Marieposa

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Marieposa vor 2 Tagen 32 30
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Duft
Breo Saighead
Als du mich gefunden hast, waren die Tage kurz und die Nächte finster. Du wusstest auf einen Blick, wie verloren ich war und du kanntest die Dunkelheit, aber du sagtest kein Wort. Deine Hand schloss sich um meine Finger, sie war stark und warm, und ich folgte dir zu deiner schlichten Hütte. Selbst im Winter trägt die Rosenranke dort an den Wänden vereinzelte Blüten und die Wölkchen über dem Kamin künden vom Feuer, das nie erlischt.
Du heißt mich eintreten, legst eine Decke um meine Schulten, damit mich ihre Wärme wie Balsam umhüllt. Langsam kehrt die Farbe in meine Wangen und Lippen zurück und du lächelst, zeigst mir die getrockneten Kräuter und seltenen Gewürze in deiner Küche, die winzigen goldenen Blüten und den kräftigen Tee. Du weist mich an, das Feuer im Herd zu schüren, die Glut zu hüten und Wasser zu schöpfen aus dem Brunnen vor dem Haus. Und so bleibe ich an deiner Seite, bis der zweite Mond das Licht zurückkehren lässt.
Mit nackten Füßen auf dem lehmigen Boden flüstern wir Gedichte in den Rauch, wenn das Wasser im Kessel unter den Flammen des Herdfeuers aufwallt. Wir rühren den Sud aus schwarzem Tee und Blüten und Geheimnissen, filtern ihn durch feinstes Leder, bis ich spüre, wie die Rauchfäden die kleinen Risse in meinem Innersten versilbern, die dunklen Stellen aufhellen.

Tag und Nacht wird das Feuer in deiner Hütte prasseln. Niemals darf es verlöschen.

**

Breo Saighead, später auch Brigid genannt, ist eine besonders vielseitige, zum Teil auch widersprüchliche Göttin aus dem keltisch geprägten vorchristlichen Irland. Sie gilt unter anderem als die Hüterin des Feuers, als Lichtbringerin, Muttergöttin und Heilerin, ist aber zugleich auch als Schmiedin und Kriegerin bekannt und als Schutzheilige der Poeten – vielleicht weil Geschichten am besten am Feuer erzählt werden? Wer weiß …
Das Fest zu ihren Ehren ist Imbolc, das Mondfest am zweiten Vollmond nach der Wintersonnwende, wenn die Tage im Februar merklich länger werden und der Frühling sich unaufhaltsam gegen den Winter durchzusetzen beginnt. Und genau das könnte mehr oder weniger bewusst der Grund sein, warum ausgerechnet Breo Saighead mir in den wintermüden Sinn kam, als ich Ananda Wilsons The Witch das erste Mal roch.
Mit seinen dunkel ambrierten Harzen, der balsamischen Wärme und den Noten von rauchigem Tee, Gewürzen, ledrigem Osmanthus und ein paar versprengten Rosenblättern hätte ich den Duft zweifellos herbstlich, winterlich eingeordnet, und doch ist er jetzt im Vorfrühling scheinbar genau das, was ich gebraucht habe.
Seit einer Weile bin ich hin- und hergerissen zwischen meiner Sehnsucht nach frischem Grün und dem Bedürfnis, mich einzukuscheln. Habe keine Lust auf meine schwereren Winterdüfte, finde die kühleren Frühlingsdüfte aber zu fordernd. Ein wenig unerwartet füllt The Witch genau diese Lücke dazwischen.
Vielleicht liegt es an der etwas überraschenden ätherischen kampferartigen Frische, die circa fünfzehn Minuten lang über dem Duft glitzert – ich kann beim besten Willen nicht identifizieren, welche der Noten für diesen Effekt verantwortlich sein könnte, aber er sorgt dafür, dass diese konfuse Dichte ausbleibt, die mich oft an Naturdüften irritiert. Dann arbeitet sich Amberbalsam mit ausgeprägter Osmanthusnote in den Vordergrund, legt sich wie Sonnenstrahlen auf die frühlingshungrige Seele, und wird von einer dunklen, rauchigen Teenote und Gewürzen ausbalanciert, als hätte mir jemand einen heilsamen Trank gereicht, gebraut im Kessel über Breo Saigheads ewigem Feuer. Langsam lichtet sich der Rauch und schafft Platz für die leicht animalischen Ledernoten von Osmathus, der Duft wird weicher und beginnt, geheimnisvoll zu glühen wie der letzte Wintervollmond, bevor er immer leiser wird, ein würziges Amberglimmen, und schließlich entschwindet.

