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DasguteLeben

DasguteLeben

Rezensionen
1 - 5 von 136
DasguteLeben vor 1 Jahr 18 16
Slouching towards Bethlehem
"Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world,"

In diesen letzten Jahren unserer sterbenden Zivilisation ist es wieder besonders wichtig Gedichte zu lesen: Rilke, Brecht, Yeats, Jeffers...The Second Coming ist gewiß nicht die schlechteste Zustandsbeschreibung der aktuellen Welt - und mit einem sardonischen Augenaufschlag vielleicht auch der Parfümindustrie.

Die "haute parfumerie" wie sie in der Belle Époque im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts erblühte, das Produkt technologischen Fortschritts und der erwachenden mittelständischen Konsum- und Freizeitgesellschaft, die von den Impressionsten so treffend auf die Leinwand gebannt wurde, ist endgültig Geschichte.

Aber was haben wir jetzt? Warum existiert ein Produkt wie "Thailand Oud in Cairo," neben 65000 vergleichbaren? Wer will es kaufen und warum? Warum sieht es aus, wie es aussieht, warum riecht es, wie es riecht? Was überhaupt ist es? Das sind keine unwichtigen Fragen, denn die tiefsten Wahrheiten einer Gesellschaft offenbaren sich oft in ihren banalsten Produkten, den trashigsten Filmen und Serien, dem billigsten Ramsch, dort wo keine Anstrengung gemacht wird die dahinterstehenden Ideologien zu kaschieren, dort wo sie für das sehende Auge ganz offen eingeschrieben sind. Die tiefste Erkenntnis über uns gewinnen wir nicht auf einem Zen Retreat in der Ägäis sondern im TEDI nebenan.

"somewhere in sands of the desert
A shape with lion body and the head of a man,
A gaze blank and pitiless as the sun,
Is moving its slow thighs"

Schauen wir also, ob ich die Fallhöhe zwischen dem Ende der bekannten Welt nach W.B.Y. und dem Ende der Parfümwelt, wie ich sie noch kannte, überbrückt bekomme. Ich habe just in einem Parfümforum nachgefragt, wie ältere und jüngere Parfumistas das Phänomen des neo-arabischen Massenmarktes mit seinen unzähligen Dupes und Tweaks und synthetischen Ouds einordnen. Die interessante Antwort war, dass sie die Lücke der alten Standard-Markenparfümerie füllt, die preislich für viele Käuferschichten inzwischen jenseits von Gut und Böse liegt, qualitativ dagegen eindeutig im 4. Kreis der Hölle. € 175 UVP für leere Holzsynthetik von Prada etc.

Dazu muss man sich noch den strukturellen Kollaps des Konzeptes "Luxus" denken - also einerseits dass die "originale" Guccitasche aus derselben Fabrik kommt wie das Dupe und die gleiche minderwertige Qualität hat. Dass, anders gesagt, hinter dem Signifikanten (Zeichen) für Luxus (Gucci Logo) kein eigentliches Signifikat mehr existiert. Andererseits, dass jeder 15jährige heute meint, mit einem Streamingchannel umgehend drei Ferraris und ein Villa in St. Tropez finanzieren zu können. "Luxus" kann jede/r ist die Message der sozialen Medien, just be aspirational. Damit ist Luxus entkernt und es ist letztlich egal, ob ich eine echte oder falsche Rolex trage, damit auch egal, ob ich ein echtes Parfum de Marly oder einen Dupe trage. In letzterem Fall ist es aber tatsächlich egal, denn während die echte Rolex noch eine eigene qualitative Restsubstantialität hat (weit vom Kaufpreis natürlich) kann ja der arabische Klon so gut und gelegentlich besser sein als das Original von Tom Ford (QED Amber Oud Tobacco Edition). Beides sind letzlich nur noch algorithmisch formulierte Industrieprodukte billigster Machart.

Wir leben also in einer irisierenden Konsumwelt in der rarer echter Luxus (Birkin Bag / echtes altes Oud), aspirationaler Konsum (Hermès Parfum / "Oud"), Masstige (Louis Vitton / "Oud") und Luxus oder Masstige Klon (Lattafa Oud) ineinander verschwimmen - and nobody really cares, solange die realen Ungleichheiten der globalen Plutokratie stabil bleiben, wozu dieses System mit seinen Verschleierungen der Bourdieuschen feinen Unterschiede aktiv beiträgt. Soviel zu Bedeutung und Funktion. Nun aber konkret:

"And what rough beast, its hour come round at last,
Slouches towards Bethlehem to be born?"

