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Siebenkäs
06.08.2021 - 07:57 Uhr
26
Top Rezension
8.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

Neues aus dem "Duft-Boten"

Gerüchte, dass sich „Der Parfumbote“ von seinem Reporter
7-Cheese getrennt hätte, dementieren wir entschieden.
(Mag sein, dass so etwas kurz im Gespräch war, weil er wieder-
holt den Demeter-Joghurt unseres Chefredakteurs aus dem
Firmenkühlschrank mit gehen ließ. Nachdem wir allerdings
von seinem neuen Coup in Sachen Duft erfahren haben,
wurde seine Kündigung sofort aufgehoben, zumal er den
entwendeten Joghurt ersetzt hat, wenn auch nur durch zwei
Aldi-Joghurts)
Hier also sein, wie wir finden, aufregender Bericht:

„Freitag, 17 Uhr 10.
…mit der neuen Probe aus der Zentrale des Duftgurus J.Acko
in Paris angekommen. Genau der richtige Ort, um dieses
spezielle Parfum stilgerecht zu testen. Denn meine Maxime
ist und bleibt nun mal - immer an den Leser denken!
Und nicht sparen. (sind die Spesen nicht letzten Endes
lächerlich, wenn es darum geht, Premium-Content für den
„Duftboten“ zu liefern?)
Während ich überlege, ob das Zimmer im Ritz groß genug
für einen ersten Test ist, lege ich die Testeinheit behutsam
vor mich auf den Louis Quinze Sekretär.
Nun denn – mutig frischweg 3-4 Sprüher draufgedübelt…
und noch 2 als Booster auf mein neues Charvet-Hemd.
(eben an der Place Vendome als Testhemd für den Duft
erworben. )
Aha.
Ein leicht ätherischer Einstieg, bei dem aber sogleich ein
Eindruck von trockenem Holz entsteht, der sich dann nach
und nach zum Bild eines vollständigen Waldes entfaltet.
Aber das ist kein normaler Wald, viel mehr ein von einer
gewissen Kraft durchdrungener Sonder-Wald, irgendwie
französisch verfeinert.
Aber wie? Und wozu?
Das kann ich unmöglich hier in diesem dumpfen Hotelzimmer
ergründen.
Ein Gläschen Chablis und ein kleines Abendessen könnte
meiner Vorstellungs- und Formulier-Freude vielleicht auf die
Sprünge helfen…“

„18 Uhr 25, am Eingang zum L’Arpège in der Rue Varenne.
Der Livrierte will mich nicht reinlassen, ohne Reservierung.
Ich zücke meinen Presseausweis, er lächelt nur müde.
Als ich wiederholt „Der Parfumbote“ brülle, gibt er
endlich nach.
Bald darauf sitze ich an einem netten kleinen Tisch.
Kein optimaler Überblick über das Lokal, aber nicht schlecht
gelegen, sehr nah an der Tür zu den Toiletten.
Ich bestelle ein Glas Chablis und einen Burger mit Fritten.
Die gibt’s hier aber nicht, der Kellner sagt das fast schon
indigniert. Stattdessen empfiehlt er das Menu Surprise.
Meinetwegen. Ich nicke nonchalant.
Jetzt aber zurück zum Duft, ihr seid sicher schon gespannt,
liebe Leser.
Zurück also zum Thema Wald.
Ich schnuppere an mir.
Der Duft erinnert tatsächlich an einen Wald, allerdings einen
von sehr kontrollierter Ursprünglichkeit, ohne Lautheit und
Wildwuchs, aber mit einer Aura von schicker Unangepasstheit.
„Monsieur“ nimmt Elemente aus einem wilden, naturdominiertem
Wald und zähmt sie so, dass ihre Rauheit und Kernigkeit perfekt
in den Großstadtdschungel passen. Und gerade da besonders gut
wirken – etwa wie eine Barbourjacke.
Oder ein leicht verdreckter Jeep vor der Opéra.
Dazu kommt noch -das riecht man schon früh – eine gewisse
nicht-aquatische Felsfrische, die an Gebirge und Wildwasser
erinnert. Sie hält sich aber zurück, sie sorgt lediglich dafür,
dass der Wald nicht allzu dürr wird.
