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Siebenkäs

Siebenkäs

Rezensionen
1 - 5 von 65
Der Dienstags-Club.
Hatte sich irgendwie gut angefühlt - erst bei Harrods das Parfum kaufen
und dann zu Fuß damit nach Hause, ins besetzte Haus in der Warren Street.
Das dauerte ungefähr eine Stunde - genug Zeit, um immer wieder Mal
am Arm zu schnuppern. Er war eben ein Squatter, der Düfte liebt.
One Man Show hatte ihn ziemlich schnell erobert.
Der Duft war neu, wie gerade irgendwie alles.
(Eben hatte er z.B. sein Literatur-Studium geschmissen und ein neues Leben
als Kunststudent am St. Martins College begonnen.)
Eine gewisse nur leicht zitrische Blumigkeit räumte gleich mal mit maskulinen
Duftklischees auf, behielt aber doch eine abenteuerliche, kecke Herbheit.
Das "Man" hatte nicht viel zu sagen, es hätte genauso One Woman Show
heißen können. In der Gegend vom Oxford Circus war ihm das Nächste aufgefallen -
ein seidenartiges Changieren zwischen metallisch-grün und würzig.
Ein wunderbares Gleichgewicht aus leichter Süße und Säure entwickelte sich.
Aus irgendeinem Grund fiel ihm dazu sofort das Wort Romantik ein.
Und sein neuer Lieblingsclub in Covent Garden
mit dem elektrisierenden Namen BLITZ.
Wie viele, die in den Squats in der Warren Street wohnten, war er jeden
Dienstagabend da. Mit diesem Club hatten Rusty Egan und Steve Strange
etwas aufregend Neues ins Leben gerufen. Einen einzigartigen Ort,
wo man sicher war - und so ausgefallen, extravagant und phantasievoll
rumlaufen konnte, wie man Lust hatte.
Die Zeiten waren hart, aber hier war jeder der, der er sein wollte.
Egal ob Musiker, Modedesigner, Kunststudent oder einfach Lebenskünstler,
schwul oder hetero, retro oder Science Fiction, schwarz-weiß oder bunt-schillernd.
Natürlich war das alles auch Bowie-inspiriert, aber es wurde schnell viel mehr
und ganz eigen. Jeden Abend eine neue theatralische Inszenierung,
jeder sein eigener Star, in seiner eigenen One Man oder One Woman Show.
Einige Alter Egos hatte er so schon erschaffen - er war Bertie Wooster gewesen,
der Pirat Francis Drake oder ein geheimnisvoller Prinz aus 1001 Nacht.
Pure Extravaganza.
Dieses Parfum war für ihn die perfekte Ergänzung dazu geworden.
Und schnell verband sich dieser Duft eng mit dieser besonderen Zeit.
Der Duft-Track zu unvergesslichen Nächten.
Transparent, aber trotzdem wirkungsvoll wie farbige Folien vor starken Scheinwerfern
kam er ihm vor. Freundliche, fast cremige Holznoten gaben eine gewisse Erdung,
wie eine Base-Drum im perfekten Zusammenspiel mit dem Bass.
Groove für die Nase. Eine saubere, angenehm körperliche Sinnlichkeit,
die ihn an geschmeidige Tänzer erinnerte, die hingebungsvoll tanzen,
sich dabei aber nicht zu sehr verausgaben, sei's aus Coolness
oder wegen ihres Aussehens.
So extrem individuell und verschieden sie als Blitzkids auch waren,
bildeten sie doch eine verschworene, in ihrem schillerndem Glanz
schon wieder homogene Gemeinschaft.
Für ihn hatte das etwas Mystisches.
Und auch dieser gegensätzliche Pole verbindende Aspekt fand sich im Duft wieder.
Weihrauch, Patchouli, auch etwas Sandelholz erzeugten einen Hauch
von moderner Mystik, moosig-grün unterfüttert.
Vielleicht wie ein Rest Hippie-Spirit, der sich selbst via Sex Pistols und Kraftwerk
in innovative Zeiten gebeamt hatte.
Zeiten des Sich-selbst-neu-Erfindens schienen heraufgedämmert,
nachdem Punk viel Schutt und Asche weggeblasen hatte,
aber dabei selbst schal und uniform geworden war.
Wie in einem Kaleidoskop rief der Duft in ihm immer wieder
Blitz-Erinnerungen hervor...
...Boy George als Garderobier - der diskussions- und klatschfreudigste in ganz London.
Und sicher auch der schönste.
Der Abend, als Steve jemanden an der Tür wegen unpassender Kleidung abwies -
es war Mick Jagger. (was natürlich ein Riesenecho nach sich zog.)
Oder als Rusty nach Düsseldorf flog, um Kraftwerk ins Blitz einzuladen,
denn ihre Musik liebten alle.
(Er traf Ralph und Florian auch - leider kamen sie nie.)
Und natürlich als Bowie ins Blitz kam und Darsteller
für das Ashes to Ashes-Video aussuchte...
(dass Bowie auch ihn erwählt hatte, konnte doch nur an seiner geheimnisvoll
grün-irisierenden One Man Show-Duftwolke gelegen haben...

