NordiqueNordiques Parfumkommentare

29.08.2019 16:04 Uhr
5 Auszeichnungen
So betitelte Diggi-Dendemüller schon 2010 die musikalische Ausgestaltung seines zweiten Studioalbums. Und so oder so ähnlich findet sich dieser Titel unter Garantie bereits über zahlreichen Parfumkommentaren, -blogs und –statements dieser wunderbaren Community, diesem Spielplatz für diejenigen Menschen, bei denen der zweite Sinn in jungen Jahren beim imaginären Wurstwarenfachverkäufer eine ganz besonders große Scheibe extra auf die Nasenhand bekommen hat (an alle jungen Muttis und Vatis da draußen: Wird sowas heute noch gemacht? Scheibe extra an der Theke für die Kleinen? Oder ist das auch schon Vintage? Oh, to be young(er) again …)

Was die obige, unterstellte Tatsache (ich habe im Zuge meiner Recherche bisher lediglich einen Bruchteil aller hier verfügbaren Kommentare, Blogs und Statements auswerten können – und dann irgendwann einfach aufgegeben) über die Popularität des Wortakrobaten mit der Reibeisenstimme und seines musikalischen Schaffens bei überdurchschnittlich aktiven Duftaficionados aussagt, das weiß ich leider nicht. Vielmehr attribuiere ich einfach mal die Beliebtheit dieses Titels auf seinen Witz und Eingänglichkeit … und natürlich auf seine intertextuelle Hommage an Clark Gable und Co. – ist doch klar, ist doch Vintage!

Eine Sache, die mich meine bisherige Zeit bei Parfumo nämlich gelehrt hat, ist die Unterscheidung von Vintage und Retro. Glaubt man einem bestimmten Minnesangsquintett aus Karl-Marx-Stadt, eine essenzielle Fähigkeit, wenn man im kontemporären urbanen Dschungel aus Hipstern und Digitalnomaden bestehen möchte. Kurzes, reißerisches PR-Statement für die Klicks: Ich mag Berlin. Hamburg aber noch viel, viel (viel!) lieber.

Bis vor ein paar Monaten, das gebe ich zu, habe ich sowohl Batch-Diskussionen (in ihren absurdesten Auswucherungen, wohlgemerkt!), als auch Vintage-Talk (nicht den Puder – und erst recht nicht das Fett) auf dieser Plattform ein wenig belächelt. Bei ersterem ist das zum Teil noch immer der Fall – während letzterer mich unerwartet eindrucksvoll eines Besseren belehrte.

So kam es, wie so oft, zu einem Probentausch zwischen einem weiteren Parfumo-Mitglied und meiner Wenigkeit. Unverhofft, und so ist es doch eigentlich immer bei den RICHTIG tollen Duftentdeckungen, haute mich die Probe eines Duftes so dermaßen aus den olfaktorischen Socken, dass ich meine Begeisterung dem edlen Tauscher umgehend mitteilen musste – in der Hoffnung, er könne mir die Bedenken ob der allgemeinen Verfügbarkeit dieser Kreation nehmen. Denn es handelte sich – na, erraten? – um eine VINTAGE-Probe. Von Davidoffs „Zino“, um genau zu sein.
Ein Duft, den es im untersten Drogerieregal mittlerweile für den viel zitierten Appel un‘ Ei gibt. Ein Duft, den ich stets mit Herren väterlichen, gar großväterlichen Stereotypes assoziierte.

Und nun das. Ich bin nicht (mehr) leicht zu beeindrucken, was neue (!) Dufterfahrungen angeht. Und ich muss zugeben, dass mir viele Herrenkreationen der Achtziger und Siebziger nicht sonderlich zusagen (grün-wald-frisch-puder links, rechts und mit’m Stock auch noch mal!) Aber dieser hier? Von 1986? Da war ich noch nicht einmal geboren, der HSV gewann noch Titel und Chemnitz hieß noch Karl-Marx-Stadt. Und war auch damals sicherlich nicht ganz so hip wie Berlin (kontrovers once again, ich weiß).