Liebe Brida, wie kann ich dir nur danken, dass du diese Kostbarkeit mit mir geteilt hast?
30 Antworten
Marieposa vor 13 Tagen 34 33
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Duft
Huldufólk
Und wieder wird sich die Dämmerung unvermittelt über die Helligkeit des langen Tages legen. Ich kann es spüren, wie die Sonnenstrahlen im diffusen Nebel verschwimmen. Wenn die Wellen wieder brausend an die schwarzen Strände rollen.
Da ist Salz in meinem Haar und manchmal auch auf meinen Lippen. Der Kuss des Nordwinds, der an vereinzelten Tagen schon die ersten Schneeflocken vor sich hertreibt.
Was bleibt mir anderes, als das Fischernetz um mein graues Kleid zu schlingen, bis es zu Birkenschatten wird? Heute versinken meine nackten Füße noch im weichen Moos, das morgen schon unter einer Frostkruste knirschen mag. Und wenn die Nebel dichter werden, strecke ich die Hand vor meine Augen, um zu sehen, ob sie sich auflöst, erkenne meinesgleichen in den Formen jedes Steins, im Flüstern ihrer Schatten.
Lass mich eins werden mit diesem Ort, mit den moosigen Steinen und dem salzigen Wind über dem Sund. Ein Teil dessen, was ich immer war und für immer sein will.

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Manchmal ist es eigenartig. Schon beim ersten Riechen schien mir Útilykt der klarste, eindeutigste und greifbarste der drei Langdegi-Düfte von Fischersund zu sein, doch wenn ich ihn beschreiben will, entzieht sich mir der Duft plötzlich. In gewisser Weise treibt er ein ähnliches Spiel mit mir wie das isländische Huldufólk, das verborgene Volk von Feen, Elfen und Trollen, das sich nur von uns Sterblichen sehen lässt, wenn es gesehen werden will.
Útilykt entstand in Kooperation mit 66° North, einem nachhaltigen Hersteller von Outdoorkleidung, der auf ökologische und soziale Fairness setzt. Ein Konzept, das natürlich hervorragend zu einem Land wie Island passt, dessen Bevölkerung schon immer ganz besonders auf die Gnade der sie umgebenden Naturgewalten angewiesen war und den Respekt vor der Umwelt vermutlich über Jahrhunderte auf die harte Tour gelernt hat. Aus dem Respekt wurde Liebe zur rauen Schönheit des Landes, zu ihren Urgewalten und ihrer Unberechenbarkeit, die in alter Zeit oft nur in Geschichten über jenes Huldufólk erfasst und begriffen werden konnte, das mir nun auf der Nase herumtanzt, während ich versuche, diesen Duft zu entschlüsseln.
Útilykt bedeutet so viel wie „der Geruch im Freien“ und soll den Duft einfangen, den man selbst nach einem im Freien verbrachten Tag angenommen hat und den man erst wahrnimmt, wenn man sich in die gemütliche Wärme seines Zuhauses zurückgezogen hat. Die wilde Natur ist hier also in gewisser Weise gezähmt und vertraut und leise, dabei aber auch ein wenig diffus und schwer zu beschreiben. Und ja, genau diese Erfahrung teile ich: Mal scheint der Duft kristallklar zu sein, zitrisch-algig mit kleinen Salzkörnchen, dann ist da auf einmal nur noch nebelkühles Moos oder arktischer Wind mit Schneeflocken, der Birkenblätter von den Ästen peitscht, oder feuchte Steine, von Flechten und herben Kräutern umrankt – und auch wenn diese einzelnen Aspekte gelegentlich für sich allein stehend auftauchen, vermischen sie sich doch plötzlich wieder und der Duft ist all das zugleich.
„Ein Hauch von Polarbärenflaum, ein Schimmer von Elfenstaub und das Flüstern des Windes“ schrieb @DolcePita so unglaublich treffen vor mir in seiner absolut lesenswerten Rezension, dass ich nicht anders kann, als die Worte noch einmal zu wiederholen. Denn ich bin vollkommen überzeugt davon, dass das stimmt!
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Marieposa vor 18 Tagen 36 32
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Haltbarkeit
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Duft
Emotional Landscapes
Da ist noch das Quietschen der Reifenschaukel. Ein Echo aus Kindertagen. Ein Ort, der stets ein anderer ist, über meine innere Landkarte fließt, und doch ist er da.
Die säuerliche Schärfe von Rhabarber, das Ziehen an den Zähnen, der Geruch nach Gummi, der in den Kleidern des Kindes haftet, weil der alte Autoreifen in der Sonne warm geworden ist und es nicht aufhören kann, höher und immer höher zu schwingen. Grasflecken an den Knien, der Blick auf die schwarzen Steine, die sich in der Bewegung aufzulösen scheinen. Ein beherzter Sprung, dann sind es nur ein paar Schritte, dem Schlängeln bleicher Wurzeln folgend, entlang dem zarten Grün der Gräser bis hinab zur alten Kiefer. Leicht wiegt die Krone aus Gänseblümchen, auch wenn eins davon nun verloren auf den Lavasteinen liegt. Eine Ahnung, dass jeder Sommer ein wenig Winter in sich trägt, jedes Licht die Dunkelheit kennt, und selbst am Horizont wird der Schnee auf den höchsten Berggipfeln nie schmelzen. Ein kleiner Moment, ganz unscheinbar und doch verankert in der Seele. Er formt sie wie der Gletscher den Berg und die Brandung die Küste.
Brich noch eine Stange Rhabarber ab im wilden Garten deiner Eltern, doch selbst wenn du sie mit Zucker süßt, ein Körnchen Salz wird bleiben.