Aber dann passierte auf einmal sehr viel.
Die Hausband, Spandau Ballet, bekam direkt im Club einen Plattenvertrag
und trat bald darauf in Top of the Pops auf.
Und Steves Band Visage landete einen Riesenhit mit Fade to Grey.
Das änderte alles. Auf einmal gab es vereinfachte Blitz-Outfits im Top Shop,
erst nur am Oxford Circus und dann fast überall.
New Romantic und Blitz waren mit einem Mal ganz groß.
Rusty und Steve verließen den Club in Covent Garden und eröffneten
den Club for Heroes.
Und was so einmalig war, so "zum ersten Mal", so ausgefallen und kostbar
in dieser intimen Form - es verschwand und schmolz wie Schnee dahin.
Was für ihn blieb, war der Duft.
Damit war die Erinnerung immer nur ein paar Sprühstöße entfernt.
Und jedes Mal kam's ihm so vor, als wäre es dem Parfumeur gelungen,
zwei ganz neue und besondere Duftstoffe einzuarbeiten, die sanft und wunderbar
in der Basis wirkten - Phantasie und Toleranz.
9 Antworten
Unterwegs.
Sie rollten in ihrem kleinen Bandbus dahin, immer auf der Interstate 29.
Der graue Himmel störte sie nicht, beseelt wie sie waren von der Vorstellung
auf ihren ersten Deal. Erst gestern war es ihnen fast gelungen, ein 2.000 Dollar-Paket
zu verticken, an der Haustür.
Ach so - hab' ich erwähnt, wie die beiden hießen?
O.K., Maureen und Katja. Beide waren im gleichen Waisenhaus in Deutschland
aufgewachsen und dann auf wirren Wegen in die USA gekommen.
Die ganze Vorgeschichte ist nicht so wichtig, ich will euch ja nicht langweilen.
Sehr aufregend ist meine Geschichte sowieso nicht, aber ziemlich wahr.
Ich mach's kurz und versprech', auch bald auf den Duft zu kommen...

Also, die beiden waren Musikerinnen, schrieben ihre eigenen Stücke und konnten davon
durch Auftritte in kleinen Clubs grad so leben. Genau diese "Gerade-so" nervte sie
aber leider - billige Hotelzimmer oder wohnen im Bus (was gar nicht so ungemütlich war)
und einiges mehr. Der Wunsch war in ihnen gereift, mal auf großem Fuß zu leben
statt immer auf kleinem, quasi auf Kinderfuß.
Und so kam Piet Hendersen ins Spiel. (ich nenn' ihn mal so, der echte Namen spielt keine Rolle
und ich will keinen Ärger.) Jedenfalls war's ein berühmter Börsenmakler.
Er hatte ihnen diesen Job angeboten - Aktienpakete an der Haustür zu verticken.
(was in der amerikanischen Provinz gehen konnte, zumal seine Pakete für hohe
Dividenden bekannt waren.) Dazu konnten sie mit dem Handy (sie besaßen eins gemeinsam)
eine Live-Schalte zu ihm herstellen, in der er kurz was Schlaues sagte.
Egal - mag strange klingen, aber so war's.
Und er hatte - aufgemerkt! - ihnen eine Pulle Vetiver Parfum geschenkt.
Warum? Keine Ahnung.
So. Jetzt waren sie also auf dem Weg nach einer Stadt namens Council Bluffs,
wo sie knapp ein Jahr zuvor gespielt hatten, in einem Club namens The Porch.
(Maureen spielte übrigens Keyboard und Katja Gitarre oder Akkordeon,
singen konnten sie beide)
Von Hendersen hatten sie die Adresse einer deutschstämmigen Frau aus der Stadt,
die interessiert sein könnte und genug Geld haben dürfte.
Council Bluffs war nicht mehr weit und sie hörten "nonetheless" von den Pet Shop Boys,
die sie liebten. Kurz zuvor hatten sie sich ordentlich mit dem schönen Vetiver-Duft eingedieselt.
Die intensiv grünen Vetiver-Noten bekamen gerade eine Art aromatischen Extra-Kick,
eine gewisse Würzfrische von Wacholder und Koriander, die sie auch ein wenig an Gin
erinnerte. Und dazu eine gewisse Wärme, eine harzige Süße, die etwas von einer
Indianerwolldecke hatte, wegen der Kräutrigkeit. Oder wegen der Landschaft um sie herum.
"Essen Indianer eigentlich Lakritz?" fragte Maureen.
"Wie kommst du drauf?"
"Weiß' nicht, durch's Parfum vielleicht..."
"Also - ich denk' schon... ich hab grad ne Idee für n' Text. ..Do indians like likorice?...
wie findste das?"
"Klingt bisschen nach Sparks..."
"Stimmt!"
"Umso besser!"
"Also los!"
Jetzt flogen Wortbrocken und Halbsätze durch den Vetiver-geschwängerten Bus,
sie waren in ihrem Element. Wenn sie zusammen Stücke schrieben, konnten sie sich
gegenseitig auf besondere Weise auffrischen, wie mit Koriander und Wacholder.
Für diese Zustände der Inspiration hatten sie ihre eigene Namen: die konnte für sie
Gewürz-mäßig sein, Groove-ähnlich oder Wetter-mäßig, Verbena-haft, Theater-mäßig
oder auch Helden-artig. Und wenn sie zusammenarbeiteten, war sie immer da,
diese Inspiration. Zuverlässig. Der Duft war so einfach und komplex zugleich
wie ihre freigelassene Phantasie. Er erinnerte sie an einen Satz, den sie auf dem Klo
eines Clubs gelesen hatten: Die Inspiration beginnt, wenn wir genug wissen,
um nichts zu verstehen.
Die verschiedenen Vetiver-Arten erzeugten zusammen mit der würzigen, leicht süßen Tiefe
eine Art Kuscheldeckengefühl und zugleich einen Eindruck von grüner Transparenz.
Oder wechselte das von einem zum andern? Mehr wie changierender Stoff
oder ein Wackelbild? Oder wie ein etwas verrauchter Clubraum mit leichter Tonka-Aura,
auf dessen Bühne kraftvolle grüne Scheinwerfer strahlen?
Sie rollten jetzt durch Council Bluffs und ich spul' mal schnell vor.

