Verbena

Verbena

Rezensionen
1 - 5 von 9
Tante Gretes Kuchen
Erste Ausfahrt: Bienenstich. Der östliche damals mit Kokosraspeln, Mandel- und Zitronenaroma. Allerdings ist nirgendwo Kokos in der Pyramide zu finden. Vielleicht spielt mir die Erinnerung hier einen liebevollen Streich.

Zitrisch vanillig kuchenteigig süßwürzig gourmandig, nebenbei rutscht ein Hauch zimtiger Bratapfel durch, lecker allemal, wenn man denn so riechen mag. Ich erschnuppere keinerlei Heu oder Grünzeug. Auch kein Geblüm. Pech vielleicht fürs hungrige Kaninchen, von cremigen Flauschwohl-Vibes mal abgesehen. Für mich ist das einfach warmer Kuchen just aus Tante Gretes Backofen gezogen. Das Balg in mir leckt sich freudestrahlend die gierigen Lippen.

Immerhin kindheitsnostalgische Bilder für mich. Zoologist schießt sich zeitgeisthörig auf Knuddelknuff ein. Wir scheinen es zu brauchen… und ja, es hat was beinahe unheimlich Heimeliges. Ich würde ihn wohl nicht tragen, doch er bringt mich unweigerlich zum Lächeln. Und das will ich gern honorieren.

Danke @Netti77 für die zuverlässige Sharing-Orga und an Tante Grete für den besten Kuchen der Welt.
26 Antworten
Jedermann und der kurze Rausch der Narzisse
Jedermann ein Narziss? Bekränzt mit frühlingshaftem Goldgeblüm, umwunden von herbgrünen Ranken? Ein zitrisches Zwinkern im flirtenden Blick? Gib mir Kussmundsüße! Dreh dich im Spiegel! Da ist so viel Schönheit. Am Anfang. Ich will dich… für jetzt.

Ein Abenteuer vielleicht. Es könnte jeder sein. Doch es ist die Narzisse. Mal wieder hat sie leichtes Spiel mit mir. Herbgrün und feucht, fast stickig pudrig unterfüttert, doch letztlich kraftvoll frisch und aprilregnerisch weiß sie irgendwie immer, was sie da tut. Warum nur gibt sie so schnell auf? Patch und schwüle Würze bringen den Wetterumschwung und eine moderat dunkle Süße ins Spiel… ein Spiel, dass mir vielleicht besser gefiele, würde der Kussmund nicht irgendwann zum Schmollen neigen. Und damit zum Welken. Oh, du Mimose! Auch du bekommst deinen goldigen Auftritt. Gib dich zufrieden und heule nicht! Küsse auch du mich stattdessen! Letztlich klärt sich der widerspenstige Dunst für einen Moment, und der Wind lässt einen holzig geerdeten frischpfeffrigen Akkord um den Spiegel wehen, der Dorian die ein oder andere Falte aus dem Gesicht bügelt. Die Süße weicht einer lächelnden Milde.

Na bitte, es ist ein Ensemble. Mit wenigen Misstönen. Sie stimmen halt noch die Instrumente. Und ich mag sie schon alle als Mitspieler, für- und gegeneinander… ja wirklich… für jetzt… nicht für immer.

Sehen wir uns wieder, mein Schöner?
30 Antworten
Wenigstens hat Seine Majestät noch die Unterhosen an…
Der Noten sind’s gar viele an Hölzern, Rhabarber und fernöstlichem Zitroprickel-Pfeffer. Getrüffeltes Popcorn? Irgendwo im eingangs lauten Trubel sollte es ja herumtanzen, doch mein Rüssel findet es nicht. Dabei liebe ich Popcorn. Na und Trüffel erst. Vielleicht habe ich ein winziges Körnchen Getreide gewittert. Sicher bin ich nicht.

Mittendurch schlängelt sich recht geschickt etwas minimal süßmilchig Vanilliges, möglicherweise wurde Heliotropengold in die krakeelende Menge geworfen. Kann man getrost aufsammeln, tut ja nix Schlimmes und hebt die Laune enorm. Fast stolpere ich noch über einen winzigen Erdhügel. Ob sich hier wohl die Trüffel verstecken? Ansonsten bleibt der stabil gehaltene Untergrund seltsam säuerlich stumpfholzig muffgepudert und bei aller Würze irgendwie farblos vergrämt.

