Imaginary Authors ist eines der Nischenhäuser, welches durchaus auf viel Wohlwollen von meiner Seite aus trifft...Die Flakons sind weder kitschig, übermäßig prunkvoll noch anderweitig prätentiös gestaltet, sondern punkten mit einer künstlerischen Aufmachung, die originell ist, Individualität ausstrahlt und mir einfach sehr gut gefällt. Nicht weniger originell und kreativ sind die Duftrichtungen, die dabei miteinander kombiniert werden, wie z.B. grün-süß (Saint Julep), holzig-fruchtig (Cape Heartache), holzig-pudrig (O, unknown!) oder wie eben hier aquatisch-grün. Trotz dieser Experimentierfreude, tut das der Gefälligkeit der Düfte keinen Abbruch (zumindest bei den beiden von mir getesteten Düften "Every Storm a Serenade" und "Saint Julep"). Zudem bewegen sich die Düfte von Imaginary Authors preislich gesehen zwar im gehobenen, aber im nicht dekadenten Bereich.
Zum Duft: Obwohl von der Duftrichtung her gänzlich verschieden, musste ich beim ersten Riechen als erstes an Guilty Absolute pour Homme denken....eben etwas schroff und ziemlich direkt. "Every Storm a Serenade" ist kein Kopfnotenblender, sondern zeigt sich direkt, wie er ist und bleibt in seiner Entwicklung recht konstant und linear. Wie er ist, lässt sich wiederum nicht so leicht beschreiben. Als Erstes ist da für mich eine Art verkokelter Gummigeruch, der auf manch einen womöglich einen "antiseptischen"/"apothekenartigen" /"medizinischen" Eindruck macht. Ich führe das hauptsächlich auf das Vetiverylacetat zurück und erinnert mich in seiner Ausführung an Vetiver-Vertreter wie Vetiver Insolent, Vétiver Extraordinaire oder auch Fat Electrician. Als Zweites ist da die mineralisch-salzige, aquatische Komponente, die mir sehr gefällt und dem Duft seine Frische und leichte Schärfe verleiht. Dabei ist zu beachten, dass die Aquatik keine der typischen blauen Düfte ist, sondern roher, algiger und gischtähnlich (die Farben grau und dunkelgrün kommen mir eher in den Sinn) ist. Dieser Art von Aquatik ist mir viel lieber und habe ich als erstes bei Oud Minérale kennen und lieben gelernt. Aber auch Erinnerungen an Megamare werden bei mir wach, wo wir wahrscheinlich auch beim Verursacher dieser Art Aquatik wären, nämlich Calone. Warum dieser, von einem Pharmakonzern (Pfizer) entdeckte, Riechstoff diesen Eindruck vermittelt weiß Wikipedia: "Calone hat eine ähnliche Struktur wie einige alicyclische C11-Kohlenwasserstoffe, z. B. Ectocarpene, die von Braunalgen als Pheromone ausgeschieden werden." Wer bereits bei der Erwähnung von Megamare weiche Knie bekommt und Reißaus nehmen möchte sei an dieser Stelle beruhigt, ein ganz so penetrantes Perfomance-Monster ist "Every Storm A Serenade" nicht. Trotzdem hat er eine ziemlich gute Haltbarkeit und das Sillage-Verhalten ist auch nicht zu unterschätzen. Ich hatte mir wirklich ein mini letztes Tröpfchen für den Zeitpunkt des Verfassens meiner Rezension übrig gelassen, um es auf mein Handgelenk zu sprühen und trotzdem kam gerade meine Freundin in den Raum und meinte, dass es in der Wohnung und auch noch im Bad so gut duften würde. Und da wären wir auch bei einem Punkt, der mich beim mehrmaligen Austesten etwas überraschte: Vom Umfeld (speziell dem weiblichen) habe ich recht gutes bis sehr gutes Feedback für den Duft bekommen, obwohl er in meinen Augen ein eher "harscher" Vertreter ist, der von seinem Duftprofil her in meinen Augen nicht auf den Mainstream abzielt.
Fazit: "Every Storm a Serenade" ist in meinen Augen hier auf Parfumo etwas unterschätzt, aber kann auf sehr vielen Ebenen überzeugen und hat meiner Meinung nach durchaus Signature-Potenzial. Bei Vetiver-Liebhabern oder Freunden der etwas raueren Aquatik könnte der durchaus Anklang finden, weshalb ich nur zum ausgiebigen Testen ermutigen kann. Ich kann mir sehr gut vorstellen einen Flakon in meiner Sammlung aufzunehmen und freue mich weitere Düfte aus diesem Haus noch irgendwann testen zu können.