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Fischersund aus Reykjavik hat sich bei der Kategorisierung der Düfte am isländischen Jahreslauf orientiert und unterscheidet die drei dunkeln, winterlichen Skammdegi- und die drei hellen, sommerlichen Langdegi-Düfte. No 8 ist eines dieser Sommerkinder und meiner Meinung nach der hellste, vielleicht auch leichteste Duft der Langdegi-Serie, und doch spielt er geschickt mit Gegensätzen und Kontrasten.
In der Kopfnote vereint sich säuerlich herbe Grapefruit mit stengeligem Bittergrün, aufgelockert von lieblichen Hedionesternen. Schnell übernimmt das Grün die Führung, ich nehme eine ätherisch kühle Note wahr, hätte auf Weihrauch getippt, der hier nicht gelistet ist, und vermute, dass es Kiefer sein könnte. Baumnadeln haben kein leichtes Spiel mit meiner Haut, teilen aber ein paar ihrer natürlichen Facetten mit Weihrauch, und ich vermute, dass mein Eindruck daher rühren könnte. Auch die Fruchtigkeit der Grapefruit nimmt immer grünere Schattierungen an, bis ich sie schließlich als Rhabarber wahrnehme – und mir eine Gedankennotiz schreibe, in der nächsten Rhabarbersaison intensiv auszutesten, ob da wirklich so eine eindeutige olfaktorische Verwandtschaft mit Grapefruit besteht, wie ich sie hier empfinde.
Die anfängliche Kühle wird im Verlauf von einem mineralischen Warme-Steine-Effekt ausbalanciert, für den Iso E Super verantwortlich sein könnte. Der von Anfang an leichte, helle Duft geht in ein transparentes Flirren über, wird jedoch von einer schrägen, aber spannenden, niemals unangenehmen Gumminote am Davonfliegen gehindert. Ich bilde mir ein, dass hier Vetiver mitspielt, der diesen Effekt haben kann, bin mir aber nicht sicher, ob ich die Kombination von Grapefruit und Vetiver inzwischen einfach so oft gerochen habe, dass mein Kopf sie automatisch ergänzt.
Durch die klug eingesetzten Kontraste von Warm und Kalt, Hell und Dunkel schwingt leise Melancholie im diesem Duft mit, der vom Sommer erzählt und den Winter doch nicht vergessen hat.
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Marieposa vor 22 Tagen 39 35
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Haltbarkeit
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Duft
Unter dem Hexenbaum
„Geh hinab zum Fluss, mein Kind“, hatte sie gesagt, die trüben Augen auf mich gerichtet, obwohl ihr Blick nach innen führte. „Lass deine Gedanken hinforttragen vom Lied des Pappellaubs. Dort, wo die Engelswurzen gedeihen und das junge Gras.“
Ja, wie könnte ich diesen Ort vergessen?
Langsam lasse ich die Hände über die kuppelförmigen Blütendolden streifen, sammle Tautropfen, die in meiner Hand zu tränengleichen Schlieren schmelzen. Bedeutungsschwer hatte sie ihre faltige Hand um meine geschlossen, als wäre es ein Abschied, und dennoch lag ein sanfter Zug auf ihren Wangen.
Wie viele Stunden habe ich hier verbracht, umfangen vom Duft der Pappelknospen, als ich sie vorsichtig pflückte, Stück für Stück, bis meine rötlich verfärbten Fingerspitzen von ihren Harzen klebten? Ein Blatt vom jungen Sauerampfer zwischen den Lippen. Lang bevor die Engelswurzen blühten.
Was ich ihr heute bringen darf, hat sie mir nicht anvertraut, und auch nicht, mit welchem Antlitz sie mir bei meiner Heimkehr gegenübertreten wird.
Und so vergrabe ich die Finger im kühlen Grün der Gräser und Kräuter am murmelnden Fluss, lasse den sonnenblinden Blick mit dem flirrenden Licht zwischen den zarten Blättern der Pappel verschmelzen, lausche ihrem hypnotischen Flüstern wie aus anderen Welten. Weit recken die Bäume ihre schlanken Kronen in den Himmel. Zwischen Erde und Luft. Zwischen hier und dort. Genau wie sie. Und schließlich ist es ihre Stimme, die dort flüstert. Als hätte sich eine Pforte geöffnet.