Einige Stimmen riefen begeistert Kunst in den olfaktorischen Raum. Das nicke ich gern so ab und freue mich, wenn andere hier den entsprechenden Zugang finden. Vielleicht bin ich bei Düften auch einfach mehr auf Harmonie gepolt. Hier war halt das Experiment reizvoll. Man kann die wildesten Zutaten zusammenmixen und dabei sein absolutes Aha-Erlebnis finden… oder eben nicht. Möge der nächste Tester mehr Erfolg haben.

Flash flasht mich nicht, ist mir als Duft schlicht zu dissonant, jedoch recht interessant zu erschnüffeln. Für mich ist der Kaiser bis auf die Unterhosen nackt, allerdings sieht man einen fast nackten Kaiser ja auch nicht alle Tage. Von daher sollte man sich den Spaß ruhig mal gönnen. Und den hatte ich definitiv.

Besten Dank an DonVanVliet für den Teststoff und den schrägen Duft-Trip… läuft hier allemal. :)
15 Antworten
Dabei liebe ich Bergamotte…
Es wird gewalkt und geschrubbt. Soweit so gut. Waschpulver? Weichspüler? Shampoo? Jedenfalls ordentlich beblümelt und irgendwas mit Meer und blasser Sonne obendrauf. Noch’n Klacks Frucht-Something druntergegabelt. Der Traum von einer lupenrein zurechtgeflufften Zivilisation?

Ergoproxy sagt Putzmittel. Irgendwelche Haushaltschemie jedenfalls. Not my cup of Zitrik. Und ich wünschte, der Ozean wäre wenigstens von Kitsch-Kinkade und damit irgendwie bildlich greifbar. Recht enttäuschend lahmt die Bergamotte herum, da eben nur angetäuscht. Als könne sie sich selbst nicht recht riechen, die verirrte Loserin. Irgendwie fühle ich mit ihr und würde ihr gern meinen Trost und auch Geleit anbieten.

Aber ach, der Rest des Weges ist nur saubermoschusblumige Öd-Frische. Ich wünschte, es würde irgendwie moosen im Synthie-Grün, wie die Pyramide verspricht.

Angeschissen. Ich kneife und suche mit schlechtem Gewissen das Weite. Menno, dabei liebe ich Bergamotte…

Lieben Dank @Yatagan für die Testgelegenheit. Wie verschieden Nasen doch manchmal schniefen…
17 Antworten
Nicht jetzt, nicht heute, doch irgendwann
Leise raschelndes Waldgras. Flügelschlagen im dichten Geäst über ihnen. Verschwörerisches Flüstern. Ein Zweig knackt. Plötzlich Kriegsgebrüll. Zwei Brüder – beide neun – springen hinter knorrigen Stämmen hervor. Ihre kleine Schwester kreischt auf, erschrocken und verzückt zugleich. Endlich hat sie sie gefunden. Die Zwillinge wollen sich auf sie stürzen, doch sie ist zu flink für sie. Sie entwischt und dreht ihnen eine lange Nase. Bald werden sie es leid, dem Mädchen nachzujagen. Immerhin haben sie heute schon stundenlang Beeren gesammelt. Die ganze Lichtung duftet danach. Sie lassen sich erschöpft neben ihre Eltern ins Gras fallen. Vater und Mutter haben den Kindern beim Spielen zugeschaut, sie niemals aus den wachsamen Augen verlierend. Jetzt lächeln sie sich verstohlen an, wohl wissend um den Zauber, der sie beide einst hier zusammenführte.

Der Vater gibt den Söhnen ihren spannenden Fund zurück, einen von der Sonne ausgebleichten Marderschädel, den die Jungen vorhin mit wohligem Schaudern unter Beerensträuchern hervorgezogen hatten. Wahrscheinlich werden sie sich zu Hause darum streiten. Ihre Schwester hat andere Pläne. Ihr Abenteuer hat gerade erst begonnen. Es gibt so viel zu sehen und zu finden. Sie dreht sich im Tanz mit Schmetterlingen und lässt glänzende Käfer über ihre Hände krabbeln. Sie fängt eine Eidechse und lässt sie wieder frei. Ein Eichhörnchen flüchtet in Panik den nächstbesten Baum hinauf. Die Kleine gluckst vor Vergnügen.

