ErnstheiterErnstheiters Parfumkommentare

1 - 5 von 39
Ernstheiter vor 10 Monaten 21
7
Duft
7.5
Haltbarkeit
7.5
Sillage
8
Flakon

Die Eleganz der Distel
Wer sich schon mit den Dueften von Frédéric Malle beschaeftigt hat weiss, dass er im Normalfall keine erwarten darf, die mit einer fuer sich einnehmenden Kopfnote aufwarten. Sie eroeffnen in den meisten Faellen nicht mit einer gefaelligen Komposition aus zitrischen oder blumigen Noten, die den Traeger sofort begeistern. Natuerlich findet man auch bei Frédéric Malle Beispiele, die dieser Behauptung Stirn bieten, die von Anfang an zu gefallen wissen, allen voran Bigarade Concentrée oder Vétiver Extraordinaire.

Fréderic Malle - Duefte sind keine Bilder von Monet oder van Gogh, die sich schnell erschliessen; sie sind schon eher Picassos oder Pollocks, Bilder, die auch bei Nichtgefallen Emotionen ausloesen, die von Ablehnung bis Bewunderung gefaechert sind.

French Lover ist, wie ich finde, hierfuer ein gutes Beispiel.

Noch bevor sich gleich nach dem Aufspruehen im Kopf das Bild einer sattgruenen Wiese im Fruehjahr bilden kann und bevor sich die Vorstellung von nebelig-feuchtem undurchdringlichem Dschungel herausbildet, wird meine Fantasie durch einen braeunlichen Schleier in Schranken gehalten. Die noch im Entstehen befindlichen Dschungelbilder loesen sich auf, das Gras darf bleiben, allerdings nicht mehr auf der sommerlichen Wiese. Es ist bereits seit einigen Stunden geschnitten und die Wiese ist gegen die von innen bereits leicht rostige Komposttonne ersetzt. Der Duft des frischen Gruens kann sich aus eigener Kraft schon nicht mehr verbreiten. Es ist gezwungen, sich langsam an den rostigen Innenwaenden der Komposttonne nach oben zu schaelen und muss dafuer akzeptieren, dass sich ein brauner Grundton mir ihm vermischt. Nur noch wenige Stunden werden vergehen, bis das Gruen einer strohblumigen Grundstimmung Platz machen muss.

Es ist schwer, aus French Lover einzelne Duftnoten herauszuriechen, lediglich Vétiver und Pfeffer, kann ich bewusst wahrnehmen. Vom Vétiver stammt die gruen-erdige Note, die durch den Pfeffer leicht kratzig wirkt. Auf zitrische oder blumige Beigaben wird vollstaendig verzichtet. French Lover setzt nicht auf das sukkzessive Auftreten verschiedener Duftnoten; die Besonderheit liegt im Wechsel seines Charakters, von gruen ueber kratzig bis harsch. Sollte ich eine fuer French Lover stellvertretende Pflanze nenne, fiele meine Wahl auf eine Distel. Die muss man natuerlich nicht schoen finden, sollte sich aber die Zeit nehmen, sie einmal genauer zu betrachten.

French Lover ist ein ruppiger Duft, kein Staenkerer, der lautstark auf sich aufmerksam machen will, um zu provozieren. Er hat Persoenlichkeit, weiss um seine Ecken und Kante, macht aber keine Anzeichen, sie abzumildern oder gar zu verstecken; und er behaupet sie ueber Stunden.

Dieser Duft von Fréderic Malle will kein Massenduft sein. Bewusst wurde auf gefaellige Duftnoten verzichtet um eine eigenwillige Komposition mit Persoenlichkeit zu schaffen, die polarisiert, kein "so la la" erlaubt und den Parfumo zu einem eindeutigen Statement zwingt, das nur zu einem Ja oder Nein fuehren kann.
11 Antworten

Ernstheiter vor 1 Jahr 25
10
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon

