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Siebenkäs

Siebenkäs

Rezensionen
16 - 20 von 65
Pssst!
Endlich.
Nervös trippelst du von einem Fuß auf den anderen.
Die alte Steintreppe.
Das Haus deiner Tante, die fast genauso alt ist.
(sie lebt längst in einem luxuriösem Altersheim.)
Housekeeper - kein Wort, das dir gefällt.
Aber es mag stimmen.
„Ab und zu nach dem Rechten sehen.“
Egal.
Du stehst vor deiner Fluchtburg.
Get me out of this cage.
Den Flakon bewahrst du in einem Fake-Buch.
In der Bibliothek, neben den Buddenbrocks.
Mit nach Hause nehmen würdest du ihn nicht.
Niemals.
Bei dir zu Hause ist kein Platz für sowas.
Zu viel Effizienz. Läuft alles wie geschmiert.
Von wegen langer Marsch durch die Institutionen.
Erst mal haben sie dich befördert.
Dann noch mal. Und noch mal.
Und jetzt?
Führungsetage. Eckbüro. Wie in „Das Apartment“.
Aber du hast dir deinen subversiven Geist bewahrt.
Oder?
Jetzt schließt du die Tür auf.
Treppe rauf. In die Bibliothek.
-----
Du hältst sie in der Hand.
Geranium Odorata.
Fast nichts versprechender Name.
Fast alles haltender Duft
Fast ist dein Wort.
Du drückst ab.

Die Eröffnung ist wie eine Tür, die dich sogleich mit
zitrisch-herber Hand in den geliebten Garten hinein
führt. Hier ist alles, wie es schon in deiner Kindheit war:
der alte Tisch, der in einer verwunschenen Ecke auf der
hochwuchernden Wiese steht, halb überdacht von einem
wilden Rosenbusch. Der herb-frische Duft vieler Kräuter,
vermischt mit Minze und Pusteblumen fordert dich zum
Hinsetzen auf. Papier und Federkiel liegen schon bereit.
Du nimmst Platz und betrachtest den herrlichen Geranien -
strauß, der in einem schlafanzugfarbenem Krug auf dem Tisch
steht. Du tauchst den Federkiel in das kleine Fässchen mit
feinster Kardamom-Tinte und beginnst zu zeichnen.
Der Duft scheint deine Hand zu führen – seine leichte, hell-
grüne und aufmunternd frische Kinder-Garten-Aura mit
dieser runden Sandkuchenförmchen-Würze braucht dir
gar nichts mehr in Ohr zu flüstern – du weißt es auch so:
Alles ist gut.
Und wenn du fertig sein wirst mit Zeichnen und Spielen,
und vielleicht dich-auf-der-Wiese-wälzen, irgendwann,
wenn es dir passt, dann, klar, dann darf auch die Seife ins
Spiel kommen, die gute alte Rosenseife, und du sitzt dann
bald danach drinnen, am Esstisch und die Großmutter wird
die Suppenterrine öffnen und alles wird wieder stimmen.
Und irgendwann wird die beruhigend-erfrischende, mild-
blumige, kaum zeigefingerbittere, zart kindergewürzhafte,
vertraut-krautige und tröstliche Duft-Melodie leiser.
Mit Ihrem langsamen Verklingen findest du dich wieder
im Haus, ohne Kater, erst mal zufrieden, fast satt.
Die erstaunliche innere Balance, die der Duft besitzt,
scheint ein wenig auf dich überzugehen.
Jetzt kannst du wieder zurückkehren ins Normale.
Zu dem, was sie von dir erwarteten. Deinen Pflichten.
Und „Challenges“.
Was für ein grausliges, mißtönendes Wort.
Im Vergleich zu „Geranium Odorata“.
Aber das stört dich nicht allzu sehr, du bist ja wieder
für alles gewappnet.
Und außerdem – ganz haben sie dich noch nicht.
Im nächsten Meeting könntest du zum Beispiel mit einer
gutklingenden, ausbalancierten Begründung eine Gehalts-
erhöhung für alle jüngeren Angestellten durchsetzen.
Obwohl – der Moment wäre gerade nicht günstig
wegen der anstehenden Firmenbewertung. Dann eben
etwas anderes. Mehr Urlaub? Zur Zeit leider recht schwer
umsetzbar.
Aber dir würde schon noch was Gutes einfallen.
Und das würdest du dann durchboxen.
Irgendwann.
Oder?

