SniffsniffSniffsniffs Parfumkommentare

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Sniffsniff vor 2 Monaten 12

Es ist ja, wie es ist.
Mein weltreligiöses Halbwissen zwang mich, vor dem Verfassen dieses Kommentars das große G zu bemühen.
Nun gut.
Kismet ist also in ganz groben Zügen das arabische Äquivalent zu unserer norddeutschen Geistesgrundhaltung: „Es ist ja, wie es ist.“
Nur dass wir Norddeutschen die vollendeten Tatsachen, vor die wir allenthalben gestellt werden, zumeist dem Zufall zuschreiben, während "Kismet" hier etwas gänzlich anderes, nämlich das unumwindbare, göttlich prädestinierte Schicksal, meint.
Oha.
Da wagt man sich namenstechnisch im Hause Lubin ganz schön weit aus der Deckung. Ein großes Konzept, das da Pate stand. Entsprechend hoch schrauben sich auch meine Erwartungen. Denn Lubin und ich - das funktioniert überdurchschnittlich oft überdurchschnittlich gut.
Ich schätze die Düfte des Hauses vor allem aufgrund ihrer natürlichen, hochwertigen Anmutung und ihrer Tragbarkeit. Sie schreien nicht laut vulgäres Zeug, während sie dir ihre Aromachemikalien durch die Synapsen dreschen - das ist nicht ihre Art. Sie sind vielmehr hochkomplex, fein komponiert und dabei so zurückhaltend, dass sie eine wahre Wohltat für meine geschundene Nase in der lauten Welt des olfaktorischen Wettrüstens bedeuten. Viele Lubin-Düfte sind sehr haltbar, projizieren aber eher dezent.
Womit wir dann auch bei der äußert eleganten Überleitung zu Kismet angekommen wären. Kismet projiziert mindestens so stark wie die Harzer Käse, die mein Vater gelegentlich zum Zwecke des intensiven Nachreifens in einem unserer Küchenoberschränke deponierte. Wehe dem, der versehentlich die Schranktür öffnete.
Ein Sprüher Kismet auf meinem Handrücken schaffte es, - wohlgemerkt zwei Stunden nach dem Aufsprühen - im örtlichen Edeka von der Kassiererin meines Vertrauens durch die Maske wahrgenommen zu werden.
„Heute riechst du aber blumig.“
Ja. Genau. Und da beginnt meine Misere. Blumen. Tonnenweise. Rosen. Skrupellose Rosen. Rosen, die keine Gnade kennen. Der Duft beginnt ganz harmlos mit einer wirklich schönen Bergamotte. Lubin-typisch absolut natürlich. Kalabrischer Sommer - und ich mittendrin.
Doch dieser Moment des Glücks soll ein flüchtiger bleiben, denn es dauert nicht lange und die Rose drängt sich feist ins Bild. Mittlerweile habe ich mich während meiner Duftreise mit einigen Blütendüften anfreunden können, aber diese Rose triezt mich unentwegt. Sie sticht.
Nicht ins Fleisch, aber direkt in die Nase und in mein Kopfschmerzzentrum.
Aha.
Und sie hat dabei einen nicht minder hinterhältigen Verbündeten.
Patchouli steht der perfiden Dornenblüte zur Seite und schmiedet fleißig Ränke, um mir Kismet vollends zu verleiden.
Während ich rieche, analysiere, grübele, mich ärgere, wird Kismet immer pudriger. Ich kann kaum einzelne Nuancen ausmachen, der Duft als Ganzes flirrt in meinem Kopf, er oszilliert. Ich fühle mich bedrängt, eingeengt. Kismet ist omnipräsent. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Und wieder ärgere ich mich. Nein, er ist definitiv nicht schlecht. Ein absolut gut gemachter und qualitativ extrem hochwertiger Duft. Und ich würde vermutlich genussvoll tief einatmen und anerkennend nicken, wenn ich einem Menschen begegnete, der Kismet trägt.
Aber ich werfe die Flinte ins Korn, streiche die Segel und hisse die weiße Flagge. Kismet ist mir zu viel, zu dicht, zu rosig, zu pudrig. Zumindest an mir.
Ein wenig enttäuscht bin ich schon, denn ich hatte mich nach all den schönen Lubins, die ich in den letzten Monaten kennenlernen durfte, sehr auf Kismet gefreut.