So kam es nun, dass der edle Parfumo-Tauscher und noch dazu, ein Glück, ausgewiesener Zino-Kenner mir dringend davon abriet, der in der Drogerie ganz unten zu findenden Version des Wässerchens auch nur einen einzigen Funken meiner Begeisterung zukommen zu lassen. Ich solle es einfach mal parallel testen – Zino gegen Vintage-Zino. Immer noch von einer gewissen Vintage-Skepsis getragen, hoffte ich beinahe darauf, dass mir die im Drogeriegeschäft verfügbare Version ebenso zusagen würde, wie die ertauschte Probe.

Relativ siegessicher schritt ich zum Test.

Pustekuchen. Ohne Talk. Aber mit ordentlich Zucker.
Die aktuelle Version könnte man höchstens als retro bezeichnen. Aber Vintage – das … ja, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Vollmundiger, ausdauernder, feiner. Von Blässe keine Spur.

Das Sparschwein verlor in Windeseile sämtliche Kontur – und ich kann mich, auch wieder Dank eines weiteren Parfumos, mittlerweile als stolzer Besitzer eines VINTAGE-Flakons identifizieren.

Tja. Und spätestens jetzt ist es höchste Zeit, sich einzugestehen, was eingestanden werden muss: Einer der für mich absolut schönsten und, wer hätte das gedacht, zeitlosesten (!) Düfte, die ich kenne – seit über dreißig Jahren auf der Flucht vor mir. Endlich habe ich ihn eingeholt.
Und ich bin zurzeit weder Vater, noch Großvater. Kann ja alles noch kommen – mit Davidoffs Achtzigerjahrezugpferd fühle ich mich, zumindest olfaktorisch, bestens vorbereitet ;)

Aber – versteht sich – NUR in der Vintage-Version! Bleib mir wech mit retro, Davidoff!

Ich bedanke mich für’s Lesen, liebe Community!


04.06.2018 00:10 Uhr
25 Auszeichnungen
Manni ist unser Schornsteinfeger. Was sage ich da - nicht nur unser Schornsteinfeger! Er kümmert sich um die Kamine und Heizungen unseres gesamten Ortsteils.

Es ist Mitte der 90er-Jahre und ich habe in meiner kindlichen Naivität noch nicht die blasseste Vorahnung, dass Manni und seinen, zumindest in meiner romantisierten Vorstellung schwarz gekleideten, zylindertragenden und mit Ruß verschmierten Kollegen rund zwanzig Jahre später ihre berufliche Monopolstellung streitig gemacht werden wird. Geschweige denn wusste ich, was das Wort Monopolstellung überhaupt bedeutete. Ich muss noch weiter gehen – ich hatte es vermutlich noch nicht einmal je gehört.

Schwarz gekleidet, zylindertragend und mit Ruß verschmiert war Manni eigentlich auch nie. Aber der freundlich lächelnde Comicschornsteinfeger auf Mannis weißem Fiat Ducato – der war es!
Manni ist ein recht kleiner Mann. Leicht untersetzt, beginnende Tonsur auf dem Kopf und einen ordentlichen Schnauzer unter der Nase. Bei uns in der Nachbarschaft kennt ihn natürlich jeder – und jeder ruft ihn bei seinem Spitznamen „Schorni“.
Der ordentliche Schnauzer lässt ihn oft grimmig erscheinen, aber er ist ein unheimlich freundlicher, abgeklärter Kerl, der niemals auch nur eine Spur Hektik aufkommen lässt. Nach jedem Besuch in seiner Funktion als Heizfachmann lässt er eine kleine, schwarze Schornsteinfegerplastikfigur da – sie sieht lustig aus und, viel wichtiger, sie bringt Glück!