Macedonia im Winter
Macedonia heisst nichts anderes als Obstsalat. Wer jetzt allerdings an Konservendosen mit gewuerfelten Fruchtstuecken in Sirup denkt, koennte nicht falscher liegen. Macedonia wird hier in Italien frisch zubereitet mit Fruechten, die es zur jeweiligen Jahreszeit gibt. Deshalb versteht es sich von selbst, dass so ein italienischer Obstsalat im Fruehling und Sommer bunter und vielfaeltiger ist als in der kalten Jahreszeit. Aepfel, Orangen, Mandarinen und Grapefruit, aber auch Bananen, Birnen, Granataepfelkerne, die Zutatenliste kennt da keine Einschraenkungen. Frisch aus dem Kuehlschrank ist das ein leichter und erfrischender Abschluss fuer ein italienisches Pranzo oder Cena. Wenn die Schale mit der Macedonia auf den Tisch kommt, verstroemt sie ein leicht fruchtig-saeuerliches Aroma von frischen gekuehlten Fruechten.
Napoli ist wie Macedonia. Die Kopfnote eroeffnet mit einem vollen Fruchtaroma von Zitrusfruechten und Apfel, der sich trotz der starken Praesenz von Orange und Grapefruit stolz behauptet. Schon allein diese Kombination ist einnehmend. Zu bedenken ist, dass Napoli noch vor der Jahrtausenwende lanciert wurde, als Ananas, Apfel und andere Fruechte noch keinen grossen Stellenwert in einer Duftpyramide hatten. Diese Kopfnote ist allerdings weder saeuerlich, noch spritzig. Es kommt mir vor, als seien die Zutaten in nur ganz leicht suessem Vanillepulver gewaelzt worden – fast wie sauere Drops in Puderzucker. So verlieren die Fruechte ihre saeuerliche Schaerfe. Sie erscheinen fruchtig – mild, aber ohne Suesse. Fast moechte ich sagen, der Duft wird leicht cremig, aber nicht pudrig. Dadurch finde ich Napoli einen Duft, den man das ganze Jahr ueber tragen kann. Zwar ist er schon eher der sonnigen Seite zugewandt, passt aber durch das Fehlen von zitrischer Schaerfe auch in die kalte Jahreszeit.
Im weiteren Verlauf schleicht sich eine blumige Note ein, fast verschaemt und ruft deshalb auch keinerlei Assoziationen an einen Blumenstrauss hervor. Ich wuerde sagen Napoli bekommt dadurch einen eleganten Touch, der auch gut zum dunkelblauen Anzug von Kiton passt.
Wenn sich in der Basis auch etwas Holz einschleicht, so bleibt doch der fruchtige Grundcharakter des Duftes vom Anfang bis zum Ende erhalten.
Kiton ist nicht Guerlain und schafft es nicht, mit Napoli Geschichten zu erzaehlen, so wie es einige Guerlainduefte koennen. Das braucht Napoli aber auch nicht.

Wenn man bedenkt, dass dieser Duft bereits vor ueber 20 Jahren auf den Markt kam, als Frische in der Kopfnote gleichbedeutend mit saeuerlich-zitrischem Frischekick war, so war er schon damals sehr innovativ. Auch stand er damals mit seiner gedimmten Frische eher alleine. Der Flakon in seinem schoenen Blau vermittelt zwar den Charakter von Aquatik, die ich aber im gesamten Duftverlauf nicht ausmachen kann. Entgegen der Meinung einiger Vorkommentatoren, ist Napoli fuer mich vom Anfang bis zum Ende fruchtig-frisch und voller Eleganz.
Wenn ich zwei Sprueher Napoli auf den Hals auftrage, so umschmeichelt mich von Zeit zu Zeit ein fruchtiger Schleier, der an mir locker 7/8 Stunden wahrnehmbar ist.
So und jetzt ratet ’mal, welchen Duft ich heute Abend auftragen werde und was es als Nachtisch geben wird.

Ich wuensche allen Frohe Festtage und ein Gutes Neues 2020.
14 Antworten

Ernstheiter vor 1 Jahr 18
9.5
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Wanderer zwischen den Welten
Mittlerweile lebe ich schon seit mehr Jahren in Norditalien, als ich je in Sueddeutschland gelebt habe. Nach all dieser Zeit habe ich ganz unbemerkt so ziemlich alle alltaeglichen italienischen Verhaltensweisen angenommen,
vom morgendlichen Caffè al Bar, zur forschen Fahrweise, der Liebe zum gesunden und guten Essen und der Freizeit am Meer. Beibehalten habe ich hingegen mein fraenkisches "r", mein methodisches Arbeiten, meine Planerei, die mir Spontaneitaet nur in einem gewissen Rahmen erlaubt und natuerlich die "deutsche Punktlichkeit". Fuer den italienischen Teil meiner Familie und meine Freunde bin ich deshalb immer noch der Deutsche". Auf deutscher Seite hingegen bin ich "der Italiener" geworden.

Genau diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich heute abend Vettivéru aufgetragen habe.

Der Duft legt einen gelungenen Start in Eau de Cologne-Manier hin, eroeffnet mit zitrischen Noten à la Bergamotte und Neroli. Wenn sich dann so langsam die ersten Eindruecke zu Ueberlegungen formen und Assoziationen zu Eau de Cologne aufkommen, oeffnet sich eine Tuer, die die Nase in eine andere Richtung zieht.