Sie stehen also vor dem Haus, halb aus Holz und mit Veranda.
Klingeling und dingdong... sie hören Schritte... die Tür geht auf...und eine kräftige,
vielleicht 50jährige Frau in Jeans und Lana del Ray-T-Shirt, Lockenwickler
im lila gefärbtem Haar, steht vor ihnen.
"What can I do for you?"
"Ähm... we're from Germany...", beginnt Katja.
"Yes, and we have a great chance for you..." ergänzt Maureen.
Knapp und präzise tragen sie ihr Anliegen vor.
Die Frau (den Namen lass ich bewusst weg) sieht sie kurz an, ohne was zu antworten.
"O.K..." , sagt sie schließlich, "ihr seid from Germany... that feels nice. But don't count
on me for solche bullshit. Ich mak besseres mit mein money..."
Dann erhellt sich ihr Gesicht. "Ich kenn' euch doch... letztes Jahr habt ihr im Porch
gespielt... hat mir gefallen, really, a lot of feeling and the right groove...
macht ihr noch music? By the way, you smell nice!"
Ein keckes Vetiver-Lüftchen steigt den beiden vom Hals in die Nase, reich, komplex,
deep und simpel zugleich.
"Ja, machen wir", sagte Maureen, es läuft sogar sehr gut..."
"Nächsten Monat könnten wir in New York spielen, im Madison Square Garden,
für 25.000 Dollar!"
Die Frau stemmt sich in die Tür und wirkt verblüfft.
"Ja, aber soviel Geld kriegen wir leider nicht zusammen...", ergänzt Katja und grinst.
"Wait eine Moment!", sagt die Frau und verschwindet einige Sekunden im Innern
des Hauses. Als sie zurück kommt, hat sie einen Briefumschlag in der Hand.
"Hier, that's für euch, aber you may open it erst outside of the city...
"Ähm, ja, thank you!", sagt Katja.
"Ja, versprochen und danke!" sagt Maureen.
"Allright, machts gut, good luck und Good Bye!"
Sie dreht sich um und schliesst die Haustür hinter sich, man hört ihre Schritte
leiser werden.

Als sie wieder im Bus sitzen, knetet Katja auf dem Umschlag herum.
"Also nach Geld fühlt sich das nich' an, zu dünn...".
"Vielleicht ein Scheck...?"
"Weiß' nich, is' glaub ich eher was kleineres..."
"Aber wir warten bis wir außerhalb von dem Kaff hier sind, oder?"
"Klaro, Ehrensache!"
Ein paar Meilen hinter Council Bluffs an einem Parkplatz halten sie und setzen sich
hinten im Bus auf den Boden. Die Heckklappe ist geöffnet und sie sehen hinaus,
weit in die typische Iowa-Landschaft aus hügeliger Prarie und Maisfeldern.
"Vielleicht ein Schatzkärtchen?" flüstert Katja, während Maureen den Umschlag öffnet.
Sie zieht einen kleinen Zettel heraus und legt ihn auf ihre Knie, so dass sie ihn beide
lesen können. Nur ein Satz steht da:
Reich you want werden?
You seids doch längst.
Sonst nichts. Was sollte das heißen? Hatten sie was geerbt, ohne es zu wissen?
Aber woher sollte diese Frau das wissen? Oder steckte da was ganz anderes dahinter,
etwas, woraus man einen Song machen müsste? Oder vielleicht was noch wichtigeres,
was weitaus deeperes?
Langsam, ganz langsam rieselt der Gedanken in ihre Köpfe,
wie Schneeflocken aus Vetiver, die eine herbe, feine, aber tragfähige Decke bilden...

Und das war sie auch schon, meine kleine Geschichte.
Und ihr? Ihr könnt den Duft ja mal selber probieren.
Vielleicht rieselt ja auch irgendwas.
26 Antworten
Abenteuer in Amsterdam.
Hallo Leute, bin endlich zurück aus meinem Alm-Urlaub.
Warum der sein musste?
Ihr sollt's erfahren......

Angefangen hat alles im späten November... aber lest einfach
meine Notizen:

28. November '22,
Redaktionskonferenz im "Parfumboten"

"Brauchst' vielleicht noch ein Kissen?"
"Ja, wär ganz gut..."
"Mensch 7-Cheese! Wach auf, du wirst hier nicht fürs
Pennen bezahlt!"
Mist! Bin glatt eingeschlafen mitten in der Montagskonferenz.
War etwas spät gestern...
"Sorry, Chef, hatte nur kurz nachgedacht..."

"Na gut, ich wiederhole noch mal, extra für Herrn 7-Cheese."
(Der Chefredakteur ist zum Glück heute gnädig gestimmt.)
"Also - im Dezember bieten wir den Lesern unserer Online-
Version was besonderes - einen Adventskalender.
Jeden Tag ein Porträt eines winterlichen Dufts.
Nehmt euch aus dem Hut, der rumgeht, einen Zettel,
darauf findet ihr euren zu besprechenden Duft. Abgabe 30.11.
Und noch was - das schönste Porträt bekommt die Ehre,
in der 24 zu erscheinen, mit Bild des Verfassers!"

