Endlich.
Nervös trippelst du von einem Fuß auf den anderen.
Die alte Steintreppe.
Das Haus deiner Tante, die fast genauso alt ist.
(sie lebt längst in einem luxuriösem Altersheim.)
Housekeeper - kein Wort, das dir gefällt.
Aber es mag stimmen.
„Ab und zu nach dem Rechten sehen.“
Egal.
Du stehst vor deiner Fluchtburg.
Get me out of this cage.
Den Flakon bewahrst du in einem Fake-Buch.
In der Bibliothek, neben den Buddenbrocks.
Mit nach Hause nehmen würdest du ihn nicht.
Niemals.
Bei dir zu Hause ist kein Platz für sowas.
Zu viel Effizienz. Läuft alles wie geschmiert.
Von wegen langer Marsch durch die Institutionen.
Erst mal haben sie dich befördert.
Dann noch mal. Und noch mal.
Und jetzt?
Führungsetage. Eckbüro. Wie in „Das Apartment“.
Aber du hast dir deinen subversiven Geist bewahrt.
Oder?
Jetzt schließt du die Tür auf.
Treppe rauf. In die Bibliothek.
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Du hältst sie in der Hand.
Geranium Odorata.
Fast nichts versprechender Name.
Fast alles haltender Duft
Fast ist dein Wort.
Du drückst ab.
Die Eröffnung ist wie eine Tür, die dich sogleich mit
zitrisch-herber Hand in den geliebten Garten hinein
führt. Hier ist alles, wie es schon in deiner Kindheit war:
der alte Tisch, der in einer verwunschenen Ecke auf der
hochwuchernden Wiese steht, halb überdacht von einem
wilden Rosenbusch. Der herb-frische Duft vieler Kräuter,
vermischt mit Minze und Pusteblumen fordert dich zum
Hinsetzen auf. Papier und Federkiel liegen schon bereit.
Du nimmst Platz und betrachtest den herrlichen Geranien -
strauß, der in einem schlafanzugfarbenem Krug auf dem Tisch
steht. Du tauchst den Federkiel in das kleine Fässchen mit
feinster Kardamom-Tinte und beginnst zu zeichnen.
Der Duft scheint deine Hand zu führen – seine leichte, hell-
grüne und aufmunternd frische Kinder-Garten-Aura mit
dieser runden Sandkuchenförmchen-Würze braucht dir
gar nichts mehr in Ohr zu flüstern – du weißt es auch so:
Alles ist gut.
Und wenn du fertig sein wirst mit Zeichnen und Spielen,
und vielleicht dich-auf-der-Wiese-wälzen, irgendwann,
wenn es dir passt, dann, klar, dann darf auch die Seife ins
Spiel kommen, die gute alte Rosenseife, und du sitzt dann
bald danach drinnen, am Esstisch und die Großmutter wird
die Suppenterrine öffnen und alles wird wieder stimmen.
Und irgendwann wird die beruhigend-erfrischende, mild-
blumige, kaum zeigefingerbittere, zart kindergewürzhafte,
vertraut-krautige und tröstliche Duft-Melodie leiser.
Mit Ihrem langsamen Verklingen findest du dich wieder
im Haus, ohne Kater, erst mal zufrieden, fast satt.
Die erstaunliche innere Balance, die der Duft besitzt,
scheint ein wenig auf dich überzugehen.
Jetzt kannst du wieder zurückkehren ins Normale.
Zu dem, was sie von dir erwarteten. Deinen Pflichten.
Und „Challenges“.
Was für ein grausliges, mißtönendes Wort.
Im Vergleich zu „Geranium Odorata“.
Aber das stört dich nicht allzu sehr, du bist ja wieder
für alles gewappnet.
Und außerdem – ganz haben sie dich noch nicht.
Im nächsten Meeting könntest du zum Beispiel mit einer
gutklingenden, ausbalancierten Begründung eine Gehalts-
erhöhung für alle jüngeren Angestellten durchsetzen.
Obwohl – der Moment wäre gerade nicht günstig
wegen der anstehenden Firmenbewertung. Dann eben
etwas anderes. Mehr Urlaub? Zur Zeit leider recht schwer
umsetzbar.
