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Marieposa

Marieposa

Rezensionen
1 - 5 von 90
Neumondschwestern
In nebelschwelenden Neumondnächten
Begleitet deine Schritte Hundegebell
Camphergrün das Glimmen ihrer Augen

Von Welt zu Welt

Flimmernd wie ein Herzschlag
Mein gefrorener Atem
Wo sich die Wege kreuzen

Von Welt zu Welt

Das Kräuterbündel devot dargebracht
Zu den Zedernwurzeln
Anis auf krustiger Erde

Von Welt zu Welt

Wo der Schlüssel schlummert
Zu waldweiten Pforten
Hüllst du mich in deinen Ledermantel

**

Ich hege große Sympathien für Abby Hinsman aus Vermont, die ihre größtenteils pflanzlichen Düfte in kleinen Chargen von Hand mischt und die Ingredienzien, wenn möglich, sogar in ihrem Garten zieht oder in ihrem eigenen Waldstück sammelt. Der ganzheitliche künstlerische Ansatz, den sie mit ihren Düften verfolgt, zielt darauf ab, Momentaufnahmen besonderer Orte olfaktorisch abzubilden oder mythologische Figuren und Märchenmotive neu zu interpretieren. Im Gesamtkonzept schwingt ein unaufdringlicher feministischer Ansatz mit, der mich endgültig um den Finger wickelt.
Wild Veils Hecate startet mit ätherisch flirrendem Campher, so hellgrün und kühl, dass ich die Eiskristalle des ersten Frosts auf hellgrünen Halmen assoziiere. Nach ungefähr einer halben Stunde setzt sich das scharf-kalte Klirren der krautigen Noten, die Camphernebel werden zu zarten Weihrauchschwaden und geben den Blick auf einen verzauberten Zedernwald frei. Eine Welt aus samtigem Dunkelgrün auf spröden Patchouliböden, die myrrhewarm gegen eine durchgehend präsente kühle Anisnote anatmen, um mit einer eigenartig anziehenden Ledernote auszuklingen.
Für mich ist diese waldgrüne Hekate mit ihrem ausladenden Kräutergarten eher eine Baba Jaga. Ich höre sogar förmlich das Scharren der Hühnerfüße ihres Hexenhauses. Und vielleicht ist dieser Brückenschlag gar nicht so verkehrt: Genau wie Hekate bewegt sich auch Baba Jaga in ihrer dreifaltigen Ausprägung als Jungfrau, Mutter und weise Frau zwischen Tod und Wiedergeburt. Durch die Christianisierung hat Baba Jaga allerdings ihre Göttlichkeit eingebüßt und übrig geblieben ist eine menschenfressende Hexe, die mit dem Teufel im Bunde ist.
Umso schöner, dass mich Abby Hinsman mit diesem filigranen, etwas flüchtigen, dafür aber sehr tiefgründigen Duft an die machtvolle, lebensspendende Seite einer in Ungnade gefallenen mythologischen Figur erinnert und an die verlorene Weisheit, die sie hütet.
29 Antworten
The Indie Sleaze
Warst du das, der mir eine aldehydglitzerde Tiara in die schwitzigen Strubbellocken gesteckt hat?

… You are the villain who sends a
Line of dark fantastic passion
I know that you will surrender …

Du kommst mir bekannt vor, obwohl ich nicht glaube, dass ich dich heute schon mal gesehen habe. Oder sonst wann.

… Tonight we’re gonna bring
Tomorrow’s happiniess
Gonna live like it’s the end …

Selbstverständlich trage ich keine Armbanduhr. Wer macht das schon? Die Stunden zwischen Tanzfläche und Wodkashots an der Bar lassen sich an den Laufmaschen in meiner schwarzen Strumpfhose zählen.

… Flick your cigarette, then kiss me
Kiss me where your eyes won’t meet me …

Und deshalb schließe ich die Augen und fühle den übersteuerten Bass unter meinen Füßen, der kein bisschen zum Song passt, bevor ich mich blind in fremde Arme fallen lasse.

… You can feel my lips undress your eyes …

Mein Leopardenmantel ist dort hinten von der Box gerutscht. Normalerweise wird der DJ sauer, wenn jemand sein Zeug einfach hinschmeißt, aber wir haben eine unausgesprochene Vereinbarung. Mein Blick flattert ein wenig und da ist eine Hand, die wärmer ist als mein Bauch unter dem Band-T-Shirt.