Geerdet wird das ganze durch – na was wohl? Durch feuchte
Erde und etwas Patchouli. Matschouli sozusagen.
Das funktioniert wunderbar und elegant, zusammen mit den
edel wirkenden Hölzern wirkt alles ungemein vornehm und
pariserisch.
Wie erwartet hat der Chablis meine Formulierungsmotorik
gelockert. Ich notiere meine Eindrücke sofort, das Wort
„vornehm“ unterstreiche ich dreimal.
Vornehm ist auch die Karte, aus schwerem Büttenpapier.
Dann sehe ich, was das Menu Surprise kostet. 800 Euro.
Nun ja, immerhin 3 Sterne hat das L’Arpège.
Leise Zweifel steigen in mir empor… ob der Chefredakteur
etwa bei der Abrechnung meiner Spesen nur mit Mißmut…
Da kommt mein Kellner mit einem Gruß aus der Küche,
wie ich’s aus meinem Stammlokal zu Hause kenne. Hier
ist das allerdings kein kleiner Zettel, der mich dezent an
meine noch offene Rechnung vom letzten Mal erinnert.
Sondern was Kleines zum Essen. Nett.
Vielleicht hält man mich für einen Restaurantkritiker, wenn
ich eifrig schreibe? Und ich muss nicht zahlen… Nein, das
würde doch nach Korruption aussehen, oder?
Leicht nervös stehe ich auf und gehe zum Ausgang.
„Fumer… je reviens…“, murmle ich in Richtung Kellner.
Draussen ist es kühl-dämmrig. Ich rauche natürlich nicht,
schon lange nicht mehr.
Etliche Taxis stehen vor dem Lokal.
Ich folge einer plötzlichen Eingebung und steige in eines
davon ein. „Père Lachaise, s’il vous plait…“, sage ich nur.
Und dann meditiere ich weiter am Duft. Logisch, immer
im Einsatz, für dich, lieber Leser!
Unterwegs bitte ich den Fahrer kurz an einem indischen
Sandwich-Stand im Marais zu halten, wo ich mir für die Fahrt
ein „Sandwich „Mushroom-Special“ genehmige.
Jetzt erinnert mich etwas am Duft an die kurze Zeit, in der
ich mal geraucht habe. (Hauptsächlich, weil ich mit Zigarette
einfach so lässig aussah – weshalb ich auch keinerlei Wert auf
die Qualität der Zigaretten legte, ich konsumierte nur sehr
preiswerte Marken wie „Schnorratti Privat“, „Rinnstein Auslese“
oder „Van Anderen“.)
Diese leichte Rauchnote im Duft – ist sie nicht das Bindeglied
von der Wildnis zur Kultur? Rauch im Herd als Hauptmerkmal
der Zivilisation… die gebändigte Wildheit des Feuers…
Auch ein wenig Weihrauch spielt jetzt mit – ein leicht
esoterisches Element also. Dazu eine heiltinkturhafte Note,
der Odem eines französischen Zaubertranks, mit dem man zwar
keine Römer verdreschen kann, aber geschmeidiger in die
Bon Chic-Bon-genre-Sphäre vordringt… na ja, vielleicht.
Zumindest fühlt man sich so…“

„19.47, Eingang zum Père Lachaise…
War das wirklich eine gute Idee, hier Promi-Gräber
aufzusuchen, wie das von Jim Morrison? Nur, um die
Verbindung des Duftes zwischen Pariser Bohème und
dem Spirit des Rock ‘n‘ Rolls zu erkunden? Gibt’s die?
Egal. Für den Leser muss man jeden Umweg zu gehen
bereit sein.
Ich gehe vom Hauptweg ab, auf einen kleinen Pfad, der
mich tiefer in die Dunkelheit des Friedhofs führt.
Die waldige und jetzt holzig-zart-rauchige Aura des Duftes
matcht, ja matscht sich wunderbar mit der feucht-grün-
frischen Abendluft.
