Le Bain (Eau de Parfum) von Joop!

Le Bain 1988 Eau de Parfum

4ajbukoshka
22.11.2020 - 10:16 Uhr
45
Top Rezension
9Duft 9Haltbarkeit 8Sillage 8Flakon 10Preis

Wenn meine Oma mich noch ein Mal umarmen würde

...und ich dabei einen dieser billigen kleinen Kirschlollies im Mund hätte...
Dann würde „Le Bain“ ebenso wie meine Oma lebendig werden.

Zum Hintergrund:
Meine Oma ist vor einigen Jahren gestorben. Ich kann sie nicht fragen, ob sie wirklich diesen Duft getragen hatte.
Aber ich trage ihn aktuell an meinem Handgelenk und sehe und rieche sie deutlich vor mir. Sie, wie sie in meiner frühen Kindheit, Ende der Neunziger und Anfang der 2000er aussah.
Sie, die immer roch wie eine Blumenwiese. Aussah wie eine Blume und deren Umarmung mich noch glücklicher gemacht hat als es ein zuckriger Kirschlolli je könnte.
Sie, deren Lächeln so lieb und rein und im Nachhinein betrachtet auch immer kindlich und unschuldig strahlte.

Wie ich zu diesem Duft kam:
Mein Statementparfum, sündhaft teure Vanille von Guerlain (Cuir Beluga), neigte sich mal wieder, SCHON wieder, dem Ende zu. Ich, Studentin, notorisch pleite. Da muss etwas Günstigeres her, für den Übergang. Ich suche in Kleinanzeigen nach Pröbchen.
Meine Nase ist empfindlich, heißt bei mir: ich kann vieles nicht riechen.
So kam ich zu etwa 30 Parfumpröbchen, manche umgekippt, einige grauenhaft, einige... überraschend.

