Liest man Parfumrezensionen von internationalen Autoren, so begegnet des Öfteren das Prädikat „french“ für Düfte. (z.B. ein enthusisatisches „Oh my god, this is SO french!“) Die Herkunft eines Duftes aus Frankreich ist anscheinend immer noch in den Augen Vieler ein Qualitätsmerkmal. Es herrscht die romantische Vorstellung, dass Raffinesse, Haute Parfumerie, der letzte Schrei schlechthin nach wie vor aus unserem schönen Nachbarland kommt. Ist ja auch ein charmanter Gedanke: man möchte doch gern von einem Duft- und Modewunderland träumen und geht doch so gerne in die Pariser Geschäfte der Hersteller, um die volle Ladung Flair zu erhaschen.
Aber zurück zum Prädikat „französisch“: Genau diesem wollten große amerikanische Kosmetik- und Dufthäuser wie Elizabeth Arden oder vor allem Estee Lauder den Kampf ansagen. Sie haben den amerikanischen Duftmarkt schon früh im 20. Jh. vom europäischen emanzipiert, haben einen eigenen Stil entwickelt und den Landsfrauen inländische Luxusprodukte präsentiert. Noch etwas früher, im Jahr 1943 launchte in diesem Geiste der Hersteller Evyan White Shoulders, und betonte dabei den Ursprung und die Herstellung dieses Duftes als ausschließlich amerikanisch. Amerika war in den 2. Weltkrieg verwickelt, Patriotismus wurde groß geschrieben. Man wollte der legendären französischen Raffinesse und der Fama, die diese Düfte umwehte, etwas Eigenes entgegensetzen. Und man tat es unter dem Motto: „The bigger, the better!“, zumindest im Fall von White Shoulders: denn dies ist wirklich ein großes, weißes Bouquet! Der Hersteller Evyan New York, der eine ganze Reihe an Düften verkaufte, wurde mittlerweile aufgelöst und zumindest die Formel für White Shoulders wurde an einen anderen Hersteller, nämlich Elizabeth Arden, verkauft.
Leider ist mir bisher keine Vintage-Version untergekommen, ich habe kürzlich die heute zum Verkauf angebotene EdP-Version, die im Hause Arden hergestellt wird, erworben. Ich liebe die großen, weißen Blüten. In White Shoulders wurde nun alles vereint, was das weiße-Blüten-Herz begehrt: Jasmin, Flieder, Tuberose, Gardenie, Maiglöckchen, Lilie und Orangenblüte. White Shoulders ist in den USA nach allem, was ich so gelesen habe, einer DER klassischen Düfte: scheinbar jeder hat zumindest eine Oma, Tante oder Mutter, die es einmal benutzt hat. Laut diesen Berichten scheint die heute verkaufte Version auch etwas verändert zu sein. Die Umsetzung des weißen Bouquets in White Shoulders fühlt sich für mich dennoch sehr oldschool an: ein seifiger Hauch von Aldehyden geht einem tuberosen- jasmin- und gardenienlastigen Herzen voran. Ich mag eigentlich keine Aldehyde, aber hier sind sie wirklich ganz fein und erzeugen dieses seifige Retrofeeling. Gerade die Tuberose und der Jasmin kommen im Herzen übrigens toll heraus. Im weiteren Verlauf erkenne ich weiche Fliedernoten, ein wenig Frische der Maiglöckchen und einen würzigen Anhauch, den ich der Orangenblüten zuschreiben würde.
Tatsächlich entwickelt sich White Shoulders auf meiner Haut etwas seifiger als auf Textilien, daher bin ich dazu übergegangen, meinen Schal oder meine Kleidung zu besprühen. Auf Textilien ist die Haltbarkeit mit ca. 6 h auch ganz ordentlich.
White Shoulders hat etwas Mütterlich-Weibliches, etwas Vertrauenserweckendes. Sexy finde ich den Duft überhaupt nicht, er hat für mich nichts Laszives. Ich würde ihn eher als sauber, freundlich, aber auch: klassisch, elegant, erwachsen und im Duftverständnis unserer Zeit als außergewöhnlich beschreiben. Er hält keine Patchouli-Orgie, keine schwere Süße bereit, dennoch Romantik, die aber Tageslicht verträgt und somit täglich tragbar ist. Die große Geste, zu der dieser Duft neigt, hat etwas vom alten Hollywood-Glamour, etwas Dramatisches, aber dennoch Liebliches.
Danke für die ausführliche Darstellung des backgrounds... ich besitze ein kleines, recht alt wirkendes Fläschchen Extrait und kann Deine Beschreibung gut nachvollziehen. Der Duft ist definitiv zu elegant für den Supermarkt ;-)