Ich setze mich auf eine steinerne Bank.
Was jetzt geschieht, mag seltsam klingen. Aber ich bin
sicher, der Leser schenkt mir Glauben, denn wieviele
olfaktorisch unglaubliche Abenteuer habe ich nicht schon
getreulich berichtet?
Ein Fuchs kommt aus den Büschen hervor, schaut mich an
und schnürt näher zu mir. Seltsam. Tollwut? (die Tiere
verlieren dann ihre Scheu)
Er setzt sich direkt neben mich.
„Weißt du, was das hier ist?“, fragt der Fuchs.
Ich schweige betreten.
„Nun, das ist meine Stadt. Hier kenne ich alles, jeden Weg,
jeden Baum. Nur wenn ich Wildnis will – dann gehe ich
heraus, in eure Straßen. Eure Stadt ist für mich, was für euch
der Wald ist…“
„Sehr interessant!“, sage ich leise…
„Du riechst genau wie die Grenze zwischen Wald und Stadt…“,
sagte der Fuchs…“

Und hier endet der Bericht.
Übrigens gibt’s noch für kurze Zeit beim Abschluss eines Abos
des „Parfumboten“ zwei orange bezogene Camping-Klappstühle.
Oder die beliebte Thermoskanne mit Oud-Holzmuster.
(leider hat unser Praktikant die Fotos davon verschlampt.
Aber Sie können sie sich bestimmt gut vorstellen.)
Aktualisiert am 07.08.2021 - 00:55 Uhr
18 Antworten
PoesiefannyPoesiefanny vor 3 Jahren
Stimmungsfeedback für das erste Drittel: ich glaub Dir kein Wort ! (wär aber gern dabei gewesen ;-) und wenn dieser sevencheese so weitermäandert, endet er wie Mr. Wilberforce:https://www.amazon.de/Bordeaux-Ein-Roman-vier-Jahrg%C3%A4ngen/dp/3827008085
Ich gehe jetzt ein wenig im Wald spazieren, bevor ich mit dem zweiten Drittel dieser amüsanten Tour-de-Duft fortfahre.
ParmaParma vor 4 Jahren
Wunderbar bissig humorvoll. Schön griffige Bilder. Mit "die Grenze zwischen Wald und Stadt" ist der hervorragend getroffen. Ich mochte den auch. (Bei den Zigaretten-Marken konnte ich mich übrigens nicht mehr halten.. :)) Grenzwelten-Pokal!
ToppineToppine vor 4 Jahren
1
Duft nasentauglich beschrieben, Appetit angeregt und das Gehirn mit feinstem Lesestoff versorgt.... Mein Duftboten-Abo wird natürlich verlängert! Für 7Cheese einen "Nie wieder einen Tisch neben der Toilettentür-Pokal"!
FvSpeeFvSpee vor 4 Jahren
Frag 7-cheese mal, ob er auch die orientalische Zigarettenmarke kennt, 'Ghibdusimir'!
FvSpeeFvSpee vor 4 Jahren
Großartig! Ein Lesevergnügen sonderwaldgleichen. Exakt den Fuchs hab ich vor drei Tagen mitten in Berlin-Zehlendorf gesehen. Da hat er sich im Vorgarten eines Miethauses am Eingang postiert, alert-lässig zusammengerollt, und einen auf Mischung von Wachfuchs und Humphrey Bogart gemacht.
MaKrMaKr vor 4 Jahren
Voller Einsatz beim Testen, vorbildlich!
SonnenwendeSonnenwende vor 4 Jahren
1
Mit Matschouli nach der Grenze zwischen Wald und Stadt duften :-)). Ja, genau das ist es !!!
Deine Wortschöpfungen sind so genial, deine Texte informativ, amüsant und spannend !!! Da buche ich gern das Abo für 's nächste Jahr, auch ohne Prämie :-)). Liebe Grüße vom Waldesrand ??
0815abc0815abc vor 4 Jahren
Das nenne ich wahres Engagement!Nichts weniger erwarte ich!Beim nächsten Kauf eines Testhemdes könnten wir vielleicht zusammenlegen?