… Cheating heartbeat
Rapid fire …

Courtney Love hatte so einen Mantel. Und Kate Moss. Amy Winehouse vermutlich auch. Meiner hat ein paar Brandlöcher von fremden Zigaretten abbekommen und das Polyester ist aufgeraut, aber wenn ich ihn trage, bin ich eine Göttin mit verschmiertem Kajal.

… And I love that little game you had called
Crying Lightning …

Ich muss lachen, weil die ganze Welt plötzlich so weich ist und irgendwie süß und weil ich spüre, dass du mir etwas ins Ohr sagst, aber verstehen kann ich dich nicht.

… I love you to death,
But I must suggest
You’d better run, run, run boy
Faster than the past
Through the looking glass
If you want the night to last …

Einen Moment bleibe ich noch.

… She's not gone yet but she's leaving …

Oder etwas länger?

… Ich heiße Superfantastisch!
Ich trinke Schampus mit Lachsfisch! …

**

Ich habe schon seit einer Weile den Verdacht, dass ich synthetische animalische Noten stärker wahrnehme, als ich sollte. Bei Une Robe de Zibeline ist auf jeden Fall eine sehr präsent, obwohl der Duft erst mal einen Chypre im Aldehydeschleier andeutet. Da ist ein Kopfnicken in die Richtung opulenter Klassiker und natürlich legt schon allein die Namensgebung nahe, dass Dawn Spencer Hurwitz Zibeline (1927) Parfum von Weil im Sinn gehabt haben könnte, als sie diesen Duft kreiert hat, obwohl sie darauf nicht expliziert in der Beschreibung auf ihrer Homepage hinweist.
„I would call this a smoldering fragrance“ heißt es dort, und, ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen, wobei mir dank meiner Überempfindlichkeit alles andere als „flickering candle light in a dimly lit room“ in den Sinn kommt. Diese so offensichtlich synthetische Animalik, die sich in meiner Wahrnehmung im Vordergrund befindet, macht von Anfang an klar, dass es sich hier nur um einen modernen Duft handeln kann, der jedoch sehr geschickt mit seinem Retro-Charme kokettiert. Statt Josephine Bakers zahmem Geparden (wie bei Weil), sehe ich Courtney Love in ihrem tausendfach kopierten und nie erreichten ikonischen Kunstfellmantel vor meinem geistigen Auge, und bei dem wäre bestimmt auch niemals jemand auf den Gedanken gekommen, dass es ein echter Pelz sein könnte.
Im Verlauf streifen blumige Noten meine Nase, die ich jedoch nicht deutlich genug rieche, um sie identifizieren zu können, bevor eine wunderschöne samtige Iris mit hautwarmer, vanilliger Benzoe und einer feinen Ledernote den Kunstpelz zähmt.
Une Robe de Zibeline bringt mich unmittelbar zum Lächeln. Klar. Selbstverständlich hatte ich auch so einen Mantel wie Courtney Love und eine Kollektion schwarze Seidenkleidchen oder kurze Lederröcke und Band-Shirts zum drunterziehen. Inzwischen, habe ich mir sagen lassen, heißt dieser Look Indie Sleaze, aber ich glaube nicht, dass wir in den 00er-Jahren einen Namen dafür hatten. Und während ich grinsend an meinem Handgelenk schnuppere, beschließe ich, dass ich mir die Fingernägel wirklich mal wieder schwarz lackieren könnte. Mit einem leuchtend roten Mittelfinger, versteht sich.

Die wüst durcheinander zitierten Songs kann man zum Beispiel hier anhören:
Franz Ferdinand: Darts of Pleasure https://youtu.be/wznMbAkyBHQ?si=1QnkRZyb7g53RSw1
The Libertines: Run, Run, Run https://youtu.be/Idv8E-cg-us?si=TcxvWJ9TIJW833gl
Franz Ferdinand: No You Girls https://youtu.be/25sBhhOR4lw?si=syJlCBxoCrDooQ1-
Arctic Monkeys: She’s Thunderstorms https://youtu.be/gW2WylJSgwg?si=aHhoyK3-whpcvTmn
Arctic Monkeys: Crying Lightning https://youtu.be/fLsBJPlGIDU?si=VD8w8ZcqPnMrwtu9
The Fratellis: She’s not gone yet https://youtu.be/jCc1GBXxi1Q?si=Z0MAPN3O1I4ThFcK

