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Top Rezension
Von wegen Yuzu, Reispuder etc. - Narzisse und Haselnuss!
Die Düfte der ‚Trilogie des Humeurs’ gab’s schon einmal, vor sechs Jahren. Damals wurden sie in einer besonders limitierten Edition angeboten, gerade mal 100 Flakons je Duft. Kleine bemalte Porzellan-Amphoren, alten Apotheker-Behältnissen nachempfunden, fassten jeweils 40ml der Extraits. Eine Pipette zum Aufträufeln gab’s obendrein, denn die Düfte sollten nicht gesprüht, auch nicht getupft, nein, ganz Arznei-like sollten sie geträufelt werden.
Überhaupt Arznei: an die Viersäftelehre (frz.: ‚Théorie des Humeurs’) des Hippokrates angelehnt, wurde dem Duft-Trio nachgesagt, dass es dazu beitrage, besagte Säfte in Einklang zu bringen. ‚Lacrima’ (Wasser der Augen) sei gegen Herzschmerz und Traurigkeit wirksam, ‚Melancolia’ (Wasser des Geistes) sage Schwermut und Übellaunigkeit den Kampf an, und ‚Phantasma’ (Wasser der Lippen) beflügle geheime Fantasien und erotische Geister.
Soweit die Theorie, bzw. das Marketing-Bling-Bling, ob´s in der Praxis hilft, mag jeder selbst herausfinden. Es ist halt das übliche Blabla, das Düfte interessanter machen soll, aber in diesem Fall ist’s sogar ganz originell geraten, wenn auch vermutlich ziemlicher Stuss.
Egal, dergleichen Geschwurbel hätten die Düfte gar nicht nötig, sie sind nämlich richtig gut!
Die ach-so limitierte Edition ist gottlob passé und die Düfte sind nunmehr mancherorts, wenn auch nicht überall erhältich. Allerdings nicht mehr in den hübschen kleinen Amphoren, die wie kleine Apfelwein-Bembelchen aussahen (fehlte nur noch der Henkel...), sondern in schnöden, blauen Glasflakons. Blau als Flakon-Farbe finde ich ja eigentlich eher schwierig, da diese Flakons zumeist aquatisch-ozonische Fougères enthalten - Düfte die mir so gar nicht zusagen. Aber in Falle der ‚Humeurs’ ist diese Befürchtung ganz und gar unbegründet.
Dass des weiteren die 40ml Extraits zu 100ml Eau de Parfum verdünnt wurden, bedaure ich ganz und gar nicht, da ich mich mit Extraits ohnehin ein bisschen schwertue: ich sprühe lieber, als dass ich tupfe - von träufeln ganz zu schweigen...
Als ich nun ‚Phantasma’ das erste Mal testete war ich einigermaßen irritiert. ‚Lacrima’ und ‚Melancolia’ entsprechen in etwa den Angaben über die jeweils verwendeten Inhaltstoffe, aber ‚Phantasma’ duftet völlig anders – zumindest nach meinem Empfinden. Von Yuzu, Reispuder und Ingwer keine Spur. Tee, Wacholder und Hölzer, mag sein, aber vor allem stieg mir ein kräftiger Blütenakkord in die Nase, mit leichter, für Weißblüher typischer Indolik. Zudem noch ein deutlich grün-würziges Aroma, das mich aber weniger an Wacholder erinnerte. Auch die Verkäuferin bejahte mein Frage, ob sie denn auch Blüten riechen würde, blieb aber tapfer bei Yuzu, Reispuder und Co., die seien halt auch drin.
Zuhause angekommen recherchierte ich nochmals und entdeckte im Dufttagebuch von ALZD eine Besprechung von ‚Phantasma’. Auch hier ist von Ingwerschärfe, Zitrusfrische, asiatischen Hesperiden, pudrigen Reisnoten, gar Milchreischarakter die Rede – aber nichts dergleichen auf meinem Arm, nada!
Auf einer französischen Seite namens ‚Osmoz’ fand ich schließlich 6 Jahre alte Angaben zum Duft, die meinen Eindrücken viel näher kamen. Der Duft wird als ‚Floral-Green’ bezeichnet und folgende Noten werden genannt:
Top Notes : Green Notes
Heart Notes : Narcissus, Clary Sage
Base Notes : Woody Notes, Hazelnut
Et voilà, wusste ich’s doch: der Blütenakkord ist doch wirklich überdeutlich!
Salbei fand ich ebenso nachvollziehbar, vor allem als ich mir den Duft noch einmal aufsprühte: da war er nämlich wieder, der für dieses Kraut so typisch urinöse Moment. Ja, es duftete plötzlich ganz schön pissig, und zwar ziemlich zu Beginn des Duftverlaufes, verfliegt dann aber zum Glück recht schnell. Gemeinsam mit der Narzissen-Indolik entfaltet diese Urin-Penetranz eine ziemlich abstoßende Wirkung, die – wie gesagt – doch rasch vorüber weht. Die Indolik aber bleibt erhalten, wenngleich dezent.
