'Mein Vater war vierzig Jahre alt und (...) jung, voller Lebenskraft, voller Möglichkeiten. (...) Er war ein leichtlebiger Mensch, geschickt in seinem Beruf, immer begierig nach neuen Erlebnissen und schnell ihrer überdrüssig - und er gefiel den Frauen. Es machte mir keine Schwierigkeiten, ihn von ganzem Herzen zu lieben, denn er war gut, großzügig, fröhlich und voller Zuneigung für mich. Ich kann mir keinen besseren und unterhaltsameren Freund vorstellen als ihn.' So beschreibt die siebzehnjährige Cécile in Françoise Sagans 1954 erschienenem Roman Bonjour Tristesse ihren Vater, einen Lebemann von gewinnendem Äußeren und demselben sprunghaften Temperament wie sie. Und weiter: 'Mein Vater hatte einen so starken Widerwillen gegen Hässlichkeit, dass wir oft mit ausgesprochen dummen Menschen verkehrten. So weit ging es bei mir nicht, aber ich empfand vor Menschen, die ohne jeden physischen Charme waren, eine Art von Beklemmung. Es schien ihnen etwas Wesentliches zu mangeln. Ihr Verzicht, zu gefallen, berührte mich peinlich wie ein Gebrechen. Denn was wollten wir, wenn nicht gefallen?'
Dieses Gefallen ist die Stärke fast aller mir bekannten Parfums aus dem Hause Acqua di Parma. Sie alle wissen ihren Träger mit einer Kopfnote zu umgarnen, die oftmals ausgesprochen lebhaft ist, manches mal hinschmelzend, stets besonders. Was dieser Fassade nachfolgt, kann das Versprechen der ersten fünf Minuten nicht in jedem Fall einlösen, aber Chinotto di Liguria kann es. Schon seine eröffnender Akkord - Chinotto bezeichnet ebenso eine Bitterorangensorte wie ein daraus gewonnenes Erfrischungsgetränk - hebt sich von allen anderen Zitrusauftakten ab, die wir von Acqua di Parma kennen. Und auch die feine Seifigkeit und Reife, die sich in seinem - verblüffend ausdauernden - Mittelbau entfalten, deuten sich bereits in diesem initialen Akkord an. Wer versucht ist, angesichts der bekannt anmutenden blauen Flasche - nebst ebenso bekanntem Namenskonstrukt aus südlicher Zutat plus italienischer Küstenregion als Herkunftsbezeichnung - einfach nur einen weiteren heiter-leichtfüßigen, jedoch substanzarmen Sommerfrischling zu erwarten, wird überrascht sein, was Chinotto di Liguria anzubieten in der Lage ist.
Ich sehe ihn an jemandem wie Raymond, eher an einem Mann als einer Frau: leichtlebig und weltgewandt und lebenshungrig, mitunter gar genusssüchtig. Äußerer Schönheit zugetan und selber erfolgreich bei den Frauen und/oder auch (anderen) Männern. Jenseits der dreißig und gleichermaßen glücklich damit wie mitunter darüber verzweifelnd. Es sind die Bitterkeit in seiner Kopfnote, die Chinotto di Liguria Ernsthaftigkeit geben, und die Barbierseifigkeit in seinem Herzen - neben der Bitterorange sein prägender Akkord - die mich an keinen ganz jungen Menschen als idealen Träger denken lassen. Das ist der Jasmin, der - viele andere rezente (Sommer-)Düfte verwenden dafür Tuberose - diesen sonnenmilchartigen Akkord auslöst, den ich hier als seifig erlebe - und als gereift und arriviert. Und eben doch leichtfüßig und sorglos. So wie Céciles schöner, wenngleich letztendlich (zu) schwacher Vater, der in Bonjour Tristesse beiden Frauen haben kann - die jüngere, etwas gewöhnliche und die so makellose, etwas ältere - auch wenn er durch seine Schwäche und Manipulierbarkeit zulässt, dass die eine benutzt wird und die andere zerstört.
Fazit: eine unerwartete Trouvaille für den Sommer - ob 'in einer großen, weißen, bezaubernden Villa am Mittelmeer, abseits auf einem Felsvorsprung, der in das Meer hinausragt' oder woanders. Für alle, denen 'nur südlich frisch' diese Saison nicht reicht.
An einer 50jährigen Frau, die ein halber Mann ist (mir), ist er meiner Meinung nach auch ganz schön. Aber es stimmt schon, ich würde ihn auch gern an Männer verschenken. Aber die denken dann ja gleich sonstwas.
Dann sind wir uns hier ja völlig einig. Das freut mich sehr! Für einen nicht mehr ganz junger Mann? Das denke ich auch. Ich bin 50 und traue mich jetzt. Das wäre früher vielleicht anders gewesen.