Nächstes Mal lasse ich deine Post nicht mehr ewig herumliegen, lieber Floyd. Danke!
21 Antworten
Mustererkennung
Wenn er mir noch mal ungebeten Whiskey oder Pfirsichschnaps nachschenkt, werde ich wohl gehen müssen. Aber wohin? Verstohlen klemme ich die kleine Ledertasche etwas fester unter den Arm und kann nicht verhindern, dass meine Finger erneut zu dem Glas auf dem Tresen wandern, damit ich nicht schon wieder den abgebrochenen Fingernagel auf das dunkle Holz trommeln lasse.
Nein, er kann nicht wissen, was in der Tasche ist. Aber dass ich genauso wenig hierher gehöre wie er, das weiß er, seit ich die Tür zu seiner lausigen Spelunke geöffnet und ihm mit einem Seitenblick zu verstehen gegeben habe, dass die ungewischten Tische mit den Tabakkrümeln nicht für mich infrage kommen. Wie zur Antwort stellte er eine schmale Vase mit Jasmin und sternförmigen gelben Blüten auf die Bar, während seine rechte Augenbraue kaum merklich nach oben wanderte. Ich nahm seine Einladung an und setzte mich.
Vorsichtshalber lasse ich auch jetzt die unteren Lider meiner Augen zucken, nicht zu feindselig, aber doch genug, um zu beweisen, dass nicht mit mir zu spaßen ist. Vielleicht kann ich so vertuschen, dass sich mein Herz scheinbar entschieden hat, sein Zuhause in meinem Rippenbogen zu verlassen, weil ein Mensch, der sich Dilly nennt und mit mir über die Mathematik der Buchstaben und die Sprache der Zahlen reden sollte, nicht pünktlich ist.
Ob er das Muster erkennt, das ich hinterlasse? Das unterdrückte Rutschen auf meinem Hocker, die an mich gepresste Tasche, dann der Griff nach dem Glas oder das Fingertrommeln, wenn ich die Beherrschung verliere, gefolgt vom wehrhaften Auffunkeln meiner Augen.
Längst habe ich seins entschlüsselt: Das anfangs noch so zweideutige Lächeln, das Ordnen der Gläser und dann die Bewegung in meine Richtung, wenn er mit dem Lappen über den Tresen wischt. Nach jedem dritten Wischen prüft er mein Glas. Jedes Mal wird der Blick ein wenig milder. Es ist wie eine Sprache. Ein Code.
Ich hätte einen Hut aufsetzen sollen, wie sich das gehört. Dann könnte ich meine schwindende Fassung unter seiner Krempe verstecken, mich leichter als die Königin geben, die ich so dringend sein sollte. Doch so beobachte ich hilflos, wie ich wieder unruhig auf meinem Hocker zu rutschen beginne, weil der moosgrüne Rock dort an meinem Bein kratzt, wo der Strumpf endet. Davon braucht er natürlich nichts zu wissen. Dieses Mal durchbreche ich das Muster, trinke einen Schluck, hinterlasse eine Spur von dunklem Lippenstift und versuche ein halbes Lächeln.

**

Eine Sekunde lang dachte ich, ich hätte zu lang gewartet, als ich nach dem Sprühen Sekundenkleber und vertrockneten Tabak roch, aber zum Glück war es nur die Kopfnote meines Pröbchens, die gelitten hat. Wäre mir dieser seltene Tropfen gekippt, hätte ich mir das wohl nicht so schnell verziehen … Denn Rumeur entpuppt sich als animalischer Chypre von einer schwelgerisch dunklen Schönheit, die Ihresgleichen sucht: Vermutlich waren da mal Aldehyde, von denen ich jetzt nur noch eine gewürzbestäubte Pfirsichnote wahrnehme, eingebettet in tief dunkles, tintenbitteres Eichenmoos, und zwar inzwischen illegale Mengen davon. Dann kommen animalisch unterlegte Weißblüher ins Spiel – cremig, butterig, opulent –, vielleicht Jasmin und Ylang-Ylang mit Costus? Ein wenig muss ich an Nina Riccis Fille d’Eve denken, wobei Rumeur mit ihrer verwirrenden Dunkelheit wohl deren kompromisslose Femme Fatale-Schwester wäre. Ein Eindruck, der sich verstärkt, als Ledernoten, Zibet und warmes Holz das Bild vervollständigen.
Wie so oft bei Chypredüften schwingt jedoch auch in Rumeur ein innerer Widerspruch mit, der den Duft umso interessanter macht: Mit seinem divaesquen ersten Eindruck scheint der Duft lautstark nach dem ganz großen Auftritt zu verlangen, entpuppt sich im Alltag getragen jedoch als durch und durch zugänglich, wenn nicht sogar verletzlich weich unter der Oberfläche, obwohl er in jeder Phase Haltung zeigt und den Rücken stärkt.
Beim Gedankenspiel, welche Frau diesen Duft in den 1930er-Jahren getragen haben könnte, kommt mir immer wieder Hedy Lamarr in den Sinn. Oder vielleicht hätte Rumeur auch den Codeknackerinnen in Bletchley Park gestanden?
So oder so werde ich mir nun weitere Analyseversuche sparen und noch tiefer in Rumeurs Chypreschönheit vergangener Zeiten versinken, bevor der Duft verfliegt. Die leere Phiole behalte ich, bis sie nicht mehr duftet.