Und um das Ganze hier nicht als Trauerspiel in einem Akt enden zu lassen:
Wer Rose und Patchouli liebt, bekommt mit Kismet einen wunderschönen Duft, der qualitativ absolut über den Dingen steht. Kann man nicht anders sagen. Es ist ja, wie es ist.
8 Antworten

Sniffsniff vor 8 Monaten 39
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Spiel mir das Lied vom Scheitern ...
Wenn man, so wie ich in einem früheren Leben, mal einen Gesellenbrief im Tischlerhandwerk erworben hat, ist einem das zweifelhafte Vergnügen des wöchentlichen Berufsschulbesuchs nicht fremd. Dort trifft man dann auf allerlei Leidensgenossen (die Genossinnen sind eindeutig in der Unterzahl) aus den verschiedensten Gewerken, die sich in den viel zu kurzen Pausen in den Raucherecken drängen und sehr darauf bedacht sind, dass Zimmermann A bei Zimmermann B bleibt und Maurer C auf keinen Fall zu lange mit Dachdecker D redet. Damit dieses Relikt des Zünftedünkels auch das 21. Jahrhundert unbeschadet übersteht, wurden die (natürlich im Vergleich zum eigenen gottesgleichen Handwerk deutlich minderwertigeren) Nebengewerke in metronomhafter Regelmäßigkeit mit eher semi-kreativen Spitznamen versehen. Ich vermute, dass (fast) allen Beteiligten die Anwendung eines ähnlich fragwürdigen Humors in Lebensbereichen außerhalb dieses Mikrokosmos abgrundtief peinlich gewesen wäre. Wir waren die Holzwürmer, es gab Pfannenwender, Rohrverleger und natürlich Kabelaffen. Dass man sich später täglich auf verschiedenen Baustellen begegnen wird und miteinander klarkommen muss, schien kaum vorstellbar. Eines hatten sie aber dennoch gemein, die jungen Herren, die so lässig auf den Pflanzkübeln hockten und ihre Kippen auf das Pflaster schnippten. Sie rochen nicht gut. Wenn ich mir meinen Weg in die Cafeteria bahnte, durchschritt ich tonnenschwere, duschgellastige Deowolken, deren pseudo-maskulines Aroma sich unvorteilhaft mit dem Gestank des halb brennenden Aschenbechers mischte - im direkten Vergleich muss der Gang nach Canossa ein Sonntagsspaziergang gewesen sein.
Wie riecht also ein Parfum, das den übergewichtigen Elektrikern dieser Welt gemidmet zu sein scheint? Die Bilder in meinem Kopf lassen mich lange zögern, diesen Duft zu testen. Ich assoziiere lustig im Wind wehende Bierfahnen, kalten Schweiß und Zigarettenatem. Keine guten Vorzeichen. Aber dieser Name. Gutes Marketing ist bares Geld. Und leider trifft die Marketingabteilung mit ihrer Namensgebung direkt in mein schwarzes Herz. Zumindest vorerst. Die Pyramide verspricht einen Duft, der mir durchaus gefallen könnte. Maronencreme klingt sehr verlockend. Dazu Myrrhe und Vanille. Ein wenig Harz und Vetiver. Nun gut, Vetiver habe ich schon häufig als Note wahrgenommen, die bei mir einen veritablen Fluchtreflex auslösen kann, aber in der Kombination mit den anderen Ingredienzien könnte das Ganze durchaus seinen Reiz haben. Ein Gourmand ohne zickig-zuckrige Attitüde.
Und der fette Elektriker löst sein Versprechen ein. Er ist eben ein Pragmatiker und begrüßt mich mit einer satten Ladung Vetiver, die mich aber glücklicherweise nicht allzu staubtrocken und bitter überfällt. Kurz darauf kommt die Maronencreme ins Spiel, welche wirklich gut getroffen wurde und mit ihrer nussigen Cremigkeit dafür sorgt, dass der Elektriker seine weiche Seite offenbart. Von nun an gibt es keinen nennenswerten Verlauf mehr, der Duft changiert zwischen Marone und Vetiver, alle anderen Duftnoten halten sich diskret zurück und unterstützen eher die Wahrnehmung der Marone, als sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Wie ein guter und aufmerksamer Lehrling, der zur rechten Zeit den Akkuschrauber anreicht und ansonsten einfach die Klappe halten kann. Ich nehme den Duft lange satt an mir selbst wahr und auch die Projektion ist stattlich - denn selbst über die Coronadistanz hinweg hat meine Freundin ihn deutlich riechen können. Sie sprach übrigens von angenehm herber Cremigkeit. Wenn der Duft ab der fünften Stunde hautnah wird, kommt die Vanille prominenter ins Spiel und lässt das Vetivergras noch weicher wirken.
