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Siebenkäs

Siebenkäs

Rezensionen
56 - 60 von 65
Die weiße Stimme
Bitte setz' dich.
Deine Hände werden ganz schwer...
schwer und warm...
auch deine Arme werden schwer und schwerer...
und wärmer... die Wärme durchdringt deinen ganzen Körper...
Alle Schwere fällt von dir ab...
Dein Atem fließt gaaaanz ruhig... ein breiter Strom...
Du bist jetzt ganz entspannt... tief entspannt...
Und wenn ich jetzt bis "3" zähle...
bist du nicht mehr online...
eins - zwei - drei -
Du stehst mitten in einem kleinen Zitronenwald.
Es ist Erntezeit, heller Gesang erfüllt die Luft.
Lauter Gesang. Schön. Ein bisschen schief.
Körbe werden gefüllt mit den stark duftenden Zitronen.
Alles erfühlt sich... atme den Duft...
Jetzt kommt eine der Mägde, sie trägt einen großen Sack.
Sie öffnet ihn, springt zu dir...
sie schüttet eine helle, staubige Wolke über dich...
es riecht so... anregend... es kitzelt fast...
es ist... weißer Pfeffer... du freust dich...
wolkenweise weißer Pfeffer...
nein - du musst nicht niesen... nicht... Gesundheit!
Die Zitronen vereinigen sich mit dem Pfffffeffer...
wunderbare Sache....
Eine weiße Limousine braust heran. Quietsch.
Die hintere Tür öffnet sich.
Ein wenig Hektik kommt auf... (tiefenentspannte Hektik!)
Du steigst ein.
Ihr braust davon.
Auf dem Display des Navis liest du:
Lallique 1. Klasse-Abteil - NICHTRAUCHER
Dennoch entweicht dem Mund des Fahrers weißer Nebel.
Viel Nebel... bald ist alles zugenebelt...
Du siehst nur noch weiß.
Der Nebel riecht noch immer hellzitronig-pfeffrig,
aber auch nach Kardamon... einem Prislein Muskat...
einem zerzupften asiatischen Blümchenbouquet...
kinderhandgepflückt.
Und nach deiner allerersten Kinderschallplatte.
(die mit dem weißen Pferdchen auf der Hülle.
Beim Zuhören hast du es dir stets angeschaut.)
Der Wagen hält jetzt - jemand öffnet den Verschlag...
Nur ein paar Stufen... und du bist auf einer Party.
Weißes Parkett... eine Band spielt... es sind die White Stripes.
Sie spielen die Titelmelodie deines Kinderhörspiels...
es klingt vertraut, als tönte es aus dem Schneewittchensarg.
Die Magd ist auch da... sie fordert dich zum Tanz auf...
Jetzt erkennst du es - sie ist eine Asiatin. Schöne Mandelaugen.
Kann bestimmt Karate.
Sie flüstert dir etwas ins Ohr:
"Sag 3x schnell:
Schwere, schwätzende Nichtschwimmer-Schwänchen
schwirren durch schwebende Flaumfedertränchen."
Es regnet jetzt Bleistiftspitzspänchen.
Du versuchst es... "Schwere, schwätzende..."
Es gelingt dir phänomenal gut.
Beifall braust auf.
Die White Stripes wollen ein Autogramm von dir.
Du verbeugst dich.
Mehr Beifall.
Genug jetzt... danke...
Wenn ich jetzt bis 3 zähle...
wachst du ganz entspannt auf...
eins - zwei - drei -
Du bist wieder in deiner normalen Umgebung...
in einem Internet-Forum...
äh... langsam kletterst du durch den USB-Ausgang nach draussen.
Du streckst dich... klopfst dich etwas ab... bist wieder zu Hause.
Es geht dir gut.
Sehr gut.
8 Antworten
Eine Liga für sich
Auweia.
Wirklich nicht einfach, zu diesem Duft einen Kommentar zu schreiben.
Er hat so vieles, was ich so noch nie in einem Parfum gefunden habe,
vor allem in so perfekten, ultraweichen Übergängen,
die sich immer wieder in eine andere Richtung wenden.
Nach 3 Test-Tagen habe ich jetzt aber doch so eine Art Bild vor ihm.
Für mich fängt er erst mal eher damenhaft an - hell, recht hohe Tonlage
ich würde es als D-Dur bezeichnen, was natürlich komplett subjektiv und schwer nachvollziehbar ist) - sehr fruchtig, die Frucht konnte ich erst
beim zweitenmal besser erkennen, nämlich als Pflaume, vermischt
mit leicht bitterer Bergamotte.
Auch etwas metallisch, schon deutlich süß und alles andere als leise,
dieser Einstieg.
So bleibt es aber nicht lange - es wird würziger, eine Art trockener Zimt
oder vielleicht auch staubige Vanilleschote ohne Mark kommen
dazu und bilden so etwas wie ein Geflecht mit der strahlenden
Fruchtnote. Das Ganze liegt jetzt 2 Halbtöne tiefer.
Als nächstes macht der Blumenladen auf. Es treten auf:
Flieder und Rose.
Jasmin soll auch dabei sein, ist für mich aber nicht gut erkennbar,
der Flieder dominiert im Blumenbouquet.
Das hat einen sonderbaren Effekt für mich -
plötzlich erinnere ich mich an vergangene Muttertags-Frühstücke.
Ich hatte frischen Flieder gepflückt, der stand jetzt in einer Vase auf dem
Frühstückstisch, daneben ein Topf mit Pflaumenmus.
An beides zusammen erinnert mich Parure in diesem Moment.
Ein krasser Gegensatz zur bisher eher glamourös-französischen Aura.
Dieses Drama-Prinzip von Gegensätzen steigert sich aber noch, denn
ganz weich zieht jetzt eine dunkle, deutlich tiefere Melodie
in das Stück, während alles andere gleichzeitig noch vorhanden ist,
nur mal lauter, mal leiser zu vernehmen.
Dunkles Holz, Eichenmoos und Vetiver spielen zusammen eine ernstere,
traurigere Melodie, die alles in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Aber - das dunkle Terzett übernimmt nie die Führung, es bleibt
gleichzeitig etwas hell-jubilierendes, oberflächlich lebensfrohes bestehen.
Das gewinnt mal die Oberhand und wird dann wieder weiter in den
Bühnenhintergrund gelenkt.
Irgendwie erinnert mich das auch an die Commedia dell Arte mit ihren
immer gleichen Figuren, die für die menschlichen Charakter-Archetypen
stehen - ernst, lustig, verspielt, melancholisch, draufgängerisch usw.
und in deren Spiel wir mit Lachen und Weinen durch jedes Stück
geführt werden, das im Grunde das Leben darstellen will.

