Sie rollten in ihrem kleinen Bandbus dahin, immer auf der Interstate 29.
Der graue Himmel störte sie nicht, beseelt wie sie waren von der Vorstellung
auf ihren ersten Deal. Erst gestern war es ihnen fast gelungen, ein 2.000 Dollar-Paket
zu verticken, an der Haustür.
Ach so - hab' ich erwähnt, wie die beiden hießen?
O.K., Maureen und Katja. Beide waren im gleichen Waisenhaus in Deutschland
aufgewachsen und dann auf wirren Wegen in die USA gekommen.
Die ganze Vorgeschichte ist nicht so wichtig, ich will euch ja nicht langweilen.
Sehr aufregend ist meine Geschichte sowieso nicht, aber ziemlich wahr.
Ich mach's kurz und versprech', auch bald auf den Duft zu kommen...
Also, die beiden waren Musikerinnen, schrieben ihre eigenen Stücke und konnten davon
durch Auftritte in kleinen Clubs grad so leben. Genau diese "Gerade-so" nervte sie
aber leider - billige Hotelzimmer oder wohnen im Bus (was gar nicht so ungemütlich war)
und einiges mehr. Der Wunsch war in ihnen gereift, mal auf großem Fuß zu leben
statt immer auf kleinem, quasi auf Kinderfuß.
Und so kam Piet Hendersen ins Spiel. (ich nenn' ihn mal so, der echte Namen spielt keine Rolle
und ich will keinen Ärger.) Jedenfalls war's ein berühmter Börsenmakler.
Er hatte ihnen diesen Job angeboten - Aktienpakete an der Haustür zu verticken.
(was in der amerikanischen Provinz gehen konnte, zumal seine Pakete für hohe
Dividenden bekannt waren.) Dazu konnten sie mit dem Handy (sie besaßen eins gemeinsam)
eine Live-Schalte zu ihm herstellen, in der er kurz was Schlaues sagte.
Egal - mag strange klingen, aber so war's.
Und er hatte - aufgemerkt! - ihnen eine Pulle Vetiver Parfum geschenkt.
Warum? Keine Ahnung.
So. Jetzt waren sie also auf dem Weg nach einer Stadt namens Council Bluffs,
wo sie knapp ein Jahr zuvor gespielt hatten, in einem Club namens The Porch.
(Maureen spielte übrigens Keyboard und Katja Gitarre oder Akkordeon,
singen konnten sie beide)
Von Hendersen hatten sie die Adresse einer deutschstämmigen Frau aus der Stadt,
die interessiert sein könnte und genug Geld haben dürfte.
Council Bluffs war nicht mehr weit und sie hörten "nonetheless" von den Pet Shop Boys,
die sie liebten. Kurz zuvor hatten sie sich ordentlich mit dem schönen Vetiver-Duft eingedieselt.
Die intensiv grünen Vetiver-Noten bekamen gerade eine Art aromatischen Extra-Kick,
eine gewisse Würzfrische von Wacholder und Koriander, die sie auch ein wenig an Gin
erinnerte. Und dazu eine gewisse Wärme, eine harzige Süße, die etwas von einer
Indianerwolldecke hatte, wegen der Kräutrigkeit. Oder wegen der Landschaft um sie herum.
"Essen Indianer eigentlich Lakritz?" fragte Maureen.
"Wie kommst du drauf?" "Weiß' nicht, durch's Parfum vielleicht..."
"Also - ich denk' schon... ich hab grad ne Idee für n' Text. ..Do indians like likorice?...
wie findste das?" "Klingt bisschen nach Sparks..." "Stimmt!"
"Umso besser!" "Also los!"
Jetzt flogen Wortbrocken und Halbsätze durch den Vetiver-geschwängerten Bus,
sie waren in ihrem Element. Wenn sie zusammen Stücke schrieben, konnten sie sich
gegenseitig auf besondere Weise auffrischen, wie mit Koriander und Wacholder.
Für diese Zustände der Inspiration hatten sie ihre eigene Namen: die konnte für sie
Gewürz-mäßig sein, Groove-ähnlich oder Wetter-mäßig, Verbena-haft, Theater-mäßig
oder auch Helden-artig. Und wenn sie zusammenarbeiteten, war sie immer da,
diese Inspiration. Zuverlässig. Der Duft war so einfach und komplex zugleich
wie ihre freigelassene Phantasie. Er erinnerte sie an einen Satz, den sie auf dem Klo
eines Clubs gelesen hatten: Die Inspiration beginnt, wenn wir genug wissen,
um nichts zu verstehen.
Die verschiedenen Vetiver-Arten erzeugten zusammen mit der würzigen, leicht süßen Tiefe
eine Art Kuscheldeckengefühl und zugleich einen Eindruck von grüner Transparenz.