Dass der Duft von ELDO für die Herrenwelt gegendert wurde, habe ich nur durch Zufall bemerkt. Ich hätte ihm das Etikett Unisex verpasst, aber vermutlich bin ich mit meiner Vorliebe für herbe Düfte diesbezüglich keine besonders gute Referenz für andere Frauen, die damit liebäugeln, mit dem fetten Elektriker auf Tuchfühlung zu gehen.
Ich mag den Duft sehr, denn er ist spannend, vielseitig und passt eigentlich in jede Jahreszeit, da er trotz seiner Intensität nicht zu schwer aufträgt.
Aber vielleicht hätte ich es dabei belassen sollen und mir die Tonbotschaft des fetten Elektrikers auf der ELDO-Homepage nicht zu Gemüte führen dürfen. Denn seit ich dieses stolz-beklemmende Statement des übergewichtigen Unbekannten kenne, manifestiert er sich beim Tragen des Duftes vor meinem inneren Auge und sinniert mit mir über das Scheitern als Geisteshaltung. Was haben sie den Marketingleuten bei ELDO da bloß in den Kaffee getan?
19 Antworten

Sniffsniff vor 9 Monaten 17
8
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
7
Flakon

Neues aus der Patche ...
Heute Vormittag läutete der DPD-Mann, die Corona-Maske lässig um den Hals drapiert, an meiner Türe, um mir ein sehnlichst erwartetes Duftpost-Paket aus Österreich zu überbringen. Ich war mal wieder irrational bis unvernünftig unterwegs und hatte mir blindlings einen Restflakon Patch Flash von Tauerville ersoukt. Zu meiner Ehrenrettung: Erstens war der Preis mehr als heiß, zweitens befinde ich mich gerade auf olfaktorischer Pilgerreise durch das Patchouli-Land und drittens hatte ich auch noch nie einen Tauer unter der Nase - und das ist schließlich kein Zustand!
Was nun folgt, dürfte allgemein bekannt sein. Eilig das Paket aufgerissen, Flakon gegriffen, pfft, pffft, pfffft.
Oh, oooh, hach. Patch Flash gefällt mir ab Sekunde 1. Der Duft ist satt, intensiv, wirklich kraftvoll. Und er ist sofort da, wo er lange bleiben möchte. Eine großartige Entwicklung findet nicht statt, da schälen sich keine einzelnen Nuancen raffiniert aus dem Dickicht des duftenden Ganzen. Patch Flash legt direkt alle Karten auf den Tisch und ist mir wahrscheinlich deshalb sofort sympathisch. Ich bin keine besondere Freundin von Düften, auf die ich erst lange warten muss, die mich mit penetrant-indolischen Kopfnoten nerven, bis sich nach zwei Stunden doch noch so etwas wie eine angenehme Basis zeigt. Mein Ansatz diesbezüglich ist gänzlich unhinduistisch. Das Leben ist endlich und ich will im Hier und Jetzt gut riechen. Und für meinen Geschmack gelingt mir das mit Patch Flash auf Anhieb ziemlich gut.
Der Duft startet mit einem Akkord, der mich an echtes Bienenwachs denken lässt. Meine Tante stellte sehr hochwertige Bienenwachskerzen her und jedes Jahr bekam ich zu Weihnachten eine große Kiste mit einem üppigen Jahresvorrat. Ich rieche an meinem Handgelenk, atme tief ein und sitze innerlich sofort wieder vor einem großen Karton mit handgerollten Kerzen. Der süße und streichelzarte Geruch hochwertigen Wachses katapultiert mich zurück in die Weihnachtstage meiner Kindheit. Ich bin sprachlos und verzückt. Doch ich rieche noch mehr, feine Gewürze, ein wenig herbes Harz. Sehr faszinierend und sehr, sehr angenehm. Doch die Hauptrolle kommt einer anderen Protagonistin zu, mit der ich nicht wirklich gerechnet hätte. Eine betörend fleischige Rose drängt sich ins Bild und nimmt mir, der bekennenden Rosenverächterin, die Worte. Diese Rose ist kein synthetisches Blümelein, das in so manchem der gängigen Gefälligkeitswässerchen sein Unwesen treibt. Diese Rose gleicht den tiefroten Blüten des Rosenstrauches, der vor meinem Schlafzimmerfenster wächst und mich den ganzen Sommer und bis tief in den Herbst hinein mit seinem unwiderstehlichen Geruch betört.