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Vermutlich ist es kein Geheimnis, dass ich eine gewisse Vorliebe für grüne Düfte habe, und dieser hier ist ganz nach meinem Geschmack. Unmittelbar nach dem Aufsprühen erinnert mich No 101 in seinem federweichen grünen Charakter an "L'Esprit Cologne - Tokyo Bloom | The Different Company" , wobei sich in No 101 schnell Angelika und Bergamotte zur bitteren Frische von Cassisknospen mit diesem leicht süßlich-grasigen Riechstoff gesellen, welcher die beiden Düfte miteinander verbindet. Eine Weile flirren Grüntöne in hellsten Schattierungen um meine Nase, erzählen von taufeuchten Wiesen, herben Kräutern, von Sommermorgenstunden, bevor die Hitze des Tages erwacht – und meinetwegen von isländischer Mitternachtssonne in 101 Reykjavik.
So weit so gut. Das ist hübsch, aber auch nicht wirklich neu, zumindest nicht, bis ich eine unerwartete lieblich-balsamische Note ausmache: Pappelknospen! Ein Duft, den man, einmal wahrgenommen, schwer wieder aus dem Kopf bekommt und immer wiederfinden wird, wenn die Bäume im März zu neuem Leben erwachen. Die bräunlich-grünen geschlossenen Knospen der Pappel sind von einem stark aromatischen Harz umschlossen, und es lohnt sich, eine Handvoll zu sammeln und vorsichtig in warmem Öl abzukochen. Mal ganz abgesehen von ihrem unwiderstehlichen Duft enthalten die Knospen Salicin, denselben Wirkstoff wie Aspirin, und die so gewonnene Salbe wirkt entzündungshemmend, hilft bei leichtem Sonnenbrand oder Muskelkater.
Genau diesen einmaligen Frühlingsduft finde ich in No 101 wieder, wo er aufs Angenehmste mit den bitteren Noten von Angelika und Cassisknospen sowie süßem Gras ausbalanciert ist und sich mit etwas Fantasie auch leicht seifiger Kerbel und frischer Sauerampfer ausmachen lassen. Es ist ein entspannter, linearer Duft, der beruhigt – mich zumindest –, und trotz seiner leichten, luftigen Natur erstaunlich lang mit seiner zurückhaltenden Präsenz erfreut.

