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Parma
10.02.2018 - 12:16 Uhr
19
Top Rezension
8.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

Der sanfte Verführer

Die große Holztür zum Saal öffnet sich und ein großgewachsener Mann betritt den mit Kronleuchtern geschmückten Raum. Allerlei Menschen mit weißgetünchten Perücken und weißgepuderten Gesichtern, gekleidet in ausladende Ballkleider und fein genähte frackähnliche Uniformen unterhalten sich überwiegend stehend in anregenden Gesprächen. Der Mann durchschreitet den Raum. Nach und nach verstummen die Gespräche an den Stellen, wo er vorbeikommt, und Köpfe drehen sich in seine Richtung. Interessierte Blicke folgen ihm und teilweise vernimmt man geflüsterte Worte. Die Blicke der Männer sind skeptisch und teilweise angewidert, die der Frauen aber interessiert, teilweise verwundert und zunehmend fasziniert. Der Mann schreitet weiter unbeirrt Richtung Stirnseite des Saals und gibt, dort angekommen, einer äußerst attraktiven Frau einen formvollendeten Handkuss bei gleichzeitig angedeuteter respektvoller Verbeugung. Die Stille im Raum ist jetzt fasst greifbar.
Hier reißen die Aufzeichnungen aus dieser Zeit leider abrupt ab und der weitere Verlauf, v.a. auch der Grund dieses faszinierenden Schweigens, bleibt leider im Verborgenen. Einige Theorien wurden über lange Zeit aufrechterhalten, die wahlweise die Kleidung, die Bewegungen und Gerüchte über die Person zum Inhalt hatten. Eine Theorie hielt sich aber am hartnäckigsten und glaubhaftesten. Diese führte viele Augenzeugenäußerungen an, wonach beim Vorbeigehen dieses Mannes sich anschließend ein so außergewöhnliches Duftempfinden eingestellt haben soll, dass es den Menschen sprichwörtlich die Sprache verschlagen haben und ungläubiges Staunen und Genießen hervorgerufen haben soll. Wie sich später herausstellen sollte, war dieser großgewachsene, elegante Mann kein geringerer als der berühmte Casanova, weshalb dieser Duft nach ihm benannt wurde. Zum Glück wurde er bis in die heutige Zeit nicht vergessen, so dass wir ihn auch heute noch genießen können und ob seiner Wirkung staunend und wortlos zurückgelassen werden.

Casanova, der angeblich größte Verführer der Geschichte, ist ja hinlänglich, zumindest oberflächlich, bekannt. Wenn ein Duft diesen Namen trägt, ergeben sich automatisch die Assoziationen zu seiner Person und v.a. seinen Verführungskünsten. Entspricht dieser Duft den Vorstellungen? Es kommt darauf an welche Ideen man selbst dazu hat. Stellt man sich ihn als rücksichtslosen, nur auf sein Wohl bedachten Verführer vor, passt dieser Duft auf den ersten Blick sicher nicht. Sieht man ihn als einen schmeichelnden Verführer mit einer ganz besonderen, außergewöhnlichen Art, dann schon eher.

**Duftverlauf:**
1725 - Casanova startet fluffig-pudrig und leicht lakritzig angesüßt. Die angegebenen zitrischen Noten nehme ich nur in den ersten 10 Sekunden wahr, danach werden sie von der lakritzigen Pudrigkeit überrollt. Das wirkt schon sehr verführerisch, Richtung pudriger Gourmand gehend (wenn es sowas gibt), aber eben sehr fluffig leicht. Sehr schnell mischt sich dann ein ätherischer Ton dazu (Anis), der den Duft ordentlich durchlüftet und einen leicht aromatisch-weihnachtlichen Eindruck erzeugt. Nachdem sich diese Note etwas Platz verschafft hat, stellt sich dann eine sehr saubere Note ein, hervorgerufen durch einen unheimlich reinen und weichen Lavendel, der dezent cremig-mandelig unterfüttert wird und eine sehr anziehende kuschelige Weichheit erzeugt. Der vorherrschende Eindruck ist pudrig-cremig-ätherisch-sauber und mandelig-süß. Es wirkt wie eine durchlässige Wolke. In dieser Phase ist der Duft außerordentlich verführerisch und man kann ihn durchaus als Aphrodisiakum zum „Beutefang“ empfinden. Er ist charmant, sanft, verführerisch, mit einer gewissen erhebenden Frische versehen und dabei stilvoll, ohne im geringsten steif zu sein. Im Gegensatz, er ist unglaublich anpassend. Casanova wird ja auch nachgesagt, dass er im Grunde ein sehr opportunistischer Mensch war, was dieser Duft durchaus assoziieren lässt. Im weiteren Verlauf kommt dann eine Vanille-Ambernote dazu, die den Duft nochmal cremiger und etwas süßer wirken lässt. Dabei überwiegt dann gegen Ende in meiner Nase die Vanille, wobei sie nicht zu süß wird, sondern sehr angenehm natürlich bleibt. So schmeichelnd weich läuft der Duft dann aus.

