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Make Someone Happy von Annette Neuffer

Make Someone Happy 2018

Eyris
12.02.2020 - 15:54 Uhr
25
Top Rezension
8Duft 7Haltbarkeit 5Sillage 9Flakon

Labradoreszenz

Wisst ihr, was ein Labradorit ist? Es handelt sich dabei um eine Feldspat-Mischung, die gelegentlich als Schmuckstein verwendet wird - was denjenigen, der ihn im falschen Licht betrachtet, zunächst verwundern mag. Denn der unscheinbare, dunkelgraue Stein entfaltet seinen wahren Zauber erst, wenn er von Lichtstrahlen getroffen und in einer aufmerksamen Hand geneigt und betrachtet wird. Der Lichtschein enthüllt ein Farbenspiel aus unvorstellbar schönen Grün-, Gold- und Blautönen, die bei jeder Bewegung des Steines zerfließen und neu entstehen – die Labradoreszenz. Egal aus welchem Winkel man ihn betrachtet, nie hat er dieselbe Farbe. Interessanterweise beruht dieses Phänomen gerade darauf, dass er eben kein eigenständiges Mineral, sondern eine Mineralmischung ist: bei der Geburt des Steins aus der Verbindung zweier Mineralien entstehen sogenannte Entmischungslamellen, an denen das einfallende Licht bricht und interferiert.

Was hat nun dieser Stein mit einem Parfüm gemeinsam?

Der erste Atemzug bringt eine leicht angestaubte, holzige Süße, die mich an Kakao erinnert. Ich weiß, dass hier keine Schokoladen-Noten enthalten sind, aber der Eindruck hält sich viele Sekunden lang. Nach einigem Schnuppern löst sich aus diesem Anschein das Zedernholz auf der einen und die Mandarine auf der anderen Seite heraus. Das ist meines Erachtens ein entscheidendes Merkmal in vielen von Frau Neuffers Düften: die Basisnoten können direkt zu Beginn sehr präsent sein und die Kopfnoten können auch nach Stunden noch nicht an Glanz eingebüßt haben. Ohnehin habe ich häufig das Gefühl, dass ihre Parfüms weniger eine direkte Abfolge von Kopf-, Herz- und Basisnote betonen, sondern sich vielmehr zu einem dichten Duftteppich zusammenfinden, aus dem zu verschiedenen Zeitpunkten einzelne Duftnoten heraustreten. Das Gleichgewicht verschiebt sich kurz in Richtung Holzigkeit, Harzigkeit, dann wieder ins Zitrische, plötzlich blitzt ein Blumenflor auf und verschwindet wieder. Dieses Farbenspiel wird noch verstärkt durch eine Variation des Abstands von Nase und Haut: rieche ich direkt an meiner Haut, dominieren zitrische und blumige Noten, mit größer werdendem Abstand treten Hölzer, Harze und Vanille stärker hervor. „Make Someone Happy“ ist eine schillernde Vielfalt, die sich mit jedem Atemzug zu verändern scheint.

Besonders eindrücklich erging es mir hier im Falle der Magnolie. Während ich nach dem Auftakt vor allem Orangenblüte, Mandarine und eine zurückhaltende Rose wahrnahm, suche ich nach den restlichen Komponenten der Herznote vergeblich. Doch dann passiert etwas Merkwürdiges: ich neige mein Gesicht ein weiteres Mal Richtung Unterarm, und ganz plötzlich und völlig glasklar erscheint sie vor mir: die Magnolie. Ich kann sicherlich an meinen beiden Händen abzählen, wie oft ich in meinem Leben überhaupt an einer solchen Blüte gerochen habe, sodass man vielleicht infrage stellen mag, ob ich dies überhaupt so genau zuzuordnen vermag. Allerdings hat der Mensch ein außerordentlich gutes Gedächtnis für Gerüche, und manchmal braucht es nur einen Augenblick, da scheint etwas im Riechzentrum einzurasten und mit erschreckender Genauigkeit ein dazugehöriges Bild in unserem Inneren aufleben zu lassen.

Doch im nächsten Atemzug ist die Magnolie wieder fort, und egal, wie oft ich an meinem Arm rieche, ich kann sie nicht wieder hervorlocken. Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich dieser Duft nicht vollends erfüllen kann: die Sehnsucht, die Magnolie wiederzutreffen oder nur ein wenig mehr von diesem Blütenmeer zu erhaschen. Denn die Blumen bleiben die meiste Zeit über eher eine zarte Ahnung, bis sie nach einigen Stunden schließlich auf einem harzig-holzigen, einlullend süßlichen Vanillebett entschlafen. Es fühlt sich ein wenig an wie verliebt zu sein und dennoch immer auf Abstand gehalten zu werden, immer ein wenig gereizt und gelockt und dann doch wieder zurückgestoßen zu werden. Jedes Mal, wenn ich an diesem Duft rieche, hoffe ich, den Labradorit im richtigen Winkel zu halten - sodass ihn das Licht genauso treffe, dass er meine Magnolie wieder reflektieren möge.
Aktualisiert am 13.02.2020 - 14:30 Uhr
11 Antworten
XyzXyzXyzXyz vor 1 Jahr
Spannend. Tatsächlich habe ich bei meinem Oud Stallion eine ähnliche Erfahrung gemacht, dass es um die Sprühstelle herum ledrig riecht, darüber eine Geisterrose schwebt, etc, sodass ich jetzt endlich durch eigene, vergleichsweise überaus bescheidene Art weiß, warum Hunde sich beim Beriechen einer Duftstelle so viel Mühe geben, das Näschen mal schief zu halten, mal dran zu drücken, weiter weg, etc etc :D
DieLoraDieLora vor 4 Jahren
1
Was für ein schöner Kommentar! Und ja, den Kakao nehme ich auch sehr prominent wahr, allerdings bis zur Basis hin. Auf meiner Haut vermisse ich die Zitrusnoten - es bleibt ein Herbstduft, durch und durch.
MadameLegrasMadameLegras vor 5 Jahren
Eine sehr schöne Beschreibung, die mich neugierig macht! Labradorit kenne ich als schönen Schmuckstein.....
AolaniAolani vor 5 Jahren
Den hast Du wunderschön beschrieben!
GschpusiGschpusi vor 6 Jahren
Das klingt toll! Schönes Beschreibung :)
KovexKovex vor 6 Jahren
1
Den Vergleich zu einem Labradorit finde ich sehr gelungen. Das passt auch auf andere Neuffer-Düfte.
Can777Can777 vor 6 Jahren
1
Sehr schöner und bildlicher Kommentar. Und übrigens ich liebe Labradorit. Toller Vergleich!
ParmaParma vor 6 Jahren
Toller, kunstvoller und sensibler Kommentar.
PollitaPollita vor 6 Jahren
2
Gerne gelesen! Duft und Stein klingen sehr interessant!
ExUserExUser vor 6 Jahren
1
Also dieser Kommentar hat mich glücklich gemacht, denn ich habe wieder etwas dazu gelernt. Sehr schön beschrieben. Der Duft wird für mich, da ich einige andere Neuffers kenne, nahezu handgreiflich. Danke!
Melisse2Melisse2 vor 6 Jahren
Vielen Dank, dass ich jetzt weiß, was Labradorit ist und gerne einen haben möchte.