Verpackung und Flakon des vorliegenden Parfüms (ca. € 18) sind teils wertiger verarbeitet als etwa Penhaligon's Legacy of Petra (UVP € 240, real aktuell ab €60) wo sich schon die Folie ablöst. Beide sind erwartungsgemäß synthetisch deklinierte Reißbrettdüfte mit wenig Budget und sie verschießen es frontal. Gute Basen kosten Geld und Zeit. TOIC gelingt immerhin eine ansprechende Siam Oud Simulation im Auftakt, holzig-frucht-esterig-kompostig, begleitet von etwas süsser Synthetik, das legt sich dann leider zu schnell in eine etwas zu billige Gummi-Ledernote ab, die von Holzsynthetik und einem Spektrum an würzigen Noten umrankt wird (Tabak, Myrrhe, Zimt). Die typische "Niche Synth Aura," die einem auch aus jedem Penhaligon's Store in London entgegenwallert, ist gut getroffen und für mich aufgrund der niedrigen Duftölkonzentration angenehmer und besser zu (er)tragen als z.B. viele der unsäglichen "Portraits" Stinkbomben.

Ich sehe unterm Strich nur minimale aber nicht signifikante ästhetische oder qualitative Unterschiede zwischen billig und teuer und lehne beide dankend ab. Lieber pflücke ich wie der Protagonist aus Ballards The Garden of Time eine letzte Zeitblume um den nahenden Troß noch einmal zurückzuwerfen. Sie duftet nach Oud Caravan von Abdesalaam Attar und Habit Rouge.
16 Antworten
Dupes of Hazard
Ein typischer Klon, der sich mehr wie ein Eau de Cologne verhält, als wie ein Extrait, worum es sich hier nominell handelt. Es riecht nicht im geringsten nach Oud, nichtmal der westlichen Synthetikvariante, eher nach einer trockenen Zedernote und leicht milchigem Kardamom, gepaart mit transparenter und leichter schnapsiger Süße, ein leises Echo von Bentley for Men, quasi. Diese Art billiger Vollsynthetik funktioniert in einer leichten Dosierung eigentlich immer am besten. Unterm Strich ein preiswertes nettes grünholzig-seifiges Ding ohne viel Nachhall. Kann man für unter €20 machen, es gibt weit Schlimmeres dieser Machart.
5 Antworten
Gezügelte Nostalgie
Floris Elite ist ein wohltemperierter und klug konstruierter, sehr englischer Barbershop Duft. Dabei mehr Ministerialbeamter als Aristokrat oder gar Dandy. Für mich hat er ein wenig das Timbre einer Londoner 50er Jahre Version von Vetiver Hombre (Adolfo Dominguez). Leichte Zitrusnoten, mild-pudriges Grün von Lavendel und Kräutern, trockenes Vetiver, Anklänge an Eau de Quinine und Birkenhaarwasser, alles von leichter Hand arrangiert. Durchaus nachvollziehbar, dass die eine oder andere Komponente für manche Nase bieder, konventionell oder nichtssagend wirkt, aber mir gefällt summa summarum die gezügelte Nostalgie dieses Parfüms. Ich sehe vor meinem geistigen Auge durchaus meinen Vater nach Elite duften, dennoch ist das alles wesentlich zugänglicher und zeitgemäßer als, sagen wir, Eucris.
2 Antworten
Der Reiz des Alten
Eau de Cologne ist nicht totzukriegen - egal wohin die parfümistische Trendkarawane ziehen mag. Was mit den ersten europäischen Destillationsversuchen im Mittelalter und Eau d'Hongrie (Rosmarinwasser) begann, vom namensgebenden Johann Maria Farina zu Köln im Rokoko zu erster ästhetischer Blüte geführt wurde und von Guerlain und vielen anderen in zahllosen Iterationen perfektioniert wurde, ist immer noch und immer wieder da. Seit dem großen Statusverlust Ende des 19. Jahrhunderts, als mit der Belle Époque das goldene Zeitalter der modernen haute parfumerie begann, hat es als Tantchen's Reisewasser überlebt, als türkisches Kolonya beim Barbier und für schwitzende Busfahrer, als wichtige Ingredienz in Reinigungsritualen des dominikanischen Santeriakultes und bei Amazonas-Schamanen (Murray & Lanman's Florida Water), immer auch als Zuflucht für sensiblere Nasen und seit einigen Jahren auch wieder als Prestigeprodukt (2007 erschien Chanels Eau de Cologne in der Exclusifs Reihe). Das Bedürnis nach natürlicher olfaktorischer Frische und dem Ruf des Südens ist auch in den Hochzeiten des Florientals, brünstiger Animalik oder der Gegenwart synthetischer Fruchtbomben und Ethylmaltolschwemmen nie ganz versiegt. Daher also gibt es Samphire (nun auch schon 12 Jahre) - irgendwo an den Außengrenzen des Parfümkosmos.