Aber eine Frage bleibt unbeantwortet - wo versteckt sich der eigentliche Hauptdarsteller? War da nicht ein gewisser Patchouli, der mich flashen wollte?
Vermutlich ist meine Nase eher mittelmäßig, denn - ich mag es kaum aussprechen - ich nehme hier kaum Patchouli wahr. Zumindest nicht als lauten Namensgeber. Patchouli Flash ist insgesamt ein sehr warmer, tiefer und intensiver Duft. Extrem dicht gestrickt. Und ich würde vermuten, dass hierfür der Patchouli verantwortlich zeichnet, ohne sich direkt mit altbekannt dumpf-erdiger Manier in den Vordergrund zu drängen. Hier ist nichts düster, allenfalls mysteriös im positiven Sinne.
Patch Flash hat absolut keine Anklänge hippiesker Räucherstäbchen-Romantik. Wer mit einem solchen Duft geliebäugelt hat, wird vermutlich schwer enttäuscht sein.
Ich für meinen Teil bin rundum begeistert, da der Duft meine Erwartungen negiert und mir stattdessen etwas vollkommen Neues präsentiert, das mich umso mehr zu fesseln weiß.
Besonders hervorzuheben ist die Gesamtqualität des Duftes, denn Patch Flash gelingt es, einen verblüffend natürlichen Eindruck zu generieren. Hier synthetelt so gar nichts - und das schätze ich sehr!
Haltbarkeit und Sillage sind ebenfalls als sehr gut zu bewerten.
Ich rücke dann mal einen Dauerplatz auf meinem Kommödchen frei ...
9 Antworten

Sniffsniff vor 9 Monaten 15
8
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Ich sitze derzeit tief in der Patche ...
Nichts ist so stet wie der Wandel, nach der Ebbe kommt die Flut. Und so weiter und so fort ...
Ich habe kürzlich bemerkt, dass mein Duftauswahlverhalten nach einem bestimmten zyklischen Muster gestrickt zu sein scheint. Es sind aufeinander folgende Phasen, in denen sich ein bestimmter Duftbaustein in den Fokus rückt und mich vom Hundertsten ins Tausendste taumeln lässt. Der Vanilleherbst 2019, begleitet von ausufernden gourmandigen Exzessen (hier ein bisschen Schokolade, dort 'ne Schippe Karamell), wurde gefolgt von einem weihrauchgeschwängerten Winter. Sakral, unsakral, **egal. Mit Holz, Zimt, Jasmin, Iris, tragbar, untragbar, gefällig, experimentell und hin und wieder tendenziell unerträglich. Und dann war plötzlich Schluss mit Eau de Messdiener. Das Buffet abgegrast, mein olfaktorischer Magen gut gefüllt. Nein, das wäre untertrieben. Ich habe mich im wahrsten Wortsinne am Weihrauch überfressen, Verzeihung, sattgerochen.
Und wie der Zufall so wollte, hoppelte mir direkt ein neues Opfer vor die Flinte, das es von nun an haarklein in all seinen Spielarten zu sezieren galt. Patchouli. Irgendwie komisch, dass ich das Thema so lange ausgeblendet habe. War ich doch in meiner Jugend erst in der Punkszene zuhause, bevor es mich über Gothic schließlich zum Black Metal zog. Ich habe also gefühlte Wochen in irgendwelchen privaten Kellerclubs verbracht, in denen sich die Gerüche diverser Rauchwaren mit verschüttetem Rotwein, abgestandenem Bier und den patchouligetränkten Kleidern der anwesenden Mädels mischten. Ich verbinde wunderbare Erinnerungen mit dieser Zeit, aber das damals übliche Patchouli-Öl aus dem (einzigen) "Szeneladen" im wilden Lüneburg ... nee, lass' mal! Unglaublich dumpf und muffig. Absolut morbides Zeug.