21 Antworten
Date.
Zum vielleicht 17.Mal drehte er den Kopf, um die
Eingangstür zu kontrollieren.
Nichts.
Jedenfalls keine hübsche Brunette mit Hut.
Nun ja, es war ja noch zehn Minuten zu früh.
Er entspannte sich. Hatte er nicht alles mit
Bedacht in die Wege geleitet? Das Lokal – erstklassig.
Eines, das preislich deutlich über seinem Level lag.
Aber für die erste Verabredung mit einer Frau,
die ihn bisher nur auf der Dating-App gesehen hatte, -
genau richtig.
Und den passenden Duft trug er auch.
Sorgfältig ausgewählt.
Er hatte sich extra auf einem Parfum-Forum angemeldet,
um möglichst viel über Düfte zu erfahren.
Wochenlang hatte er gelesen, voller Ernst.
Wie vor einer lebenswichtigen Prüfung.
Und jetzt hatte er sein Parfum.

Er erinnerte ihn an seinen Vater – diese gewisse, zuverlässige
Autorität, gepaart mit einer besonderem Humor, ja mit
einer gewissen rebellischen Attitude.
Und es roch einfach wundervoll – grün-herb und wiesenfrisch,
dabei ernst und heiter-gelöst zugleich, durch eine feine
verwegen-zitrisch-orangige Spritzigkeit. Wie eine blitzschnelle
Idee. Übergehend in eine eigenartige Wärme, die ihn an Holz
genau wie an trockene Gewürze erinnerte, an Zimt und Lager-
feuer, an Hemdsärmeligkeit oder Kinder-Wochenend-auf-dem-
Land-Träume, an gute frische Waldluft, an Pilze, auch
an Ameisenboden und Blockhütten-Fluchtpläne.
Er hätte das nie so gesagt – aber vor sich selbst konnte er
all das ausmachen und sich daran erfreuen wie ein Kind.
Knarzig und zugleich elegant, tief und dabei frisch, sauber
und ohne Angst, sich schmutzig zu machen, sonnig und
gleichzeitig an erlösenden Regen erinnernd.
So viel steckte für ich in Devin. Mindestens.
Und dann hatte er noch diese Idee.
Vielleicht eine Dummheit.
Aber egal. Er wollte sich einfach einen Hauch von Exklusivität
verpassen. Grau und unscheinbar, wie er sich oft fühlte.
Er würde sie irgendwie dazu bringen, den Duft in die Hand
zu nehmen. Und dann…
Er hatte den Flakon in der Tasche. Und perfekt umgestaltet.
Ein kleines Stückchen Arbeit war es schon gewesen – aber jetzt
stand auf dem Etikett statt „Devin“ sein eigener Name –
„Kevin“.
Das Seriphen-„K“ war gar nicht so einfach auszuschneiden
und aufzukleben gewesen... Und er fand es perfekt.
„Habe ich mir machen lassen – hab‘ da so eine Adresse
in Paris…“, würde er beiläufig dazu sagen.
Jetzt fehlte nur noch sie.

Fünf Minuten zu spät – das fand sie genau richtig.
Sie öffnete die Tür und checkte kurz und routiniert das Innere
des Restaurants.
Es war nicht besonders voll. Schnell, sehr schnell sogar,
hatte sie ihn ausfindig gemacht. Das musste er sein.
Strubbeliges braunes Haar, das nach Selberschneiden aussah.
Groß und dünn und irgendwie wie ein großes Kind.
Aber vor allem stand das verabredete Buch auf dem Tisch,
auf der Unterseite wie im Schaufenster eines Buchladens –
„Der Fänger im Roggen“.

„Hallo! Wie schön dich zu treffen…“
„Ich freu mich auch…“
Sie setzte sich und legte ihren Seidenschal neben sich auf die
Fensterbank.
„Seltsam, sich auf einmal so in real…“
„Hier, bitte, die Karte…“
Er sagte das genau im gleichen Moment, sie lachte verlegen,
und nahm die Karte.
„Ja, find‘ ich auch…“, versuchte er ihren Faden aufzugreifen,
„ich äh…, such‘ dir ruhig was Teures aus, ich lad dich natürlich
ein…“
Hätte er das vielleicht anders formulieren sollen?
Sie sah ihn irgendwie so komisch an, oder?
Ach was, das bildete er sich nur ein.
„Also, ich selbst, ich werd‘ nur war trinken, hab‘ grad keinen
Hunger…“, ergänzte er noch. „Ich guck‘ dir aber gern zu…“
Sie schaute in die Karte, irgendwie kam sie ihm verkrampft vor.
Klar, erstes Treffen, ganz natürlich, beruhigte er sich.