Die Welt des Vétivers tut sich auf. Ein hell strahlender Vetiver tritt auf die Buehne, vergleichbar mit dem Vetyver von Givenchy. Letzterer hat durch seine zitrische Kopfnote eine aehnliche Strahlkraft, betont im weiteren Verlauf mehr den Vetiver. Mit einem weiteren Vetiver in meiner Sammlung, dem von Annick Goutal hat Vettivéru wenig gemeinsam. Goutals Duft wird bestimmt durch zwei Eigenschaften: Salzigkeit und eine medizinisch-wurzelige Aura; dies geht Verrivéru vollends ab.

Ueber lange Zeit springt Vettivéru zwischen diesen zwei Welten umher, trifft dann aber seine Wahl zugunsten des Vetivers. Moschus und Zeder tragen ihren Teil dazu bei, um Vettivéru bis zum Ausklang frisch bleiben zu lassen.

Natuerlich kann ein solcher Duft kein Sillagemonster sein und genau das ist die Staerke des Duftes. Er ist nicht gemacht fuer kalte Tage, dafuer soll er an heissen Tagen einen Frischekick vermitteln. Man kann Vettivéru wirklich grosszuegig am ganzen Oberkoerper auftragen ohne in einer Duftblase gefangen zu sein. Belohnt wir man dafuer mit einer Cologne / Vetiver-Aura, die man dezent ueber mehrere Stunden an sich selbst als gelegentliche "Schwaden" wahrnehmen kann.

Mit Sicherheit ist Vettivéru kein besonders innovativer Duft von CdG. Trotzdem ist er alles andere als belanglos. Das in der Anfansphase bestehende Gleichgewicht zwischen Cologne und Vetiver, laesst einen glauben, es mit zwei Dueften zu tun zu haben, bis dann langsam das Wechselspiel zu Gunsten des Vetivers ausgeht.
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Ernstheiter vor 2 Jahren 15
8
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
8
Flakon

Biber im Armani pour Homme
In vielen hier vertretenen Sammlungen finden sich Duefte aus vergangenen Zeiten. Ihren Weg dahin moegen sie aus vielen verschiedenen Gruenden gefunden haben. Haeufig ist es der leicht melancholische Versuch, durch das Einstellen eines solchen Duftes die Erinnerung an besonders schoene Momente oder Perioden des Lebens festzuhalten. Ich habe das mit Macassar von Rochas und Jil Sander Man Pure getan. Und natuerlich mit Davidoff. Alle drei Duefte verbinde ich mit den 80ern, mit der Studenzeit und unbeschwertem Leben (was es in einem ehrlichen und emotionslosen Rueckblick gar nicht war).

Davidoff startet frisch, aber nur ganz kurz gelb-zitrisch. Sehr schnell wir diese Agrumenfrische gruen, kein grasiges, sondern eher mediterranes Gartengruen. Gleichzeitig entwickelt sich eine verhaltene Schaerfe, leicht schrill ohne weh zu tun. Sie vermittelt den Eindruck von wuerziger Seifigkeit. Viele Duefte aus den 80ern haben diese Seifigkeit, die je nach Intensitaet von leicht schweissig bis urinoes gehen kann. Dies ist bei Davidoff nicht der Fall. Die Seifigkeit ueberlagert die gruene Frische nicht, sondern bleibt in ihr gefangen.

Nach und nach verblasst die gruene Ausrichtung von Davidoff und es tritt Leder hervor. Die Seifigkeit ist nach wie vor da, bekommt aber einen leicht animalischen Touch, der wohl durch das Bibergeil hervorgerufen wird. Dank seine sparsamen Dosierung kommt es aber nicht zu einem Eindruck von Stallgeruch oder Tierkaefig.

In seiner mediterran-frischen Ausrichtung erinnert mich Davidoff an Armani pour Homme. Beide stammen aus dem Jahre 1984 und haben viele Duftnoten gemeinsam. Leider hatte ich Armani pour Homme seit vielen, vielen Jahren nicht mehr unter der Nase und moeglicherweise spielt mir meine Erinnerung einen Streich; aber mir scheint es so, als sei Davidoff ein entfernter Verwandter von ApH, dem man durch Beigabe von Bibergeil einen saeuerlich-animalischen Twist verpasst haette.

Davidoff hat als Kind seiner Zeit ein grosses Durchhaltevermoegen und eine ebenfalls alles andere als schuechterne Sillage. Waehrend ich in den 80ern im Davidoff-Nebel verschwand, ist heute Vorsicht bei der Dosierung angebracht.


