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Top Rezension
Neferneferure
Sie hatte die Gelegenheit genutzt
und sich aus dem Palast geschlichen.
Die Monologe ihres Vaters über
den einen Gott interessierten sie nicht.
Wie immer würde er in seiner überbordenden Spiritualität versinken
und alle würden ihm wie Kaninchen
lauschen.
Ihr Ziel war das Heiligtum der Katzengöttin.
Dort wuchs der prächtige Jasmin
in seiner ganzen Fülle und Anmut.
Sie sehnte sich nach den großen Büschen,
die mit ihren betörenden Duftwolken
in der Abenddämmerung,
all die Gedanken, die sie tagsüber hatte,
auf magische Weise vergessen ließen.
Sie linderten ebenso den Schmerz,
der damit einherging.
Der Duft hüllte sie ein.
Er war so vollkommen rein und schön,
dass sie überwältigt war.
Sie kannte nichts Vergleichbares.
In den Gemächern gab es viele
kleine Phiolen mit kostbaren
Ölen aber nichts davon hatte sie
jemals so in ihren Bann gezogen.
Irgendwie erinnerte sie der Geruch
an ihre Mutter, die ihr
mit ihrer überirdischen Schönheit
bisweilen sogar Angst einflößte.
Sie hatte ständig das Gefühl,
ihre Mutter würde ein Geheimnis wahren.
Ihr Äußeres hatte sie von ihrem
Vater geerbt,
nur die hohen Wangenknochen
verrieten den mütterlichen Anteil
ihrer Herkunft.
Sie liebte ihre Eltern.
Liebe und Spiritualität waren in ihnen ständig zugegen.
Die Krypta war nicht mehr weit.
Sie musste nur noch an den
tiergesichtigen Kanopen vorbei.
Sie fühlte sich von ihnen
beobachtet und das war ihr unheimlich.
Wussten sie etwas oder enthielten
sie Teile von ihr ?
Ein leicht medizinisch hypnotischer
Geruch ging von ihnen aus.
In der Krypta war es dunkel und kühl.
Nur kleine Fackeln gaben eine Ahnung
von ihrem Inneren preis.
Endlich sah sie in ihre Augen.
Die Katzengöttin. Sie war da.
Ihre Anwesenheit erfüllte sie mit Stärke.
Ihr Körper wurde zu ihrem Körper.
Mühelos war sie hineingeglitten
und spürte sofort,
wie all ihre Eigenschaften auf sie übergingen.
Begehrlichkeiten wurden erweckt.
All ihre Sinne stellten sich auf,
wie unzählige Schnurrhaare.
Gebiete ihres Körpers, denen sie bis jetzt
nur die nötigste Aufmerksamkeit widmete,
forderten jetzt ihr volles Sein.
Berauscht kostete sie jeden Augenblick.
Tanzend vollzog sie ihre Einweihung.
Im Schutz der Dunkelheit erblühten
tausende von Jasminsternen
im Fell der Göttin.
Von nun an war sie sich ihrer eigenen Schönheit und Kraft absolut gewahr.
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Immer noch weit davon entfernt, Düfte in ihren einzelnen Noten, Abstufungen und Erscheinungsformen erkennen und entschlüsseln zu können,
hat dieses Meisterwerk es geschafft
mich mit seiner Intensität nachhaltig
zu beeindrucken und eine Rezension
zu schreiben.
Ich hoffe ich konnte euch diesen
für mich außergewöhnlichen
Duft damit ein wenig näher bringen.
Danke an euch fürs Lesen !
15 Antworten


Es gibt sie wirklich Gerüche, vor denen man niederknien möchte, die geradezu göttlich wirken.
Was für eine wunderschöne, spannende Rezension 🤗
Mich hast Du wirklich verzaubert und ich durfte eine kostbare Zeit dem Alltag entfliehen 🥀🌺🌻🌸
Dankeschön 🙏
"Im Schutz der Dunkelheit erblühten
tausende von Jasminsternen
im Fell der Göttin"
Ganz genau das - und noch soooo viel mehr. Da sind sich unsere Duftseelen einig.
Du magst die beiden ebenso wie ich.
...Nur kleine Fackeln gaben eine Ahnung
von ihrem Inneren preis....so ist es.