L'Origan (Parfum) von Coty

L'Origan 1905 Parfum

Serenissima
11.01.2022 - 10:52 Uhr
10
Sehr hilfreiche Rezension
8.5Duft 9Haltbarkeit 8Sillage 8Flakon

Madame Nelke in duftender Gesellschaft

Lächelnd schreitet sie über die Wiese; das schmiedeeiserne Tor, das die Lichtung vom Wald trennt, ist wieder sorgfältig geschlossen.
Schlank ist sie, extrem schlank: das feine resedagrüne Gewand mit seinem silbergrauen Schimmer, der durch den leisen im leichten Material spielenden Sommerwind noch verstärkt wird, zeigt deutlich sichtbar die Knoten, die ihre hohe Gestalt markieren.
Und doch trägt sie den Kopf, der mit einer Krone aus meist feinen rosa Blütenblättern alle Blicke auf sich zieht, stolz erhoben: Madame Nelke betritt die Szene.
Stolz ist sie; nicht etwa auf sich selbst, sondern auf die vielen ihrer Blütenschwestern, die auf zahlreichen Gemälden aus unterschiedlichen Epochen abgebildet wurden; sind sie doch als Blume der Liebe, das Zeichen der Verlobung bekannt.
In zarten Glasvasen findet man sie, in starker Hand junger Männer und von schüchternem Erröten junger Mädchen begleitet; alle wollen sie ihr Porträt dem geliebten Menschen als Zeichen des gegebenen Versprechens überreichen.

So kann sich die fragil wirkende Nelke, die doch schon so viele Modeströmungen überlebte, mit dieser wohlduftend blumigen Würzigkeit umgeben, die sie wie feine Schleier umtanzen.
(Warum werde ich jetzt gerade an die Göttin Flora aus Sandro Botticellis Gemälde „Primavera“ erinnert? Ist es diese sehr schlanke Figur, die ich vor mir sehe?)

An dieser ruhigen Freundlichkeit im würzigen Duft ändert auch der mit Obst und Gewürzen gefüllte Korb nichts: er tut ihrer heiteren Anmut keinen Abbruch.
Die dort gesammelten Früchte: erfrischend spritzige Mandarinen und Bergamotten, vertragen sich gut mit Koriander und einer Prise schwarzen Pfeffers, die gemeinsam mit der knorrigen Gewürznelke (wie dürfte sie hierbei fehlen?) den Weg für den saftig süßen Pfirsich mit seiner prallen samtigen mit zarten Farben und feinem Pinsel getönten Haut bereiten. Dieser begrüßt Früchte und Gewürze mit seinem eigenen Charme, umfängt sie mit warmer Sinnlichkeit.
Alle miteinander huldigen sie der zeitlosen Schönheit der Dame Nelke.

Diese schlendert durch das leicht flirrende Sonnenlicht zu dem Blumengarten, begrüßt den strahlenden weißblütigen kräftig-aromatischen Jasmin, der sich an einem Bogengang der Sonne entgegenstreckt; seine goldgelben Gesichter strahlen unter den weißen Blütenkränzen.
Die Damen Rose und Iris unterbrechen ihr Geplauder und versprühen wahre Duftkaskaden vor lauter Freude an der Gesellschaft der Nelke: was für eine großartige Duft-Melange!
Orchidee, an einem geschützten Ort und doch mittendrin, schickt eine großzügige vanilleduftende Woge über alle Schönheiten, während sich Ylang-Ylang in seiner bekannten Duftfreudigkeit an seinem Spalier besonders breit drapiert, um auch in diesem Chor der bisher noch frisch-blumigen Düfte seinen Platz zu behaupten.