**Haltbarkeit und Sillage:**
Bei mir hielt der Duft etwa 7-8 Stunden gut wahrnehmbar auf der Haut. Die Projektion war über etwa 1,5 – 2 Stunden sehr deutlich. Danach ging sie langsam zurück, bis der Duft nach ca. 9 Std. nur noch hautnah wahrnehmbar war. Mit diesem Duft wird man schon deutlich wahrgenommen, allerdings ist er aufgrund seiner Sanftheit nie zuviel.

**Fazit:**
Mit 1725 - Casanova ist Histoires de Parfums ein sehr hochwertiger, perfekt abgestimmter, pudrig-süßer Traum gelungen, dessen Bestandteile aber nie überbordend sind, sondern auf ein wiederum perfektes Maß herabgedimmt sind. Ein absolut verführerischer Unisex-Duft, der aufgrund seiner Unaufdringlichkeit zu vielen Gelegenheiten getragen werden kann und v.a. abends in intimen/privaten Momenten sehr gut passt. Hätte Casanova dieser Duft damals tatsächlich schon zur Verfügung gestanden, wäre sein Erfolg wahrscheinlich noch größer gewesen, denn dessen sanfter, verführerischer und schmeichelnder Charakter hätte jeglichen Argwohn und jede Bedenken bei den Frauen vertrieben ;)
Ich danke dem lieben Parfumo Couchlock für die Probe.

**Infos zur Marke:**
Seit der Gründung 1999 wurden bisher 32 Düfte erschaffen. Kreiert wurden sie alle vom Gründer der Marke, dem Franzosen Gérald Ghislain, der eine recht bewegte Lebensgeschichte bis zur Gründung seiner eigenen Duftmanufaktur aufweist. Dieser Duft hier wurde zudem von Sylvie Jourdet mitentwickelt, zu der im Kommentar von Profumo ausführlich nachgelesen werden kann. Seine Duftkreationen widmet Ghislain neben historischen Persönlichkeiten, die sich Konventionen widersetzt haben, auch gesellschaftlich bedeutenden Phasen, kulturell bedeutenden Orten, der Introspektion sowie einzelnen Duftnoten. Eine besondere und bemerkenswerte Aktion verbindet er mit dem Duft „Make perfum not war“, von dessen Verkaufserlös je Flakon er 50 $ an Kinderhilfsorganisationen spendet. Die Parfums sind im hochpreisigen Segment angeordnet. Es gibt sie in 120 ml-Abfüllungen, die mit 155 € aufgerufen werden. Daneben gibt es 15 ml- und 60 ml-Abfüllungen (35 € / 95 €). Besondere Erwähnung verdienen auch die Flakons an sich, die seitlich gestellt an Buchrücken erinnern, so dass man seine eigenen Duftbibliothek aufbauen kann. Das passt natürlich zur Intention des Gérald Ghislain, Geschichten zu erzählen.
10 Antworten
FloydFloyd vor 10 Monaten
1
Klasse Rezension.
ParmaParma vor 10 Monaten
Ich danke dir, lieber Floyd! Freue mich sehr über deinen Besuch 😊
FelixwindsFelixwinds vor 4 Jahren
Wunderbare Rezension! Spannend und informativ!
CouchlockCouchlock vor 8 Jahren
es freut mich, dass dieser duft nach langer zeit wieder kommentiert wurde, eine sehr informative und anschauliche würdigung!
ich stehe eigentlich nicht auf süssliche düfte, casanova ist die berühmte ausnahme...er wird nie pappig und die süsse duftet sehr natürlich.
meine gattin meint, dass es ein lockstoff sei....
ich persönlich mag ihn noch mehr als den ähnlichen invasion barbare, casanova ist nicht so steif und viel sinnlicher.
schön, dass er dich auch verführen konnte!
FvSpeeFvSpee vor 8 Jahren
Ein ehr schöner Kommentar, den ich mit Verzögerung lese, weil die Abofunktion von Parfumo, wie sie das gelegentlich tut, hier mal wieder versagt hat. Klingt sehr gefällig und besonders, kommt auf meine Merkliste. Was Casanova angeht, interessanter Typ, die Lektüre seiner Memoiren lohnt!
SiebenkäsSiebenkäs vor 8 Jahren
Phantasievoll und informativ - mit dieser Kombination hast du den Duft bestens lebendig werden lassen!
PaloneraPalonera vor 8 Jahren
Ich bin sicher, Giacomo Girolamo wäre außerordentlich geschmeichelt, vom Parfum ebenso wie von Deinem Kommentar.
VincerVincer vor 8 Jahren
Super Kommentar!
Mir persönlich ist er zu süß - ich ziehe Invasion Barbare deutlich vor beispielswe.
DOCBEDOCBE vor 8 Jahren
Lesenswerter Kommentar - auch wenn nicht meine Duftrichtung.
TaurusTaurus vor 8 Jahren
Schön beschrieben ... und ich kann mir olfaktorisch was recht gefälliges drunter vorstellen :-)