Oder wechselte das von einem zum andern? Mehr wie changierender Stoff
oder ein Wackelbild? Oder wie ein etwas verrauchter Clubraum mit leichter Tonka-Aura,
auf dessen Bühne kraftvolle grüne Scheinwerfer strahlen?
Sie rollten jetzt durch Council Bluffs und ich spul' mal schnell vor.
Sie stehen also vor dem Haus, halb aus Holz und mit Veranda.
Klingeling und dingdong... sie hören Schritte... die Tür geht auf...und eine kräftige,
vielleicht 50jährige Frau in Jeans und Lana del Ray-T-Shirt, Lockenwickler im lila gefärbtem Haar, steht vor ihnen.
"What can I do for you?" "Ähm... we're from Germany...", beginnt Katja.
"Yes, and we have a great chance for you..." ergänzt Maureen.
Knapp und präzise tragen sie ihr Anliegen vor.
Die Frau (den Namen lass ich bewusst weg) sieht sie kurz an, ohne was zu antworten.
"O.K..." , sagt sie schließlich, "ihr seid from Germany... that feels nice. But don't count
on me for solche bullshit. Ich mak besseres mit mein money..."
Dann erhellt sich ihr Gesicht. "Ich kenn' euch doch... letztes Jahr habt ihr im Porch
gespielt... hat mir gefallen, really, a lot of feeling and the right groove...
macht ihr noch music? By the way, you smell nice!"
Ein keckes Vetiver-Lüftchen steigt den beiden vom Hals in die Nase, reich, komplex,
deep und simpel zugleich.
"Ja, machen wir", sagte Maureen, es läuft sogar sehr gut..."
"Nächsten Monat könnten wir in New York spielen, im Madison Square Garden,
für 25.000 Dollar!"
Die Frau stemmt sich in die Tür und wirkt verblüfft.
"Ja, aber soviel Geld kriegen wir leider nicht zusammen...", ergänzt Katja und grinst.
"Wait eine Moment!", sagt die Frau und verschwindet einige Sekunden im Innern
des Hauses. Als sie zurück kommt, hat sie einen Briefumschlag in der Hand.
"Hier, that's für euch, aber you may open it erst outside of the city...
"Ähm, ja, thank you!", sagt Katja.
"Ja, versprochen und danke!" sagt Maureen.
"Allright, machts gut, good luck und Good Bye!"
Sie dreht sich um und schliesst die Haustür hinter sich, man hört ihre Schritte
leiser werden.
Als sie wieder im Bus sitzen, knetet Katja auf dem Umschlag herum.
"Also nach Geld fühlt sich das nich' an, zu dünn...".
"Vielleicht ein Scheck...?" "Weiß' nich, is' glaub ich eher was kleineres..."
"Aber wir warten bis wir außerhalb von dem Kaff hier sind, oder?" "Klaro, Ehrensache!"
Ein paar Meilen hinter Council Bluffs an einem Parkplatz halten sie und setzen sich
hinten im Bus auf den Boden. Die Heckklappe ist geöffnet und sie sehen hinaus,
weit in die typische Iowa-Landschaft aus hügeliger Prarie und Maisfeldern.
"Vielleicht ein Schatzkärtchen?" flüstert Katja, während Maureen den Umschlag öffnet.
Sie zieht einen kleinen Zettel heraus und legt ihn auf ihre Knie, so dass sie ihn beide
lesen können. Nur ein Satz steht da: Reich you want werden? You seids doch längst.
Sonst nichts. Was sollte das heißen? Hatten sie was geerbt, ohne es zu wissen?
Aber woher sollte diese Frau das wissen? Oder steckte da was ganz anderes dahinter,
etwas, woraus man einen Song machen müsste? Oder vielleicht was noch wichtigeres,
was weitaus deeperes?
Langsam, ganz langsam rieselt der Gedanken in ihre Köpfe,
wie Schneeflocken aus Vetiver, die eine herbe, feine, aber tragfähige Decke bilden...
Und das war sie auch schon, meine kleine Geschichte.
Und ihr? Ihr könnt den Duft ja mal selber probieren.
Vielleicht rieselt ja auch irgendwas.
Eine riesige Freude, wieder etwas von Dir lesen zu dürfen!
Willkommen zurück!
„ Die Inspiration beginnt, wenn wir genug wissen,“
Klasse!
Den Duft sollte ich noch unbedingt testen.
Und dann ab nach Iowa!
Vielen Dank, freut mich sehr!! Könnte mir vorstellen, dass dieses Parfum auch dir gefällt, trotz einer ganz leichten Süße, er hat immer noch einiges vom klassischen Edt, das ich in der aktuellen Version doch etwas verwässert finde.
Nun muß ich mal kurz aus der Versenkung hervorkrabbeln und mich riesig freuen! Ich kann zu allem, was meine Vorschreiber gesagt haben, nur heftig zustimmend nicken.
Eine große Lesefreude, die hier bitter vermißt wurde.
