Acqua Santa von Linari

Acqua Santa 2010

Serenissima
13.01.2018 - 09:16 Uhr
8
Top Rezension
8Duft 8Haltbarkeit 6Sillage 8Flakon

Botticelli trifft die Göttin Flora

Zu lange hatte dieser Winter gedauert und auch zu lange hatte er sich in seinem Atelier eingeschlossen.
Seine Gemälde verlangten seine volle Aufmerksamkeit: im Allgemeinen schenkte er sie ihnen auch.
Aber heute floh er der Enge seiner Stadt Florenz; er sehnte sich so nach Licht, Duft und Farben, die nicht seiner Palette entsprangen.

An diesem frühen Nachmittag Mitte Mai spazierte Sandro Botticelli auf der Suche nach der Natur durch einen seiner geliebten Haine. Die Stadt hatte er hinter sich gelassen.
Alle Sinne, die zuletzt nur angespannt der Arbeit gewidmet waren, vibrierten vor wiedergefundenem Leben.
Er spürte die Sonne und den leichten Wind: beide streichelten ihn.
Die Luft schmeckte frisch und leicht würzig nach Frühsommer.
Das Gehör badete im Sägen der Zikaden, dem Singen diverser Vögel.
Seine Augen erfreuten sich an den Schönheiten und Farben der Natur, die ihn umgaben.
All das zusammen und der Duft, der dieser vor ihm ausgebreiteten Natur entstieg, ließen seine Seele jubeln!
Er freute sich seines Lebens!
Fast erschrak er, als hinter ihm eine weibliche Stimme erklang:
"Messer Sandro, Ihr hier? Lange vermisste ich Euren Anblick. Was führt Euch aus Eurem Atelier in mein Reich?"
Flora, die Göttin der ihn umgebende Schönheit, begrüßte ihn herzlich; war erfreut ihn zu sehen.
Sie trafen sich hin und wieder hier in der Natur.
Heute war der Meister seiner Umgebung gegenüber allerdings besonders aufgeschlossen.
"Flora, erhabene Göttin! Ihr seid's! Mir schwebt gerade ein Kunstwerk vor: mit Euch als Mittelpunkt!
Ich atme diesen Duft, die Schönheit der Natur und sehe das fertige Opus "La Primavera" vor mir.
Würdet Ihr mir die Ehre erweisen, der Geburt dieses Werkes beizuwohnen, sein Mittelpunkt zu sein?"
Die Göttin der Blumen schaute ihn lange an.
"Messer Sandro, es ist zu viel der Ehre! Aber Ihr seht doch selbst: Über all diese Schönheit herrschend, wurde gerade mir die Gabe der Schönheit verwehrt. Wie oft klagte ich schon im Kreise der Schwestern Vanitas darüber. - Ihr, als Künstler versteht mich doch?"
"Hm!" Botticelli kämpfte mit sich; seine Eindrücke für ein neues Gemälde verfestigten sich. Natürlich brauchte er diese Hauptperson. Die Nymphen zur Begleitung der Göttin waren kein Problem, aber ...
"Ehrenwerte Göttin! Ich denke, ich habe die Lösung: schön von Gestalt wir Ihr seid, verstehe ich aber auch Eure Bedenken.
Aber was haltet Ihr davon: ich versehe Euren herrlichen Körper mit dem süßen Antlitz der schönen Simonetta?!"
Flora, geschmeichelt, dass sie diesem großen Meister Modell stehen sollte, kämpfte mit sich.
Schließlich stimme sie zu: die Schönheit Simonetta Verspuccis schmückte bereits viele Werke des Meisters. Hier könnte sie ihren, Floras Körper zu reinster Schönheit vervollständigen!