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Ernstheiter vor 3 Jahren 34
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon

Das Facebook Cologne
Es gibt den Spruch “Mit beiden Beinen im Leben stehen”, aber was bedeutet er fuer mich? Die meiste meiner Zeit verbringe ich mit Arbeit, etwas weniger mit Schlafen und Ausruhen und leider noch weniger mit sozialen Aktivitaeten. Fuer mich ist es noch wichtig, beim Schreiben “das” und “dass” richtig zu verwenden und ich nutze weder Facebook noch Instagramm. Stehe ich nun mit beiden Beinen im Leben oder nicht?

Als Parfumo fuehle ich mich ebenfalls mehr von Traditionshaeusern wie Guerlain und Caron, als von Escentric Molecules und Tom Ford angezogen. Es genuegt mir nicht, einen Duft zu tragen, der mir nur gefaellt, nein, er muss beim (Auf)Tragen auch etwas mit mir bewirken; das koennen Erinnerungen sein, Phantasien oder manchmal auch nur gemischte Gefuehle, die ich versuche in ihrer Pendelbewegung zwischen Zustimmung und Ablehnung zu einem definitive Urteil zu buendeln.

Und dann ist da Dior Homme Cologne, der so ueberhaupt nicht zu dem passt, was ich soeben geschrieben habe. Keine Erinnerungen, keine Phantasien, keine gemischten Gefuehle. Lediglich einer der schoensten minimalistischen Flakons, die ich kenne. Bereits das gesamte Erscheinungsbild in dem transparenten ganz leicht hellblauen Flakon erfrischt schon, bevor man auch nur einen Tropfen des darin befindlichen Inhalts auf die Haut sprueht.

Und die dadurch geschaffene Erwartung auf eine sommerlichen Temperaturen die Stirn bietende Frische wird auch nicht enttaeuscht. DHC wartet nicht mit einer Guerlinade auf und bietet auch nicht das sonst fuer Colognes charakteristische Zusammenspiel von zitrischen Noten. Dafuer huellt es einen in eine Wolke aus feinster Retorten - Zitrone ein. Nicht saftige Frische von reifen Zitronen, sondern die Kuehle einer im Labor geschaffenen Zitrusfrucht gibt den Ton an. Gleichzeitig entwickelt sich eine Fluffigkeit, die es verhindert, dass die Retorten – Zitrone zu schneidend oder zu saeuerlich wirkt. Diese Fluffigkeit wird bewirkt durch den geschickten Einsatz von weissem Moschus, der als Fixierung notwendig ist, um dem zitrischen Aroma Haltbarkeit zu geben. Der Duft selbst hat keine Duftentwicklung, sondern eher eine Verlagerung der Schwerpunkte. Am Anfang ist das Zitrische betont und wird von der Fluffigkeit des Moschus untermalt, waehrend nach einigen Stunden das Fluffige in den Vordergrund tritt, die Zitrone aber weitehin gut wahrnehmbar bleibt. Dabei driftet DHC zu keiner Zeit ins Pudrige ab oder bekommt einen Lippenstift – Effekt. Wenn man DHC GROSSZUEGIG auftraegt, und das kann man ohne Bedenken, da es kein raumfuellender Duft ist, kann man es auch nach 7 Stunden noch gut auf der Haut wahrnehmen.

DHC ist ein perfekt gemachter Retorten – Duft fuer den Sommer, der erfrischt, nicht aufdringlich ist und sehr lange haelt. Trotzdem habe ich ihn nicht mehr in meiner Sammlung. Heute habe ich den Duft ein letztes Mal grosszuegig aufgetragen und damit war die Flasche aufgebraucht. Anschliessend bin ich ins Kino gegangen und waehrend ich mir den neuesten Soderbergh Film angeschaut habe, habe ich voller Wohlbehagen diese fluffige Zitrusnote wahrgenommen.

Natuerlich habe ich mir bereits einen wuerdigen Nachfolger fuer DHC zugelegt. Diesmal ist meine Wahl wieder auf ein klassischeres Cologne gefallen, eines das ausser gut zu riechen auch noch Geschichten erzaehlt und Bilder hervorruft, naemlich Granville. Zumindest Dior bin ich damit treu geblieben.

DHC ist ein toll gemachter Duft, hat ein tolles Packaging und ist fuer mich ein Produkt unserer Zeit – Facebook und Instagramm, eben. Mir ist das auf Dauer nicht genug. Aber ob ich deswegen “mit beiden Beinen im Leben stehe”, weiss ich immer noch nicht.
14 Antworten

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