JackoJacko vor 4 Jahren
Das isses :) Ein Duft, um im leicht verdreckten Jeep vor der Opéra vorzufahren, und mit ein bisschen Stadt-Wald-Luft die manchmal etwas miefigen Logen aufzupeppen. Charvet-Testhemd-Pokal mit Mushroom extra doppelt. Herrliches Lesevergnügen :-D
PonticusPonticus vor 4 Jahren
2
Die Flasche Chablis ist offen, mein Burger gegessen, Deine schöne Rezension genossen, fehlen nur noch ein paar Abschlusszigaretten Deiner tollen Sortenauswahl und die orangen Klappstühle für das abgeschlossene Abo! Chapeau!
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 4 Jahren
Wie die Grenze zwischen Wald und Stadt klingt :) Wie immer sehr schön geschrieben! Pokal
SchatzSucherSchatzSucher vor 4 Jahren
Wäre an der Kündigung von 7-Cheese was dran gewesen, hätte ich sofort mein Parfumboten-Abo empört aufgekündigt. So geht das ja nu nich, nä?
Grandiose Geschichte wieder einmal :-))
MonsieurTestMonsieurTest vor 4 Jahren
Mais quel éclat d'Arpège!
Alain Passard sera très triste, que le venerable Monsieur 7Fromages, cette vedette du jouralisme parfumologique, n'est pas resté!
Klingt im Bezug auf Name und Wohnort nach nem Signaturduft für MICH ?!
PS: Grandioser Kommentar!
PinkdawnPinkdawn vor 4 Jahren
2
Ein Duft an der Grenze zwischen Wald und Stadt? Das gefällt mir. So ganz wild und naturbelassen will man es als StädterIn ja auch nicht haben. Dass 7-Cheese seine Zeitschrift einmal "Duftbote" und ein anderes Mal "Parfumbote" nennt, ist wohl dem Chablis geschuldet. Den kleinen Dialog mit dem Fuchs nehme ich ihm ja noch ab. Aber dass Pere Lachaise um 19:47 noch geöffnet hat, wage ich zu bezweifeln. Aber Jim Morrison ist dort eh nicht. Soll ja irgendwo in Idaho gesehen worden sein. Witzige Story.
FriesinFriesin vor 4 Jahren
2
Immer noch dankbar für ein dereinst chanelliges
Duftbotenabo, verneige ich mich vor dieser großen, uneigennützigen Recherchearbeit !
Als Landei bräuchte ich allerdings den höheren Stadtduftanteil...nun, ich werde ersteinmal den Burberry-Schal rauskramen und mich damit an die Bushaltestelle stellen ;-)
FloydFloyd vor 4 Jahren
Aaahh. Da zahle ich doch gerne auch weiterhin meine 200€ für das Monatsabo des Duftboten. Nirgendwo wird sonst so selbstlos und stilvoll getestet. Sonderwald - hatten sie doch mal extra gepflanzt, diese Botanikkapitalisten. Schön dass noch Urwald vorhanden ist. Schnitze Dir einen Pokal aus einer Jim-Morrison-Grabkerze und schüttele ab die Bedrohung mit einem Schulterzucken.
PollitaPollita vor 4 Jahren
Das kann nur Foxear gewesen sein, dieser Fuchs. Solche Geschichten bereiten große Freude. Ich wäre bei den Restaurantpreisen ganz sicher auch heimlich abgehauen. Das kann doch kein Journalist bezahlen.
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 4 Jahren
Alleine, dass die Kündigung von 7-Cheese überhaupt nur kurz im Raum stand, ist ja wohl unerhört! So ein feingeistiger und tiefsinniger Mann...
Richtig feingeistig und tiefsinnig ist dagegen Dein Text zu einem Duft, der mir auch gefallen könnte - und falls ich mal in Paris bin, gehe ich auf jeden Fall ins L’Arpège und probiere den Zauberspruch (Duftbote!) und hoffe, auch so einen guten Tisch zu bekommen. Für Dich heute einen Pokal mit Fuchsschwanz,magnetisch, hält auch auf dem Auto!