Schon bin ich wach.
Tolle Chance, mal zu zeigen, wer eigentlich Chefredakteur
sein sollte... da kommt auch schon der Hut... und was
zieh' ich?
Tobacco Vanille.
O.K., nicht grad fordernd, aber da mach' ich was draus...

13. Uhr.
Ich sitze im Cafè mit meiner 10ml. Abfüllung und schnuppere
noch mal ganz genau.
Die dunkel-süße Ouverture zeigt sofort, wo's lang geht.
Würztabak und warme Vanille verschmelzen zu einem absolut
photo-realistischem 3D-Pfeifentabak erster Güte.
Zarte Holztöne (Pfeifenholz?), leicht kakaoartige Noten
und Trockenfrucht-Aromen stützen dezent und so konzept-
dienlich wie Ringo Starr songdienlich Schlagzeug spielt.
Ein dunkel-sensitiv-süßer Duft, dem man eine gewisse
Linearität nicht vorwerfen sollte, denn es handelt sich
hier um ein Meisterstück der Noten-Verblendung, die
diese perfekte Dunkel-Hell/Süß-Balance erzeugt.

So weit, so schön. Aber ich brauche mehr.
Insider-Knowledge, nice-to-know-Fakten, kleine
Enthüllungen, Aha-Erlebnisse...
Aber woher?
Hmm...Pfeifentabak... Dutch Tobacco...wie wäre Amsterdam?
Super-Idee!

29. 11., 12.00
In der Leidsestraat, gleich hinter der Keizersgracht.
Ein kleiner Coffeeshop. Kaffee, was Süßes und noch mal
schnuppern. Das freundliche Meisje bringt mir sogar eine
Schale mit hausgemachten cookies - "bijzonder sterk" sagt sie
mit süßem Lächeln. Schmecken na ja... etwas harzig-kräutrig,
aber ich sprüh etwas Tobacco Vanille auf die Finger und schon
geht's. Ich futtere gleich noch ein paar - bis sie mir fast
erschrocken die Schale wegnimmt.
Dabei zahl' ich doch gern dafür. (bzw. die Redaktion)

Der Duft dröhnt fast in einer satten Harmonie aus Gewürzen,
Tabak, Spezereien und luxuriös-weicher Vanille - im Grunde
ist "Pfeifentabak" nur eine Assoziation. Vergisst man die,
tauchen aus dem Potpourri weitere Bausteine auf -
Muskat, Vanille, ja auch Mandarine, sogar etwas wie Likör.
Aber zack! Schon denk' ich wieder an Pfeifentabak -
man kann's nicht kontrollieren, wie bei einem Vexierbild.
Überhaupt dröhnt alles leicht - ich zahle besser und suche mir
eine Bleibe...

Nebel hüllt die Stadt jetzt in eine Vanille-farbige
Paisley-Nebeldecke. Zum Glück kenn' ich mich aus.
(hatte mal 'ne Phase da war ich sehr oft im Melkweg
in der Lijnbaans-Gracht.)
Ich schwebe die Herengracht runter, rechts zum Singel.
Grachtenwasserduft. Selbst im Winter besonders.
(Idee für einen Duft: Grachtenwasser for Greatness.)

Jetzt den Rokin runter zum Dam.
Hotel Krasnapolsky.
Gute Adresse, hier haben John und Yoko ihr Peace Bed-In
veranstaltet.
Ich frage nach genau dieser Suite - und bekomme sie.
Noch eine Idee.
Ich werde hier ein Sniff-in mit dem Ford-Duft machen,
einen Tag lang, und alle soll es erfahren.
Ich rufe gleich beim Telegraaf an, morgen sollen sie
jemand schicken.
Ich muss die 24 schaffen - immerhin bin ich 7-Cheese.
DER 7-Cheese, von dem schon Luca Turin sagte:
"7-Cheese? Kenn ich nicht!"
Ich knabbere noch ein paar Cookies, die ich mir vorhin
eingesteckt habe und schnuppere.
Ziemlich stark umnebelt mich diese cosy-dunkle,
herb-süße Aura, jetzt riech' ich noch einen Cherry-Vibe
darin, ein englischer Club erscheint vor mir, spleenig
und traditionell zugleich.
"Haben Sie noch einen Wunsch, Sir?"
Und dann eine Vision - ich sehe plötzlich, wie der Duft
produziert wird, jeden Schritt!
Ich notiere:
Pfeifentabak nicht in den Flakon... (ließe sich schlecht
sprühen.) Einfach 4/5 Tobak in eine Thermoskanne,
1/5 heißes Grachtenwasser drauf. Über Nacht stehen lassen.
(die haben natürlich Dutzende Thermoskannen).
Morgens Alkohol dazu (nur das Beste, Chantré oder
Asbach Uralt). Ziehen lassen.
Tom verwendet verkettete hohle Wasserstoffmoleküle,
NIE Atome - die müssen draußen blieben, alles bleibt bio...
Nein, sogar mehr - Demeter (der Unterschied: da haben die
Kühe sogar Vornamen und dürfen ihre Kälbchen behalten).
Der Flakon ist schwarz wie alle seine Flakons, weil man
sonst die Tabakkrümel sehen würde.
(bei anderen z.B. Oudbrocken, schwarze Orchideen-
scheiben oder verlorene Kirschstückchen)

Froh das Geheimnis fixiert zu heben, schlafe ich ein.
(ich trage übrigens meinen Biene-Maja-Schlafanzug, falls es
wen interessiert.)