Die Zeit verging und eines Tages stand Sandro Botticelli vor seiner "Primavera": bereit, die letzten Pinselstriche zu setzen!
Er betrachte sein Werk und spürte, wie plötzlich ein zauberhafter Duft ihn umfloss.
Er schien direkt aus dem Gemälde zu steigen.
Die Bergamotten, die er im dunklen Laub, das die Lichtung nach oben hin begrenzte, angesiedelt hatte, duften unverkennbar.
Das Grün des Laubes, des Grases, über das die Göttin und ihre Nymphen schreiten, mischt sich überraschend ein, ehe sich das herb-fruchtige Aroma der Schwarzen Johannisbeeren (wo hatte er diese nur versteckt?) voll entwickelt.
Etwas Fremdes, Exotisches streift ihn: Patchouli und Kardamom umwehen ihn freundlich.
Welch überraschend duftiges Entrée bietet dieses Gemälde! Er spürt dem bisherigen Duftgewebe hingerissen nach.
Flora, die schöpfende Göttin, verstreut aus ihrem gerafften Gewand großzügig die schönsten Blüten.
Jasmin, Lilie, auch die stolze Rose bilden einen duftenden Teppich, über den die fröhlichen Nymphen in ihrem zarten Schleiern mehr schweben als schreiten.
Dieser Blütenduft verstärkt sich; manche feine duftige Blüte wurde wohl von einem zarten Fuß zertreten.
Zusammen mit dem eröffnenden Duftgebilde erwächst eine wundervoll blumig-fruchtige Komposition.
Das Alpenveilchen, meist ein wenig im Verborgenen blühend, schenkt seinen immer ein bisschen herben Duft dieser Impression. Es versucht ganz leicht, diesen Duft zu dominieren.
(Diese direkte Begegnung mit dem Alpenveilchen ist für mich überraschend und tief berührend.)
Ylang-Ylang setzt ein zusätzliches Strahlen in das Laubdach zwischen die reifen Früchte der Bergamotte.
Meister Botticelli bedient sich tagträumend aus der Glasschüssel mit Süßigkeiten, die auf dem Tischchen neben ihm steht. Karamell! Für Karamell schwärmt er!
Und dieser Duft vermählt sich hier sogar mit der Duftimpression, die ihm sein neuestes Werk vorgaukelt.
Nicht genug: ein Hauch von Tonkabohne begleitet geschickt dosierten Moschus und die Würze von Zedernholz.
Seine Sinne deuten ihm in diesem Moment: Sandro Botticelli! Deine Arbeit ist getan, das Werk ist vollbracht!
Du hast der Göttin entsprechend gehuldigt!

Geschmeidig und gekonnt abgerundet, voller Früchte und Blüten, dem zusätzlichen Zauber feiner Duftnoten und dem Wechsel von Hell und Dunkel verfallen, begegnet mir Linaris "Acqua Santa"!
Dieser Duft ist nicht heilig; er huldigt aber der göttlichen Schönheit der Natur!
Nicht ernst, nicht sakral, sondern bunt und vor Frohsinn tanzend. So wie die heiteren weiblichen Wesen, die Sandro Botticelli für seine "Primavera" auf die Leinwand zauberte.
Es ist ein Duft, der zum Verweilen einlädt, der entschleunigt!
Der Zauber eines zärtlich duftenden, ein bisschen altmodischen Blumengartens, umgeben von reichem Grün, entsteigt diesem unternehmenstypischen Flacon.

Die Haltbarkeit dieses "heiligen" Wassers ist ein bisschen mehr als durchschnittlich.
Die Blüten, Hölzer und Gewürze sind bei mir sofort präsent: sie bleiben in schöner Harmonie für ein paar Stündchen, ehe sie sich dann leise und höflich verabschieden.

Ich empfinde "Acqua Santa" als sehr angenehmen Duft, der den Alltag unspektakulär erhellt und einfach nur Freude macht.
Wäre ich ihm nicht begegnet, hätte er mir sicher nicht gefehlt.
Aber so freue ich mich wirklich, "Acqua Santa" getroffen zu haben.
7 Antworten
MelisandeMelisande vor 7 Jahren
Ein wirklich zauberhafter Kommentar! Auch in Sachen Duft stimme ich Dir zu: Keine schwarze Johannisbeere weit und breit (eigentlich schade, ich mag die!) ) , dabei ein heller, entspannter blumig-fruchtiger Duft, den man mit einem Lächeln trägt ;-).
GerdiGerdi vor 8 Jahren
Ach, wenn die Gemälde auch noch duften könnten, würde ich meine Zelte in den Uffizien aufschlagen! Schon wieder herrlich 'bildhafter' Kommentar zu einer Parfummarke, mit der ich so überhaupt nicht 'kann'.
Can777Can777 vor 8 Jahren
Wenngleich der Duft nicht meiner wäre...eine wunderschöne Geschichte. Florenz....che città meravigliosa!
MeggiMeggi vor 8 Jahren
Florenz - auch noch auf dem Zettel.
SeeroseSeerose vor 8 Jahren
Wie ich das lese: Nett, vielfältig, unspektakulär, angenehm. Also, schenken dürfte man ihn Dir. Aha-Pokal
RuesselchenRuesselchen vor 8 Jahren
Jetzt heißt es den großen Bildband auspacken: Pokal!
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 8 Jahren
Du hast das soooooooo schön beschrieben! Ein großer Pokal für dich!