Parure ist sicher kein Duft für jeden Tag, es ist anspruchsvoll, denn
es will in seinen verschiedenen Stimmungen beachtet werden.
und das wird es auch, nicht nur vom Träger allein.
Sillage und Haltbarkeit meiner großzügigen Probe, die mir die wunder-
bare Turandot netterweise zur Verfügung gestellt hat,
liegen im allerobersten Bereich.
Nach dem Duschen tut Parure einfach, als ob gar nichts
gewesen wäre. Es bleibt treu da, und das nicht nut hautnah, sondern mit
immer noch wahrnehmbarer Sillage.
Obwohl ich Parure allein erst jetzt kennengelernt habe, ist mir der Duft
doch schon länger bekannt. Denn in einem sehr frühen Test-Erlebnis
hatte ich ihn mal - komplett ahnungslos - mit Knize Ten gelayered.
(habe drüber einen Blog geschrieben). Der durch Turandot ermöglichte
wissenschaftlich abgesicherte :) Versuch hat das zweifelsfrei bestätigt.

Parure ist ein Duft, den auch Männer gut tragen können, wenn er auch
für manche nicht ganz so unisex wirken mag wie z.B. Sycomore.
Er ist auf jeden Fall eins der letzten großen Duft-Abenteuer... jedenfalls
für mich....
5 Antworten
Le petit frère
Diesen Kommentar schreibe ich nur auf Basis von 3 Tests, erster Test 3 Spühstöße, beim zweiten Mal 5, dritter Test mit 7 Sprühstößen - jeweils am Hals.
Das heißt, ich gebe meinen ersten Eindruck wieder, richtig fundiert kann’s nicht werden, dazu bräuchte es Erfahrungen über Monate, vielleicht auch über verschiedene Jahreszeiten. Es fehlt also die Tiefe, die man nur erreicht, wenn man länger mit dem Parfum lebt, sich kennenlernt und quasi in einen Dialog kommt.
(...Hey, Antaeus, gib’ mir mal den Kaffee rüber. Was ich dir immer schon mal sagen wollte, lass’ doch bitte nicht immer dein Koriander im Bad rumliegen....“
„Stell’ dich nicht so an! Erzieh’ du mal lieber deine Töchter besser!“
„Wieso?“
„Weil sie immer sagen, du sollst mich nur im Freien benutzen. Ich bin doch kein Sylvesterfeuerwerk.“
„Sind halt noch zu jung...“
„Eh voila - wenn sie’s noch mal sagen, geh ich zu Jacques zurück und lass’ mich reformulieren!“
„Machst du nicht!“
„Und ob!“
„Drama-Queen!“