Manni hat für mich persönlich noch eine weitere ganz wichtige Rolle: Er ist der Vater meines besten Freundes. Jeden Nachmittag nach der Schule bin ich bei „Schornis“ und sehe mit meinem Freund fern. Manni läuft ab und an durchs Wohnzimmer – und zieht stets einen Duftschweif mit sich.

Die Jahre gingen ins Land, doch der Duftschweif hat sich in der hintersten Ecke meines olfaktorischen Gedächtnisses festgebrannt.

Mittlerweile haben wir es 2018. Manni hat vor ein paar Jahren gerade rechtzeitig vor der Monopolkippung seines Berufes den wohlverdienten Ruhestand antreten können. Mehrere Dekaden im Dienste unserer Nachbarschaft – damit wir es im Winter auch immer gut warm haben.

Vor einigen Wochen stand ich links neben Mannis Sohn, meinem besten Kindheitsfreund. Rechts neben ihm eine wunderschöne, ganz in weiß gekleidete Frau mit Tränen in den Augen – sie halten sich an den Händen. Vor ihnen der Traualtar.
Ich war wesentlich weniger nervös als die Beiden. Meinen einzigen Job als Trauzeuge hielt ich in Form der Ringschachtel in den Händen – ganz abgeklärt und ohne jedwede Hektik.

Ich drehte mich um, und erblickte einen recht kleinen, leicht untersetzten Mann mit recht wenigen grauen Haaren und einem dünnen Schnauzer unter der Nase in der ersten Kirchenbank stehend. Er schaute freundlich drein, gar etwas gerührt.

Vor der Kirche, untermalt vom Glockenläuten umarmte ich den Bräutigamsvater beim gratulierenden Händedruck. Mir schoss ein nur allzu vertrauter Duft in die Nasenhöhlen.

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Epilog: Ich bezweifle stark, dass es sich Mitte der Neunziger bereits um einen Duro-Prototypen gehandelt hat. Sollte jemand eine Idee haben, um welchen, in den 90er-Jahren beliebten Duro-Duftzwilling es sich handeln könnte, lasst es mich gerne wissen. Die Ähnlichkeit zum Nasomatto ist jedenfalls – so konnte ich es erst vor wenigen Wochen wieder wahrnehmen und momentan durch einen Test des Duro bestätigen – frappierend.

Ich kann mir beim besten Willen keinen besseren Träger für diesen Duft denken, als den Manni der 90er-Jahre – und den Manni der Gegenwart.
Knarzig-holzig, dennoch hell, gepflegt und zeitweise gar an Urlaub in der Schwedenhütte erinnernd. Schlussendlich doch eine kleine Spur Ruß dabei? Ja, doch, irgendwie schon.
Ein sehr erwachsener, sehr männlicher Duft – und dennoch bedeutet er für mich persönlich vor allem eines: Kindheit – und das, was daraus erwachsen ist.


23.03.2018 14:56 Uhr
11 Auszeichnungen
Dafür, dass ich IMMER NOCH (!) nicht einen einzigen Tom Ford-Flakon in meiner Sammlung wissen darf, beschäftige ich mich doch überdurchschnittlich oft mit seinen größtenteils mir ganz hervorragend gefallenden Duftkreationen.

Nun stand, dank der lieben Parfuma Pepper81, also ein kleines Röhrchen mit ein paar Tropfen vom hitzig diskutierten „Fucking Fabulous“ vor mir. Eine Kreation, die im Vorfeld des Releases bei der einen Hälfte der Weltbevölkerung für Schnappatmung und schwitzige Hände, bei der anderen, ob der Limitierung, des frechen Preises und der Dämlichkeit des Namens, Gefühle des Hasses und der Vergeltung anschwellen lies.

Gut, schaunmermal. So langweilig sich die Duftnoten lasen, so sehr, und da möchte ich mich nicht verstecken, sprachen sie mich aber auch an. Ich bin ein äußerst einfach gestrickter Mensch – und das überträgt sich, oftmals nicht nur zum Leidwesen meinerseits, sondern auch zu dem meines näheren Umfeldes, auch auf viele Lebensbereiche.