Später entfaltet sich dann immer mehr ein holziges Aroma, durchzogen von einem leichten Gourmand-Anflug, der offenbar der Haselnuss geschuldet ist. Je mehr die Narzisse verblüht, desto deutlicher rückt die Nuss ins Zentrum. Man stelle sich aber bitte keine nougatsüße Haselnuss vor. Nein, diese Nuss ist absolut unsüß, und vom Duft der holzigen Schalen gerahmt.
Alles in allem changiert der Duft von grün-aromatisch über floral-indolisch bis zu nussig-holzig und legt somit einen interessanten Verlauf hin, dem ich allerdings nicht ganz entspannt folgen kann. Mein Verhältnis zu floraler Indolik, zumal als Mann, ist nämlich noch nicht abschließend geklärt (wird es vielleicht auch nie), und wenn dann auch noch andere Unwägbarkeiten wie besagte urinöse Facette und ein nicht ganz einfacher Gourmand-Aspekt dazukommen, bin ich auf Dauer eher geneigt den Duft all jenen zu überlassen, die damit keine Probleme haben – was mich schließlich zu ‚Lacrima’ und ‚Melancolia’ führt, denn diese beiden kann ich ganz entspannt genießen. Doch davon an anderer Stelle mehr.
Ob ‚Phantasma’ nun erotische Geister oder geheime Fantasien beflügelt, sei mal dahin gestellt. Bei mir jedenfalls nicht.
Ein schöner und vor allem interessanter Duft ist er allemal, mit toller, aber nicht übertriebener Haltbarkeit und eher moderater Projektion – genau wie ich es mag.
Auch die überschaubare Anzahl an Noten empfinde ich bei allen ‚Humeurs’ als wohltuend, bilden sie doch einen deutlichen Kontrast zur Überladenheit des ein oder anderen Liquides-Duftes. Mit weniger Noten muss der Parfumeur, resp. Parfumeurin, allerdings genauer arbeiten, exakter verblenden und kalibrieren.
Genau diese Sorgfalt zeichnet die drei ‚Humeurs’ aus.
Nachtrag, 23.03.20: Obwohl ich 'Phantasma' nun häufig getragen habe, ist mir der urinöse Unterton des Salbeis nicht mehr begegnet. Ob es an einer Reiz-Adaption liegt, oder nicht, weiß ich nicht. Ist jedenfalls weg.
Mit jedem Tragen wurde der Duft besser und besser!
Überhaupt Arznei: an die Viersäftelehre (frz.: ‚Théorie des Humeurs’) des Hippokrates angelehnt, wurde dem Duft-Trio nachgesagt, dass es dazu beitrage, besagte Säfte in Einklang zu bringen. ‚Lacrima’ (Wasser der Augen) sei gegen Herzschmerz und Traurigkeit wirksam, ‚Melancolia’ (Wasser des Geistes) sage Schwermut und Übellaunigkeit den Kampf an, und ‚Phantasma’ (Wasser der Lippen) beflügle geheime Fantasien und erotische Geister.
Soweit die Theorie, bzw. das Marketing-Bling-Bling, ob´s in der Praxis hilft, mag jeder selbst herausfinden. Es ist halt das übliche Blabla, das Düfte interessanter machen soll, aber in diesem Fall ist’s sogar ganz originell geraten, wenn auch vermutlich ziemlicher Stuss.
Egal, dergleichen Geschwurbel hätten die Düfte gar nicht nötig, sie sind nämlich richtig gut!
Die ach-so limitierte Edition ist gottlob passé und die Düfte sind nunmehr mancherorts, wenn auch nicht überall erhältich. Allerdings nicht mehr in den hübschen kleinen Amphoren, die wie kleine Apfelwein-Bembelchen aussahen (fehlte nur noch der Henkel...), sondern in schnöden, blauen Glasflakons. Blau als Flakon-Farbe finde ich ja eigentlich eher schwierig, da diese Flakons zumeist aquatisch-ozonische Fougères enthalten - Düfte die mir so gar nicht zusagen. Aber in Falle der ‚Humeurs’ ist diese Befürchtung ganz und gar unbegründet.
Dass des weiteren die 40ml Extraits zu 100ml Eau de Parfum verdünnt wurden, bedaure ich ganz und gar nicht, da ich mich mit Extraits ohnehin ein bisschen schwertue: ich sprühe lieber, als dass ich tupfe - von träufeln ganz zu schweigen...