Zu derartig privaten Gesprächen ist es also mit L’Homme Ideal EdP bei mir noch nicht gekommen, aber zu einem ganz ordentlichen ersten Eindruck.
Er hat sich zunächst einmal sehr höflich und zurückhaltend vorgestellt, den Hut in der Hand haltend und auf Abstand bedacht. Deutlich anders als sein Bruder, der unkonzentrierter ist und etwas mehr dem Alkohol zuspricht, weshalb er auch schon mal etwas lauter und aufdringlicher wirken kann.
Was ihn mit seinem etwas älteren Bruder verbindet, ist die Neigung zu süßem Naschwerk, speziell Mandelkern und Marzipan. Allerdings hat er sich hier viel mehr unter Kontrolle,
achtet mehr auf seine Figur und steckt sich stattdessen lieber mal eine Rose ins Knopfloch. (das ist zwar nicht so nahrhaft, wirkt aber doch sehr Bohème-mäßig).

Während sein Bruder am liebsten im doch etwas süßlich-dunkelrotem Samt-Jacket aufkreuzt, trägt das EdP-Brüderchen stets und stolz sein neues Wildleder-Sakko.
(Er wollte sich allerdings gleich mal, verspielt wie er ist, mein dunkelgrünes Harris-Tweedsakko ausleihen, was ich ihm aber glatt verweigert habe.)
Ansonsten versprüht er noch einen gewissen sandelholzigen, ein wenig tonka-trunkenen Pariser Charme, er kennt immer ein paar pikante Geschichtchen aus dem Faubourg St Honorè, die Namen lässt er aber, diskret wie er ist, weg.
Wenn er zu Besuch kommt, hat man es also mit einem insgesamt sehr angenehmen, wohlerzogenem Gast zu tun, den man – und das ist schon o.k. - so schnell nicht mehr los wird.
Anders als sein Bruder, der poltriger und lauter auftritt, aber dann bald schon wieder weg muss, weil er irgendwo etwas nicht versäumen will, das „certainment très amusant“ werden wird.
„Au revoir, mon ami, à bientot!“ Und weg ist er.
Amusant ist der jüngere EdP-Bruder vielleicht nicht so sehr, aber doch recht distingué und charmant, man kann sich glatt an ihn gewöhnen.
2 Antworten
Die geheimen Out-Takes (hier zum ersten Mal offen gelegt)
Der unsichtbare Dritte
Roger Thornhill (Cary Crant) hat es gerade geschafft, mit der Hilfe von Eve Kendall (Eva Marie Saint) im Zug zu fliehen. In Chicago verlässt er verkleidet als Gepäckträger den Bahnsteig und rasiert sich danach in der Bahnhofstoilette. Unmittelbar nachdem er sich abgetrocknet hat, sehen wir auf dem Waschbeckenrand einen Flakon mit Pour Monsieur von Chanel – er greift danach und sprüht sich zweimal kurz etwas auf den Hals. Die Szene dauert keine fünf Sekunden.
Kurz nach Fertigstellung des Films wurde diese Szene von Chefcutter Stan Eliasson auf Anweisung der Produktionsleitung herausgeschnitten. Die ungeschnittene Fassung mit dieser Szene lief versehentlich wenige Male in Somerville, Massachusetts, wo sich der Pour Monsieur-Umsatz in Mrs. Deborah Carmichaels Drugstore kurzfristig verdreifachte. (Vergl. Annie Carmichael „Frühe Jahre in Somerville“)
Das Apartement
Als C.C. Baxter (Jack Lemmon) nach vielen, teils dramatischen Turbulenzen Miss Fran Kubelik (Shirley MacLaine) zu Besuch hat, kocht er für Sie hingebungsvoll Spaghetti, dabei nutzt er einen Tennisschläger als Nudelsieb. Er gibt etwas Parmesan über die heißen Spaghetti – „…das gehört dazu – Lebensstil-mäßig“ – und serviert sie Miss Kubelik. Dann verschwindet er ganz kurz in das kleine Bad, um noch einmal unauffällig zu prüfen, ob keine Rasierklingen mehr herumliegen. Er schaut kurz ins Zimmer zurück, ob sie ihn auch nicht sieht – dann hält er plötzlich eine kleine Flasche Pour Monsieur in der Hand und sprüht sich einmal kurz damit an, bevor er zu ihr an dem Tisch zurückkehrt.