Und der Duft, tatsächlich so gut? Ich vertraue Deinem Urteil. Ich bin in jüngster Zeit etwas beleidigt mit Guerlain, sie sind etwas auf die schiefe Bahn geraten. Schön daß es doch noch ein paar Glanzlichter gibt.
Vielen Dank, mein Lieber, das freut mich sehr! Ich seh das mit Guerlain ähnlich wie du, aber dieses Parfüm von Frau Jelk finde ich wirklich sehr beeindruckend!
Ahhhh.... schon der zweite Lichtblick heute nach Turandots wohltuendem Lenenszeichen: Für einen kurzen, viel zu kurzen Moment haben siebenkässcher Schalk, Wortwitz, Fantasie und Präzision die dumpfen parfumfluenzdurchoudeten Beastmodezombies-"ich-hab-zwar-keine-Ahnung-muss-aber-was-absondern"-Wolken zerrissen und hinfortgeblasen. Und Parfumo war wieder Parfumo.
Danke.
Sehr schöne Geschichte, von Iowa über die Sparks bis zu Jelks Neuinterpretation, die offensichtlich bei dir zum Fest eingetroffen ist ;) Was den Duft angeht, das ist natürlich Geschmackssache, für mich ist das Original "was weitaus deeperes". Aber ich hab auch nur die Vintage-Versionen.
@Jacko
Dank dir für dein schönes Feedback und schön, dass du auch was für die guten alten Sparks übrig hast. Und kein Zweifel - das Vintage Vetiver Edt. ist ebenfalls ein ausgesprochen deeper Duft, besonders im Vergleich zur doch ziemlich verwässerten aktuellen Version.
Wie immer sehr gerne gelesen. Und nun weiß ich endlich, was ein Aktienpaket ist...
Und natürlich muss ich meine Nase bald mal über direse neue Guerlain Vetiver Variante halten...
Ein siebenkäs'scher Roadmovie vom Feinsten! Genauso wie der Duft; auch wenn ich das Original schon super finde, ist dieser hier noch ein kleines bisschen sympathischer und - ich sag's ungerne - jünger 😜
Das freut mich, danke sehr! Ja, ich versteh, was du meinst mit jünger, er hat diese leichte Süße, die aber zum Glück vom Vetiver im Rahmen gehalten wird 🤗 @Stulle
😂 Wunderbar! Und wunderbar, dass du wieder schreibst 😊 In bewährter Siebenkäs-Manier: humorvoll, kreativ, phantasievoll, nonchalant, unprätentiös, ein bisschen frech und lehrreich (auf verschiedenen Ebenen). „Reich you want werden?
You seids doch längst“, ist zum Einrahmen. Ein Lesevergnügen. Freue mich riesig!
Vielen lieben Dank, das freut mich wirklich sehr! Ich bin wirklich ziemlich begeistert von dieser Delphine Jelk-Version, zumal mir das klassische Edt mittlerweile doch etwas verwässert vorkommt. @Parma
Allein für den Satz "Die Inspiration beginnt, wenn wir genug wissen,
um nichts zu verstehen" hat sich das Lesen Deiner Rezension schon gelohnt! Einfach eine schöne Geschichte mit Tiefe, aber auch nicht zu bierernst!
Toll!
Weiss gar nicht, was ich schreiben soll. Ich könnte natürlich auch nix schreiben. Aber das wäre auch doof. Hat mir nämlich sehr gefallen. Die Geschichte. 😊
So schön, Dich wieder zu lesen. Der muss gut sein, wenn Du ihm eine 10 gibst. Schon das Original ist ein Traum. David Bowie soll ihn ja getragen haben ;)
Willkommen zurück!
„ Die Inspiration beginnt, wenn wir genug wissen,“
Klasse!
Den Duft sollte ich noch unbedingt testen.
Und dann ab nach Iowa!
Eine große Lesefreude, die hier bitter vermißt wurde.
Und der Duft, tatsächlich so gut? Ich vertraue Deinem Urteil. Ich bin in jüngster Zeit etwas beleidigt mit Guerlain, sie sind etwas auf die schiefe Bahn geraten. Schön daß es doch noch ein paar Glanzlichter gibt.
Danke.
Dank dir für dein schönes Feedback und schön, dass du auch was für die guten alten Sparks übrig hast. Und kein Zweifel - das Vintage Vetiver Edt. ist ebenfalls ein ausgesprochen deeper Duft, besonders im Vergleich zur doch ziemlich verwässerten aktuellen Version.
Und natürlich muss ich meine Nase bald mal über direse neue Guerlain Vetiver Variante halten...
You seids doch längst“, ist zum Einrahmen. Ein Lesevergnügen. Freue mich riesig!
um nichts zu verstehen" hat sich das Lesen Deiner Rezension schon gelohnt! Einfach eine schöne Geschichte mit Tiefe, aber auch nicht zu bierernst!
Toll!