Immer mal wage ich mich in die Höhle des Löwen, das Haus der Illusionen, den Douglas Flagshipstore in Frankfurt, auf der Suche nach einem Schnäppchen oder irgend etwas von ästhetischem Gewicht - möglichst beides, gehöre ich doch scheinbar zu dem sozialen Stratum von dem Pierre Bourdieu schrieb es habe zuwenig Geld für seinen Geschmack (en cultivant notre jardin, nous avons oublié de devenir riche rapidement). Dort also standen im Abverkauf ein paar traurige Flakons von Laboratory Perfumes herum, einer Marke, von der ich noch nie gehört hatte und von der ich erst kürzlich las, sie mache de facto in Dupes, obwohl sie nun gar nicht wie eine Klonfabrik wirkt. Egal - ich hatte keinen Kontext und fand weder Gorse noch Atlas interessant. Samphire aber ließ sofort meine Eau de Cologne Rezeptoren klingeln. Zitrus - Kräuter -Holz/Moos/Musk, ganz old school, sehr natürlich wirkend, Referenzen abrufend: Eau du Sud, Aeroplane, Guerlain. Englisches Haus, aber französische Schule. Sehr spritzige, frische Zitrusnoten, Zitrone, Bergamot, Verveine, Lemongrass und: die leicht schwefelig-schmutzige Grapefruit als Brücke zum Kräuterkomplex mit Basilikum, Rosmarin, Wacholder. Eine milde Basis, aber mit Fixativen, die den Duft leicht lassen, aber deutlich langlebiger machen als klassisches 100% natürliches Eau de Cologne. Auch deshalb macht die Designierung als Eau de Toilette absolut Sinn, selbst wenn wir es hier stilistisch mit der EdC Tradition zu tun haben. White Musk, Labdanum, Tonka, Jasmin, Eichenmoss und Iris sollen sich im Fond finden, es wabert aber nur zurückgenommen und stützend unter dem Zitrus-Kräuterkomplex - und das ist gut so.

Es gibt kaum ein mit guten Zutaten gemachtes EdC, das mir nicht gefällt und ich liebe die Artenvielfalt dieses Genres. Hier hatte ich nach langer Zeit mal wieder einen echten Volltreffer gelandet, der fast an meinen Sommerfavoriten Eau du Sud von Goutal heranreicht, denn ich mag das leicht schmutzige der Kräuternoten (und hier auch der Grapefruit), welches die Zitrusfrische ergänzt und konterkariert, also quasi der Farina'schen Cologne-These Gegen- und Synthese hinzufügt. Mit €60 war er dann auch für meine Brieftasche angemessener bepreist als zur UVP von €100 (siehe oben), aber selbst das wäre er mir vermutlich wert, falls Eau du Sud inzwischen reformuliert ist (ich habe lange an keinem aktuellen Flakon geschnuppert). Well done also, dieses neuere englische Kleinod in gallischem Gewande, möge es noch lange in Produktion bleiben!
14 Antworten
Kein Bentley, aber solide Mittelklasse
Niche mal nicht über Preis sondern Outlets - eigentlich scheint dieser Duft fast nur online beziehbar, ich habe ihn jedenfalls noch nie in einer Parfümerie gesehen.

Bentley ist zwar eine Luxusautomarke, aber im Fall von Parfüm kann das ja eher ein böses Omen sein. Dieser hier ist aber für einen Autoduft viel zu gut. Eine ambitionierte Komposition mit leider zu kleinem Budget - aber Chapeau was Mme. Lorson hier herausholt - verglichen etwa mit dem zehn Mal teureren, aber wesentlich simpler konstruierten (und von den Herstellungskosten vermutlich noch unter dem Bentley liegenden) Sir George von (zumindest nominell) Alberto Morrillas.

Mir ist es als Parfüm-Konservativen natürlich alles ein bisserl viel hier, es geht schon a weng Richtung Goldkette und Brusthaar unter offenem Hemd: boozy, spicy, Lorbeer-Pfeffer, süss-resinoid-ledrig. Entfernte Ähnlichkeiten zu Idole de Lubin, der aber transparenter und in der Konstruktion klarer und edler wirkt. Der Synthetik-Schleier liegt leider über allem - ich würde die Formel gerne mal mit doppeltem Budget riechen. Trotzdem ist Bentley for Men nicht schlechter als viele Masstige Produkte von Tom Ford, Amouage, Creed etc. und immer noch um ein Drittel günstiger als unzählige Massenmarktdüfte, die nicht besser und oftmals wesentlich schlimmer reuchen. Allein schon für den Beweis, dass man einen Duft dieser Art noch für €25 mit Gewinnmarge verkaufen kann, verdient Bentley einen Preis und wer den Stil mag wird auf jeden Fall glücklich. Ich trage ihn gerne mal sehr sehr sparsam dosiert, ziehe aber prinzipiell den Gucci-Wiedergänger Bentley Absolute klar vor.
8 Antworten
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