Vielen Dank für dieses besondere Dufterlebnis, lieber Floyd.
25 Antworten
Schlage dunkel, wildes Herz
Schlage dunkel, wildes Herz
Verborgen im Bittergrün
Der Camphernebel
Wo die Schatten fleischiger Blätter
Eins werden mit dem felligen Atem
Schwarzer Böden

Schlage dunkel, wildes Herz
Im Rhythmus ferner Trommeln
An glühenden Feuern
Jenseits der lauernden Augen
Im Unterholz

Schlage dunkel, wildes Herz
Unter der schwarzen Seide
Regennasser Blüten
Auf meiner Haut

Schlage dunkel, wildes Herz
Weil’s nicht die Sonne ist
die den Mond zum Leuchten bringt
sondern die Finsternis

**

Die kleine Schweizer Manufaktur N.O.A.M. – kurz für New Oceans And Meridians – hat es sich zum Ziel gesetzt, uns auf olfaktorischem Wege fremde Welten zu erschließen und lädt mit komplexen, originellen Düften aus hochwertigsten Rohstoffen dazu ein, gewohnte Pfade zu verlassen und Horizonte zu erweitern. Im Fall von Dark Heart of Papua führt diese Reise mit einer nahtlos verblendeten Mischung aus handverlesenen Oud- und Patchoulisorten mitten in die dunkelgrüne Hölle eines tropischen Dschungels.
Hand aufs Herz: Ich weiß nicht viel über Oud und habe immer wieder, je nach Provenienz, Schwierigkeiten, es von Patchouli zu unterscheiden. Dark Heart of Papua scheint dazu geschaffen, diese für mich so schwer fassbare Grenze endgültig zu verwischen. Nach einem prickelnd grünen Auftakt mit viel minzigem Campher, unterstrichen von leicht rauchigem Galbanum, in dem ich einen minimalen Anflug von stalligem Oud wahrnehme, legt der Duft schroffe Hölzer frei, die sukzessive immer weicher werden, um schließlich zu herbem, erdigem Dschungelboden zu zerfallen, der bis in die Tiefen von Vetiver durchwurzelt ist.
Ledrig-animalische Noten haben hier ihre Pfotenabdrücke hinterlassen, führen auf tinten-bittere Moospfade, bis unerwartet Blütenblätter aufschimmern. Gelegentlich kräuseln sich feine Rauchfäden und herbe Kräuter durchs Bild und doch wird der Duft in all seiner Dunkelheit zum blumenledersanften Flüstern.
Dark Heart of Papua hält eine meisterliche Balance zwischen der Bewahrung der rohen Ursprünglichkeit der verwendeten Essenzen und der handwerklichen Finesse eines autodidaktischen Ausnahmetalents, sodass ein Sog in allen denkbaren Grüntönen entsteht und zumindest mein wildes dunkles Herz ein wenig schneller schlagen lässt.

Vielen Dank, lieber Svezenkar, dass ich unerwarteterweise nicht mehr an einer leeren Phiole schnuppern muss.
40 Antworten
My Coney Island Baby
Ich kann spüren, wie sich das Papier zwischen meinen Fingern wellt, und vermutlich könnte ich es noch weitere Stunden anstarren, ohne dass Worte darauf erscheinen oder der Horizont verschwindet, den ich so geflissentlich ignoriere. Von hier aus betrachtet fällt gar nicht auf, dass die Farbe vom alten Riesenrad abgeplatzt ist, obwohl es sich in stoischer Einsamkeit in meinem Augenwinkel dreht. Manchmal weht der Wind die Fetzen einer Melodie heran, treibt sie vor sich her wie den Nieselregen und mein gekräuseltes Haar.

