Wenn die Melancholie beginnt, der schwarze Tintenstein, und die Seele endlich atmen darf!
Die Kapitulation vor dem Duft (oder wie man doch vielleicht gewinnt)
Hör zu: Endlich habe ich mich überwunden. Du weißt, wie das ist: Manche Düfte sind so persönlich, so monolithisch, dass man sich sträubt, sie in Worte zu fassen. Sie sind ein Gefühl, kein Produkt. Encre Noire ist so ein Fall.
Ich habe mich lange davor gedrückt, ihm eine Rezension zu widmen, weil es sich anfühlt, als würde man versuchen, den Nebel festzuhalten. Er ist mystisch!
Aber jetzt, da die Welt wieder diese Farbe annimmt – grau, nass, tief – ist es so weit. Das ist die Zeit, in der du wieder darfst.
Den ganzen Sommer über musste dieser Duft im Schrank auf seinen Einsatz warten.
Er ist einfach zu ehrlich, zu unerbittlich für warme, fröhliche Tage. Aber jetzt, da die Welt grau und nass wird, hat dieser Duft seine Existenzberechtigung zurück. Jetzt ist die perfekte Zeit, um dir diesen dunklen Mantel umzulegen.
Die Architektur des "Grauens":
Für mich ist dieser Duft immer die olfaktorische Brücke zu den dunklen Geschichten. Er riecht nach der stillen, unheilvollen Atmosphäre eines H. P. Lovecraft-Romans – nach Orten, wo die Welt alt ist und das Wissen zu groß. Shoggothen, die "großen Alten"...
Wie er startet:
Ein kaltschneidendes Zypressen-Aroma. Es ist scharf, grün und riecht nach der kühlen Feuchtigkeit, die sich in uralten Krypten sammelt. Es ist der Geruch der unvermeidlichen Vergänglichkeit der Jahreszeiten, aber auch der jahrtausendealten Stille in einem unkartierten Wald.
Das Herz (Der Zyklopen-Monolith):
Dann kommt der Kern. Tintenschwarzes, erdiges Vetiver. Es ist die Seele dieses Duftes. Das Vetiver ist der Zyklopen-Monolith selbst – eine archaische, schwere Form, die direkt aus dem Boden ragt. Es riecht nach feuchtem Waldboden, nach Tinte, die auf alten Folianten verläuft, und nach der dunklen Kruste von Holz, das lange unberührt war. Hier verstect sich das Moos: die Note, die die nasse, grüne Patina der Baumstämme einfängt, das samtig-herbe Gefühl eines tiefen, stillen Waldes, in dem etwas unerklärliches wartet. Diese Note erdet dich und verleiht dir gleichzeitig eine unheimliche Eleganz.
Der Drydown:
Die Basis ist Moschus und Kaschmirholz. Sie bleibt kühl, dunkel und trocken. Es ist die isolierende Kälte des Moments, in dem du verborgenes Wissen gefunden hast – ganz ruhig, aber mit der unausweichlichen Last einer anderen Realität. Mystik pur!!! Es gibt dir eine unaufgeregte, ruhige Stärke, die perfekt zur stillen Jahreszeit passt.
Wo sind wir also?
Du nutzt Encre Noire nicht, um Komplimente zu fangen – obwohl die richtigen Leute es sehr bemerken werden.
Machst dir aber keine Gedanken um Komplimente.
Du nutzt es, um dich abzugrenzen, um deinen eigenen Raum zu definieren, wenn die Außenwelt hektisch und "überzuckert", beißend, synthetisch wird.
Es ist der Duft für die kalte, intellektuelle Konzentration und Zeit. Ruhe. Eine Pfeife mit dunklem, Tabak in einer RICHTIGEN Pfeife vor'm Kamin. Keine Shisha!
Es ist dein persönlicher Anker in den grauen Monaten, gerne in Nordengland, im Moor.
Es braucht die Kälte, um seine rauchige, erdige Komplexität voll zu entfalten. Auf warmer Haut im Sommer wird er zu stickig. Auf kalter Haut, eingehüllt in einen dicken Mantel, ist er perfekt für die Lektüre am Kamin, mit eben o.g. Pfeife.
Hol ihn raus. Trag ihn. Du hast nun die Erlaubnis. Es ist die Zeit der dunklen Düfte. Dunkle, dunkle Welt - ist das schön!