Diese bunte und sommerlich leicht duftende Mischung wandelt sich aber schnell, je mehr sich diese heitere Gesellschaft aus Früchten, Gewürzen und Blumen dem dunklen Labyrinth der Harze und Hölzer nähert.
Sie alle werden freundlich, aber auch gleichzeitig kräftig-würzig in eine etwas kratzige und holzige Umarmung verflochten:
Zedernholz, silbrig und seidig schimmernd und edel duftend; Labdanum- und Benzoeharze mit den bekannten rauchig-würzigen Ecken und Kanten sowie die manchmal etwas stachelige Schönheit Sandelholz, die gleichzeitig so balsamisch-erotisch streicheln kann – sie alle umschlingen die feine Runde, die ihren Mittelpunkt Madame Nelke umgibt.
Bevor sich diese Blumendame mit ihrer Entourage aber zu sehr vor diesen derberen Duftgesellen erschrecken könnte, breitet Aphrodites Liebesgabe, die sämig-sahneweiße Vanille träge-sinnlich ihre Arme aus und zieht dieses an ein Jugendstil-Dekor erinnernde duftende Kunstwerk aus Ranken und Blüten in ihre weiche kuschelige Wärme. Dort befindet sich auch schon heller Moschus, der über alles eine feine, leicht pudrige Decke breitet.
Edle reife Blumenschönheiten mit fruchtig-frischem Gefolge und dunkle, kräftig-würzige Aromen werden so zu einem sich umschlingendem Ganzen, das einer gewissen Erotik nicht entbehrt.

Verführerisch opulente Sinnlichkeit entwickelt sich; sie kann sich Zeit lassen, denn die Haltbarkeit von „L’Origan“ ist außergewöhnlich.
So kann jede Duftnote einzeln vortreten, sich vorstellen, verbeugen und bewundern lassen, um sich anschließend harmonisch in das von François Coty komponierte Gesamtkunstwerk einzufügen, das sich in einem großen Duft-Finale gemeinsam verbeugt und dabei genauso viel Heiterkeit wie sinnliche Wärme ausstrahlt.

Meine Duftprobe ist leider fast leer; zu häufig habe ich mich dazu verleiten lassen, nur durch ein Tröpfchen verlockt, von der hellen Blumenwelt in eine dunkle geheimnisvolle Würzigkeit zu schlendern, um mich im Endeffekt an beidem gleichzeitig zu erfreuen, wenn es sich mit meiner Haut vereint.

„L’Origan“ ist in seiner reifen Duftschönheit außergewöhnlich; wirkt ein wenig aus der Gegenwart gefallen: aber das stört so gar nicht.
Sein Charme wird diese Zeit genauso überleben, wie der ihm verwandte Jugendstil und andere Kunstepochen es beweisen.
Wahre Schönheit ist doch unvergänglich – sie lässt sich nicht in Studien erfassen und irgendwelchen Ordnern ablegen.
Sie ist immer lebendig und findet ihre Liebhaber – so wie „L’Origan“ mich gefunden hat!
8 Antworten
Greenfan1701Greenfan1701 vor 2 Jahren
1
Wieder eine wunderschöne Beschreibung mit viel Tiefgang, wie man es eben von Dir gewöhnt ist. Ich freue mich immer, Deine Rezensionen lesen zu dürfen.
TtfortwoTtfortwo vor 4 Jahren
1
Er war schon eine außergewöhnliche Duftbegabung, der Herr Coty. Was man sonst so über sein Leben liest, macht es nicht ganz einfach - aber seine Düfte....
GelisGelis vor 4 Jahren
Das klingt nach einem wunderschönen Duft.
YataganYatagan vor 4 Jahren
2
Düfte, die aus der Zeit gefallen sind, sind ja manchmal die schönsten.
AzuraAzura vor 4 Jahren
2
Welch erhabene Stimmung, als Madame Gartennelke die Bühne Deines Kommentars betritt...
ich mag die dunklere, ältere Schwester meines geliebten L'Heure Bleue auch sehr, gerade wegen dieser Anmutung des Aus-der-Zeit-Gafallen-Seins...
0815abc0815abc vor 4 Jahren
1
Ich schließe mich an! Wundervoll gezeichnet.
EmblaEmbla vor 4 Jahren
1
Du zeichnest erneut wunderschöne Bilder, die den Duft sehr eindrücklich beschreiben.
Can777Can777 vor 4 Jahren
1
Wundervoll beschrieben,..Bravo..!