Aber dir würde schon noch was Gutes einfallen.
Und das würdest du dann durchboxen.
Irgendwann.
Oder?
Ich schließe mich FlirtyFlower an. Deine Rezensionen sind sowas von herrlich geschrieben. Ich wünschte, ich könnte das auch. Wenn es ginge, würde ich Dir immer mehrere Pokale dafür geben. :-)
Poesie, Poesie, Poesie - angefüllt mit phantasievoller Herzensbildung und einem schönen Duft. Ja, so läßt sich den Effizienz-Challenges des Alltags begegnen. Sehr fein! Zusätzlich noch einen großen Stilleben-Bildpokal für dich..:-))
Eins meiner liebsten Kinderbücher handelt von Odoretta Stinkmaus, die durch wenig Effizienz zur inneren Stärke findet, daran musste ich wenig effizient denken, beim Namen des Duftes.
Toller Text!
Großartiger Siebenkommentar, jeder etwas ganz Besonderes. Ich schreibe ab jetzt nur noch mit Kardamomtinte. Vielleicht gibt's die auch schlafanzugfarben?
Habe ich sehr gern gelesen und Tipps für eigenes Handeln erschlossen. Vielleicht klappts bei mir mit etwas mehr Gehalt oder Freizeit!? Helfen muß mir aber ein anderer Duft, denn Geranium Odorata ist nicht wirklich meine Richtung!
Großartig, tolle versteckte Zitate in anspruchsvoll formulierten Bildern wieder! Und schmunzeln musst ich auch. Den Duft fand ich für eine Geranie auch erstaunlich gut - für meine Verhältnisse ;-)
Wie schön daß dir immer wieder etwas Gutes einfällt und Du uns daran teilhaben läßt. Deine Erzählung ist vielschichtiger als der Duft und spricht mich wesentlich mehr an.
Die einzige Rosengeranie, die sogar ich ganz zauberhaft finde. Und diese schöne Kardamomnote. Ja, der ist toll. Und die Geschichte passt für mich absolut.
In der marktliberalen Realität läuft es wohl so wie Cravache gesagt hat (der alte Zyniker!), aber in der Phantasie darf es ja gerne auch mal anders lauften! Sehr schöne Phantasie, dafür einen Pokal, schlafanzugfarben natürlich...
Ich frag mich gerade, welchen Duft der Typ benutzt, wenn er in der Chefetage ist ... ;-)
Geranium wäre nicht meine erste Wahl. Dann lieber gleich Rose. Aber ich hab meine Kindheit in der Großstadt verbracht, ohne Garten und Federkiel. Du musst ja schon lange auf der Welt sein, wenn du einen solchen benutzt hast.
Er hat dann im Meeting eine Kompromiss-Variante gewählt: Mehr Salär für sich, dafür auch etwas mehr Urlaub - für sich. Sozusagen als Ausgleich für die Überstunden der jüngeren Mitarbeiter. Tantchen war stolz, als sie das anlässlich des Pflichtbesuchs zum Namenstag erfahren hatte.
Ein wirklich sehr spannender Zugang zum Duft, den ich überaus gerne gelesen habe.
Den mochte ich auch. Eine wunderbar atmosphärische und so bildhaft feingezeichnet-sensible Duftbeschreibung, dass man den Duft spüren kann. In wunderschöner Sprache. Deine Rezension verbreitet, wie der Duft, eine ausgeglichene, menschenzugewandte Stimmung. Und ich hoffe, dass der Protagonist es nicht nur fast durchsetzt :)
Ein wohlverdienter Pokal für deine Rezension. Was den Duft angeht, so gefällt er mir einfach nicht :-(
Toller Text!
Tolles, einfühlsames, narratives Duftportrait!
Geranium wäre nicht meine erste Wahl. Dann lieber gleich Rose. Aber ich hab meine Kindheit in der Großstadt verbracht, ohne Garten und Federkiel. Du musst ja schon lange auf der Welt sein, wenn du einen solchen benutzt hast.
Ein wirklich sehr spannender Zugang zum Duft, den ich überaus gerne gelesen habe.