Kann das wahr sein? dachte sie. Was für ein Idiot. Und der sagt
das so einfach dahin, als ob er… er merkt das vielleicht gar nicht?
Fast schon wieder lustig… aber, nun ja, eins steht fest – er riecht
zumindest ganz gut… irgendwie so schön frisch…
Von Parfum hatte sie nicht so sehr viel Ahnung. Manchmal
roch sie welches an ihren Freundinnen. Oder auch mal an
Männern. Meist gefiel ihr das. Roch halt ganz gut, schön frisch
halt. Jedenfalls meistens.
„Ähm, ja, ich weiß noch nicht… vielleicht ein Salat…?
„Ach was, nimm doch einfach die Senatorenplatte, heut‘ kommt’s
echt nicht drauf an…“
Ich ess‘ aber kein Fleisch…“
„Ach so, na dann…“
Er war baff, damit hatte er nicht gerechnet.
Aber egal.
„Gibt’s auch mit Scampis…“, sagte er schließlich.
„Ähm… mag‘ ich auch nicht so… sind so fischig irgendwie…“
„Ja, also, da geb‘ ich dir recht, das sind sie, leider…“
Er überlegte, was er noch sagen könnte.
Sie schnupperte unauffällig in seine Richtung.
Dieser Duft… er hatte was Grünes, was von Natur. Und
auch etwas Erwachsenes, Selbstbewusstes.
So eine gewisse saubere Würze, vielleicht auch Krautigkeit.
Etwas erinnerte sie auch an einen mediterranen Wald.
Interessant. Seltsam anziehend.
Und für sie irgendwie neu. Mehr als „schön frisch“.

Er müsste jetzt was sagen, was Intelligentes oder auch
Witziges. Aber was? Irgendwie elegant das Parfum ins
Spiel bringen, damit er danach vielleicht den Flakon
zücken könnte.
Natürlich ganz nonchalant und unauffällig…
„Findste mein Parfum auch so toll?“
„Ähm… ich, ja, was soll ich sagen…“
Was war denn das jetzt schon wieder? Hatte er sie das jetzt
wirklich gefragt? Sie war tatsächlich sprachlos.
„Also es riecht schon gut, äh, schön frisch…“
Was Besseres fiel ihr einfach nicht ein, obwohl sie wusste,
dass es schwach war.
„Hier, schau, das isses!“
Er zog den Flakon hervor und stelle ihn vor ihr auf den Tisch.
„Hab‘ ich mir anfertigen lassen, es gibt da so einen Parfumeur
in Paris…“
Das durfte doch nicht wahr sein. Sie erkannte sofort den
aufgeklebten Buchstaben, es sah gerade zu lächerlich aus.
Was sollte sie dazu sagen? War das womöglich seine Art von
Humor? Sollte sie jetzt lachen?
„Toll, Kevin, ein Duft mit deinem Namen!“, sagte sie stattdessen.
Er sprühte ihr, ohne zu fragen ein paar Mal auf den Arm.
„Hier, schnupper ma‘ selbst…“
Wie in Trance führte sie ihren Unterarm an die Nase.
Der frische Duft vermischte sich mit dem, den er nicht gerade
schwach ausstrahlte. Das gab ein ziemliches Duft-Konzert,
ein Wort, das ihr wie von selbst dazu einfiel.
Frisch gemähtes Gras, weicher Zimt, vielleicht auch ein paar
Nelken, eine Art Moos, das angenehm rau und natürlich roch,
eine feine, angenehme Süße, die von einer ebenso feinen
Bitterkeit irgendwie noch mehr betont wurde.
Oder war es umgekehrt?
Die Begriffe kamen ihr in den Sinn, ohne dass sie dafür
einen sinnvollen Satz bauen konnte. Oder wollte.
Ein Satz, der ihr auch nicht im Entferntesten in den Sinn
kam, war: Riecht doch wie ein Zwitter aus Aromatic Chypre
und Green Fougère im Drydown, eine raffinierte Variation
von „Alliage“, und typisch für Chant…“
Woher auch?
Stattdessen dachte sie über Kevin nach.
War das nicht ein absoluter Vollidiot?
So bescheuert, dass es letzten Endes schon wieder gut war.
Irgendwie… sie wusste es selbst nicht genau.
Jedenfalls kein Langweiler.
Und eigentlich nicht unsympathisch.
Eher im Gegenteil.

Er strahlte sie an.
Sie musste lächeln.

Da war so ein gewisses warmes Gefühl in ihr,
wie von einem noch winzig kleinen Flämmchen.
Ihr fiel ein Satz ein, den ihre Tante öfter gesagt hatte,
sie hatte nie genauer darüber nachgedacht – aber jetzt
schien er ihr mit einem Mal irgendwie passend. Er lautete:
Wenn du gut riechst, riecht die ganze Welt gut.
29 Antworten
Neues aus dem "Duft-Boten"
Gerüchte, dass sich „Der Parfumbote“ von seinem Reporter
7-Cheese getrennt hätte, dementieren wir entschieden.
(Mag sein, dass so etwas kurz im Gespräch war, weil er wieder-
holt den Demeter-Joghurt unseres Chefredakteurs aus dem
Firmenkühlschrank mit gehen ließ. Nachdem wir allerdings
von seinem neuen Coup in Sachen Duft erfahren haben,
wurde seine Kündigung sofort aufgehoben, zumal er den
entwendeten Joghurt ersetzt hat, wenn auch nur durch zwei
Aldi-Joghurts)
Hier also sein, wie wir finden, aufregender Bericht:

„Freitag, 17 Uhr 10.
…mit der neuen Probe aus der Zentrale des Duftgurus J.Acko
in Paris angekommen. Genau der richtige Ort, um dieses
spezielle Parfum stilgerecht zu testen. Denn meine Maxime
ist und bleibt nun mal - immer an den Leser denken!
Und nicht sparen. (sind die Spesen nicht letzten Endes
lächerlich, wenn es darum geht, Premium-Content für den
„Duftboten“ zu liefern?)
Während ich überlege, ob das Zimmer im Ritz groß genug
für einen ersten Test ist, lege ich die Testeinheit behutsam
vor mich auf den Louis Quinze Sekretär.
Nun denn – mutig frischweg 3-4 Sprüher draufgedübelt…
und noch 2 als Booster auf mein neues Charvet-Hemd.
(eben an der Place Vendome als Testhemd für den Duft
erworben. )
Aha.
Ein leicht ätherischer Einstieg, bei dem aber sogleich ein
Eindruck von trockenem Holz entsteht, der sich dann nach
und nach zum Bild eines vollständigen Waldes entfaltet.
Aber das ist kein normaler Wald, viel mehr ein von einer
gewissen Kraft durchdrungener Sonder-Wald, irgendwie
französisch verfeinert.
Aber wie? Und wozu?
Das kann ich unmöglich hier in diesem dumpfen Hotelzimmer
ergründen.
Ein Gläschen Chablis und ein kleines Abendessen könnte
meiner Vorstellungs- und Formulier-Freude vielleicht auf die
Sprünge helfen…“

„18 Uhr 25, am Eingang zum L’Arpège in der Rue Varenne.
Der Livrierte will mich nicht reinlassen, ohne Reservierung.
Ich zücke meinen Presseausweis, er lächelt nur müde.
Als ich wiederholt „Der Parfumbote“ brülle, gibt er
endlich nach.
Bald darauf sitze ich an einem netten kleinen Tisch.
Kein optimaler Überblick über das Lokal, aber nicht schlecht
gelegen, sehr nah an der Tür zu den Toiletten.
Ich bestelle ein Glas Chablis und einen Burger mit Fritten.
Die gibt’s hier aber nicht, der Kellner sagt das fast schon
indigniert. Stattdessen empfiehlt er das Menu Surprise.
Meinetwegen. Ich nicke nonchalant.
Jetzt aber zurück zum Duft, ihr seid sicher schon gespannt,
liebe Leser.
Zurück also zum Thema Wald.
Ich schnuppere an mir.
Der Duft erinnert tatsächlich an einen Wald, allerdings einen
von sehr kontrollierter Ursprünglichkeit, ohne Lautheit und
Wildwuchs, aber mit einer Aura von schicker Unangepasstheit.
„Monsieur“ nimmt Elemente aus einem wilden, naturdominiertem
Wald und zähmt sie so, dass ihre Rauheit und Kernigkeit perfekt
in den Großstadtdschungel passen. Und gerade da besonders gut
wirken – etwa wie eine Barbourjacke.
Oder ein leicht verdreckter Jeep vor der Opéra.
Dazu kommt noch -das riecht man schon früh – eine gewisse
nicht-aquatische Felsfrische, die an Gebirge und Wildwasser
erinnert. Sie hält sich aber zurück, sie sorgt lediglich dafür,
dass der Wald nicht allzu dürr wird.
Geerdet wird das ganze durch – na was wohl? Durch feuchte
Erde und etwas Patchouli. Matschouli sozusagen.
Das funktioniert wunderbar und elegant, zusammen mit den
edel wirkenden Hölzern wirkt alles ungemein vornehm und
pariserisch.
Wie erwartet hat der Chablis meine Formulierungsmotorik
gelockert. Ich notiere meine Eindrücke sofort, das Wort
„vornehm“ unterstreiche ich dreimal.
Vornehm ist auch die Karte, aus schwerem Büttenpapier.
Dann sehe ich, was das Menu Surprise kostet. 800 Euro.
Nun ja, immerhin 3 Sterne hat das L’Arpège.
Leise Zweifel steigen in mir empor… ob der Chefredakteur
etwa bei der Abrechnung meiner Spesen nur mit Mißmut…
Da kommt mein Kellner mit einem Gruß aus der Küche,
wie ich’s aus meinem Stammlokal zu Hause kenne. Hier
ist das allerdings kein kleiner Zettel, der mich dezent an
meine noch offene Rechnung vom letzten Mal erinnert.
Sondern was Kleines zum Essen. Nett.
Vielleicht hält man mich für einen Restaurantkritiker, wenn
ich eifrig schreibe? Und ich muss nicht zahlen… Nein, das
würde doch nach Korruption aussehen, oder?
Leicht nervös stehe ich auf und gehe zum Ausgang.
„Fumer… je reviens…“, murmle ich in Richtung Kellner.
Draussen ist es kühl-dämmrig. Ich rauche natürlich nicht,
schon lange nicht mehr.
Etliche Taxis stehen vor dem Lokal.
Ich folge einer plötzlichen Eingebung und steige in eines
davon ein. „Père Lachaise, s’il vous plait…“, sage ich nur.
Und dann meditiere ich weiter am Duft. Logisch, immer
im Einsatz, für dich, lieber Leser!
Unterwegs bitte ich den Fahrer kurz an einem indischen
Sandwich-Stand im Marais zu halten, wo ich mir für die Fahrt
ein „Sandwich „Mushroom-Special“ genehmige.
Jetzt erinnert mich etwas am Duft an die kurze Zeit, in der
ich mal geraucht habe. (Hauptsächlich, weil ich mit Zigarette
einfach so lässig aussah – weshalb ich auch keinerlei Wert auf
die Qualität der Zigaretten legte, ich konsumierte nur sehr
preiswerte Marken wie „Schnorratti Privat“, „Rinnstein Auslese“
oder „Van Anderen“.)
Diese leichte Rauchnote im Duft – ist sie nicht das Bindeglied
von der Wildnis zur Kultur? Rauch im Herd als Hauptmerkmal
der Zivilisation… die gebändigte Wildheit des Feuers…
Auch ein wenig Weihrauch spielt jetzt mit – ein leicht
esoterisches Element also. Dazu eine heiltinkturhafte Note,
der Odem eines französischen Zaubertranks, mit dem man zwar
keine Römer verdreschen kann, aber geschmeidiger in die
Bon Chic-Bon-genre-Sphäre vordringt… na ja, vielleicht.
Zumindest fühlt man sich so…“