Was ich zu diesem Duft sagen kann:
Beim ersten Test auf meiner Haut kam mir ein pudrig-klebrig süßer Hauch entgegen.
„Ohje, was wird das, wenn’s fertig ist? Riecht ziemlich künstlich.“
Nach wenigen Sekunden vernehme ich einen künstlich, chemisch?, anmutenden Hauch von Blumen. Veilchen?
Ein Blick in die Duftpyramide: „Oh, bestimmt die Aldehyde? Und Orangenblüte, jaaa, das kommt hin.“
Ich räume den Wäscheberg von gestern weg. In meinem Zimmer herrscht wie so oft Chaos.
Ich verlasse den Raum, komme zurück. Und auf einmal trifft mich diese seltsame Traurigkeit, ich glaube, ich bekomme meine (emotionalen) fünf Minuten. Ich bin verwirrt.
Was soll das?! Ich rieche meine „Oma“.
Jeden Tag trage ich am Handgelenk ein goldenes Armband, das sie mir geschenkt hat, als ich etwa 15 war. Ich nehme es nicht ab, obwohl es mir heute wie damals viel zu groß ist. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meine Oma denke.
Aber wie kommt sie jetzt in meine NASE, verdammt?
Rosen... Ich mag den Geruch von Rosen in Pflegeprodukten nicht, in Parfum bin ich auch nicht sonderlich überzeugt. In Bulgarien zum Beispiel wird man davon erschlagen, in jedem Souvenirladen und zwanzig Meter davor. Aber echte Rosen riechen so angenehm.
Noch mehr Blumen. Veilchen? Vielleicht. Ich rieche vieles, kann es aber nicht immer benennen.
Den Geruch von Sandelholz allerdings schon, was den Räucherstäbchen, die „Omas“ Tochter so gerne und (viel zu) oft benutzt hat, zu verdanken ist.
Hier sind so viele Gerüche, an denen ich mich satt gerochen habe, vereint, aber in einer Dosis, die sie nicht nur erträglich, sondern wunderbar angenehm macht.
Ich, prokrastinierend wie eh und je, setze mich hin, schalte die Musik ab, rieche an meinem Handgelenk, in der Luft, lasse die Gerüche auf mich wirken.
Und ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie meine Oma mir, die mal wieder mit blutigen Knien ins Haus kommt, einen dieser pappigen kleinen Kirschlollis in die Hand und einen Kuss auf die Stirn drückt.
(Ich rieche Kirsche, auch wenn davon nirgends etwas steht, viel davon!)
Wie sie mich umarmt, aber nicht hochhebt, denn ich bin ihr mittlerweile zu schwer. Und sie hat „Rücken“.
Oma hat gebadet. Vielleicht in „Le Bain“.
Vielleicht hat meine Oma aber auch wirklich gebadet und sich danach in einer Blumenwiese gewälzt, wobei die Kirschlollis, die sie für mich gekauft hatte, irgendwie an ihr kleben geblieben sind.
Genau so riecht „Le Bain“ für mich.
Tröstlich, kuschlig, nach sehr viel Geborgenheit mit einem kleinen bisschen Vanille - oder eher dem Vanillin im Zucker. Ganz leicht, chemisch, aber nicht unangenehm, sondern nach Weihnachtsbäckerei.
Das ist gut so, denn dadurch komme ich nicht auf die Idee, diese Vanille mit der von Guerlain zu vergleichen und kann sie getrost toll finden.
Deshalb wird dieser Duft für mich auch einer für die kalten Tage.
Vielleicht bin ich für diesen Duft zu jung, ich muss mir dazu die Meinung meiner Freundinnen und Freunde anhören.
Ich möchte schließlich nicht wie irgendeine Oma riechen. Wenn ich das tue, werde ich mit diesem Parfum zuhause bleiben und ihn für mich genießen.
Immer dann, wenn ich meine Oma vermisse - und die Geborgenheit ihrer Umarmungen zumindest riechen möchte.
13 Antworten
MymosgirlMymosgirl vor 4 Jahren
1
Schöner Kommentar :) deine Oma hört sich toll an! Ich fand deinen Kommentar berührend und witzig zugleich! Deine Oma, wie sie sich in einer Blumenwiese wälzt und mit Kirschlollies beklebt :D
Ich habe den Duft mit 20 getragen, als Studentin! Und ich finde man kreiert selbst den Eindruck, den andere von einem Duft haben... ich meine damit: Menschen, die den Duft an mir gerochen haben, werden den Duft in Zukunft nicht mit einer „Omi“ verbinden, sondern mit einer jungen Frau.
Sleppy94Sleppy94 vor 5 Jahren
1
Ich kann auch vieles nicht riechen. Es gibt so viele schöne Parfums, wo mich eine bestimmte Note zunehmend in den Wahnsinn treibt.
NaleNale vor 5 Jahren
1
So ein toller Kommentar, mir kamen wirklich die Tränen... Letzten Monat ist meine Mutter gestorben und wenn ich einen ganz schlimmen Tag habe, rieche ich an Laura und mir geht es genauso wie dir
TtfortwoTtfortwo vor 5 Jahren
1
Die Düfte der Omis.... ich habe auch so eine Dufterinnerung. Ein sehr persönlich und liebevoll geschriebener Kommi.
4ajbukoshka4ajbukoshka vor 5 Jahren
Ich danke euch an dieser Stelle auf jeden Fall allen sehr herzlich für eure lieben Antworten! Hier kann man niemanden markieren, oder?
4ajbukoshka4ajbukoshka vor 5 Jahren
Ich tanze schon genug aus der Reihe, indem ich Männerparfums trage. Da kleben die Mädels gut und gerne mal wie die Fliegen an mir und machen mir unzählige Komplimente :)). Deshalb ist mir das bei einem Parfum nicht wichtig, ich möchte den Nasen meiner Mitmenschen nur nicht unangenehm auffallen, @Melisse2.
Melisse2Melisse2 vor 5 Jahren
3
Schöner Erstlings-Kommentar. Ich finde, Le Bain kann man in jedem Alter tragen. Vielleicht würde das auch gerade den Reiz ausmachen, dass ihn von den Freundinnen keine hat und Du damit ein bisschen aus der Reihe tanzt?
PreciousPrecious vor 5 Jahren
3
Sehr schöner, berührender Kommentar. Le Bain ist schon kuschelig. Mich verbinden mit ihm leider weniger schöne Erinnerungen. Aber der Duft ist angenehm u. inzwischen auch ein Klassiker.
4ajbukoshka4ajbukoshka vor 5 Jahren
1
Ja, das war mein erster Kommentar :D. Bisher habe ich immer nur welche gelesen, wenn mich etwas angesprochen oder Fragezeichen in der Nase hinterlassen hat. Ich hoffe daher, für eventuelle Fehltritte nicht gesteinigt zu werden, @Runa.
Was alte oder alt wirkende Düfte angeht, muss ich mich erst einmal umsehen oder „umriechen“. Oft hört man ja, die Formulierung wurde geändert und die Düfte sind nur noch ein Abklatsch dessen, was sie mal verkörpert haben wollen. ^^
PollitaPollita vor 5 Jahren
1
Wie zauberhaft. Sehr gern gelesen. Genau deshalb lieben wir doch Düfte, oder?
RunaRuna vor 5 Jahren
2
Ein ganz ganz toller Kommentar - dein erster? Sensationell! Diese so alt-wirkenden Düfte ... da gibt es vielleicht so Comebacks und für (uns) Jüngere ist genau das manchmal der „Kick“ weg von diesem Mainstream, was die Hersteller für uns designen (wollen). Ich tue das mittlerweile manchmal auch - „erfolgreich“ (bisher)! ;)
4ajbukoshka4ajbukoshka vor 5 Jahren
Ja, @pudelbonzo, das können sie wirklich!
Die schönste, unvergleichlich(!) schönste Umarmung ist für mich bisher immer „Cuir Beluga“ gewesen. Aber „Le Bain“ hat mich zu Tränen gerührt und das hat vor ihm noch keiner geschafft.
pudelbonzopudelbonzo vor 5 Jahren
3
Ja, Düfte können Umarmungen sein.