Die Nacht ist ein Traum. (Im Club legen Jeeves und Angela
Merkel, die Pfeife raucht, auf. Gruppo Sportivo. Und die Nits.
Tobacco Vanille zeigt jetzt auch Pflaumen-Aspekte, riechen
wie die eingemachten meiner Oma.)

Dann läutet Big Ben. Übergehend in Big Biep.
Die Krasnapolsky-Stimme sagt:
"Zij wilde ontwaakt worden."

30.11., 9.35
Er sitzt mir vor meinem Bett - der Graaf vom Telegraaf.
(Er ist echt einer.)
Graaf Hasso von Hanebüchen.
"Goed idee met de Sniff-in!"

Ich schnuppere fotogen. (Heute riech' ich etwas pudriges,
fast nussiges im Parfum)
Er schießt ein paar Fotos, hat nicht viel Zeit.
(das Beste mailt er mir gleich)
Wirkt abgeklärt, fast weise, der Graaf.
Ob er... ich versuch's.
"Ik häw ä Vrage..."
"Sprich ruhig deutsch..."
"Gibt es ein Tabaks-Geheimnis?"
"Hinter allem steckt ein Geheimnis."
"Hab' was von Reifung gelesen..."
"Onzin!"
"Ich muss aber was finden..."
"Im Grunde suchst du was, was du nicht finden kannst,
weil's in deiner eigenen Tasche steckt."
"Du meinst meine Kindheit?"
Auch, aber... Du weißt es doch, oder?
"Ähm..."
Dann sag' ich's dir noch mal - das Glück besteht darin,
nicht unglücklich zu sein."
"Genau!"
(Wenn ich drüber nachdenke, entwickelt der Satz einen
Tiefensog, wie... wie Pfeifentabak, der nach und nach seine
weiche, vanillige Seele enthüllt)

Ich notiere alles im ipad und maile es an die Redaktions-
Praktikantin.

1.12., 10.45 Redaktionskonferenz.
(ich mach's kurz)
"Heute beginnt unser Online-Adventskalender," verkündet
theatralisch der Chefredakteur, "und zwar mit... Layton.
PdM haben ja ordentlich Anzeigen geschaltet. Und für die 24...
da nehmen wir den lustigsten Beitrag. Denn "Der Parfumbote"
kann auch schräg..."
Er guckt in die Runde.
Ich werde immer nervöser...

"Tja, the winner is..."

Ich klammere mich unauffällig an die Tischkante...

"Tatatadaaa... 7-Cheese!"

Beifall, Gratulationen, Tränen, Händedrücken...
Schulterklopfen... (Neid?)
Den Rest des Tages verbringe ich in einer rosa Paisley-Wolke.

24. 12., 11.19
Ich gehe auf Parfumbote-Online.
Zum Adventskalender.
Die 24.
Ich drücke ÖFFNEN.
Da! Mein Artikel.
Und daneben mein Bild.
Frisur o.k.
Aber...
Sehr deutlich zu sehen.
Ich bin im Biene Maja-Schlafanzug!!!

Ich gehe auf "EINÖD-Urlaub-Sofort".
Entlegene Almhütte in 1900m Höhe.
21 Kühe, 8 Ziegen.
Viel Ruhe. Weitblick inklusive.

Ich drücke auf "Jetzt buchen".
17 Antworten
Neulich in der Männergruppe.


(Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen
ist nicht beabsichtigt und rein zufällig)

"...und deshalb bin da jetzt auch viel selbstbewusster
geworden, ihr hättet mal seh'n sollen, wie frech ich gestern
unter dem Tisch vorgeguckt habe!"

"Schön, Siggi, danke, dass du das alles mit uns teilst,
deine Beziehung scheint mir auf einem guten Weg!
Aber jetzt wollen wir mal hören, was du, lieber Siebenkäs,
uns zu erzählen hast. Ich erlebe dich heute ein wenig
zurückhaltend, bring dich doch ein bisschen mehr ein,
ein Stück weit..."

"Ja, also, ich hab' mir so meine Gedanken gemacht über...
äh, ja, über den vielleicht erfolgreichsten Duft von Maison
Martin Margiela, ihr wisst schon - By the Fireplace..."

"Das versteh' ich jetzt überhaupt nicht, wovon spricht der...?"

"Ruhig, Theo, lass doch Siebenkäs einmal ausreden
und seine inneren Blockaden überwinden, er will uns sicher
auf verschlüsselte Art etwas sagen... Natürlich steht
"Fireplace" hier für häusliche Geborgenheit, für das
Gelingen seiner Beziehung überhaupt. Fahre fort, lieber
Siebenkäs, bitte..."

"Also, der Duft ist schon eine Wucht, weich, süß rauchig,
alles zugleich. Er wird zwar schnell balsamisch, warm und
süß, behält aber als Gegenpol etwas von Feuer bzw. Holz
und mildem Räucherwerk, eher aber auf der gemütlichen
Seite, nicht wirklich dunkel. Und dennoch auch irgendwie
fordernd, ein wenig jedenfalls. Weshalb? Wie soll man das
einordnen?

"Ja, als erfahrener Gruppenleiter kenn' ich solche
Einordnungsprobleme, "welche Art von Beziehung habe ich
überhaupt" - das fragen sich viele, sicher meinst du mit
"Duft" eher "Gruft", also die Angst, in der Beziehung begraben
zu sein...