Die kleine familiengeführte Marke Fischersund aus Island hat sich ganz isländischen Themen verschrieben und vermutlich muss man nicht mal Hallgrimur Helgason gelesen haben, um 101 mit Reykjavik zu verbinden. Dementsprechend soll auch der Duft die grün überwucherten Hinterhöfe der Stadt in den kurzen isländischen Sommern olfaktorisch abbilden – und weil Jón Þór Birgisson in erster Linie Musiker ist und nur in zweiter Parfum herstellt, hat er sich dem Thema auch musikalisch gewidmet: https://youtu.be/J2u1BmsgkVU?si=BrZc_pg_H2wBIqRU
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Marieposa vor 1 Monat 39 38
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Haltbarkeit
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Duft
Bali zwischen Tag und Nacht
Als wolle er mich in einen Dämmerschlaf wiegen rumpelt der Jeep über abgelegene Pisten. Duftend trocknen Gewürze auf dem noch warmen Beton in der Abenddämmerung. Nelken, Anis und Piment zwischen hellen Tabakblättern. Mit geschickten Handgriffen sammeln die Frauen des nahen Dorfes ihre Gewürze ein, bevor die Nacht anbricht. Bayrumfunkeln in den Bechern lachender Männer, aufgewirbelter Staub unter den Rädern, das trockene Heu auf der Ladefläche, auf der wir sitzen. Der Fahrer muss sich eine Kretek angezündet haben. Aus seinem Sitz quillt die Füllung wie sprödes Stroh. Rauchfäden wehen silbrig durch die Abendluft, dunkel dräuen Regenwolken am fernen Horizont, eine kühle Brise in der Tropenluft, vielleicht vom Ozean. So unbekannt das Land, doch du duftest nach Moos, wenn ich den Kopf auf deine Brust sinken lasse, nach rauen Hölzern und bitteren Limetten. Tierstimmen dringen aus der Dunkelheit des Dschungels, das Lied der Flughunde im letzten Licht des Tages. Wie leise murmelt dagegen der Wind in den herben Gräsern am Wegesrand. Das Knistern der Nelkenzigarette, ihr Glühen wie Feuer in der Ferne.
Lass die Finger durch mein Haar gleiten, dich umhüllen vom Duft des Augenblicks, dem beruhigenden Rumoren der Straße zwischen Fremde und Vertrautheit, zwischen Tag und Nacht.

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N.O.A.M. – kurz für New Oceans And Meridians – hat es sich auf die Fahnen geschrieben, mit seinen Düften auf olfaktorische Reisen zu entführen, Geschichten von anderen Zeiten und fernen Orten zu erzählen. Ein gefundenes Fressen also für Leute wie mich, deren Hunger nach Geschichten maximal von ihrem Fernweh überboten wird – und ich stelle begeistert fest, dass das Konzept ganz wunderbar funktioniert.
Schon der Name „Kayu Kretek“ lässt ahnen, dass diese Reise nach Indonesien führen soll, obwohl ich zugeben muss, dass die säuerlich scharfe Limette, die die Kopfnote dominiert, für mein Empfinden noch nicht wirklich ortsgebunden ist. Doch bald mischt sich die etwas stechende Zitrusfrucht mit einer schönen, authentischen Note von Nelkenzigarettenrauch. Es dauert ungefähr fünfzehn Minuten bis zu diesem magischen Moment, an dem ich dann unwillkürlich und ohne es richtig zu bemerken die Augen schließe. Plötzlich bin ich wieder auf Bali, an jenem abgelegenen Winkel der Insel, wo die Leute Gewürze, Tee und Gräser in der Nachmittagssonne auf den rumpeligen, staubigen Betonpisten zum Trocknen ausbreiten. Ich kann jede Menge Nelken und Piment wahrnehmen, aber auch Anis, Vetiver (das Laub ebenso wie die Wurzeln) und genau wie damals auf Bali noch tausend andere Dinge, die ich nicht benennen kann. Dann wird der Duft immer stärker von Bay Rum, hellem Tabak und heuartigem Coumarin durchzogen, bevor sich trockene, dunkle Holznoten, leicht erdiges Patchouli und samtiges Eichenmoos durchsetzen. Über alldem schwebt immer ein wenig Nelkenrauch und sorgt für wundervolle Hell-Dunkel-Kontraste und eine erstaunliche Leichtigkeit im Duft, die mich immer ganz besonders beeindruckt, wenn sich Parfumeure wie im Fall von N.O.A.M. den Griff in die Synthetiktrickkiste versagen.
Strenggenommen ist da für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Coumarin im Duft. Und strenggenommen sind mir die dunklen Hölzer ein bisschen zu trocken und die Limette in der Kopfnote ein bisschen zu dominant, aber am Ende des Tages ist das alles Haarspalterei, weil mich der Duft in seiner Gesamtheit rundum überzeugt und ich es unendlich genieße, einfach nur die Augen zu schließen und für einen Moment wieder an jenem besonderen Ort auf Bali zu sein – was sich übrigens ungefähr einen halben Tag lang beliebig oft wiederholen lässt.
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