„19.47, Eingang zum Père Lachaise…
War das wirklich eine gute Idee, hier Promi-Gräber
aufzusuchen, wie das von Jim Morrison? Nur, um die
Verbindung des Duftes zwischen Pariser Bohème und
dem Spirit des Rock ‘n‘ Rolls zu erkunden? Gibt’s die?
Egal. Für den Leser muss man jeden Umweg zu gehen
bereit sein.
Ich gehe vom Hauptweg ab, auf einen kleinen Pfad, der
mich tiefer in die Dunkelheit des Friedhofs führt.
Die waldige und jetzt holzig-zart-rauchige Aura des Duftes
matcht, ja matscht sich wunderbar mit der feucht-grün-
frischen Abendluft.
Ich setze mich auf eine steinerne Bank.
Was jetzt geschieht, mag seltsam klingen. Aber ich bin
sicher, der Leser schenkt mir Glauben, denn wieviele
olfaktorisch unglaubliche Abenteuer habe ich nicht schon
getreulich berichtet?
Ein Fuchs kommt aus den Büschen hervor, schaut mich an
und schnürt näher zu mir. Seltsam. Tollwut? (die Tiere
verlieren dann ihre Scheu)
Er setzt sich direkt neben mich.
„Weißt du, was das hier ist?“, fragt der Fuchs.
Ich schweige betreten.
„Nun, das ist meine Stadt. Hier kenne ich alles, jeden Weg,
jeden Baum. Nur wenn ich Wildnis will – dann gehe ich
heraus, in eure Straßen. Eure Stadt ist für mich, was für euch
der Wald ist…“
„Sehr interessant!“, sage ich leise…
„Du riechst genau wie die Grenze zwischen Wald und Stadt…“,
sagte der Fuchs…“