"Bestimmt hat er sich nur versprochen, ich hab neulich beim
Kochen zu meiner Frau statt "etwas mehr Salz" aus Versehen
"etwas mehr Schmalz" gesagt, sicher ein Freud'scher
Versprecher..-"

"Schöner Beitrag, Siggi, danke..."

"Und ich, ich hab' mich neulich auch versprochen..."

"Gut, Theo, erzähl schnell, aber dann ist Siebenkäs wieder
dran..."

"Also beim Frühstück wollt ich zu meiner Frau sagen -
"bitte gib mir doch mal die Marmelade". Stattdessen hab' ich
gesagt: "du hast mein ganzes Leben ruiniert, du verzogene
Egoistin!"

"Auch ein gutes Beispiel, wir danken dir dafür. Siebenkäs,
mach' bitte weiter..."

"Als - ich hab' mir was überlegt. Am besten nähere ich mich
dem Duft, wenn ich ihn in Relation setze zu drei anderen
Düften, die etwas mit ihm teilen, auch wenn sie ziemlich
anders riechen. Sie teilen sogar zwei Dinge mit ihm -
zum einen setzen sie auf zwei Haupt-Akteure, stellen also
zwei zentrale Noten gegeneinander und beziehen ihren Reiz
aus den daraus entstehenden Spannungen, Harmonien usw.
Und zum zweiten ist bei allen eine der zentralen Noten die
gleiche - Vanille..."

"Das klingt spannend... seltsam, aber interessant.
Den männlich-weiblichen Gegensatz meinst du im Grunde..."

"Nun ja... Also - erst mal Fat Electrician von Eldo..."

"Du meinst wohl Aldo, den Männernamen..."

"Nein, das steht für Etat Libre d'Orange. Der Electrican
dramatisiert Vetiver und Vanille gegeneinander, plus ein
paar andere Noten, die als Unterstützung mitspielen.
Der Reiz entsteht aus den harmonischen und den
disharmonischen Effekten, die das bringt. Die letzteren
finden sich ja auch in dem Narrativ vom schwitzigen
Elektriker wieder, na ja, so bisschen Hipster-Nischen-
Gedöns, aber als Idee amüsant. Sehr gut gemacht.
Der Margiela-Duft nimmt dafür Rauch und Vanille, aber
mit anderer Entwicklung. Vom Rauch in die Behaglichkeit.
Oder? Nein, ich bin mir genau da halt nicht sicher..."

"Verstehe, die Beziehung als Hafen vor den rauchigen
Unbillen des Alltags, da liegt bei dir der Hase im..."

"Ja, Pfeffer ist auch etwas drin, aber auch nur als Sidekick.
Ähnliches macht natürlich der nächste von mir herange-
zogene Duft, Pour un Homme von Caron. Ein Klassiker, der
dieses Spiel eröffnet hat, quasi. Mit Lavendel und Vanille.
Aber hier geht's wirklich störungsfrei von A nach B, die
dem Lavendel immanente Karamell-Note hilft beim
Übergang natürlich etwas..."

"Und, äh, was gedenkst du denn zu tun für dein störungs-
freies häusliches Glück...?"

"Eher mein olfaktorisches vielleicht. Da tu' ich allerhand für.
Also der dritte Vergleichsduft ist Tobacco Vanille von Tom
Ford. Drama-Paar hier: Pfeifentabak und Vanille. Ergebnis:
Na ja - die Spannung ist hier nicht ganz so hoch - damit
auch das Risiko geringer. Aber dennoch am nächsten
dran am Fireplace, von der Tonalität her. Nur dass in der
Süße des Drydowns kaum noch eine Störung entstehen
kann.

"Ich will jetzt endlich auch was sagen!"

"Bitte, Theo, aber kurz!"

"Ich hab' den Verdacht, das meine Frau auch schon mal
was mit unserem Elektriker hatte, weil er viel dünner ist
als ich! Und womöglich hatse bei ihm daheim am Fireplace
gekuschelt... oder sogar noch mehr..."

"Sehr schöner Beitrag, danke, aber wir wollen Siebenkäs
weiterreden lassen..."

"Ich mein ja nur..."

"Also, ich mach mal weiter... Tja, die Spannungen und
Brüche in By the Fireplace... da gehen die Assoziationen
von gerösteten Marshmellows bis Feenwald - im Gegensatz
zum Encre Noir'schen Dusterwald - und von Köhler bis
Plätzchen am weihnachtlichen Kamin, von Sauna bis
Lagerfeuer. Nicht zu vergessen, dass auch noch ein
Kastanien bzw. Maroni-Vibe mitspielt, als Unterstützer
sowohl für die feurige als auch für die süße Seite des
Dufts. Und von der rein emotionalen Seite her - da holt
er schon ein paar Kindheitserinnerungen bei mir aus der
Versenkung..."

"Interessant! Also das Feurige und das Süße - du meinst
damit ja das Verruchte und das Brave, also genau das,
was wir alle in unseren Beziehungen suchen..."

"Hab' ich längst gefunden!"

"Bitte Theo, reiß' dich mal kurz zusammen..."

"Ich könnte noch was zur Länge sagen, also zur Haltbar-
keit, die ist nämlich beeindruckend..."

"ich habe aber gelesen, auf die Länge kommt es doch
gar nicht an..."

"Theo, du lässt Siebenkäs jetzt bitte noch zu Ende reden!"