Elfen umringen sie neugierig wie frohlockende Sonnenstrahlen, doch sie kann sie nicht sehen. Sie erlauben es nicht. Noch nicht. Ein Faun beobachtet sie, leise lachend, doch sie kann ihn nicht hören. Noch nicht. Er kennt das Geheimnis, das sich ihr eines Tages offenbaren wird. Nicht jetzt, nicht heute, doch irgendwann.

Unter dicken Wurzeln, halb verborgen im Erdreich, findet sie ein Päckchen. Es ist in grünwürzige Farnwedel gehüllt und umschlungen von einem Faden aus weißem Zwirn. Aufgeregt, doch vorsichtig löst sie den Knoten, wickelt den Inhalt aus und betrachtet ihre Beute. Getrocknete Beeren, Tannenzapfen, zart gesprenkelte Eierschalen und bunt schillernde Federn, alles gebettet auf ein weiches Moospolster. Den weißen Faden lässt sie fallen, unnütz jetzt. Ihr Kleidchen hat ja tiefe Taschen.

„Schaut, was ich gefunden habe!“ Sie breitet ihre Schätze vor Vater und Mutter aus und grinst verschmitzt. „Das habt ihr doch für mich versteckt.“ Die Eltern schütteln lachend den Kopf, doch die Kleine lässt sich nicht beirren: „Ihr habt es ja extra zusammengebunden mit einem weißen Faden.“ Ein dunkler Schatten huscht über das Gesicht ihrer Mutter, ein Hauch von Verzweiflung. Sie reißt das Mädchen an sich, inbrünstig, ungestüm. Gierig saugt sie den Duft ihrer kleinen Tochter ein, der ihr nach dem Spielen anhaftet wie eine zweite Haut. Die bitterdunkle Süße reifer schwarzer Johannisbeeren, herbgrün krautiger Blättersaft, klebrige Tannenzapfen, harzige Rinde, moosweicher warmer Waldboden.

Sie schaut zu ihrem Mann. Ihre Blicke treffen sich. Wussten sie es nicht schon immer? Sie werden ihre Tochter an diese Welt verlieren. Nicht jetzt, nicht heute, doch irgendwann. „Mami, du erdrückst mich ja!“ Sie entlässt die Kleine aus ihrer Umklammerung, küsst lächelnd die beerensaftverschmierten Wangen und zupft ihr behutsam harzklebrige Tannennadeln aus dem abenteuerlich zerzausten Haar. Es ist dicht und schwer wie das ihres Vaters, und es glänzt wie Rabengefieder.

Ganz langsam neigt sich die Sonne dem Horizont entgegen. Die Schatten wandeln ihre Gestalt. Sich wiegend kriechen sie hinter den Bäumen hervor und wachsen über Gräser und Farnbüsche. Der Vater scharrt leise mahnend mit den Hufen. Nur seine Frau kann es hören. Höchste Zeit aufzubrechen, bevor die Dämmerung heraufzieht. Länger zu verweilen wäre verhängnisvoll, denn im Banne des Zwielichts würde er für immer in den Wald zurückkehren. Sie könnte ihn nicht halten.

Sie sammeln die Kinder und die Beerenkörbe ein. Die Familie bricht auf, zurück in die Welt, die die Brüder immer als ihr Zuhause betrachten werden. Der Vater nimmt seine kleine Tochter huckepack. Sie quietscht ein fröhliches „Hü, Pferdchen!“ Die Zwillinge trotten murrend hinterdrein. Sie sind müde und hungrig und wollen endlich zurück an ihre Spielkonsolen. Sehr zum Ergötzen der begeisterten kleinen Reiterin auf seinen Schultern galoppiert der Vater übermütig den abendsonnigen Feldweg hinunter. Helles Mädchenlachen verhallt in der Ferne.

Nur die Mutter schaut sich noch einmal um. Ein letzter Blick zurück in die Schatten. Es war ein guter Tag. Die Kinder haben heute reiche Schätze gefunden, beerenfruchtig und harzduftend. Sie haben alles mitgenommen. Nur ein dünner weißer Faden liegt unbeachtet weggeworfen und vergessen auf dem dunklen Grund.

Bald schon ruft ein Käuzchen die Nacht herbei. Die ersten Sterne erwachen blinzelnd am kobaltblau samtigen Himmel. Im Schein der aufsteigenden Mondsichel erglüht silberzart schimmernd ein Einhornhaar.

Danke, Yatagan!
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