Salome Papillon Artisan Perfumes 2015
27
Top Rezension
Das Schattenspiel
Ein Blick hatte genügt. Keine Umwege, keine Fragen, wo wer her kommt und was wer macht, keine Bemerkungen über den Wettereinbruch und den nicht aufzuhören wollenden Nieselregen. Ein Blick quer durch die charmbefreite Bar, zwischen farblosen Menschen hindurch, die nach der Arbeit ihren Geist und die angespannten Nacken mit Hochprozentigem lockerten. Ein Blick, der die dichte Luft aus feuchten Jacken und nicht mehr ganz so frisch geduschten Menschen mit messerscharfer Sicherheit teilen musste, ehe er das Zielobjekt erreichte. Nun standen sie sich wortlos am Bartresen gegenüber, dem Blick des anderen trotzig standhaltend, und nippten an ihren Drinks. Ein grosser letzter Schluck, eine entschiedene stumme Aufforderung, jemand von ihnen zog einen Trenchcoat an, jemand eine gewachste Jacke, sie verliessen die Bar.
Sie liefen auf der menschenleeren Strasse einen halben Schritt hintereinander versetzt, zumindest jemand von ihnen wusste wohin. Nebeneinander zu gehen schien beiden zu vertraut.
Die hastige Suche nach dem Wohnungsschlüssel zog sich in die Länge. Der Jasminstrauch beim Hauseingang griente frivol wissend, der Duft so abgeklärt und dringend wie ihr Vorhaben.
Nun lagen sie nebeneinander in zerwühlten, moosigen Laken, die schon vor Tagen hätten gewechselt werden sollen. Der Duft der Nelken auf der Kommode legte sich über ihre Haut und mischte sich mit dem Schweiss. Die Rosen schienen weniger amused, kontrastierte, wenn nicht sogar karikierte, doch diese offensichtliche Menschlichkeit zu sehr ihre Überlegenheit. Harzige Honigperlen auf der schweissigen Stirn, erschöpft und errötet, unklar ob aus langsam verebbender Erregung oder vor Scham, wichen sie ungelenk den Blicken des anderen aus. Was hatten sie gesagt? Was hatten sie von sich gezeigt? Wer waren diese Schattenmenschen, die sich in die tierischen Niederungen des Menschseins herabliessen? Bitter säuerliches Unbehagen. Weil jemand Zeuge des eigenen Schattens geworden war? Oder hatten ihre eigenen Augen etwas an sich gesehen, was sie in eine dunkle Ecke verbannt hatten, so wie die Zuckerdose, welche die Nachbarin aus dem Urlaub in Spanien mitgebracht hatte? Schatten wie Kleinkinder, daran glaubend, dass wenn sie die Augen schliessen, niemand anders sie sehen kann. Es schien so einfach in den schützenden Membranen der Anonymität. Jetzt, wo jemand von ihnen daran dachte, dass der Sand im Katzenklo dringend gewechselt werden musste, schien die Kluft zwischen ihrem Selbstbild und dem, wer sie vor 15 Minuten waren, unüberbrückbar. Selbst die Katze auf der Kommode schaute sie verächtlich an, ernsthaft mit dem Gedanken spielend, die Vase mit den Nelken umzustossen. Das Vakuum durchbrechend stand jemand von ihnen ihnen auf, schüttelte den Kopf mit geschlossenen Augen kurz, drehte sich grinsend zum anderen um und fragte: „Honey, und was spielen wir nächste Woche?"
Sie liefen auf der menschenleeren Strasse einen halben Schritt hintereinander versetzt, zumindest jemand von ihnen wusste wohin. Nebeneinander zu gehen schien beiden zu vertraut.
Die hastige Suche nach dem Wohnungsschlüssel zog sich in die Länge. Der Jasminstrauch beim Hauseingang griente frivol wissend, der Duft so abgeklärt und dringend wie ihr Vorhaben.
Nun lagen sie nebeneinander in zerwühlten, moosigen Laken, die schon vor Tagen hätten gewechselt werden sollen. Der Duft der Nelken auf der Kommode legte sich über ihre Haut und mischte sich mit dem Schweiss. Die Rosen schienen weniger amused, kontrastierte, wenn nicht sogar karikierte, doch diese offensichtliche Menschlichkeit zu sehr ihre Überlegenheit. Harzige Honigperlen auf der schweissigen Stirn, erschöpft und errötet, unklar ob aus langsam verebbender Erregung oder vor Scham, wichen sie ungelenk den Blicken des anderen aus. Was hatten sie gesagt? Was hatten sie von sich gezeigt? Wer waren diese Schattenmenschen, die sich in die tierischen Niederungen des Menschseins herabliessen? Bitter säuerliches Unbehagen. Weil jemand Zeuge des eigenen Schattens geworden war? Oder hatten ihre eigenen Augen etwas an sich gesehen, was sie in eine dunkle Ecke verbannt hatten, so wie die Zuckerdose, welche die Nachbarin aus dem Urlaub in Spanien mitgebracht hatte? Schatten wie Kleinkinder, daran glaubend, dass wenn sie die Augen schliessen, niemand anders sie sehen kann. Es schien so einfach in den schützenden Membranen der Anonymität. Jetzt, wo jemand von ihnen daran dachte, dass der Sand im Katzenklo dringend gewechselt werden musste, schien die Kluft zwischen ihrem Selbstbild und dem, wer sie vor 15 Minuten waren, unüberbrückbar. Selbst die Katze auf der Kommode schaute sie verächtlich an, ernsthaft mit dem Gedanken spielend, die Vase mit den Nelken umzustossen. Das Vakuum durchbrechend stand jemand von ihnen ihnen auf, schüttelte den Kopf mit geschlossenen Augen kurz, drehte sich grinsend zum anderen um und fragte: „Honey, und was spielen wir nächste Woche?"
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Und so passend zum Duft!
Es ist schon spannend, was diese Komposition alles auslöst.
Wunderbarer Text der mich, wie immer, auf eine Fortsetzung hoffen lässt.
"Babe, nächste Woche üben wir mal das Windel wechseln."