John Wayne mit Lippenstift
Nachdem mein erster Blog-Beitrag hier so überaus freundlich aufgenommen wurde, trau‘ ich mch jetzt mal an meinen ersten Kommentar. Dafür wähle ich einen Duft, der meinen Blick auf Parfums und was sie ausdrücken können ganz gut aufgemischt hat.
Ich beginne mit meiner allerersten Begegnung mit Antaeus und daher mit der alten Formulierung aus den 80ern. Das soll aber keine Vintage-Schwärmerei werden und kein Schlecht-machen der aktuellen Version, denn auch die mag ich sehr. Die Überschrift und meine Bewertungen beziehen sich auf die jetzige Fassung. Aber um ein vollständiges Bild meines persönlichen Eindrucks des schwarzen Riesens malen zu können, muss ich beide betrachten. Und mehr als ein persönliches Bild kann ich eh nicht bieten – ich bin ja kein Parfum-Profi und besitze auch keine wirklich analytische Nase für die vielen Noten, die es gibt. Als Ausgleich neige ich ein wenig zum Abschweifen,sorry dafür. In dem Fall habe ich allerdings eine gute Ausrede: Antaeus neigt schließlich auch etwas zum Ausschweifen.
Aber zurück zu meiner ersten Begegnung. Ich war zusammen mit meinem Mitbewohner bei einem Freund zu Besuch, wir blieben nicht lange, eigentlich wollten wir ihn nur abholen, um in eine Szenekneipe zu gehen. Irgendwann stand er auf, zog sich seine schwarze Lederjacke an und griff ins Bücherregal. Ich denke, er hatte diesen Moment ganz gut vorgeplant.
Dann hatte er einen Flakon in der Hand, auf den auch wir schon öfter in den einschlägigen Geschäften eine Auge geworfen hatten, weil er so scharf aussah, ein vollkommen schwarzer Monolith, nur mit der sparsam-strengen, serifenlosen weißen Chanel-Typo. Ohne die Schrift hätte es ein Modell des schwarzen Monuments aus „2001-Odyssee im Weltraum“ sein können. Pfffft, pfffft, gab er sich drei, vier Sprühstöße auf den Hals, ich stand vielleicht vier oder fünf Meter entfernt. Mein Mitbewohner stand neben ihm, nach wenigen Sekunden sagt er nur trocken: „Meine Herrn!“ – Dann bekam ich die Duftwelle ebenfalls zugeweht – Kawong! Nein, kein gutes Wort dafür, aber es war eine Art Knall, ein positiver Schreck, eine Duftexplosion.
Schwere, strenge,dunkle Gewürze, dazu etwas, das an einen Humidor erinnerte, also dicke Zigarren und trockenes(?) Holz, dazu noch ein gegerbter Lederduft. Aber dann wurde es erst aufregend. Was heißt „dann“, es spielte sich alles in Sekunden ab. Parallel kam jetzt eine weiche, verruchte Süße dazu, etwas rosenartig-blumiges, auch wenn ich es damals vielleicht nicht so benannt hätte. Aber etwas weibliches, wie eine sehr selbstbewußte, erfahrene Frau, die ihre Vergangenheit im Rotlichtmilieu heute souverän belächelt. Und dieser Part des Duftes verband sich nicht wirklich mit dem anderen, maskulinen Teil. Er war zugleich da, man nahm mal mehr den einen, mal mehr den anderen Aspekt wahr. Das weibliche Element mit dem elegant-verruchten und irgendwie subversivem Rotlicht-Background gewann für mich aber letztlich die Überhand. Zusammengefasst war mein Eindruck von Antaeus der einer Frau, die sich als Mann verkleidet hat, deren Sexyness aber immer wieder hinter der maskulinen Fassade hervordringt. Das ein Parfum sowas hinbekam, warf mich fast um.
Und nun ein Sprung – huii – hinüber zum heutigen Antaeus. Das weibliche Element ist immer noch da, aber nicht mehr dominant, sondern eher verspielt, verkleidet, kostümiert. Das Maskuline lässt sich aber nicht verstecken, es ist einfach unüberseh-bzw. riechbar - mit Leder und Zigarrenholz die Menge, Koriander und herbem Bienenwachs, das in anderem Zusammenhang weihnachtlich sein könnte. Und später mit für mich deutlicherem Patchouli, auf das ich auch schon angesprochen wurde. Das war wohl vorher auch alles da, aber irgendwie anders gewichtet. Meine Überschrift ist vielleicht etwas zugespitzt, aber für mich haben wir‘ s heute eher mit einem Mann zu tun, der versucht sich als Frau zu verkleiden (mit Lippenstift meine ich nur den visuellen Eindruck, nichts, was mit dem „Lipstick“-Akkord von DH oder mit Iris zu tun hat.) Oder zumindest einer, der ein bisschen mit weiblichen Elementen spielt.
Immer noch erstaunlich und wunderbar, extravagant und ein wenig subversiv, immer noch ein Spiel mit den Geschlechter-rollen, nur vielleicht nicht mehr ganz so aufregend. Womöglich für manche sogar etwas tragbarer. Und immer noch auch wunderbar tragbar für Frauen, wie ich finde.
Sillage und Haltbarkeit waren vielleicht früher noch etwas heftiger, liegen für mich aber immer noch in einem dermaßen hohen Bereich, daß dies keine Rolle spielt. Sensibilität am Abzug ist jedenfalls empfehlenswert.