So saß ich vor ein paar Monaten mal wieder bei einem meiner Lieblingsitaliener. An den Tisch serviert bekam ich – wie schon viel zu oft zuvor – einen einfach gestrickten Klassiker der italienischen Küche: Saltimbocca alla romana. So einfach, so genial – und an diesem Abend begleitet von einem, so gefühlt, kompletten Berghang Salbei. Das grenzte schon fast an rosafarbenen Schweizer Kräuterzucker. Zuviel des Guten – ich vermutete eine Erkältung des Küchenchefs dahinter und tröstete mich mit dem Gedanken, dass es ihm nach dieser Würzung jetzt bestimmt schon viel besser ging.

Vor etlichen Jahren schon, ich war so um die 16 Jahre alt, saß ich auf einem Einzelbett in einer von Nonnen geführten Hotelanlage in der Toskana. Abschlussfahrt 10. Klasse. Die Sonne war bereits untergegangen, die allabendliche Ausgangssperre verhängt. Im Nebenzimmer bölkten Daddy Yankee und Craig David aus den Boxen und das allemal vorzügliche Abendessen der Klosterfrauen wurde durch Wodka katalysiert unter die Betten gespeit. Das klang nach Spaß, das war bestimmt echt cool. Aber ich war da einfacher gestrickt. Mein Zimmerkollege und ich berieten darüber, wie wir es schaffen könnten, gleichzeitig das Licht im Zimmer eingeschaltet zu lassen und die Mücken durch das gekippte Fenster draußen zu halten. Ihn überkam die geniale Idee, die gesamte Sprühflasche eines beliebten gelb-rot verpackten Anti-Mückensprays auf den Fensterrahmen und die Jalousien zu sprühen. Mir wurde schwummrig – es stank. Aber irgendwie war das auch trotzdem ganz ... geil?!

Was haben diese beiden Episoden nun mit dem neuesten Ford’schen Kontroversitätsoutput zu tun? Ganz „einfach“ – ich finde beide beschriebenen Geschmacks- bzw. Geruchseindrücke sowas von wieder, wenn ich mit der Nase über meinen verdammt fabulös eingeseiften Unterarm fahre. Dass das ziemlich daneben und auch nicht besonders reizvoll klingt, ist mir bewusst – sind es doch keine besonders schönen olfaktorischen Erlebnisse gewesen.

Und dennoch – diese jetzt vorliegende Duftkomposition übt eine ganz besondere Anziehungskraft auf mich aus.
Klar, das Saltimbocca aus Los Angeles kommt selbstverständlich vegan daher. Da ist nichts fleischiges, nichts animalisches, nichts verbranntes dran – alles aus eiweißhaltigem Ersatzprodukt gewonnen. Soja. Soja-Mandel. Mandel-Seitan-Milch-Creme-Mousse. Okay, Seitan muss da raus, das stimmt nicht.
Und auch das, meiner Meinung nach eher helle, Leder hat einen leicht künstlichen Einschlag.
Was aber auf meiner Haut wirklich sehr lange wahrnehmbar ist, ist der Salbei. Würde mir jemand einen Duft mit einer dominanten Salbeinote andrehen wollen, ich würde wahrscheinlich dankend ablehnen, so gerne ich ihn auch esse/rieche.