Der Take wurde gar nicht erst in die endgültige Fassung mit aufgenommen, weil die Szene Herrn Wilder wohl zu lang erschien. Ein Hilfsbeleuchter soll den Chanel-Flakon nach den Aufnahmen entwendet haben und damit in Harrys Cafe im Village sehr positiv aufgefallen sein.
Die Reifeprüfung
Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) kommt zu spät in die Kirche, in der Elaine Robinson (Katherine Ross) zwangsverheiratet wird. Dennoch gelingt es ihm, sie zu befreien – die beiden fliehen vor der aufgebrachten Spießbürger-Meute aus der Kirche und verriegeln im letzten Augenblick den Ausgang mit einem Holzkreuz. Bevor sie jetzt endgültig fliehen, zieht Benjamin ganz unerwartet einen Flakon aus der Tasche – es ist Pour Monsieur von Chanel. Überlegen lächelnd sprüht er erst Elaine , dann sich selbst ein paar Sprühstöße auf – dann springen sie in den roten Alfa Romeo Spider und rasen davon.
Die Szene fiel der Schere zum Opfer, weil sie der Ehefrau des Fahrers von Dustin Hoffman nicht gefiel. („zieht doch die Dynamik aus der ganzen Chose raus“) Später stellte sich heraus, dass sie verhindern wollte, dass jemand den Namen des Parfums ihres Geliebten erfährt.
Der Stadtneurotiker
Annie Hall (Diane Keaton) hat ein Käfer-Cabrio. Nachdem sie eben Alvy Singer/Woody Allen) kennengelernt hat, der mit ihr in einer vergleichbaren intellektuellen Liga spielt („…ich möchte nie im Leben Mitglied in einem Verein werden, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt…“), düst mit ihm auf dem Beifahrersitz unbeholfen-rasant durch Manhattan. Er schaut krampfhaft in den Verkehr: „Ich glaube Sie fahren eine Terz zu geschwind.“ Annie öffnet das Handschuhfach und gibt ihm einen Flakon mit Pour Monsieur. „Das beruhigt…“
Alvy sprüht sofort einige Stöße auf sie und schnuppert dann am Zerstäuber.
Die Szene hat nie den Weg in die Publikumsfassung gefunden, sie wurde durch weitere rasante Autofahr-Sequenzen ersetzt. Französische Cineasten sprechen von einem Komplott gegen die Szene, für das sich Ralph Lauren und die Brooks Brothers zusammen getan haben sollen, weil sie selbst Herrenparfums anbieten.
Die Ferien des Monsieur Hulot
Als Monsieur Hulot (Jacques Tati) in dem kleinen bretonischen Badeort mit seinem unvergleichlichem Aufschlag jeden beim Tennis besiegt, obwohl er eigentlich nicht spielen kann, wird dies in der normalen Fassung nicht weiter aufgeklärt. In der Urfassung sehen wir ihn in einem kurzen Close-up, wie er sich die Hände vor Spielbeginn mit Pour Monsieur einsprüht.
Jacques Tati, der geniale Regisseur, hat sich leider von der Schwester seiner Cutterin, Aline Debuffier, überreden lassen, auf die Szene zu verzichten. Ihr kleinliches Argument – Pour Monsieur werde ja erst im jahr 1955 erscheinen, man schreibe aber erst das Jahr 1953. Tati war gutherzig genug, um auf ihren Wunsch einzugehen.