Peer-Group hin oder her, ich badete lieber im ganz frisch auf den Markt gekommenen Gucci Rush (das mir damals unglaublich geheimnisvoll, dunkel und verrucht vorkam - heute empfinde ich es als fröhlich-blumig und glockenhell) und fühlte mich den Stinkeeulen dufttechnisch haushoch überlegen.
Vermutlich ist es dieses spätpubertäre Kellertrauma, das mich das Thema Patchouli hat ausblenden lassen. Bis, ja, bis ich auf einem Parfumo-affinen YouTube-Kanal ein Blindtest-Video fand, in dem ein Duft, der das große P stolz im Namen trägt, gar nicht mal so schlecht bewertet wurde.
Ich habe mir den Duft sofort blind (und kopflos) bestellt und da das Glück ja bekanntlich häufig mit den Dummen ist, war dieses Resultat einer Kurzschlusshandlung dann ein absoluter Volltreffer. Patchouli von Micallef. Ich war angefixt. Weihrauch? Wer ist Weihrauch? Ich muss wissen, was Patchouli sonst noch kann. Alle Spielarten, die volle Klaviatur. Wäre ich eine berühmte Malerin, würde man retrospektiv wahrscheinlich behaupten, dass dieser "Erweckungsmoment" meine "erdige Periode" eingeläutet hätte.
Und so führte mich meine Patchouli-Rundreise schließlich zu meinen geschätzten italienischen Freunden aus Avigliana. Ich habe mit Alambar und Vanhera bereits zwei Düfte in meiner Sammlung, die zu meinen absoluten Favoriten zählen, mit Alkemi und Nerosa wurde ich hingegen überhaupt nicht warm. Ein gewisses Risiko, dass Patchouliful sich bei den Letztgenannten einreihen könnte, war also nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem folgte der nächste Blindkauf auf dem Fuße, Glück macht scheinbar sofort leichtsinnig.
Aber offensichtlich haben gerade die sehr Dummen besonders viel Glück gepachtet, denn auch Patchouliful gefällt mir gut.
Er löst zwar keine Freudenschreie der Verzückung bei mir aus, aber er ist würzig-warm und erdend und vermittelt mir das Gefühl von Nähe und Geborgenheit.
Zudem wirkt Patchouliful sehr natürlich und anschmiegsam, nirgends stechen hässliche synthetische Ecken hervor, die mein Dufterlebnis trüben könnten.
Die Kopfnote startet mit einer spritzigen Bergamotte, die bereits von angenehmen Würznoten begleitet wird. Am prominentesten tritt hier der Zimt hervor, während die Nelke eher etwas im Hintergrund bleibt. Der Zimt bleibt die ganze Zeit präsent und klingt erst gemeinsam mit der Basis aus. Erdig-muffig wird hier nichts, eher im Gegenteil. Nach etwa 30 Minuten tritt die Iris auf die Bühne und hellt den Duft durch ihre leichte Pudrigkeit ein wenig auf. Mit der Zeit wird Patchouliful immer süßer, gleitet aber nie in Richtung Klebrigkeit ab und behält seinen leicht herben Grundton. Moschus, Zistrose und Zedernholz bilden die Basis und sind fein austariert. Diese Zeder ist rund und weich und hat nichts von frisch gespitztem Bleistift. Auch die Harznote drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern wird von sanftem Moschus begleitet, der dem Ganzen eine Miniprise Animalik für Einsteiger verleiht. Ich finde, der Komposition hätte auch ein Portiönchen Vanille gut gestanden, aber man kann ja nicht alles haben.
So dominieren hier Zimt und Patchouli eine ausgewogen holzige Basis und lassen einen wirklich tragbaren und durchaus alltagstauglichen Unisex-Duft entstehen, der im Winter vermutlich noch viel besser zur Geltung kommt als bei unseren derzeitigen Temperaturen um die 15 Grad.