Jetzt haben wir allerdings den (Salbei-)Salat!
Denn: „Fucking Fabulous“ gefällt mir ausgesprochen gut. Ich habe beim Testen meine Nase nicht mehr vom Arm wegbekommen, musste immer wieder nachschnüffeln. Das helle Leder ist zu Anfang dominant, später kommt dann der Salbei – und der bleibt bei mir. Wirklich prominent und lange. Das Ganze wird durchweg eingehüllt von Tonka – zu Anfang etwas schwächer, später dann etwas intensiver.
Im Gesamteindruck empfinde ich den Duft als warm, glatt, süßlich, weich – schmeichelnd und irgendwie so einfach, aber genial gestrickt. Ich könnte ihn mir gut in den kühleren Jahreszeiten vorstellen. Aber auch einen lauen Sommerabend traue ich ihm zu – im toskanischen Mückenzimmer sitzend.
Wie gesagt – er entwickelt eine für mich merkwürdige Anziehungskraft, die ich nur schwerlich zu erklären vermag. Er löste bei mir das ein oder andere Mal ein Augenrollen aus – eines, welches bei mir sonst nur vorkommt, wenn mich ein Duft absolut aus den Socken haut. Und das passiert wirklich selten.

Abschließend ärgere ich mich fast ein bisschen, ihn getestet zu haben. Ich hatte irgendwie dann doch nicht damit gerechnet, dass er mir so gut gefällt und somit eine beträchtliche Gefahr für meinen Geldbeutel darstellt. Der ist nämlich, bedauerlicherweise, analog zu seinem Träger: Recht einfach gestrickt.


02.05.2017 21:43 Uhr
23 Auszeichnungen
Es ist Ende Februar. Tiefster, bitterkalter Winter.

Irgendwo auf der oberen Halbinsel Michigans an den Ufern des Lake Superior sitze ich mit Kat und Nic in einer Filiale einer bekannten nordamerikanischen Sports Bar-Kette, die, sofern man dem Namen Glauben schenkt, auf ziemlich wilde Hähnchenflügel spezialisiert ist und einen beflügelten Büffel im Logo trägt. Die neuweltliche Version des Pegasus, nehme ich an.
Draußen fegt der Schnee über den Highway - die sich auf der anderen Straßenseite befindlichen Motels füllen sich gut sichtbar mit den auf Montage befindlichen Handwerkern und Bauarbeitern der Gegend. Viele von ihnen kommen rüber in die Bar, denn hier ist es warm, hier gibt es Essen – es ist Feierabend.
Auf den geschätzt 32 Fernsehern, die über den gesamten Gastraum verteilt sind, laufen die unterschiedlichsten Sportarten. Der Big Screen zeigt College-Eishockey: Die Northern Michigan Wildcats sind gerade gegen die Bowling Green Falcons sang- und klanglos aus den Playoffs geflogen.

Allgemeine Ernüchterung.

Die Luft ist gefüllt mit unbeschreiblich-technisch wirkenden Aromen, wie sie nur Hochleistungsheizlüfter erzeugen können. Dazu gesellt sich eine immer weniger nur dezent vorhandene Schweißnote – das olfaktorische Resultat eines ganzen Tages getaner Arbeit der nun zahlreich anwesenden Bauarbeiter. Aus der Küche dringt ein nicht endender Schwall von leicht zu vernehmendem Fritteusenfett gepaart mit sämtlichen Nuancen aller 37 verfügbaren Chicken-Wing-Soßen in den Gastraum.

BBQ-Sauce, Honey Mustard, Super-Hot-Danger-Overkill-XXX und Konsorten tropfen am Nebentisch aus den Mundwinkeln und Bärten ihrer Genießer – die letzten paar Stückchen Karotte und Sellerie warten kümmerlich in ihrer Pappschale auf das unvermeidliche Bad im Ranch-Dressing. Das äußerliche Erscheinungsbild der Gäste ist ein Extremes: Es reicht von extrem übergewichtig bis hin zu extrem durchtrainiert – um, der Vollständigkeit halber, noch ein paar nordamerikanische Stereotypen zu bedienen.

