Login

Sandelholz von Harry Lehmann

Sandelholz

Ttfortwo
29.11.2018 - 09:57 Uhr
16
Top Rezension
5.5Duft 9Haltbarkeit 8Sillage

Minus und Minus ergeben Plus.

Ich bin wirklich ein Lehmann-Fan. Ich bewundere die unverrückbare Zähigkeit, ja, Sturheit, mit der sich das Haus gegen allerlei Heimsuchungen der in immer kürzeren Zyklen rotierenden Moden zur Wehr setzt und – hoffentlich noch lange – richtig damit fährt.

Aber bei weitem nicht alle Lehmann-Düft gefallen mir auch.

Die Lehmannsche Vanille zum Beispiel dürfte FreundInnen der süßen gourmandigen Kokos-Sahnepudding-Vanillen sehr gut gefallen, ist sie harmonisch komponiert und butterweich – a sweet little darling - und sehr haltbar, allein: Für mich geht sie gar nicht, Kokos ist einer meiner Showstopper und das ganze Ding ist mir viel zu süß, viel zu essbar. Nein, meine Vanille ist das nicht.

Noch viel weniger mag ich das Sandelholz-EdP. Ich finde es richtig schwierig; an der Grenze zu untragbar sogar. Herrn vSpees Assoziation der Industriesägeanlage ist auch meine. Ich konnte im vorletzten Sommer anläßlich eines Tages der offenen Tür an einer Führung in einem Bio-Energie-Unternehmen teilnehmen, in dem heimischer Holzschnitt verbrannt und so Energie gewonnen wird. Riesige LKWs laden da im Minutentakt tonnenschwere Wurzelballen und anderweitig nicht nutzbaren Holzschnitt ab. All das wird dann in einer Halle mit wahrhaft imponierenden Ausmaßen vorsortiert und mittels meterlanger Sägen zerkleinert oder geschreddert, um es auf einem Gewirr von Förderbändern zu Sieb- und Sortieranlagen und dort weiter zur Verbrennung zu transportieren. Es herrscht ein Höllenlärm und es riecht. Es riecht nach Sägespänen, nach verkokeltem Holz, nach heißem Metall und heißem Maschinenöl – es ist eine faszinierende olfaktorische Kakophonie.

Und genau das rieche auch ich in der ersten halben Stunde des Lehmannschen Sandels. Zu dieser groben und rauen Holzschnitt-Sägespäne-Maschinenöl-Dröhnung gibt es noch eine heftige medizinische Note (Wick VapoRub?) oben drauf, die mir noch weniger gefällt.

Erst in der zweiten halben Stunde setzt sich der Duft allmählich. Die Maschinenölnote verliert sich bis zum Beginn der zweiten Stunde fast vollständig und jetzt – und zwar erst jetzt – vermag ich etwas zu erkennen, was mich an andere mir bekannte Sandelholznoten erinnert.

Das ist „method perfuming“, sehr eigenständig, sehr kompromisslos - mit extrem hohem Wiedererkennungswert. Müßte ich nur die Originalität bewerten: Eine 10, ohne Frage.

Aber: So möchte ich eigentlich nicht duften, die Einstiegsnote ist mir zu krass und zu hartnäckig, zu piniennadelig, zu medizinisch-ätherisch und sie hat mir darüber hinaus viel zu viel Ausdauer.

Und so haben wir hier zwei, mit denen ich nicht kann. Die Sahnepudding-Kokos-Vanille und den groben und knurrenden Sandel. Warum besitze ich die beiden dann eigentlich?

Nun ja, die liebe Gelis hat mir ein Pröbchen einer ihrer eigenen Lehmann- Mischungen überlassen, das ich unglaublich fein finde und das aus in erster Linie aus ebendiesen beiden, Sandelholz und Vanille (plus etwas pudrigen Blütendufts), besteht.

Und tatsächlich: Diese beiden Düfte, von denen der eine für mich untragbar rau und herb ist und der andere butterkeksig-süß, ergeben in Mischung: Eine weichholzwürzige Mischung etwas außerhalb meines üblichen Süße-Horizonts, aber so harmonisch, so warm und so zart bienenwachs-süß, daß ich kaum aufhören kann, daran zu schnuppern.

Ach, sieh mal einer an: Minus und Minus ergeben manchmal auch bei Düften ein dickes Plus.
Aktualisiert am 08.12.2018 - 07:53 Uhr
9 Antworten
SiebenkäsSiebenkäs vor 6 Jahren
Ausgesprochen expressiv und bildreich triffst du hier genau das Besondere und auch Schwierige an dem Duft - zum Layern eignet er sich allerdings (sparsam eingesetzt) für ziemlich vieles, was einen trockenen Hauch Sägewerk gebrauchen kann...
StanzeStanze vor 6 Jahren
Seitdem ich weiß, dass Frau Toni auch Lehmanns verkauft, schaue ich einfach bei ihr nach, was im Lehmann drin ist. Mit Wick Vaporub liegst du hier richtig. Es ist Sandelholz, Eukalyptus, Tanne drin. Ich finde ihn furchtbar und es gibt Lehmanns, die ich toll finde. Mit dem Mischen hab ich es nicht so, hab aber schon gehört, dass man Lehmanns gut mischen kann.
FvSpeeFvSpee vor 7 Jahren
Da gibt's von mir natürlich einen dicken Übereinstimmungspokal, sowas darf's ja auch mal geben. Fein, dass du mit dem Mischen eine Möglichkeit der nachhaltigen Verwertung gefunden hast. Ich hab für mich ja beschlossen, vom Layern und Mischen die Finger zu lassen. Aber vielleicht mache ich mal irgendwann eine Ausnahme.
RosaviolaRosaviola vor 7 Jahren
Ich kann mir gut vorstellen, dass Kokos und Sandelholz eine schöne weiche warme Mischung ergibt mit holzigen Untergrund und dass die Süße gedimmt wird.
GelisGelis vor 7 Jahren
Ja, derSandelholzeinstieg ist ... speziell. Aber später wird er für mich wunderschön. Und zum Layern ist er wirklich perfekt.
OhdeberlinOhdeberlin vor 7 Jahren
Gerne gelesen, danke
MeggiMeggi vor 7 Jahren
Sehr überraschend, in der Tat.
ClarasTanteClarasTante vor 7 Jahren
1
Sehr hilfreich, Dankeschön. Lehmann. Ich komm wohl nicht dran vorbei - Pokal ;-)
PlutoPluto vor 7 Jahren
So ist es. Bin ganz bei dir und froh, dass es den Lehmann gibt. Ich hab mir auch schon mal was mischen lassen, da entstehen feine Sachen - nicht immer :o) Sandelholz nehm ich manchmal kaum wahr, so ging es mir mit diesem auch, weiß nicht, was meine Nase da hat.