Die japanische Firma Comme des Garcons wurde bereits 1969 in Tokyo von der erfolgreichen Modedesignerin Rei Kawakubo gegründet, die seither erfolgreich mit ihrer aussergewöhnlich anspruchsvoll erscheinenden und intellektuell angehauchten Avantgardemode im internationalen Hochpreissegment in der Modebranche mitmischt.
Seit Mitte der 90er produziert CdG vom Firmensitz in Paris aus auch Parfums, die die Besitzerin selbst teilweise als „Non- Parfumes“ bezeichnet, da es ihr bei ihren Duftkreationen nicht so sehr auf Massenkompatibilität ankommt, sondern sie mit ihren Düften auf schon erlebte emotional sensorische Erfahrungsprozesse des Individuums abzielt, und sich und den anderen somit einen breiten Raum für individuelle Interpretationsmöglichkeiten offen lässt.
Die INCENSE Edition von CdG besteht aus 5 Parfums, wobei jedes dieser Reihe nach einem religiösen Zentrum benannt ist und eine Glaubensrichtung symbolisieren soll.
Incense – also Räucherwerk oder Weihrauch, war bei mir vor Jahren, als ich mich bei Parfumo anmeldete gar kein Thema, da Weihrauchdüfte auf das heftigste mit frühkatholischen Kirchenassoziationen verknüpft waren und daher ein für allemal uninteressant waren.
Doch ich habe allzuschnell die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Aufgrund meines fortbestehenden regen Interesses an neuen Düften, nie gekannten und erahnten oder vorstellbaren Duftkreationen, wie ich sie jetzt im Laufe meiner Aktivität hier in diesem Portal kennengelernt habe, wurde ein unglaublicher Weiterentwicklungsprozeß meinerseits vorangetrieben, der durch einige inzwischen liebgewonnene Parfumos geradezu katalytisch angetrieben wurde, und im Rückblick jetzt eher dem Durchlaufen einer unglaublichen Metamorphose entspricht.
Weihrauch ist bei mir zu einem Alltagsgebrauchsgegenstand mutiert, ohne ihn dadurch schmälern zu wollen, der inzwischen völlig entkoppelt ist von seiner überproportionalen Vereinnahmung - kulturell gesehen - durch den sakralen und kultischen Bereich.
Irgendwie ist mir diese bis dahin bestehende Ehrfurcht vor ihm verloren und abhanden gekommen, - fast schon so, wie wenn man am PC die Delete - Taste drückt.
Im Gegenzug dafür kann ich mich angstfrei in seine transzendente meditative Vielfalt einfühlen, erkenne erst jetzt seinen ganzen olfaktorischen Reichtum infolge neuer nie dagewesener Duftkombination, da endlich all diese angelernten oder auch nur eingetrichterten dogmatischen Überbauten beiseite gelegt sind.
Dieser für mich entmystifizierte Weihrauch wurde somit zu einem wertvollen und liebgewonnenen Gewürz, nicht mehr und nicht weniger, quasi ein von mir sehr geschätzter säkularer Teil meines gelebten Lustprinzips.
Aufgrund der Brückentage der letzten Woche sind bei mir überproportional viele CdG Düfte in mein Heim eingezogen, was natürlich mit meiner Vorliebe für Labdanum, Elemiharze, Styrax, Galbanum, Myrrhe und Benzoe - allein als Solist, oder als variantenreiches Gruppenorchester zu tun hat.
Warum eine japanische Firma die Stadt Avignon als Vertreter des Katholizismus wählt, mutmaße ich m. E., kann nur aufgrund einer historischen blinden Flecks der römisch katholischen Kirchengeschichte erfolgt sein , oder weil CdG mit Paris als Firmenschwerpunkt eben auch in Frankreich angesiedelt ist, und die schön restaurierten katholischen Bauten Avignons mit uneingenommener japanischer Wahrnehmung einfach nur beeindruckend sind ?.
Bertrand Duchaufour hat mit Avignon neuerlich sein Talent bewiesen, und einen einzigartigen Meilenstein im Incense Segment geschaffen, der keine Wünsche offenlässt.
Avignon hat alles was wir von einem verzaubernd schönen katholischen Hochamt kennen, keine Muffigkeit sondern alles sehr ausgewogen mit einem hellen kamillig unterlegten Weihrauchbeginn, der sehr freundlich wirkt und im weiteren Verlauf gewürzig zu einer warmen liebevoll vanillig süsslichen Herz- Basisnote wird , die für mich auch noch mit Sandelholz unterlegt ist.
Aber genau hier stellt sich mir die Frage nochmals nach dem Grund warum CdG gerade Avignon jeder anderen römisch katholischen Hauptstadt in der Namnesgebung des Parfums den Vorzug gegeben hat.
Als die Kirchenspaltung im Jahre 1309 begann und sich die Kurie für die nächsten 68 Jahre mit ihren 6 Päpsten in Avignon im sogenannten babylonischen Exil befand, waren kirchliche Exzesse was Pomp, Intrige und Verschwendung betrifft an der Tagesordnung.
Allerdings halte ich CdG gerade was derartige spezielle Überlegungen betrifft nicht so „sofisticated“ genug, um im Rahmen eines global agierenden sehr gehypten Avantgardeconcerns so ein Backgroundwissen in ihre modernen Firmenmarketingstrategien noch zusätzlich zu berücksichtigen.
Avignon ist für mich ein Duft, den ich vermutlich großzügig und oft an Tagen, an denen ich weniger unter Leute gehen werde ausgiebig gebrauchen werde, aber auch gleichzeitig über die kritische Stimme des Dichters Francesco Petrarcas hinwegsehen werde , der den Papstpalast am Ufer der Rhone nur abfällig mit den Worten kritisierte, daß in dieser Lasterhöhle und Sündenpfuhl nur die Selbstherrlichekit regiere, wo statt Gott nur das Geld angebetet werde.
Ah, der ist also nun auch bei dir eingezogen. ;) Toller Duft! Wäre es nicht möglich, dass man Avignon gerade wegen der etwas zweifelhaften Geschichte Rom vorgezogen hat...;)
Ich kenne da jemanden, der mich einst an den Facettenreichtum des Weihrauchs herangeführt hat - wahrscheinlich unabsichtlich, aber nachhaltig ;-)) Auch dieser Duft schafft es nun direkt auf meine Merkliste, da von Dir so toll beschrieben! Merci!
Pokal