JingleJingles Parfumrezensionen

1 - 5 von 12
Jingle vor 2 Monaten 6
8
Duft

I kissed a dragon and I liked it.
Als Dreingabe zu einem Pröbchen kam ein kleiner Rest Le Baiser du Dragon in meinen Briefkasten geflattert, putzte sich höflich die Krallen auf dem Fußabtreter und nahm auf meinem Unterarm Platz.

Niemals hätte ich gedacht, dass dieser Duft etwas für mich sein könnte: dieser grenzkitschige Fantasyname (auf Deutsch käme er mit poetischem~ (not!) Genitiv daher), der zwar durchaus formschöne, aber irgendwie westlich hinfantasierte, „chinesische“ Flakon, der einem ähnlichen Impuls zu entspringen scheint wie die modische Eskapade einer, in diesem Fall von mir fantasierten kartoffelblonden Huber Anna, die ihren germanischen Körper speziell für die Betriebsfeier in ein Qipao aus Satin gepresst hat. -- Wobei der Vergleich hinkt, denn hier ist der Inhalt himmlisch, das Drumherum dafür etwas unglücklich. Mei, was Marketing halt so will -

(Exkurs: Was hätte ich denn erwartet bei einem chinesisch inspirierten Drachenparfüm? Rauch von den Nüstern, Oolong, Weihrauch aus dem Tempel oder den Duft des einzigen authentisch chinesischen Pflegeprodukts, das ich jemals besaß, einer überaus intensiv riechenden Tuberosenhandcreme? Oder der Drache, ein roter, glücksbringender Drache voller Stärke, der vielleicht nach Pfeffer riecht oder nach verbranntem Holz? Nichts in dieser Richtung bringt Le Baiser du Dragon mit sich.)

Beim Recherchieren hätte ich das Parfum auch niemals auf meine Merkliste gesetzt: eine Duftpyramide, die für meinen Geschmack nicht nur gefährlich süß-gourmandig aussieht, sondern auch, als wären zu viele, vor allem zu viele essbare Komponenten drin. Ein deutliches Patchouli brauche ich auch nicht immer. Dann der aktuell grassierende Wunsch nach besonders süßem Parfüm hier kombiniert mit Karamell und Schokolade in der Basisnote – shrieeek, no thank you!

Es ist so schön, Überraschungen zu erleben! Was hätte ich verpasst, wäre mir dieses Zufallspröbchen nicht in die Finger geraten.
Meiner Vorrednerin Minigolf muss ich zustimmen, dass der Duft vertraut riecht, im Sinne eines Nachhausekommens, eines angenehmen Erinnerns. Auch ich kann aber nicht sagen, woran das liegt, dass ich mich sofort wohlfühle. Erkläransatz No. 1: der gute alte Moschus-Amber-Trick. No. 2: dezent untergebrachte Leckeraspekte. Und No. 3: gerade genug Vetiver, dass man sich fühlt wie an den Merinopullover des Liebespartners geschmiegt. Einzelnen Noten oder Akkorden nachzuschnuppern wird diesem wunderbar runden Duft aber nicht gerecht, er wirkt als Ganzes. Und warum ein Mysterium lüften anstelle es einfach zu genießen wie einen kleinen Zauber?

An mir, auf meiner Haut und für meine Nase wirkt der Duft im Ganzen so, wie ich mir das wünsche: weich, warm und golden, kein Tröste- und leise heulender Alleine-Einschlaf-Duft, aber eben auch kein brünstiger Lustropfen fürs wogende Dekolleté. Er ist für mich vielmehr alltags- und tagsübergeeignet, eine Umarmung, in die ich (und auch SO, tiens, tiens) gerne wollen, um die Augen zuzumachen. Durchaus mit einer feinen Süße und schön viel Harz, aber nicht komplett dunkel – da sind ja auch noch die frischen Blumen, Vetiver – und mit diesen angenehm hyggeligen Vibes, die auch Theorema so schön machen. Gemütlich genug für Mußezeit drinnen, frisch genug für Aktionen draußen in der Natur.
Leidenschaft, heiße Küsse und so etwas nehme ich in diesem Duft nicht wahr, eher Sympathie, Vertrauen, eine mellow Mood. Metaphorisch gesprochen: mit einem Fantasyschmöker, geliehen von der besten Freundin, zuhause auf der Couch. Dann kommt Bae, drückt einem einen Kuss auf die Stirn. Fantasy seit der Jugend nicht gelesen, aber es macht ein gutes Gefühl. Erinnerung an eine Zeit, in der Wochen über Wochen ohne Deadlines und Stress machende Termine vor einem lagen und die Freundschaften sehr eng waren; Erkenntnis, dass man es sich auch einmal leicht machen darf. Wahnsinnige Lust, gut beduftet zur Tat zu schreiten und den wirklich wichtigen Dingen nachzugehen: Spazieren, Umarmen, Lesen, Reden.