"Also zusammengefasst und im Vergleich zu den anderen
drei Düften bleiben einige Fragen offen. Einfach wär's ja,
wenn ich sagen könnte, die Vanille steigt hier wie Phönix
aus der Asche, aber ganz so ist es nicht. Es bleiben kleine
Störfaktoren, die aber grad wieder Langeweile verhindern.
Das Spiel mit der Häuslichkeit ist klasse repliziert, ganz im
Sinne des Replika-Konzepts, aber nicht ohne Fragen
aufzuwerfen. My home is my castle oder my home is my
adventure?

"Du suchst eben beides - erotische Abenteuer und häusliche
Geborgenheit!"

"Genau das such ich doch auch!"

"Theo, nicht laut werden, bitte..."

"Und ich auch!"

"Schön, lieber Siggi, aber bitte Ruhe bewahren... bist du
jetzt fertig, lieber Siebenkäs?"

"Ja, eigentlich schon. Ich könnte noch sagen, das Vergleichen
mit anderen bei so etwas manchmal ganz hilfreich ist..."

"Darf ich auch was dazu sagen?"

"Natürlich, Winnie!"

"Also das beruhigt mich jetzt irgendwo. Ich hab' nämlich
immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Frau mal
mit anderen vergleiche, dabei will ich doch nur..."

"Dank' dir, Winnie. Ich glaube wir verstehen Siebenkäs jetzt.
Man darf ruhig auch mal mit anderen vergleichen, nicht
wahr? Und Sehnsucht haben nach Abenteuer, genau
wie nach der ruhigen, häuslichen Geborgenheit am Kamin.

"Und was is' mit erotischen Abenteuern am Kamin?"

"Theo, bitte! Du hast das sehr hübsch dargelegt, lieber
Siebenkäs. Vielen Dank für deine klaren Worte."

(leicht verhaltener Beifall)
24 Antworten
Besuch.
"You can say tu to me", sagt Hedi.
"Okay", sage ich, "merci."
War das wirklich eine gute Idee gewesen, die beiden
für heute Abend einzuladen?
Aber es war eh zu spät - denn jetzt klingelt es.
Tom.
Gut, dann soll es halt so sein.
Ich bin ja ganz gut vorbereitet.
(Wieso ich auch Hedi eingeladen habe, ist mir
entfallen, eigentlich ging's mir doch nur um Toms
Düfte, genauer gesagt um einen speziellen.)

Wir sitzen also auf meinem Ecksofa, ich hab' Buletten
(veggie) und Almdudler hingestellt, und ich versuche,
die Atmosphäre etwas aufzulockern.
"Nehmt euch ruhig", sage ich freundlich.

Zaghaft schnappt sich Hedi eine Bulette.
Erst jetzt bemerke ich etwas - beide riechen gleich. -
Himbeere, eine Art süß duftendes Edel-Kunstleder,
eine Mixtur aus Eleganz und Trash und der Art Luxus,
von der man nicht weiß, ob er echt ist.
Oder die Sorte von Fake, die sowieso cooler als real ist.
Kurz - beide tragen Tuscan Leather.

Ach so - jetzt mir fällt wieder ein, warum ich auch Monsieur
Slimane eingeladen hab'... Ich wollte mal hören, wie beide
über den Zusammenhang zwischen Mode und Duft denken.
Aber erst mal will ich anders einsteigen.

"Also, neben Mode seid ihr ja beide auch für Parfums
zuständig...", beginne ich etwas plump.
"Das versteht sich von selbst, ist part of the deal",
sagt Tom, es klingt fast schon zu amerikanisch.
"Kreativität endet nicht einfach irgendwo", wirft Hedi ein,
"für Yves Saint Laurent hab' ich z.B. Black Opium und für Dior
neben Higher vor allem Dior Homme Parfum erschaffen..."
"Echt, du allein?", frage ich ungläubig.
"Na ja, mit meinen Leuten, aber unter meiner Direction
natürlich..."
"Aber heut' trägst du was anderes... was von Tom."
"Reiner Zufall. Ich bin offen für alles, auch für easy-wearing-
Mainstream-Düfte."

Leicht erschrocken schaue ich Tom an.
Was wird jetzt kommen?
Nichts.
Er scheint einverstanden zu sein mit dieser Klassifizierung.
Oder hat er nicht richtig hingehört?
"Tom", beginne ich, "wie ist das denn mit der berühmten
Koks-Note in deinem wunderbaren Tuscan Leather?"
Tom grinst.
"You know - wenn dir das gefällt, freut mich das.
Und dir ja offensichtlich ja auch..."
Dabei schaut er Hedi an.

"Nun, es ist so", fährt er ford, nein fort, "wenn da wirklich eine
ganz real cocaine Note drin wäre, gäbe es Probleme, die
meinen Absatz beeinträchtigen könnten. Denk nur mal an
Reisende in Flughäfen, an Drogenhunde und an den Ärger,
den das machen könnte... "
"Aber selbst führende Rapper bestätigen diese Note...",
hake ich nach.
"Natürlich!" mischt sich Hedi jetzt ein. "Tom hat ein sehr
professionelles Marketing-Team. Und Joe Blogs, oder wie ihr
sagt "Otto Normalverbraucher" will in der Preisklasse
verständlicherweise ein bisschen Dekadenz und Verruchtheit.
Jeder bekommt was er will. Ist doch Win-Win, wie man
so schön sagt."
"Danke!" sagt Tom und grinst noch breiter. "Ein bisschen
riecht's vielleicht nach cocaine, ein bisschen nach Geld. o.k?"

