Duft. So sehr ich auch versuche etwas derartiges
zu entdecken. Null. Nada. Rien du tout.

Aber... Aber - da ist dieses Phänomen. Es taucht bisweilen auf.
Nicht zuverlässig, nur seltsam.

Also - einen Duft, den man selbst an sich nicht so den Bringer
findet, der von anderen aber als "super-knorke" wahrgenommen
wird - davon hat man ja schon gehört. (soll's nicht z.B. beim
Sauvage so sein - und bei etlichen anderen modernen Pleasern?)
Aber der umgekehrte Fall - man selbst riecht nur Angenehmstes,
während ein Mitmensch (ich sage bewußt "ein", nicht "der")
das etwas relativiert erlebt - sowas war mir kaum geläufig.
Genau das scheint mir bei Vetiver äh... im Bereich des Möglichen.
Dazu ein kleines Erlebnis:
Vor gar nicht langem war ich mit einer nicht gerade Parfum-
unerfahrenen Begleiterin im Museum. Wir schlenderen so dahin,
bleiben stehen und gehen weiter - mit einem Mal sagt sie:
"Ach du bist das! Ich dacht' die ganze Zeit, das is' die Farbe!"
Betretenes Schweigen meinerseits. Dann eine Art Erklärungs-
versuch. "Aber iwo, das ist nur Vetiver von Guerlain. Das normale..."
Man muss dazu sagen - die Bilder waren alle zwischen 1900 und
1910 gemalt, so dass Ölfarbe oder auch Firniss wohl kaum noch
duften oder riechen(?) konnten. Dennoch ging ich ganz nah mit
der Nase an das nächste Bild heran - und roch prompt nichts.
Aber ich hörte etwas. (Nein, nicht den Maler.)
Ein durchdringendes Piepen.
Die Alarmanlage.
Nein, es gab jetzt nicht wie im Film einen Auflauf von kräftigen
Wächtern, Polizisten, dazu Flutlicht und Sirenen. Auch keine
Spezialeinheit in schussfesten Westen, die uns zu Boden warf.
Der reale Wächter drückte lediglich auf ein Knöpfchen im Tür-
rahmen, das Piepen verstummte und er sagte freundlich: "Nicht
so nah rangehen, gell!" Glück gehabt.
Was führte zu diesem Eindruck?
(Nein, ich meine nicht den Alarm, sondern den alte-Ölfarbe-
Eindruck bei meiner Begleiterin)
Normalerweise bin ich ja durchaus in der Lage, sowas als
Kompliment aufzufassen. Aber diesmal wollt' ich's genauer wissen.
Und fragte nach. Es stellte sich heraus, dass es nur wenig positiv
gemeint war.
Wenige Tage zuvor hatte ich, Vetiver tragend, zu hören bekommen,
ich röche nach Maggi.
Der Duft scheint die Phantasie anzuregen.
Ist vielleicht in der jüngsten Reformulierung irgendwas aus der
Balance geraten, das ich nicht wahrnehme? Weil ich zu sehr
80er-Kaliber-konditioniert, sprich desensibilisiert bin?
Oder haben sich die Nasen geändert? (das sicherlich - aber
so sehr?)
Fragen, die ich nicht beantworten kann.
Empfehlen kann ich den Duft trotzdem. Mir hat er noch nie
weh getan.
Für mich bleibt's also bei Vetiwow!
Aktualisiert am 14.05.2017 - 06:16 Uhr
8 Antworten
SchatzSucherSchatzSucher vor 6 Jahren
Für mich zweimal Wow, einmal zum Kommentar und einmal ein Wow ans Veti-- drangehängt. Der Vetiwow Extreme ist auch eine Betrachtung wert.
StanzeStanze vor 7 Jahren
Muss ich ausprobieren. Bisher hat man mir nur bescheinigt, nach Vanille-Pfeifentabak zu riechen. Das ist doch nicht schlecht.
JackoJacko vor 8 Jahren
Wenn ein Duft über Text zu einem Bild - einem Gemälde - wird; großartig!
FabianOFabianO vor 8 Jahren
Starker Kommentar. Sehr durchdringend. Vielleicht einen Tick zu lang? ;-)
ParmaParma vor 8 Jahren
Wunderbarer Kommentar! Mit treffenden und humorvollen Worten genau beschrieben. Da kann ich Erno nur beipflichten. "Fliegende Wiese" - köstlich, "Scheinriese" - wundervoll :) Und die Überschrift ist genial!
YataganYatagan vor 8 Jahren
Mit diesem Duft bin ich quasi großgeworden. Mein Patenonkel trug den bei jeder Gelegenheit. Als junger Mann mit gleicher Statur erbte ich seine englischen Jacketts nach einer Saison. Die waren durchtränkt mit Vetiver von Guerlain. :D
ErnoErno vor 8 Jahren
Grandioser Kommentar! Du sprichst eine wirklich schöne Sprache! ~ Ich habe mit ihm einige Jahrzehnte pausiert. Zwangsweise. Mir wurde verboten (!) "das Zeugs" zu verwenden. Gestern, völlig überraschend, bekam ich dann einen Flakon geschenkt. Den guten Stoff, ungeschliffen. Gelb. Vintage. Der wird jetzt getragen. So! :)
DOCBEDOCBE vor 8 Jahren
Dein Kommentar zeigt, dass auch die x-te Annäherung an einen Duft lesenswert sein kann. Und die Ambivalenz bzgl Vetiver kann ich absolut verstehen.