Als mir der erste Duft von Yves Saint Laurent unter die Nase kam, war ich gerade volljährig geworden – und eigentlich noch zu jung für "Paris", das dessen ungeachtet zu meinem nahezu ständigen Begleiter avancierte, derweil meine Altersgenossinnen noch "My Melody", "Janine D." oder auch den anderen Yves (Rocher) trugen. Etwas später lernte ich "Rive Gauche" kennen und viel später auch lieben, während "Opium" und ich ganz offensichtlich nicht füreinander bestimmt waren. In jedem Falle aber erlebte ich die unter dem Namen YSL lancierten Düfte als sehr eindrucksvoll, erwachsen, charakterstark und unbedingt selbstbewußt. Nur eines waren sie nie: nichtssagend.
Und nun begegnet mir "Parisienne". Natürlich läßt mich der Name an "Paris" denken, natürlich schickt mich die Erinnerung ein Vierteljahrhundert in die Vergangenheit, natürlich bin ich gespannt, ob mir in diesem kleinen Glassprüherchen eine jüngere, modernere, vielleicht sogar innovativere Version von "Paris" auf und womöglich unter die Haut gehen wird. Werde ich mich wieder einmal in einen Yves verlieben…?
Sie ist süß, die kleine Pariserin – entzückend jung und verspielt, mit großen Kulleraugen und kleinem Schmollmündchen. Ein hellviolettes Kleidchen trägt sie, das kaum bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reicht und den Blutdruck manches Passanten in die Höhe treibt, wenn er an ihr vorbeigeht und ihre Beine baumeln sieht von der halbhohen Mauer, auf der sie sitzt mit ihrer Schale gezuckerter Beeren. Eine nach der anderen wandert in ihren Mund, der so klein und rosafarben ist wie die Rosenknospen, die hinter ihr die Mauer heraufranken. Ganz zart ist ihr Duft, kaum kommt er gegen das satte Aroma der reifen Früchte an. Bald ist die Schale leer – eine dunkelrot verfärbte Zungenspitze lugt hervor und wischt die letzten Zuckerkrümel aus den Mundwinkeln, bevor Lolita von der Mauer hüpft und davonschlendert. Sehr süß, wirklich!
"Parisienne" ist im Wort- wie im übertragenen Sinne der jüngste Duft der Marke YSL, den ich bisher kennenlernen durfte – ein Duft für junge Mädchen, unkompliziert und eingängig in der Konzeption, dominant fruchtig und mit nur ein wenig zarter Rosigkeit. Ich kann ihn mir wunderbar an 15jährigen Mädchen vorstellen, aber schon nicht mehr so gut an einer Zwanzigjährigen. Hätte ich mit 18 "Parisienne" statt "Paris" unter die Nase bekommen, wäre es womöglich der letzte YSL-Duft gewesen, für den ich mich interessiert hätte – und das wäre schade gewesen.
Schade ist auch, daß "Parisienne" deutlich weniger Durchhaltevermögen zeigt als ihre älteren Brüder und Schwestern. In der Konzentration eines Eau de Toilette wäre die Haltbarkeit für mich im akzeptablen Bereich, doch von einem Eau de Parfum hätte ich mir ein wenig mehr Treue gewünscht. Aber vielleicht ist das von einer Lolita einfach zuviel verlangt?!
Lolitas wissen noch nichts von Treue;-) schön danke Dir:-)