Wie aber riecht Pour Monsieur heute wirklich?
Nun – zunächst muss man feststellen, dass auch hier Wichtiges herausgeschnitten wurde – in der Schluss-Szene wurde das Eichenmoos stark gekürzt. Nicht ganz ohne Folgen für den gesamten Verlauf.
Alles beginnt mit einer wirklich wunderbaren, klaren und reinen Zitrone, die etwas phantasieanregend-französisches hat. Man steht vor einem alten Marmorwasch-becken, das Fenster ist leicht geöffnet, der Blick fällt durch hellgrünes Frühlingslaub gefiltert auf den Boulevard Raspail. Jetzt melden sich grasig-kräuterige Töne, die Wiese im Jardin Luxembourg, der Brunnen mit kleinen Segelschiffen, Nannys mit dunkelblauen Kinderwagen (vermutlich von Silver Cross) – all das erscheint mit einem Mal von ganz allein. (Keine Garantie – es kann auch die Wiese hinterm Mühlenweiher in Holleschitz sein, der Central Park oder eine Landschaft im Monument Valley.)
Während all das ineinander verwoben da bleibt, kommt allmählich die pudrige, elegant-verhuschte Chanel-Cremigkeit dazu, ganz leicht androgyn, vielleicht auch ein bisschen melancholisch. Sehr weich, diskret, unaufdringlich. Der trocken-moosige, fast etwas bittere, kühle Eichenmoos-Hauch erdet dann alles, macht es aber auch noch prickelnder, unkonventioneller und eleganter. (In der alten Fassung war es etwas mehr als ein Hauch, ich will aber nicht jammern.)
Trotzdem immer noch so nah an Champagner wie es ein Parfum nur sein kann.
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Lang lebe der König
Er schloss die Augen und wachte auf.

Die Sonne schien durch die Äste, es war warm. Er merkte, er lag wieder an der gleichen Stelle, auf der schon vertrauten Lichtung. Gerade so viel Platz liess sie um ihn, wie nötig war, damit alle zu ihm kommen konnten. Wenn sie wollten. Aber er war sicher, sie würden kommen.
Die Sonne verstärkte alles – Bergamöttchen und Zitrössis liessen sich vernehmen wie ein leiser, anschwellender Chor, die Fiedeln der Lavender stimmten mit ein, es summte und brummte etwas darunter, etwas, das sich ankündigte, aber noch nicht da war.
Er wußte, er würde nicht lange warten müssen.
Etwas zwickte ihn im Nacken, versuchte ihn zu kitzeln.
Er tat, als ob er nichts bemerkte. Er wußte, wie ungeduldig es war.
Schon spürte er zarte, kleine Schritte auf seiner Schulter und dann stand es auf seiner Brust.
Es war noch sehr jung, dieses KORI, weniger aufdringlich als seine älteren Brüder und Schwestern, aber doch schon mutig und forsch. Wie es sich für ein KORI gehört, war es ganz in Grün gekleidet – grüner Kittel, grünes Mützchen und ein grüner Schultersack. Und den öffnete es jetzt, mit einer schnellen, geschickten Bewegung und heraus kullerten viele kleine Pfeffris, die sich erstaunlich diszipliniert rund um ihn aufstellten, einen Halbkreis bildend, der zu seinen Fußspitzen offen blieb, damit Er den gebührenden Platz behielt, um Hof zu halten.
Jetzt waren aus den Sträuchern und Büschen weitere KORIS dazugekommen und hatten sich eingereiht, immer eines neben einem Pfeffri, ein changierendes, rosa-grün-flirrendes Mosaik bildend. Sie erhoben ihre Stimmchen, spitz und hoch, die KORIS weich und rund, die Stimmen der sonnenberauschten Bergamöttchen wetteiferten mit den Zitrossis, die fiedelnden Lavender steigerten sich – alles trieb, strebte nach etwas, verströmte eine Sehnsucht, eine sich immer stärker aufbauende Spannung – eine Lust, endlich IHN zu sehen.
Da klangen Schritte wie tiefe Trommeln aus dem Dickicht, dumpf und hell zugleich, und alle wußten – ER ist nah, wenige Schritte nur noch entfernt, er selbst, – König PATCH.
Und dann war er da.
Lustig, uralt, verschmitzt, braungebrannt, erfahren, verspielt, ruhig, besonnen, schalkhaft, sanft, rauh, beschützend, stark. König PATCH, der Zweite. Er war zugleich beherrschend und liess doch allen anderen Raum, er war offen und gleichzeitig fordernd, neu und alt, nie gesehen und tausend mal bewundert. Er liess ihnen allen Platz, er liebte sie ja, er duldete sie nicht nur, sie schmeichelten ihm schließlich, zeigten ihm, wer er war, wie viel Kraft er hatte. Und endlich erhob er seine Stimme...

„Mensch, Lehmann, nehmense mal ihren Arm vom Riechkolben und kommense mal hier rüber! Hammse gesehen, was der Vertrieb hier für Mist gebaut hat? Das is’ Ihre Abteilung, also schwingen Sie mal die Hufe!“
„Klar, Chef, komm’ ja schon...“

Er öffnete die Augen und war verschwunden.
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