Und hier endet der Bericht.
Übrigens gibt’s noch für kurze Zeit beim Abschluss eines Abos
des „Parfumboten“ zwei orange bezogene Camping-Klappstühle.
Oder die beliebte Thermoskanne mit Oud-Holzmuster.
(leider hat unser Praktikant die Fotos davon verschlampt.
Aber Sie können sie sich bestimmt gut vorstellen.)
18 Antworten
Fassung
Dann fiel ihm noch ein Satz ein:
„Die Sprache marschiert im Gleichschritt mit den Bütteln.
Deshalb müssen wir eine neue Sprache erfinden.“
Dieser Satz… sollte er ihn verbreiten, irgendwo wild ein-
pflanzen, z.B. auf der Toilettenwand eines Cafès
oder in einem Parfumforum?
Oder war er nur wieder mal zu ernst?
Er schnupperte an sich selbst.
Der Widerspruch war es, der ihm gefiel.
Vielleicht waren es sogar mehrere davon.
Der Erste hieß männlich & blumig, ja geradezu rosig.
Nicht, dass er eins von beiden für sich allein
besonders schätzte. Aber beides zugleich war nicht
normal. Und somit zwangsläufig reizvoll.
Ein anderer bestand aus grüner, leicht erdiger Garten-Würze,
die noch am Spaten klebt, gepaart mit seifiger Sauberkeit.
Man könnte auch sagen – trocken und süß.
Oder auch bitter und lieblich.
Aramis 900 kommt aus Amerika, riecht aber englisch.
Oder?
Eigentlich war das Blödsinn.
Bedeutete ihm Herkunft denn etwas?
Für ihn kam dieser Duft eher aus einem Land,
das noch nicht leer geträumt war.
War das am Ende wieder ein Zitat, von wo auch immer?
Wieviel würde von ihm selbst übrigbleiben,
wenn man alle Zitate, alle Gedankenblüten aus irgendwo
mal Geschriebenem abzöge?
Was wäre das für einer, der dann vor einem stünde?
Wie wäre er?
Auf jeden Fall – elegant.
Denn das war er doch, zweifelsohne.
Für seine eigenen Maßstäbe jedenfalls.
Und das hieß – für andere nicht unbedingt wahrnehmbar.
Seine spezielle Eitelkeit.
Teure Klamotten, die eher ärmlich aussahen.
Natürlich gab es Leute, die es doch genau sahen und
erkannten. (Zum Glück?)
„Klamotten“ nannte er sie schon allein, um vor sich
selbst möglichst viel von etwas zu kaschieren, dass man
womöglich elitär nennen könnte.
Oder – schlimmer fast – high class. Er hasste das Wort.
Er schrieb es so klein wie möglich.
Eleganz war ja fast schon ein Wert für ihn.
Eleganz ist die Kunst dasselbe anders zu tun.
Und sie steckte auch in Aramis 900 .
Eine schneeweiße, gebügelte Taschentuch-Eleganz.
Die eines Taschentuchs, das man niemals benutzte,
sondern nur für den Fall eines nötigen Hilfseinsatzes
bereithielt, etwa einem Missgeschick einer Frau
oder auch eines Mannes.
Die Eleganz von Aramis 900 war zurückhaltend und
doch auch ein bisschen laut. So, wie Eleganz nun mal
je nach Umfeld sich dezenter oder deutlicher abhebt.
In diesem Duft spielten das Feminine und das Maskuline
ein raffiniertes Spiel. Denn das Florale meldete sich
immer wieder zu Wort im Duftverlauf.
Und wirkte stets wieder ein wenig anders, wenn
die Entwicklung des Duftes sanft die Richtung wechselte.
Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung
wechseln können. War das er oder Man Ray?
Der Duft erinnerte ihn an ein sehr buntes Einstecktuch,
das ja im Gesamtbild dennoch konservativ wirkte.
Oranges Paisley-Muster auf grünem Grund, das Ganze
vor dem ruhigen Hintergrund eines beigen Leinensakkos.
Dem entsprach das Rosen-dominierte Blumenbouquet
mit ein paar Maiglöckchen, Nelken und ein klein wenig
Iris, das vor einem bitter-holzig-ernstem Tableau mit einer
gewissen pudrig-erdigen Aura zu schweben schien.
Florale-rosige Üppigkeit gepaart mit leicht Bitternis.
Das Prinzip des Unerwarteten.
Auf Partys war er jemand, mit dem man sich eigentlich
gerne unterhielt, ja auch gern gesehen wurde, weil er
als nicht unbedingt langweilig galt.
So understated formulierte er das vor sich selbst.
Zugleich aber fürchtete man ihn als bisweilen unberechen-
baren Stimmungskiller. Von einem Thema wie „Laufschuhe,
die unter 300 Gramm wiegen und eine Art Boostergefühl
erzeugen“, konnte er in 2,5 Sek auf Kinderarbeit umleiten.
Ohne dabei eine Miene zu verziehen. Oder schlecht gelaunt
zu wirken.
Oder neulich auf der Groucho-look-a-like-Party.
Da fiel er aus dem Rahmen, weil er statt Kostüm eine graue
Hose und ein graues T-Shirt trug, auf dem stand:
„Der Mensch ist ein sprachbegabtes Tier, das sich immer
durch das Wort verführen lassen wird.“
Ist das etwa Humor mit Dornen? Eine Art Rosen-Humor?
Irgendwie schien er gern allem Leichten etwas Schweres
beizumischen.
Ähnelte er da nicht vielleicht Aramis 900, das unvermittelt
von floraler Verspieltheit, die so fröhlich wie eine Rose
im Knopfloch daher hüpfte, zu einer vegetabil-bitteren
Herbheit umschwenken konnte, die manch einen an
Friedhöfe erinnern mochte.
Heiterkeit und Ernst.
Wobei er genau wusste, wie wenig Ernst allein wert war.
Wie hatte es dieser Journalist schon im 19. Jahrhundert
gesagt? Ernst ist das Mittelmäßige und das Mittelmäßige
ist das Schlechteste, denn es ist langweilig.
War das seine eigentliche Angst – langweilig zu sein?
Die ganze Eleganz nichts weiter als Tünche?
Wollte er sich diese Frage überhaupt beantworten?
Am Ende wurde Aramis 900 weicher, ausgeglichener.
Holz, eine feine, distinguierte Moosnote, eine tiefe,
ruhige harmonisch passende Patchouli-Melodie.
Ein vollkommen gefasstes Wesen der Gattung Chypre,
das Widersprüche einfach in Einklang brachte. Seinem
Bruder, dem ungestümen, schillernd-oszillierenden, viel-
gesichtigem Aromatics Elixir durchaus nicht unähnlich.
Nur eben beherrschter, kontrollierter, gefasster.
„Alles halb so wild“, sagte Aramis 900.
„Ja, ich glaube du hast recht, ich muss wirklich nicht alle
Fragen beantworten.“
„Du musst gar nichts“, sagte der Duft.