Nun wird es auch für uns Zeit, zu essen – die Chicken-Wings kommen aus der Küche an unseren Tisch geflattert. Wie es sich gehört, geht es aber vorher noch zum Händewaschen.
Die massive Tür der Herrentoilette schwingt nach innen - ich drehe den Wasserhahn auf. Ein, zwei Spritzer aus dem großformatigen Seifenspender – abtrocknen – fertig - zurück zum Tisch.
Beim Biss in den ersten Chicken-Wing kommt mir ein künstlicher, stechender und absolut alles übertünchender Geruch entgegen. Honey Mustard ist unschuldig, soviel steht fest.
Mein Appetit jedoch, er wart gezügelt. Ich aß den Rest mit Messer und Gabel – so hätte es immerhin auch Mutter gern gesehen.

Dieser „spezielle“ Geruch ist mir über die Jahre immer wieder in die Nase und auf die Hände gekommen. Und ist er einmal auf den Händen, so bleibt er dort für mehrere Stunden gut wahrnehmbar. Wer längere Zeit in Nordamerika gelebt hat, kennt ihn ja vielleicht auch. Denn, so musste ich feststellen, die in dieser Sports Bar-Kette verwendete Seife findet sich auch in verschiedenen anderen nordamerikanischen Restaurantketten wieder.

Was hat all dies nun überhaupt mit dem neuen Gucci Guilty Absolute zu tun? Ganz einfach – beim neuerlichen Testen kamen mir sofort diese Assoziationen in den Kopf. Die Erinnerungen an diesen Abend, der mir aufgrund des Geruchs der Seife messerscharf in Erinnerung geblieben ist.

Ich verbinde Düfte und Gerüche sehr oft mit Erinnerungen – diese jagen mir in entsprechenden Situationen fast unweigerlich wieder in den Sinn.
Und in diesem Falle komme ich nicht drum herum, dem neuen Gucci-Duft für Herren ein, natürlich absolut subjektives, dürftiges Zeugnis auszustellen. Er riecht wirklich fast ganz genau so, wie diese mich ewig verfolgende Seife. Dass der letzte Satz durchaus bescheuert klingt, ist mir völlig bewusst.

Ich bin eigentlich ein Freund von Leder und Hölzern in Düften – kenne noch nicht sonderlich viele, aber dieser hier ist der erste, der mir aus oben beschriebenen Gründen negativ im Gedächtnis bleiben wird. So, wie die Seife.
Dieser stechende, auf mich doch sehr künstlich wirkende, gar an günstig hergestellte Plastikware erinnernde Auftakt zieht sich über einige Stunden hin. Obwohl er für mich wie eine Seife riecht, ist er jedoch keineswegs seifig, nicht falsch verstehen. Es roch für mich damals bereits eher gummiartig. Wie in einem Reifenlager oder auf einer GoKart-Bahn mit Streckenbegrenzungen aus schon vor Jahren abgefahrenen Slicks, jedoch abzüglich des in der Nase brennenden Benzingeruchs. Penetrant ist er dennoch – wie der damalige Geruch meiner hähnchenflügelhaltenden Hand.
Die enorme „Lederigkeit“ eines Leather Colonias oder eines La Yuqawam schmeichelt mir schon – ich empfinde beide Düfte als wirklich gelungen. An der generellen Duftrichtung oder der Konzentration der Lederkomponente liegt es also nicht. Eine schöne Ledertasche oder Lederjacke riecht für mich anders – bei Guilty Absolute fehlt mir irgendwie die … Echtheit?

Ich bedanke mich für das aufmerksame Lesen und hoffe inständig, dass dieser Erstbeitrag nicht in die Kategorie Blasphemie bzw. Majestätsbeleidigung fällt. Ich wünschte, ich hätte mir damals nicht die Hände gewaschen. Nun, nicht wirklich – aber vielleicht würde ich diesen neuen Gucci-Duft dann in einem anderen Licht genießen können.
Ich freue mich von nun an ein Teil dieser tollen Community zu sein und verspreche, dass die nächsten Beschreibungen von Dufteindrücken meinerseits wesentlich kürzer ausfallen werden.