"Und ein bisschen wie ein ganz entfernter Schwippschwager
von Fahrenheit", traue ich mich jetzt zu sagen.
(die Stimmung ist grad so locker).
"Gewagt, aber ich versteh' was du meinst..." antwortet Tom,
"wegen des etwas gasigen, speziellen ersten Eindrucks
nach dem Aufsprühen, oder?"
"Ja, ein Fahrenheit mit anderen Mitteln vielleicht."
"Nein, das ginge mir zu weit!"

"Würd' ich so auch nicht sagen", meint Hedi, um Tom etwas
beizustehen. "Ich rieche auch etwas Saffran, vielleicht sogar
versteckte Vanille, die die Ecken glättet wie bei einem Anzug
die Nähte. Und Jasmin scheint mir auch drin zu sein,
n'est ce pas?"
(Ich bin verblüfft. Monsieur Slimane hat offensichtlich eine
feine Nase.)

Jetzt bin ich wieder dran.
"...alles bleibt aber recht linear und zeigt kaum Entwicklung,
wenn, dann nur changierend wie Seide, um die Grundidee Leder
und Frucht zu unterstützen. Kann man doch sagen, oder?"

"Das könnt ihr sehen, wie ihr Kleingeld habt. Sagt man in
Deutschland doch so, oder?"
Irgendwie wirkt Tom jetzt etwas verschnupft, scheint's mir.

"Ich leg' uns erst mal bisschen Musik auf", sag' ich und krame
in meiner Kollektion. (Vinyl, für den Braun Regie 350, wegen
Stil und german design und so.)
"Wie wär's mit Tosca?" frag' ich in die Runde, eigentlich mehr,
um Toms Stimmung aufzubessern, von wegen "Tuscan".
"Oper nur Sonntags!", sagt Tom und nimmt einen tiefen
Schluck Almdudler. Börps.
"O.k. Vielleicht Devo? Oder die Residents?", frag' ich.
Mittelgroße Pause.
"Hast du nicht was von Franz Ferdinand? Oder von Beck?
Oder auch von Daft Punk oder den Libertines?", fragt Herr
Slimane leicht genervt. "Die tragen übrigens alle meine
Klamotten!"
"Schön, dass du dein Zeug selbst Klamotten nennst", bemerkt
Tom. "Nein, echt. Finde ich... ähm... richtig cool!"

Ich hab' mittlerweile "Anthems for doomed youth" aufgelegt,
allerdings eher leise. Ist grad zu interessant.

"Mein lieber Tom, wegen mir hat Karl sich ungefähr 40 kg.
runtergehungert, nur um in meine Dior Homme-Anzüge zu
passen. Da kann man ruhig ein bisschen cool sein, oder?"
Hedi schaut Tom triumphierend an, während er das sagt.

"Was meinst du wieviele Leute schon gehungert haben,
um sich meine Klamotten leisten zu können...?", sagt Tom.
"Und deine Parfums...", werfe ich mutig ein, "ich kenn' da
so ein Forum, da..."
"Lass' mich mit sowas in Ruhe", unterbricht mich Herr Ford,
dieses ganze social media-Gerede, die wissen alle ja nicht
mal, wie man eine Krawatte bindet..."
Er lacht jetzt wieder. Ich merke es - er will mich einfach nur
ärgern.
"Tom, ohne das Web und diese fragheads gäb's deine Düfte
nur in 10 Läden...das nennt man "niche", sagt Hedi und
tätschelt Toms Knie.
"Ich und Nische? Das ist ein Widerspruch in sich!", erwidert
Tom. Mit Verlaub - ich war schon immer ein Erfolgsmagnet.
Und Erfolg steht nie in der Nische, sondern im Zentrum -
where else?"
"Apropos else", werf' ich keck ein, "meine Tante Else trägt
auch Tuscan Leather... ist das o.k. für dich?"
Hedi grinst und ist ebenfalls auf Toms Antwort gespannt.
"Sure! Meine Parfums sind nicht nur uni-sex, die sind all-sex,
universal-sex, alien-sex und endless-sex und..."
"Und deine Mode? Folgt die dem gleichen Gedanken?",
frage ich schlau.
"Die ist - zeitlos. Total zeitlos."
Eine kurze Pause entsteht, so lang wie ein Kaschmirfussel
braucht um von einem Schneidertisch zu fallen.

"Meine ist mehr als zeitlos", bemerkt Hedi, "inspiriert aus
der Vergangenheit, dabei total heute und bereit für demain."
"Schön gesagt", lobe ich ihn. "Also genaugenommen Mode
für die Vergegenkunft."
"Mein Deutsch ist nicht soo gut, aber wird schon stimmen,
das gilt besonders für die Sachen, die ich für Celine mache..."
"Und meine ist genauso, wie Tuscan Leather riecht -
irgendwie nicht richtig definierbar, aber unwiderstehlich",
sagt Tom.
"Ja, da ist was dran", murmelt Hedi, "etwas synthetisch,
etwas monoton, nicht sehr kreativ - aber leider saugut..."

"Ich glaub' ich nehm' noch so ne Bulette", sagt Tom,
jetzt anscheinend wieder in bester Laune.
"Ich glaub ich nehm den Fifty-Fifty-Joker", sagt eine
Frauenstimme.
"Das scheint mir auch klüger", antwortet Herr Jauch.
Es macht "Plong" und 2 Antworten fallen weg.
"Dann nehm' ich C..."

Ich stutze kurz.
Und recke und strecke mich.
Mal wieder vor der Glotze eingeschlafen.
Das normale TV-Programm ist besser als Valium.
Und Träume sind Iso E Super.
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