Ich lieb' ihn, ich lieb' ihn nicht, ich lieb' ihn, ich lieb' ihn nicht, ich........
Scherrer 2 ist ein sehr erinnerungsträchtiger Duft für mich. Ich bekam ihn vor vielen Jahren von den Nachbarn meiner Eltern zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte mich sehr gefreut, denn ich konnte mir damals von meinem Taschengeld, wenn überhaupt, nur sehr, sehr günstige Düfte leisten. Meine Eltern hatten nicht viel Geld. Aber die Nachbarn, die schwammen geradezu darin. Und so bekam ich Scherrer 2. Ich mochte Scherrer 2 schon damals, aber ich wusste auch, ich selbst hätte ihn mir nicht ausgesucht. Er war viel zu erwachsen für mich. Ich trug ihn und ich trug ihn auch gern, aber ich legte ihn nur selten auf. Bei Theaterbesuchen, klassischen Konzerten oder anderen besonderen Anlässen, zu denen ich gern ein wenig älter wirkte, kam er gut an mir zur Geltung. Er wurde somit natürlich nur sehr langsam weniger und so kam es, dass er, obwohl er nicht mein Duft war, doch irgendwie zu meinem Duft wurde. Ich zog aus, ging studieren, Scherrer kam mit, ich zog wieder um, machte Examen, Scherrer zog mit, ich zog nochmal um, bekam meinen ersten Job, Scherrer war dabei. Irgendwann war er doch wirklich fast leer und in einem großen Aufräumen vor dem nächsten Umzug, warf ich den fast leeren 25 oder 30ml-Flakon weg.
Pause.
Vor einigen Tagen sah ich im Tauschspiel ein Angebot einer Abfüllung von Scherrer 2. Ich hatte jahrelang nicht mehr an diesen Duft gedacht, aber plötzlich erinnerte ich mich an diese Lebensphase mit einigen Umbrüchen, durch die er mich treu begleitet hat, und dass er mein Duft war, obwohl er eigentlich nicht so meiner war. Ich meldete mich auf das Tauschpäckchen und trat eine Zeitreise an. Vielleicht bin ich jetzt erwachsen genug für ihn?
Ich sprühe ihn auf und sofort erkenne ich seine typischen Charakteristika: mit einer frischen und leicht herben, eher unsüßen Kopfnote startet er wie eh und je. Feine Mandarine steuert zitrische Frische bei, der Jasmin das Herbe, Interessante, was diesen Duft aber schon hier nicht ganz meinen werden lässt. Weiche Tuberose und Angelika verbinden das Ganze zu einer besonderen, vielschichtig edlen Gesamtheit, die nicht nur schön ist, sondern bei mir auch ein Gefühl von Respekt hervorruft.
Im Verlauf wird der Jasmin etwas mehr - ja, er trägt mit seiner typischen, leicht stacheligen Art viel dazu bei, dass ich mich nicht vollständig mit Scherrer 2 identifizieren kann. Aber gleichzeitig kommt nun die zarte und leicht harzige Würze von Myrrhe dazu, das wiederum liebe ich. Zimt habe ich weder damals noch heute entdecken können. Schon ahne ich aber irgendetwas Warmes, Sinnliches, das Scherrer 2, bis eben ein eher kühler und distanzierter Duft, Lebendigkeit und Lust hinzufügt. Hier kündigen sich schon meine heiß geliebten Freunde der Basisnote an: Patchouli und Opoponax. Bei Zibet und Eichenmoos kommt es bei mir immer sehr stark auf die Dosierung an: Zuviel Zibet stinkt bei mir sehr schnell wie Klärgrube während zuviel Eichenmoos sich enorm männlich entwickelt. In Scherrer 2 ist die Balance wunderbar getroffen. Die Basis ist sehr fein ausgewogen. Das habe ich schon früher so empfunden. Früher sogar noch mehr als heute, früher mochte ich auch Moschus sehr gerne. Heute ist mir Moschus durch zweierlei verleidet: Erstens empfinde ich einige moderne Moschusersatzstoffe als widerlich und erstickend und zweitens finde ich Moschus, auch wenn ich ihn abkann, inzwischen langweilig. Aber ich muss sagen: In Scherrer 2 ist auch die Moschusnote für mich noch o.k..
Scherrer 2 hält über den ganzen Tag oder auch die ganze Nacht. Der Verlauf ist eigentlich perfekt für einen halben Arbeitstag mit tendenziell kühler aber nicht kalter Kopf- und Herznote. Ohne sich anders zu parfümieren bietet es sich an, mit beginnender Basis in den entspannten und lustvollen Feierabend zu gehen, für Freizeitunternehmungen, Ausgehen, Zweisamkeit.
Scherrer 2 ist ein wundervoller, edler Duft mit großer Tiefe und enormer Entwicklung, sehr interessant und ausgewogen komponiert. Extraklasse. Daran hat sich nichts geändert.
Ich hatte mich gefragt, ob er jetzt wirklich ganz und gar meiner werden würde, nach so vielen Jahren und im zweiten Anlauf. Ich muss sagen: Leider nein. Sowohl er als auch ich haben uns nicht verändert.
Es ist wie bei zwei Menschen, die sich schätzen, mit Hochachtung voreinander, sich vielleicht gar lieben, aber sie wissen, sie passen nicht zusammen, als Paar würden sie nicht glücklich werden. Und sie finden es schade. Aber sie denken gern aneinander, manchmal mit Bedauern, und sie treffen sich ab und zu. Dafür ist meine Abfüllung gerade richtig.
Sehr schöner Kommentar.
Ich habe den damals als Alternative zu meinem Coco angepriesen bekommen, war mir damals aber nicht verwandt genug, irgendwie zu herb.
Er wird von vielen sehr geliebt, aber ich komme auch nicht richtig mit ihm klar. Sehr schöner, nostalgischer Kommentar, den ich gern gelesen habe. Auch die Art u. Weise, wie du das kleine Fläschchen geleert hast, finde ich sehr ansprechend beschrieben.
Ich habe den damals als Alternative zu meinem Coco angepriesen bekommen, war mir damals aber nicht verwandt genug, irgendwie zu herb.