Jingle vor 2 Monaten 12
7
Duft
7
Haltbarkeit
5
Sillage
10
Flakon

Fenster auf im Arbeitszimmer
Als großer Fan grüner Düfte auch mit einer konzeptig-synthetischen Ausrichtung war der Papyrus Moléculaire ein klarer Testkandidat für mich. Als ich dann einen kleinen Hype darum zu verspüren glaubte, musste ich natürlich ran! Will ja nicht die letzte sei, die ihn entdeckt.

Papyrus Moléculaire startet grün-gewürzig mit dezenter Pfeffrigkeit, der Koriander meldet sich zuvorderst, das Karottengrün, und ich habe fast einen kampfer-/eukalyptusartigen Eindruck. Der Duft ist herb - toll! - und nicht süß. Ein klassisch grüner Auftakt, gut gemacht, aber auch nichts Neues.
Schon schnell ist das Elemi und Holzigkeit zu riechen, Gras, hier Rasen, und dann leicht bittere Blätter.
Eine gewisse Lebendigkeit ist dabei, über den Tabak, vermute ich, aber sehr dezent. Tonka dagegen müsste ich mir selbst schon stark suggerieren, um es zu riechen.
Herz- und Basis haben dann eine angenehme Harzlastigeit, sehr schön, wirklich, für die es sich fast lohnen würde, aber wegen der wenig originellen Kopfnoten ist, das sage ich gleich direkt, Papyrus Moléculaire kein Kaufkandidat für mich.
Der Papiereindruck, trockene Iris sind angenehm umsetzt, es handelt sich hier deswegen auch nicht um einen naturalistischen Naturduft. Die erwähnte Druckerpapier-/Tonerassoziation kann ich verstehen, ebenso die Safranassoziation, der ja oft auch etwas Papieriges hat.

In Bildern geschildert: Wir haben es hier mit einem Arbeits-/Schreibzimmer einer Autorin zu tun, die die Fenster weit öffnet hin zum Garten, kultivierter Garten wohlgemerkt, geharkt, begärtnert, ohne wuchernde Wilnis. Ein modernes Arbeitszimmer ohne ledergebundene Schinken im Tropenholzregal, sondern mit einem sleeken Notebook, dem Laserdrucker und der obligatorischen Wasserkaraffe. Vielleicht der augenzwinkernde Gedanke nur daran, wie man ein Pfeifchen rauchen könnte im Studierzimmer. Aber man raucht heutzutage nicht mehr.

Spezialanmerkung: Da ich weiß, dass das für manche hier ein Spezialinteresse ist, sei es erwähnt: Durch den grünen Start und die Harzigkeit im Drydown ist ein warm-kalter, aber auch ein saftig-trockener Duft gelungen.

In ähnliche Richtungen gehen meiner Meinung nach Maison Margielas (untitled), den ich gar nicht mal so dolle finde, Comme des Garçons Serpentine (den ich schätze wegen seiner Asphaltnote), Eau d'Italie - Jardin du Poète (Garten as Garten can), Eau de Fleurs - Capucine von Chloé (auch wunderbar grün), oder, für mich neu entdeckt und als großartig befunden, Carthusias Essence of the Park. Wenn ich diese besitze und trage, brauche ich den Papyrus Moléculaire nicht.

Also ingesamt hatte ich mir ein bisschen mehr davon versprochen. Papyrus Moléculaire ist für mich wenig spektakulär und auch nicht aufregender als die Kombi Zeder, Iris + was Grün-Frisches. Wenn die Inspiration Zigarillo rauchende Frauen waren - näääh, das ist hier nicht abgebildet.

Wir kriegen keine Poesie getippt, da im Autorenzimmer, sondern eine Pressemitteilung für den Brotjob; wohlgelaunte Betriebsamkeit aber ist da, man ist so ziemlich zufrieden im Homeoffice.
6 Antworten

Jingle vor 2 Monaten 6
7
Duft
4
Haltbarkeit
6
Sillage
10
Flakon

Got my mojo working
Chypre mit Patchouli und Frucht. Ich gebe zu, nicht nur war ich verwundert über die Kombi, ich war auch sehr misstrauisch. Befürchtete altmodisch-moosige Erde, pappige synthetische Frucht und olles Patchouli. Fantasierte ein höllisches Gebräu. Jedoch, ihr ahnt es bereits: Ich lag daneben. Der Duft ist toll!