27 Antworten
Shelter from the storm
In der Via Corte d’Appello zu Turin, nicht weit von der
Piazza Savoia, befand sich eine alte Apotheke, die pracht-
voll renoviert war. Die blassrosa und zartgrau gestrichene
Barockfassade trug dezent goldene Ornamente, die sich
um Schaufenster und Eingang wanden. Genauso eindrucks-
voll waren die alten polierten Schubladenschränke und
Regale mit Gläsern, Tiegeln und Steinmörsern im Innern.
Der Besitzer, ein für einen Turiner recht großgewachsener
Mann in den Vierzigern, hatte das Geschäft geerbt.
Er bewohnte die großzügig geschnittene Wohnung direkt
über der Apotheke und hatte sie mit einer beeindruckenden
Mischung aus modernen Möbeln und einzelnen Antiquitäten
ausgestattet, dazu gab es deckenhohe Bücherregale.
Er las zwar kaum, empfand Bücher aber als unentbehrlich,
um bei angesagten Intellektuellen, Künstlern und Schau-
spielern, die bei ihm ein und ausgingen, Eindruck zu machen.
Und den machte er. Als beliebter Gast auf Vernissagen,
bei Modeschauen und Empfängen war er aus dem feinen
Gesellschaftsleben Turins nicht wegzudenken.
Um das Apothekengeschäft kümmerte er sich wenig.
Er hatte eine Schar kompetent wirkender und schön
anzusehender Damen angestellt, die er gut bezahlte,
damit sie sich um alles Geschäftliche kümmerten.
Für das gesamte Apothekenwesen interessierte er sich
so gut wie gar nicht, er kümmerte sich lieber in Ruhe
um Wichtigeres, wie zum Beispiel die Fotostory mit der
Wohnzeitschrift INTERNI ITALY.
Dieser Bon Vivant und Leone della società ist allerdings nur
die zweitwichtigste Person unserer Geschichte.
Die wichtigste Figur aber, im Verborgenen lebend, nie
gesehen, nie gehört, nie irgendwie wahrgenommen und
dennoch von nicht zu unterschätzender Macht,
ist nichts anderes als – ein kleiner Elementargeist.
Ein solches Wesen sollten wir uns nun jedoch nicht
als rein immaterielles Geisterwesen vorstellen, das wäre
ein ziemlicher, zugegeben weitverbreiteter, Irrtum.
Nein, näher kommen wir ihm eher, wenn wir uns
einen kleinen Wichtel vorstellen, was ja auch seinem
realen Echo entspricht, wie es den meisten aus Kinder-
büchern vertraut ist.
Aber egal, welche Vorstellung wir uns von ihm machen -
Tatsache bleibt, dass er sich in der Wohnung über der
Apotheke in der Via Corte d’Appello sehr behaglich fühlte.
Und Tatsache ist es auch, dass es dafür einen besonderen
Grund gab.
Es lag nicht etwa am Besitzer des Geschäfts oder der
Apotheke selbst, ja nicht einmal am alten Haus –
was schon eher mal vorkommt.
Nein, es lag einzig und allein an einem kleinen Fläschchen,
das sich im mit Carrara-Marmor gekachelten Badezimmer
der Wohnung befand. Rechteckig, hoch und dickglasig,
darauf ein Wappen mit zwei aufgebäumten Pferden
und ein geschwungener Schriftzug: Mazzolari.
Und sein Inhalt war nichts anderes als ein Parfum,
ein Eau de Toilette genauer gesagt.
Nun war unser Apotheken-Lebemann alles andere als ein
Parfumkenner, ja nicht einmal ein wirklicher Freund von
Düften. Aber er hatte eine Tante in Mailand, die Parfum
liebte und oft im Corso Monforte Nr. 2 war, wo sie in der
Profumeria Mazzolari einkaufte. Und dort kaufte sie auch
alljährlich den Duft, der jetzt bei ihm stand, als Weihnachts-
geschenk.
Dabei erfreute sich ihr Neffe gar nicht besonders daran –
er verwendete es nur bisweilen, weil er meinte, es könne
nichts schaden, nach etwas Parfum zu riechen.
Ganz und gar anders verhielt sich‘s bei seinem geheimen
