Lang lebe der König
Er schloss die Augen und wachte auf.
Die Sonne schien durch die Äste, es war warm. Er merkte, er lag wieder an der gleichen Stelle, auf der schon vertrauten Lichtung. Gerade so viel Platz liess sie um ihn, wie nötig war, damit alle zu ihm kommen konnten. Wenn sie wollten. Aber er war sicher, sie würden kommen.
Die Sonne verstärkte alles – Bergamöttchen und Zitrössis liessen sich vernehmen wie ein leiser, anschwellender Chor, die Fiedeln der Lavender stimmten mit ein, es summte und brummte etwas darunter, etwas, das sich ankündigte, aber noch nicht da war.
Er wußte, er würde nicht lange warten müssen.
Etwas zwickte ihn im Nacken, versuchte ihn zu kitzeln.
Er tat, als ob er nichts bemerkte. Er wußte, wie ungeduldig es war.
Schon spürte er zarte, kleine Schritte auf seiner Schulter und dann stand es auf seiner Brust.
Es war noch sehr jung, dieses KORI, weniger aufdringlich als seine älteren Brüder und Schwestern, aber doch schon mutig und forsch. Wie es sich für ein KORI gehört, war es ganz in Grün gekleidet – grüner Kittel, grünes Mützchen und ein grüner Schultersack. Und den öffnete es jetzt, mit einer schnellen, geschickten Bewegung und heraus kullerten viele kleine Pfeffris, die sich erstaunlich diszipliniert rund um ihn aufstellten, einen Halbkreis bildend, der zu seinen Fußspitzen offen blieb, damit Er den gebührenden Platz behielt, um Hof zu halten.
Jetzt waren aus den Sträuchern und Büschen weitere KORIS dazugekommen und hatten sich eingereiht, immer eines neben einem Pfeffri, ein changierendes, rosa-grün-flirrendes Mosaik bildend. Sie erhoben ihre Stimmchen, spitz und hoch, die KORIS weich und rund, die Stimmen der sonnenberauschten Bergamöttchen wetteiferten mit den Zitrossis, die fiedelnden Lavender steigerten sich – alles trieb, strebte nach etwas, verströmte eine Sehnsucht, eine sich immer stärker aufbauende Spannung – eine Lust, endlich IHN zu sehen.
Da klangen Schritte wie tiefe Trommeln aus dem Dickicht, dumpf und hell zugleich, und alle wußten – ER ist nah, wenige Schritte nur noch entfernt, er selbst, – König PATCH.
Und dann war er da.
Lustig, uralt, verschmitzt, braungebrannt, erfahren, verspielt, ruhig, besonnen, schalkhaft, sanft, rauh, beschützend, stark. König PATCH, der Zweite. Er war zugleich beherrschend und liess doch allen anderen Raum, er war offen und gleichzeitig fordernd, neu und alt, nie gesehen und tausend mal bewundert. Er liess ihnen allen Platz, er liebte sie ja, er duldete sie nicht nur, sie schmeichelten ihm schließlich, zeigten ihm, wer er war, wie viel Kraft er hatte. Und endlich erhob er seine Stimme...
„Mensch, Lehmann, nehmense mal ihren Arm vom Riechkolben und kommense mal hier rüber! Hammse gesehen, was der Vertrieb hier für Mist gebaut hat? Das is’ Ihre Abteilung, also schwingen Sie mal die Hufe!“
„Klar, Chef, komm’ ja schon...“
Er öffnete die Augen und war verschwunden.