Ein galaktischer Auftakt – ich möchte jubeln. Die Mango noch mit grüner Schale und festem Fruchtfleisch, Bergamotte gibt angenehme Frische, trotzdem ist das Bitzeln einer überreifen Frucht mit angedacht, aber ausschließlich lecker, kribbelnd, aufregend. Nicht zu süß, Gott sei Dank, und nicht die generic Mango aus dem Eistee oder dem Pflegeprodukt respektive Raumduft.
Patchouli, ja, untermalend und sauber, seifig fast. Der Duft ist nicht dampfig, sondern wirklich schön erfrischend, wässrig-klar (und ich meine nicht aquatisch) in der Herznote.
Da ist nichts Kantiges, ein easygoing Geruch, wenn man die generelle Richtung mag. Nichts Erdiges bei mir, nichts Moosiges. Gefällig, auf eine gute Weise!

Mein Vorredner muss ich, was das „Geil, geil, geil“ betrifft, beipflichten. Also: Das ist auch ein sexy Duft, und zwar einer, der zu allen Geschlechtern super passt. Intellektuelle, tongue-in-cheek Sexyness mit einem Spritzer Ironie. Mehr der Flirt im Lift als die Verführung über die Tischfunzel hinweg in einer Cocktailbar. Leichtfüßig.

Haltbarkeit und Sillage keine Monster, zumindest nicht auf meinem Handgelenk. Ein leichter, klarer Duft für den Frühling oder den Sommer. Einen Kaffee oder eine Limo in der Sonne mit dem Date, aber auch im Büro, warum nicht? Kaufen werde ich ihn mir nicht, weil seine Vibes nah an Eau de Rhubarbe Écarlate sind, den ich zu solchen Anlässen gerne trage. Und er dürfte für meinen aktuellen Geschmack auch etwas femininer sein, Chypre Mojo/45 ist schon ein Hosenduft sozusagen.

Die Komposition ist nicht das, was ich Chypre nennen würde, niemals, aber das, was ich Mojo nennen würden. Und ich leite über zum obligatorischen Laberteil:

Das titelgebende Mojo ist nicht nur das, was Austin Powers in einem seiner Filme verliert, sondern auch und vielmehr ein Amulett oder gleich der ganze Zauber, den man bei sich trägt. Als Talisman oder als Beutel, jedenfalls nah am Körper. Mojos kennt man aus afroamerikanischer Musik (Anspieltipp: Muddy Water – Got my mojo working); Mojo kommt aus der afrikanischen Hoodooreligion der in die USA verschleppten Sklaven. Südstaaten ja, sumpfiges Chypre, Louisianamoos dagegen nein. Es handelt sich aber um eine romantische, über Bilder, Songs und Bücher kommunizierte Vorstellung, eine ins Parfüm übersetzte Stimmung, nicht um die matschig-organischem Swamps. Das begrüße ich hier!
Aber zurück zum Mojo: Da Liebeszauber immer viel Nachfrage finden und durch Gebrauch und Bedeutungsveränderung des Worts wurde es auch mit dem bereits oben im Zusammenhang mit Austin Powers erwähnten Beiklang anreichert, der da heißt: Libido. Und das passt ja herrlich zu Musik, dem Anlock- und Anbahnungsmittel für amouröses Diesdas seit Anbeginn der Menschheit, eigentlich ganz ähnlich zur Parfümiererei.
3 Antworten

Jingle vor 2 Monaten 11
7
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon

Trostspender
Milch, eine für mich jenseits von diffuser Rundheit schwer herauszuriechende Note, interessierte mich an diesem Duft besonders - und Elemi gehört zu meinen Favorites. Auf die Vanille war ich insoweit gespannt, als ich sie als eine kniffelige, oft billig gemachte und deswegen mir in weiten Teilen verleidete Duftnote ist. Ich schätze die Vanille in Eau Duelle, in meinem geliebten Santal Carmin, der in Milk Musk näherte ich mich wie den meisten Vanilles skeptisch. Zu unrecht.

Für mich hat Milk Musk im Auftakt eine klare Backzutatenassonanz, üppige, essbare Vanille wie in der dick fließenden, vollfetten dänischen Vanillesoße aus dem Tetrapack. Lecker, geborgen, wie bei der Mama daheim. Hier keine dunkle Vanilleschote (die im echten Leben für mich immer etwas Tabakhaftes hat), sondern die in Milch gelöste Schwarze-Pünktchen-Vanille. Eine tolle Vanille, und noch mal ganz anders als die, die ich aus anderen Parfums kenne, aber auch nicht meine favorisierte. (Im Vergleich zu bspw. Eau des Missions ist sie hier: buttriger, weniger würzig, familiärer und mehr gemütlich als elegant.)

Die Tonkabohne stellt im Duft, wie auch beim Würzen mit derselben, eine unterstützende Rolle für die Vanille dar, ohne selbst zu stark hervorzutreten. Das ist gut gelungen, finde ich.