… she's a rose, she's the pearl
she's the spin on my world …

Eine Erinnerung platzt in meinem Kopf wie eine Bubblegumblase. Verschwommene Theaterschminke. Staub wie Irispuder auf Jahrmarktgondeln. Ein fernes Lachen. Doch heute ist mein Lippenstift verblasst, wird bald vergehen wie jene Worte, die nie da waren.

… Halt den Gedanken fest
Auch wenn er falsch ist, du hast recht …

Ich könnte mich auflösen im Vergessen, mich davonschleichen ins Verlorengehen – doch ich könnte auch das Kinn ein wenig nach vorne recken und das Papier in meiner Hand zerknüllen. Denn auch wenn der Regen Fußspuren im Sand verwischt, ist da die vertraute Süße meiner eigenen Haut.

… she's a princess, in a red dress
she's the moon in the mist to me …

Ich könnte aufstehen und die Mascaraspuren unter meinen Augen verreiben. Und ich könnte den Lippenstift nachziehen. Dazu müsste ich nicht mal in den Spiegel sehen.

… Und wir denken, was wir woll'n
Weil wir wissen, es wird spät
Lächerliche Zeit vergeht …

Als ich mich dabei ertappe, wie meine Finger einen Stern in den feuchten Sand malen, ist da nur noch süße Wärme.

… she's my coney island baby
she's my coney island girl …

Vielleicht wird es Zeit aufzustehen.

… Wir sind verlor'n …

**

Ich bin kein besonders visueller Mensch und wenn es ums Fotografieren geht, kann man nicht behaupten, dass ich mit überschüssigem Talent belastet bin. Trotzdem besitze ich eine kleine Lomografie-Kamera mit schrottiger Plastiklinse, die niemals zuverlässig abbildet, was man im Sucher gesehen hat, die Farben entweder überzeichnet oder verwäscht und regelmäßig hängen bleibt, wenn man den Film weiterdreht, sodass die Fotos mal absichtlich, mal unabsichtlich mehrfach belichtet werden. Keine Technik für Perfektionisten! Aber für mich ein beglückender Versuch, ein persönliches Unvermögen in etwas nostalgisch Schönes zu verwandeln (manchmal zumindest) – und ein gewisses Überraschungsmoment in mein Leben zu bringen, wenn ich einen Film entwickeln lasse.
Als ich Lyn Harris‘ Dust vor Kurzem wiederbegegnet bin, hatte ich plötzlich das gleiche wehmütige Ziehen in der Herzgegend, das ich immer empfinde, wenn zwischen meinen zahllosen missglückten Lomo-Fotos unerwarteterweise eins etwas geworden ist. Dieser zarte, transparente Duft mit den fließenden Übergängen zwischen Lippenstift, Irispuder und Himbeerbubblegum flüstert so suggestiv von Nostalgie und Herzschmerz wie das olfaktorische Pendant zu Lomografien vom Riesenrad in Coney Island, auf denen das Farbspektrum im gerade richtigen Maß verschoben ist.
Moschus bildet hier sanfte Wölkchen, schafft eine diffuse Atmosphäre, die der im Verlauf immer deutlicher werdenden vanilligen Benzoe die Schwere nimmt und mit hautwarmem Opoponax umarmt. Hier ist nichts bitter, schwer, stickig oder kompliziert, auch wenn ein Quäntchen Iris-Melancholie die Grenze zwischen warmen und kühlen Noten ausbalanciert.
Lyn Harris‘ olfaktorische Flüstertöne haben mich wieder einmal hinterrücks mit einem Duft verzaubert, dessen gefällige Süße mich aus anderer Hand bestimmt überfordert hätte. Doch so ist Dust nun meine erste Wahl für Tage, an denen die Welt zu laut, zu harsch und zu grell ist und ich einfach nur in einer sanften, nostalgischen Puderwolke versinken und mit etwas Lippenstift eine himbeerrote Grenze zwischen mir und den kleineren oder größeren Alltagsturbulenzen ziehen will.

Vielen Dank für den Wanderbrief, liebe Jeob, dem aus einem überraschenden Impuls heraus nach langer Zeit ein Flakon gefolgt ist.

Die zitierten Songs kann man zum Beispiel hier anhören:
Coney Island Baby von Tom Waits https://www.youtube.com/watch?v=45YK2yvA3cg
Wir sind verloren von Wanda https://www.youtube.com/watch?v=_vrRe4qbgZs
35 Antworten
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