Als ich nun ‚Phantasma’ das erste Mal testete war ich einigermaßen irritiert. ‚Lacrima’ und ‚Melancolia’ entsprechen in etwa den Angaben über die jeweils verwendeten Inhaltstoffe, aber ‚Phantasma’ duftet völlig anders – zumindest nach meinem Empfinden. Von Yuzu, Reispuder und Ingwer keine Spur. Tee, Wacholder und Hölzer, mag sein, aber vor allem stieg mir ein kräftiger Blütenakkord in die Nase, mit leichter, für Weißblüher typischer Indolik. Zudem noch ein deutlich grün-würziges Aroma, das mich aber weniger an Wacholder erinnerte. Auch die Verkäuferin bejahte mein Frage, ob sie denn auch Blüten riechen würde, blieb aber tapfer bei Yuzu, Reispuder und Co., die seien halt auch drin.
Zuhause angekommen recherchierte ich nochmals und entdeckte im Dufttagebuch von ALZD eine Besprechung von ‚Phantasma’. Auch hier ist von Ingwerschärfe, Zitrusfrische, asiatischen Hesperiden, pudrigen Reisnoten, gar Milchreischarakter die Rede – aber nichts dergleichen auf meinem Arm, nada!
Auf einer französischen Seite namens ‚Osmoz’ fand ich schließlich 6 Jahre alte Angaben zum Duft, die meinen Eindrücken viel näher kamen. Der Duft wird als ‚Floral-Green’ bezeichnet und folgende Noten werden genannt:
Top Notes : Green Notes
Heart Notes : Narcissus, Clary Sage
Base Notes : Woody Notes, Hazelnut
Et voilà, wusste ich’s doch: der Blütenakkord ist doch wirklich überdeutlich!
Salbei fand ich ebenso nachvollziehbar, vor allem als ich mir den Duft noch einmal aufsprühte: da war er nämlich wieder, der für dieses Kraut so typisch urinöse Moment. Ja, es duftete plötzlich ganz schön pissig, und zwar ziemlich zu Beginn des Duftverlaufes, verfliegt dann aber zum Glück recht schnell. Gemeinsam mit der Narzissen-Indolik entfaltet diese Urin-Penetranz eine ziemlich abstoßende Wirkung, die – wie gesagt – doch rasch vorüber weht. Die Indolik aber bleibt erhalten, wenngleich dezent.
Später entfaltet sich dann immer mehr ein holziges Aroma, durchzogen von einem leichten Gourmand-Anflug, der offenbar der Haselnuss geschuldet ist. Je mehr die Narzisse verblüht, desto deutlicher rückt die Nuss ins Zentrum. Man stelle sich aber bitte keine nougatsüße Haselnuss vor. Nein, diese Nuss ist absolut unsüß, und vom Duft der holzigen Schalen gerahmt.
Alles in allem changiert der Duft von grün-aromatisch über floral-indolisch bis zu nussig-holzig und legt somit einen interessanten Verlauf hin, dem ich allerdings nicht ganz entspannt folgen kann. Mein Verhältnis zu floraler Indolik, zumal als Mann, ist nämlich noch nicht abschließend geklärt (wird es vielleicht auch nie), und wenn dann auch noch andere Unwägbarkeiten wie besagte urinöse Facette und ein nicht ganz einfacher Gourmand-Aspekt dazukommen, bin ich auf Dauer eher geneigt den Duft all jenen zu überlassen, die damit keine Probleme haben – was mich schließlich zu ‚Lacrima’ und ‚Melancolia’ führt, denn diese beiden kann ich ganz entspannt genießen. Doch davon an anderer Stelle mehr.
Ob ‚Phantasma’ nun erotische Geister oder geheime Fantasien beflügelt, sei mal dahin gestellt. Bei mir jedenfalls nicht.
Ein schöner und vor allem interessanter Duft ist er allemal, mit toller, aber nicht übertriebener Haltbarkeit und eher moderater Projektion – genau wie ich es mag.
Auch die überschaubare Anzahl an Noten empfinde ich bei allen ‚Humeurs’ als wohltuend, bilden sie doch einen deutlichen Kontrast zur Überladenheit des ein oder anderen Liquides-Duftes. Mit weniger Noten muss der Parfumeur, resp. Parfumeurin, allerdings genauer arbeiten, exakter verblenden und kalibrieren.
Genau diese Sorgfalt zeichnet die drei ‚Humeurs’ aus.
Nachtrag, 23.03.20: Obwohl ich 'Phantasma' nun häufig getragen habe, ist mir der urinöse Unterton des Salbeis nicht mehr begegnet. Ob es an einer Reiz-Adaption liegt, oder nicht, weiß ich nicht. Ist jedenfalls weg.
Mit jedem Tragen wurde der Duft besser und besser!
Aktualisiert am 23.03.2020 - 10:49 Uhr
6 Antworten


Jetzt allerdings rieche ich tatsächlich ganz deutlich indolische Blüten, etwas krautigen Jasmin würde ich sagen...
Super schön und viel facettenreicher als beim Ersten Eindruck!