Der Duft hat für mich, nicht der größte Gourmandfan, gourmandige Qualitäten, und Moschus, Ambroxan, Benzoe untermalen nur den essbaren Aspekt. Sie rücken den Duft aus der Naschecke raus, aber nur gerade so weit, dass es parfümig und nicht nach Kuchenbacken riecht. Holzige Noten bekomme ich hier gar nicht (leider, ich liebe Holz), aber das bereits angesprochene Likörige kann ich gut nachvollziehen. Die Süße hält sich meiner Einschätzung nach in Grenzen, zum Glück.

Der Flakon passt wunderbar zu seinem Inhalt übrigens: das sahnige, weiße Böbbelchen obendrauf, wie ein Schneeball, eine Milchbrust, der Bommel auf der Wintermütze. Ihr lest die Bottomline heraus: ein an die Kindheit erinnernder Geborgenheitsduft für die kalte Jahreszeit, zum Einschlafen. Für mich ein Duft, den man im Privaten trägt, zu Hause oder vielleicht unter dem warmen Pullover zu einem tröstlichen Spaziergang. Nichts, was mich für einen Arbeitstag ausrüsten würde, nichts, was ich zum Ausgehen tragen würde.
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Jingle vor 3 Monaten 3
9
Duft

Art/Exit über den quietschgrünen Rasen
Alles klar, ich liebe den! Lange umschlichen, Pröbchen um Pröbchen verbraucht, jetzt jedes Mal Kribbeln im Bauch, wenn ich ihn im Schrank spotte.

Ich war noch nie in den Serpentine Galleries, noch nie in London. Und käme ich nach London, würde ich mir auch zuallererst das Barbican ansehen. Die Serpentine Galleries umweht für mich aber eine Faszination, die nur durch Unkenntnis entstehen kann, und die ich auch gar nicht stören will. Eine Freundin erzählte mir von einer Lesung, die sie dort hielt, ich war mörderbeeindruckt, ich fantasierte.

Und dann Tracey Emin, deren Karriere ich nicht wirklich verfolgt habe, deren Zeltkunstwerk „Everyone I Have Ever Slept With“ ich aber nie vergessen habe. Ich hatte es als Teenager einmal in einer Frauenzeitschrift gesehen (und war ehrfürchtig ob der Personenanzahl!). Emin hat den Flakon gestaltet, der mit seinem ausgefransten Print aussieht, als wisse jemand nicht, wie man eine Zeichnung freistellt und/oder sich sagte, egal, das lass ich jetzt so. Eine gewisse Rotzigkeit beim Kunstmachen = me like. Genaugenommen handelt es sich bei Serpentine dann also um einen Promiduft, non?

Viel avantgardiger Kunstnebel also um das Parfum, viel 90er, als Comme des Garçons respektive Rei Kawakubos Mode dem krampfhaft Arte guckenden Kleinstadtmädchen etwas von Ausbrechen, aufregender Zukunft und verheißungsvoller Ferne (Japan!) versprachen.

Ja, aber wie riecht er jetzt? Zu Beginn ist sofort der Rasen zu erkennen, rasiert-domestiziertes, sauberes Gras, die Blumigkeit der Iris meldet sich, Galbanum. Der Eindruck ist hell, flächig, wie ein Park inmitten einer Stadt, in der sich künstlich angelegte Hügel vor einem Blick in die Weite ausbreiten, darüber wolkenloser Himmel im Juni. In der Ferne ein paar Hochhäuser, denn es handelt sich um einen urbanen Duft. Ich nehme an, das rührt von der Asphaltnote und den ozonischen Noten, der häufig genannte synthetische Eindruck. Den finde ich angenehm, aufgeräumt! Wer unberührte Natur sucht, ist hier falsch – bei Serpentine darf man bei Gras schon fast den Rollrasen oder Plastikrasen mitdenken, das Science-Fiction-Gewächshaus. Moschus ist deutlich, über den Muskat kommt dazu eine kleine Sexyness mit rein. In der Basis kriege ich nichts Differenziertes raus, betrachte die eher als funktional. Ich war froh, dass ich das Guajak nicht rausrieche (oder vielleicht habe ich das unter den Muskat subsumiert).

Der Duft ist sommerlich leicht, projiziert nicht stark, aber er – Achtung, Wortspiel! - hilft mir, fett zu projizieren und wieder dieses verheißungsvolle Gefühl zu channeln, dieses Kunstversprechen, es gäbe was unglaublich cooles Erhabenes, und naja, was man empfindet ist immer echt, und mit Serpentine fühle ich mich state of the art und träume und assoziiere so rum, wie ich der Profanität entkäme.
2 Antworten

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