Die Sillage nehme ich sehr positiv wahr, der Duft strahlt ordentlich ab und bleibt wirklich lange konstant. Auch nach fünf Stunden kommen mir immer wieder deutliche Duftsequenzen in die Nase. Patchouliful hat Kraft und performt zu meiner großen Freude mit viel Energie. Denn seien wir mal ehrlich - was ist sinnloser als ein Parfum, das ich nach 30 Minuten an mir selbst nicht mehr bemerke? Ich habe einige dieser Pappenheimer in meiner Sammlung und fühle mich von ihnen regelrecht um mein Recht auf Duft betrogen. Es bringt mir ja auch nichts, wenn ich das halbe Lehrerzimmer bedufte und es selbst gar nicht wahrnehme. Schließlich habe ich den teuren Fusel bezahlt und nicht die Kollegen.
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Sniffsniff vor 9 Monaten 6
8
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Oud für Oud-Verächter
Oud. Das ist ja ein grundsätzlich polarisierendes Thema. Während die Liebhaber von warmer Animalik und orientalischer Authentizität schwärmen, finden die Oud-Negierer klare Worte: "Kuhstall, Kameldung und Arztpraxis".
Bei mir ist das Wort Oud durchaus ambivalent belegt. Wenn ich heute an meinen gescheiterten Versuch mit Oud Ispahan zurückdenke, stellen sich meine Nackenhaare spontan in Richtung Alarmstufe auf. Guccis Oud Intense wird von meinem Mann sehr geschätzt und auch ich liebe diesen Duft an ihm - es kommt sogar vor, dass ich im stillen Kämmerlein hin und wieder selbst zu dieser Abfüllung greife. Und dann wäre da noch der grandiose London von Widian, von dem ich noch einen halben Milliliter hüte wie den heiligen Gral. Der ist sicher irgendwann in ferner Zukunft eines Flakons würdig - aber ich schweife ab.
Ich schätze Oud immer dann, wenn er es schafft, einem Duft eine gewisse Kante zu verleihen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen und in Richtung Penetranz abzudriften.
Vor rund einer Woche erreichte mich eine Abfüllung eines lieben Parfumos, die von einer großzügigen Beigabe "Oud Alif" begleitet wurde. Ich war skeptisch. Das konnte "Alles oder Nichts" bedeuten. Der Name trug das Oud bereits selbstbewusst zur Schau und weckte in Kombination mit "Alif" bei mir sofort die Assoziation eines schweren Orientalen mit der Extraportion Kuhstall.
Aber wer nicht wagt ... und so weiter. Zwei beherzte Spritzer später erscheint ein Fragezeichen. Wo ist Oudo? Er hat sein Erscheinen großspurig angekündigt und nun lässt er die gespannten Gäste im Regen stehen. Während ich auf Oudo warte und ihn offen gestanden nicht sonderlich vermisse, vernimmt meine Nase einen holzig-ledrigen Duft, der von einer ganz feinen fruchtigen Süße begleitet wird, die ihn für mich unisex as unisex can be werden lässt. Aber woher kommt diese Fruchtigkeit, die dem herb-holzigen Lederakkord einen freundlichen Twist verleiht und ihn wunderbar zugänglich werden lässt? Es muss die Schokoladen-Safran-Kombination sein, denn etwas anderes lässt die Pyramide nicht zu. Patchouli ist die ganze Zeit durchaus präsent und harmoniert hervorragend mit all den anderen Protagonisten. Es ist keine kalte, feuchte Erde, vielmehr Wüstensand, der entscheidend zur kuschelwarmen Wohlfühlaura des Duftes beiträgt. Jetzt entdecke ich Oudo, der sich kleinlaut unter die Anwesenden geschlichen hat und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Er entschuldigt sich, erklärt, dass er nach dem Füttern der Milchkühe und der Stallwäsche noch schnell unter die Dusche springen musste, um sich seines - mit Verlaub - etwas strengen Geruchs zu entledigen. Nun gut, lieber Oudo, Schwamm drüber. Nimm dir ein Glas und genieße den Abend. Wenn du so fein duftest, sei dir verziehen.
Die späten Gäste sind ja ohnehin zumeist die Schönsten.
Oudo wurde an diesem Abend noch häufig auf seinen Duft angesprochen, erhielt Komplimente von diversen Damen und Herren, blieb dabei aber stets bescheiden und zurückhaltend. Sich dreist in den Vordergrund zu drängen, das war noch nie seine Art.
Er scherzte, feierte ausgelassen und blieb bestimmt gute acht Stunden, auch wenn er in den frühen Morgenstunden ein wenig gegen seine Müdigkeit anzukämpfen hatte.
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