Mitbewohner.
Für den war genau dieser Duft der Grund, warum er im
Hause verweilte, der wahre Grund dafür, dass er sich hier
wohlfühlte.
Fast jeden Tag, wenn der Hausherr abwesend war –
und das war mehr als oft genug der Fall – begab sich
unser Elementargeist also in das Badezimmer und nahm
sich das Fläschchen.
Er öffnete es und applizierte sich eine winzige Menge davon
auf seine Hand.
Dann zog er sich an einen anderen Ort zurück, etwa in den
Wohnraum, wo die vielen Bücher standen.
Hier gab er sich in Ruhe ganz dem Zauber des Duftes hin,
der von seiner Hand aufstieg.
Der begann mit feiner Zitrone, die auftrat wie ein leiser Herold
und hinüberführte in eine märchenhaft grün schimmernde
Waldaura. Herb und doch irgendwie liebkosend. Grün in allen
denkbaren Spielarten – wiesengrün, tannengrün, krautgrün,
blattgrün, ja gar zwergenmützengrün, hoffnungsgrün und ein
ganz klein wenig neidgrün.
Dazu harmonisch abgestimmt holzige Töne, abgeschmeckt mit
bester Waldbodenessenz und kräftigen Baumharzen.
Dunkle, verspielt rauchige Töne erklangen aus den Schatten,
Meister Vetiver leuchtete keck aus dem tiefen Waldodem
hervor. Dazu tat zart grün-bitterer Galbanum, seine gute,
balsamische Wirkung. Welch merkwürdige Vielfalt!
Blättersaft und Nadelessenz, Rindensirup und Kräutergeist
waren mit allem anderen zusammen mit am Werk, ohne sich
aber je vollständig entblößt zu zeigen.
Eine grüne Medizin, die der Wald selbst bereitet hat, grün-
aromatisch, gebraut aus dem guten Geist des Waldes.
Eine feine Süße schlich sich schließlich auf Zehenspitzen ein,
beginnend mit feiner Heu-Lieblichkeit.
Das behagliche Element des Duftes erinnerte ihn an den
früheren Bewohner des Hauses, bei dem er auch schon gelebt
und gewirkt hatte, ein Obst und Gemüsehändler, der unten
seinen Laden mit vielerlei duftenden Waren geführt hatte,
kaum 200 Jahre war es her.
Und auch damals war es der Duft der Natur, der den Wicht
im Hause hielt. So wie heute.
Ja, es stimmte schon, was einmal ein Menschenkind gesagt
hatte - die Natur ist immer neu, solange das Auge frisch bleibt.
Der Wichtel schnupperte in sich versunken weiter.
Aus dem vielgesichtigen Grün des Duftes wurde am Ende Gold,
feines, reines Gold, wie gesponnen aus Sonnenlicht, das in der Walddämmerung versinkt und still zerfließt.
Für einen Elementargeist das Schönste, das vorstellbar war,
denn es erinnerte ihn an die Vereinigung von Himmel und Erde.

So lebten sie also gemeinsam unter einem Dach und unser
kleiner Geist fühlte sich rundum wohl, weshalb er auch
stetig seine guten Kräfte über dem ganzen Anwesen
walten liess – etwas, das ihm kaum Mühe bereitete.
Der Apothekenbesitzer merkte gar nicht, dass sein Geschäft
mehr als gut lief, trotz der eigentlich schlechten Lage, trotz
der sinkenden Verkaufszahlen aufgrund von stürmisch
steigenden Online-Käufen, trotz seiner teilweise hoch-
näsigen Verkäuferinnen, trotz der viel zu hohen
Preise, die sie überall verlangten, wo es möglich war.
Und trotz vielerlei anderer Gefahren und Anfeindungen,
von denen er nichts sah oder spürte oder auch nur ahnte.
Denn der kleine Geist hielt treu und wohlwollend seine
schützende Hand über ihn.
Und Schutz, den konnte er gut brauchen, denn es waren
stürmische Zeiten.

Besonderer Dank für die großzügige Abfüllung und ein kleines
Grüßlein vom Elementargeist gehen an den lieben Jacko.



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